Papa, jetzt guck doch mal!

30. Januar 2015 von redaktionguh  
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Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, Vers 18

Kinder wollen beachtet werden. »Schau mal, was ich mache … Papa, jetzt guck doch mal!« Dieser Wunsch zielt unausgesprochen auf Anerkennung. Darin spiegelt sich die Sehnsucht danach, dass der andere gut von einem denkt. Liebevoll beachtet zu werden drückt emotionale Nähe und damit Wertschätzung aus. Chefs von großen Unternehmen wissen darum. Ein erfolgreiches Unternehmen lebt von der Zufriedenheit der Mitarbeiter, die größtenteils durch Wertschätzung zustande kommt. Beachtung ist ein starker Motor für das, was Menschen antreibt.

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Daniel möchte von Gott beachtet werden. Doch was er anzubieten hat, sind nicht der Rauchschwaden von Schlachtopfern oder der Klang der Widderhörner. Was Daniel vorzuzeigen hat, ist der Rauch von zerstörten Städten und der Gesang von wütenden Menschen. Keine schönen Gottesdienste, keine tolle Konzertmusik, nichts also, womit man meint, einen Gott beeindrucken zu können. Wie soll Gott aber dann gut von Daniel oder von uns Menschen denken?

Daniel möchte Gott nicht beeindrucken. Er bittet Gott, die Welt wahrzunehmen: »Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer« (Vers 18 a). Eine Ehrlichkeit, die nichts verheimlicht, verbindet sich mit der Sehnsucht danach, geliebt zu werden.

Wenn Gott seine Augen öffnet, so glaubt Daniel, sieht er andere Dinge. Mit dem Herzen wird sich Gott der Trümmer annehmen. Seine Ohren hören den Ruf nach Anerkennung.

Daniel weiß, wenn Gott sich der Welt zuwendet, hört er nicht wütende Gesänge, sondern er hat die Melodie der menschlichen Sehnsucht im Ohr. Er sieht nicht die Trümmer, sondern vor seinen Augen nimmt der Neubau schon Gestalt an. Nicht wir sind es, die die Melodie hören oder den Neubau sehen, sondern die Liebe Gottes. Von dieser Einsicht berührt betet Daniel: »Nicht auf unsere Gerechtigkeit vertrauen wir, sondern auf deine große Barmherzigkeit.« Oder ganz einfach: Papa, jetzt guck doch mal!

Samuel Hüfken, Vikar in Triptis

Schokolade, Bananen, Socken …

26. Januar 2015 von redaktionguh  
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Der Eine-Welt-Laden in Schmalkalden hat ein beträchtliches Stammpublikum

Auf dem Etikett an den grauen Filzhausschuhen in Größe 36 steht »Mongolei«. Frauen in Viscri in Siebenbürgen in Rumänien haben die wild gemusterten Kindersocken gestrickt. Aus dem Nepal stammen die Strümpfe. Die halbe Welt passt in die Sockenschale neben der Kasse und die ganze in den hübschen Laden gleich hinter der Stadtkirche St. Georg in Schmalkalden. Herbeigeholt zu fairen Bedingungen für die Erzeuger. An diesem späten Januarnachmittag möchte niemand Socken kaufen. Dafür Kaffee und Gummibärchen; ein Kunde fragt nach handgearbeitetem Schmuck. Der passende findet sich nicht in den bunt bestückten Regalen, aber Stefan Svoboda bestellt ihn.

Seine Frau Andrea führt den Laden seit einigen Jahren. Sie übernahm ihn, als das Angebot zu groß geworden war, um es weiterhin nur ehrenamtlich über den Eine-Welt-Verein des Kirchenkreises zu vertreiben. Es gibt Stammkunden, die extra wegen eines ganz bestimmten Gewürzes in das Geschäft in der Gillersgasse 1 kommen. Und es gibt die Touristen, die ein Andenken suchen. Als größerer Abnehmer kauft die Kirchengemeinde ein, ebenso Pfarrer. Die Auswahl ist üppig: von Bio-Bananen über Wein und Kunsthandwerk bis zu Musikinstrumenten.

Ob wirklich alles fair abläuft bei ihrer Herstellung, überprüft Andrea Svoboda gern selbst vor Ort. Dafür fliegt sie auf die Philippinen oder auch nach Peru, um eine Keramikerin zu besuchen, von der sie Waren bezieht. Zurück in Schmalkalden berichtet sie bei Themenabenden von ihren Erfahrungen, sensibilisiert für den fairen Handel. »Wir sind überzeugt, dass nur Hilfe zur Selbsthilfe weltweit etwas bewirkt«, sagt Stefan Svoboda.

Andrea Svoboda betreibt in Schmalkalden einen Weltladen mit Fair-Trade-Produkten. Ihr Mann Stefan sucht für eine Kundin die passenden Socken. Sie stammen aus der Mongolei, Rumänien und Nepal. Andrea Svoboda überprüft die Ware in Herkunftsländern gern selbst. Foto: Susann Winkel

Andrea Svoboda betreibt in Schmalkalden einen Weltladen mit Fair-Trade-Produkten. Ihr Mann Stefan sucht für eine Kundin die passenden Socken. Sie stammen aus der Mongolei, Rumänien und Nepal. Andrea Svoboda überprüft die Ware in Herkunftsländern gern selbst. Foto: Susann Winkel

Seit der Fair-Trade-Gedanke in den frühen Neunzigerjahren vor allem auch durch Pfarrer in die neuen Bundesländer getragen wurde, hat sich allerhand verändert. Gerade jüngere Kunden seien gut informiert, kaufen bewusst ein, so Stefan Svoboda. Kunden wie Elisa Reuther, 31 Jahre, aus Ilmenau. »Mir ist der Gedanke der Nachhaltigkeit wichtig. Produkte gehören ordentlich bezahlt, die Erzeuger in den Herkunftsländern sollen von ihnen – besser – leben und wirtschaften können, ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden.« Wenn die Wahl besteht, kauft sie bevorzugt Fair-Trade-Waren – Schokolade, Südfrüchte, Kinderbekleidung, Saft. Auch deshalb, weil fairer Handel häufig mit ökologischer Herstellung einhergeht, was wichtig ist für Elisa Reuther, die seit einem Jahr vegetarisch lebt.

Die Produkte mit dem blau-grün-schwarzen Fair-Trade-Siegel findet sie in Bio-Läden, auf Bio-Märkten, oft auch im Supermarkt, vor allem bei Tegut ist die Auswahl vielfältig. »Ich hoffe, dass die großen Handelsketten damit nicht nur ihr Gewissen beruhigen«, sagt Birgit Tasler aus Meiningen. Vor 18 Jahren hat sie begonnen, sich mit dem fairen Handel zu beschäftigen; der Auslöser war ein Beitrag für den Gemeindebrief über das damals noch nicht allzu bekannte Thema. Fair gehandelter Honig, Schokolade, Kaffee, Tee, Bananen und Rosen stehen regelmäßig auf ihrem Einkaufszettel, weil die Qualität stimmt und weil es ein Zeichen setzt.

»Man kann als Konsument mehr tun, als viele denken«, weiß auch Anna Gann aus Meiningen. Ihr ist besonders wichtig, wie die Produkte hergestellt werden. »Bio-Baumwolle bedeutet nicht automatisch, dass auch die Löhne bei der Verarbeitung stimmen.« Neben Lebensmitteln kauft sie für sich und ihre Familie auch »Fair Wear« – fair gehandelte Kleidung. Unabhängig arbeitende Organisationen, Siegel und das Internet machen die Suche und Information stetig leichter. Ein wenig Mühe macht es trotzdem, nach bestem Wissen und Gewissen auszuwählen. Und nicht immer findet man das Passende. Socken aus fairem Handel zum Beispiel seien schwierig zu bekommen. Im Internet. Im Weltladen in Schmalkalden liegt ein ganzer Korb voll damit. Aus grober Wolle und Filz. Ideal – für die ganz kalten Wintertage.

Susann Winkel

Der Kaffee mit Zertifikat

26. Januar 2015 von redaktionguh  
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Weltweit: Fairer Handel ist ein Wachstumsmarkt und ein Dschungel aus Siegeln

Weltladen oder Supermarkt – fair gehandelte Ware gibt es inzwischen in vielen Geschäften.

Das Gewissen des kritischen Konsumenten lässt sich beruhigen: Trägt ein Artikel eines der vielen Siegel, die fairen Handel garantieren sollen, dann wird gekauft und, so die Hoffnung, Gutes getan. Der höhere Preis wird in Kauf genommen.

Foto: PhotoSG – fotolia.com

Foto: PhotoSG – fotolia.com

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Fairer Handel ist ein Wachstumsmarkt. Und ein Dschungel aus Siegeln, (Selbst-)Verpflichtungen und sozialen Versprechen. Beispiel Kaffee. In Deutschland sind vor allem vier Siegel bekannt: Transfair, UTZ, Rainforest Alliance und 4C Association. Kaffee aus einem so zertifizierten Anbau macht zwar nur vier Prozent am weltweiten Kaffeemarkt aus. Aber der Deutsche Kaffeeverband rechnet in seinem Jahresbericht 2014 mit einem großen Wachstumspotenzial. Und das ist bereits sichtbar: Von 2010 bis 2012 nahm die Produktion von zertifiziertem Kaffee drastisch zu – zwischen 30 und 176 Prozent. Der Verkaufserlös fair gehandelten Kaffees wurde im selben Zeitraum um 61 Prozent gesteigert. Ein positives Signal für Kleinbauern und Kooperativen in Entwicklungsländern, denen die Einnahmen durch den höheren Preis des Kaffees zugutekommen sollen. Möchte man meinen. Denn ein genauer Blick zeigt, dass längst nicht alles fair ist, wo fair draufsteht.

Jedes der Siegel kostet Geld. So müssen Bauern in Erzeugerländern zum Teil sehr hohe Summen zahlen, um eines der begehrten Siegel zu erhalten. Geld, das viele nicht haben. So bemängelt eine Studie der Universitäten Berkeley und San Diego, die Daten einer Kooperative in Guatemala aus 13 Jahren vergleicht, dass die Mehreinnahmen im Verkauf durch die Zertifizierungskosten aufgefressen werden. Michael Drexler, ein Kaffee- und Kakaohändler, der die Produkte ohne Zwischenhändler aus Sierra Leone importiert, kritisiert: »Die Zertifizierung ist mehr ein Werkzeug, um Zugang zu den Märkten zu erhalten, als dass es für Wohlstand auf Seiten der Bauern oder Produzenten sorgt.« Die Verdienste der Kaffeebauern sollen durch einen einfachen Mechanismus langfristig auf einem hohen Niveau gesichert werden: Fairhandelsorganisationen legen einen Mindestpreis fest, zu dem Kaffee verkauft wird. Liegt der Weltmarktpreis darunter, wird der Mindestpreis gezahlt. Steigt der Weltmarktpreis über das festgesetzte Minimum, wird dieser gezahlt. So soll Planungssicherheit geschaffen und die Bauern vor den unkalkulierbaren Schwankungen auf dem Weltmarkt geschützt werden. Doch eine Studie der University of London von 2014 kritisiert, dass die Einkommen der Bauern in vielen Fällen auf dem gleichen Niveau oder sogar unter dem anderer, nicht im fairen Handel organisierten, liegen.

Hinzu kommt, dass der Markt für fair gehandelte Produkte noch immer sehr klein und darum schnell gesättigt ist. In Einzelfällen können manche Kooperativen nur zehn Prozent ihrer Produktion im fairen Handel verkaufen. Der Rest muss über den normalen Weltmarkt mit zum Teil deutlichen Gewinneinbußen abgesetzt werden.

Marion Feuerstein, seit 20 Jahren in der Weltladen-Szene aktiv und seit einigen Jahren im Vorstand des Weltladenvereins in Halle, kennt die Kritik und entgegnet: »Löhne sind nicht alles. Es geht beim fairen Handel auch um Nachhaltigkeit, lange und stabile Handelsbeziehungen, Transparenz und Förderung sozialer Projekte.« Wer im Weltladen kauft, so Feuerstein, sei in Sachen fairem Handel auf der sicheren Seite. So gibt es dort zwar viele Waren, die keine Siegel tragen. Die Nachverfolgung der Produkte sei aber durch ein engmaschiges Netz an Kontrollen gesichert. »Wer im Supermarkt gesiegelte Ware kauft, muss sich selbst sehr gut informieren.« So legen die verschiedenen Siegelgeber längst nicht die gleichen sozialen Standards an. Vor allem Rainforest Alliance und 4C Assoiation, ein freiwilliger Zusammenschluss multinationaler Kaffeeproduzenten, werden regelmäßig für ihre laschen Kriterien kritisiert. Auch sei das Problem des Mengenausgleichs im Weltladen nicht anzutreffen. Mengenausgleich heißt: Ein Produkt aus mehreren Zutaten, wie zum Beispiel Kekse, muss nur zu 20 Prozent Zutaten aus fairem Handel haben, um ein entsprechendes Zertifikat zu erhalten. »Fairer Handel«, sagt Marion Feuerstein, »ist ein Vertrauensgeschäft. Aber zumindest in den Weltläden ist das Vertrauen begründet.«

Stefan Körner

Mut zur Offenheit

25. Januar 2015 von redaktionguh  
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Das große Interesse überraschte. Über 100 vor allem Ehrenamtliche hatten sich zum ersten Ehrenamtstag der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) am 17. Januar in Erfurt angemeldet. Sogar eine Warteliste musste das Dezernat Gemeinde anlegen. Der Tag, so Organisatorin Annegret Freund, sei der erste Schritt in einem Prozess, den die EKM anstoßen will. Die Kirche ist im Umbruch, die Rolle der Ehrenamtlichen folgt mitunter noch einem alten Bild.

Schwer am Ehrenamt zu tragen hat die Pantominin – alias Friederike Spengler.  Foto: Dietlind Steinhöfel

Schwer am Ehrenamt zu tragen hat die Pantominin – alias Friederike Spengler. Foto: Dietlind Steinhöfel

Die Diskussionsthemen drehten sich um die Motivation, um das Profil, um Verantwortung, um Regeln und Rahmenbedingungen, wie Spannungen ausbalanciert werden können oder wie Zusammenarbeit ohne Konkurrenz gelingt. In einer ersten Runde diskutierten kleine Gruppen. Da waren Sätze zu hören wie: »Ich möchte nicht genötigt werden, Verantwortung zu übernehmen.« – »Wir brauchen gute Einarbeitung in Finanzfragen.« – »Eine klare Aufgabenstruktur ist wichtig.« – »Man muss Nein sagen können ohne schlechtes Gewissen.« –

»Pfarrer sollen in ihrer Ausbildung lernen, mit Ehrenamtlichen umzugehen und ihre Rolle zu reflektieren.« – »Ehrenamtliche sollen mit Spaß ihre Gaben entfalten können.«

Die in der Verfassung und in den Ehrenamtsrichtlinien der EKM festgeschriebenen Regeln, so die Präses der Kreissynode Jena, Katharina Elsässer, seien durchaus ausreichend. Die Probleme, die auftreten, könnten im Miteinander gelöst werden. Sie schlug zum Beispiel Verantwortliche für die Koordinierung des Ehrenamts vor, Mut zu offenen Gesprächen. Auch eine intensivere geistliche Gemeinschaft wurde angemahnt. Und beide Seiten, so wurde deutlich, dürften nicht einem Perfek-
tionismus anheim fallen. Gegenseitige Information ist das A und das O.

Colleen Michler aus dem Kirchenkreis Weimar teilte eine hoffnungsvolle Beobachtung mit: »Es hat sich zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen sehr viel zum Positiven hin bewegt in den letzten zehn Jahren.« Dass die EKM nun diese Entwicklung systematisch weiterbringen will, wurde von den Teilnehmern gut an- und aufgenommen. Dieser Prozess wird noch lange dauern und müsse intensiv geführt werden, sagte abschließend Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Leiter des Dezernats Gemeinde. Man müsse viel genauer schauen, was nötig ist, und bereit sein, dazuzulernen, so der Theologe. »Wir brauchen immer wieder das Gespräch mit unseren Gemeinden über unseren Glauben und unsere Hoffnung, damit werden wir gut zusammen auf dem Weg sein.«

Neben einem regen Austausch auch in den Pausen und beim gemeinsamen Singen kam das Ehrenamt persönlich auf die Bühne. In einer witzigen Darbietung zeigte Pfarrerin Friederike Spengler eine Kostprobe ihres Hobbys – der Pantomime.

Dietlind Steinhöfel

Kultur des Erinnerns

25. Januar 2015 von redaktionguh  
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Erinnerung ist wichtig. An das Schöne erinnert sich der Mensch gern. Woran Deutsche und Deutschland sich erinnern und sich erinnern müssen, ist aber nicht immer nur schön. Wir freuen uns über die DDR-Wende und die Einheit. Wir dürfen aber nicht vergessen, mit welchen deutschen Schandtaten zuvor die Teilung ausgelöst worden war. Deutschland hat sich zwar wie kaum ein anderes Land der Welt mit den Schattenseiten seiner Geschichte auseinandergesetzt. Das hat aber womöglich zu Ermüdungserscheinungen geführt. Diese manifestieren sich in Formulierungen wie »Irgendwann muss doch einmal Schluss sein …«. Diese Schlussstrich-Mentalität folgt als dumpfes Brausen aus einem verordnet empfundenem Gedenken. Man schaut, was an Leid über das eigene Volk hereingebrochen ist und ob andere Völker nicht auch Schuld auf sich geladen hätten. Das ist soweit richtig, führt aber in die Irre.

Ja, Deutschland hat im Krieg gelitten. In einem Krieg aber, den es selbst vom Zaun gebrochen und in dem es Europa mit Tod und Vernichtung überzogen hat. Der Holocaust, die systematische Vernichtung der Juden, ist in seiner Dimension einzigartig.

Verabscheuenswürdige Taten in anderen Teilen der Welt können die Verbrechen der Deutschen nicht relativieren.

Und darum geht es auch nicht. »Die Gnade der späten Geburt«, die Helmut Kohl einst beschwor, spricht heutige Generationen frei von individueller Schuld. Sie erlaubt es dem Land insgesamt aber nicht, sich aus der Verantwortung für das zu stehlen, was im Namen Deutschlands geschah. Wer sieht, wie viele Menschen hier sich um Flüchtlinge bemühen, sie mit offenen Armen empfangen und beim Start in ein neues Leben unterstützen, stellt fest, dass einige Lektionen aus der Geschichte tatsächlich gelernt wurden. Die Tradition des Gedenkens und Erinnerns wird – nicht von allen, aber von vielen – mit Leben gefüllt.

Wolfgang Weissgerber

Licht sein und Licht werden

24. Januar 2015 von redaktionguh  
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Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Jesaja 60, Vers 2

Als Student in Göttingen hatte ich Gelegenheit mitzusingen: das Oratorim »Paulus« von Felix Mendelssohn Bartholdy. Aufgeführt in der Kirche St. Johannis unter Leitung von Bernd Eberhardt. Fast drei Stunden die Aufführung und eineinhalb Jahre Vorbereitung. Deutlich ist mir die Aufforderung in Erinnerung, die im späten Jesaja-Buch an die Hörenden ergeht und die im Oratorium an Paulus gerichtet wird: »Mache dich auf, werde Licht!«

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Diese Aufforderung steht in einem Buch der Bibel, das vor allem ab dem 40. Kapitel voller Heilsansagen, voller lichter und hoffnungsvoller Worte ist.

Mache dich auf, werde Licht! Warum? Zum einen, weil die Herrlichkeit des Herrn aufgeht über dir, zum andern, weil das Erdreich von Finsternis und die Völker von Dunkel bedeckt sind. Finsternis und Dunkel erfahren Menschen heute in vielerlei Weise, und es scheint so, dass das zu allen Zeiten so war. Beim Hören auf Nachrichten kann es einem angst und bange werden: Terror, verschleppte Menschen, Anschläge, Ängste, die Menschen auch in unserem Land umtreiben. Viel wird darüber berichtet, und es wird deutlich: Finsternis bedeckt das Erdreich, Dunkel die Völker.

Als Christ fühle ich mich angesprochen: Gib dich der Finsternis und dem Dunkel nicht hin, sondern werde Licht! Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Verbunden mit den Worten Jesajas wird deutlich, was auch für Christinnen und Christen reformatorischer Tradition wichtig geworden ist. Licht sein heißt zugleich, Licht zu werden und damit immer wieder neu sich »erleuchten« zu lassen. Darauf sind wir angewiesen.

Es begegnet im Gottesdienst beim Segen am Ende: »Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir!«, es begegnet da, wo dem Dunkel etwas entgegengesetzt wird durch unser lichtes, von Hoffnung getragenes Handeln. Es kann mir ganz persönlich begegnen, wenn ich mich vertiefe als Teil eines Chores in eine Musik wie das Paulus-Oratorium und vom Licht singe, das mir und uns begegnet, mich und uns zum Licht werden lassen will.

Martin Schmelzer, Pfarrer in Weißenfels

Halle: Motive des Plakatwettbewerbes

23. Januar 2015 von redaktionguh  
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Foto: Diakoniewerk Halle

Foto: Diakoniewerk Halle

Unter dem Titel »Frieden, Liebe und Verständnis« hat der Lions Club International zu einem Plakatwettbewerb aufgerufen, bei dem Schülerinnen und Schüler ihre Ideen verbildlichen und einreichen konnten. Auch in Halle haben sich Schulen an diesem Ausscheid beteiligt, der von Dorothea Erxleben organisiert wurde. Unser Foto zeigt ein Bild der 13-jährigen Annika G. aus der Salzmann-Schule Halle (Neustadt).

Eine Auswahl der Arbeiten sowie die regionalen Siegermotive sind seit 20. Januar im Mutterhaus des Diakoniewerks Halle, in der Lafontainestraße 15 zu sehen.

Mit neuem Glockenaccord

20. Januar 2015 von redaktionguh  
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Festjahr für Orgelbauer Johann Stephan Schmaltz in Wandersleben und Kornhochheim

Aus Anlass des 300. Geburtstages von Johann Stephan Schmaltz organisieren die Kirchengemeinden Wandersleben und Kornhochheim (Kirchenkreis Gotha) ein Festjahr. Dazu gehört die Veröffentlichung einer 50-seitigen Publikation, die erstmals umfassend auf das Leben und Werk des Orgelbauers eingeht. Sie wird am 21. Januar im Pfarrhof Wandersleben von ihrem Autor, Pfarrer Bernd Kramer, vorgestellt. Seine Forschungen konnten das bisherige Werkverzeichnis des Orgelbauers erheblich vergrößern.

Die wahrscheinlich einzige und ohne größere Umbauten erhaltene Orgel von Schmaltz befindet sich in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche. Anfang der 1990er Jahre restauriert, soll sie im Jubiläumsjahr wieder den einstmals vorhandenen »Glockenaccord« erhalten. Dafür startet die Kirchengemeinde Kornhochheim eine Spendenaktion und veranstaltet Benefizkonzerte.

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Die einzige original erhaltene Orgel von Johann Stephan Schmaltz wurde vor 270 Jahren in Kornhochheim erbaut. Foto: Jürgen Postel

Johann Stephan Schmaltz wurde am 23. September 1715 in Wandersleben geboren. Seine Lehre absolvierte er bei dem Gothaer Orgelbauer Johann Christoph Thielemann, dessen Werkstatt von 1737 bis 1739 die Orgel in der Kirche zu Wölfis schuf. Dabei wird in der Kirchrechnung aufgeführt: »Dem Orgelmacher Gesell Schmaltz zum Trinkgeld, da die neue Orgel fertig den 14.8.1739: 2 Taler, 6 Groschen.«

Es ist die älteste bekannte Erwähnung seines Schaffens im Orgelmacherhandwerk. Wenig später muss er sich selbstständig gemacht haben, denn schon 1740 baute er in Hochdorf, 1741 in Blankenhain und 1742 in Krakendorf in eigener Verantwortung Instrumente. Im Folgejahr übernahm Schmaltz den Umbau der Sülzenbrückener Orgel und 1745 errichtete er in der Kornhochheimer St.-Nikolaus-Kirche ein neues Orgelwerk mit neun Registern.

Im ersten Jahrzehnt seines Schaffens hatte Johann Stephan Schmaltz seine Werkstatt in seinem Geburtsort und unterschrieb in dieser Zeit die Verträge mit dem Hinweis »Orgelmacher von Wandersleben«.

Im Jahr 1751 erwarb er das Bürgerrecht von Arnstadt und erhielt nachfolgend den Titel »Fürstlich Schwarzburgischer Privilegierter Orgelmacher«. In den Rechtszettelbüchern der Stadt Arnstadt findet sich ein Hinweis auf seinen Wohnsitz im Riedviertel im »Haus unter dem Berge«.

Er war dreimal verheiratet. Sein Sohn aus zweiter Ehe Johann Wilhelm Gottlob Schmaltz und sein Stiefsohn Ludwig Wilhelm Hähner erlernten bei ihm das Handwerk des Orgelmachers. Hähner führte die Orgelbautradition in Arnstadt bis ins beginnende 19. Jahrhundert fort.

Das Wirken von J. S. Schmaltz im mittelthüringischen Raum hat die Orgelbaukunst des 18. Jahrhunderts sehr bereichert. Er starb am 28. April 1784 mit dem Titel Hoforgelmacher in Arnstadt. Ihm zu Ehren wird am 27. September am Wanderslebener Pfarrhaus eine Gedenktafel angebracht.

(BK/mkz)

21. Januar, 20 Uhr, Pfarrhof Wandersleben: Vortrag und Präsentation der Festschrift; 8. Mai, Kirche Kornhochheim: Benefizkonzert des Neudietendorfer Gesangvereins; 5. Juli, 16 Uhr, Kirche Kornhochheim: Orgelfest und Konzert im Rahmen des Thüringer Orgelsommers

Bestellungen der Festschrift (5 Euro plus Versandkosten): Evangelisches Pfarramt, Kirchgasse 4, 99192 Apfelstädt, Telefon (03 62 02) 9 05 95, E-Mail <ev.pfarramt.apfelstaedt@gmx.de>

Gemeinde statt Häuser bauen

20. Januar 2015 von redaktionguh  
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Vorhaben im Henneberger Land

Die Erhaltung und Sanierung von Kirchengebäuden ist für sehr viele Kirchengemeinden eine große Herausforderung, die Kräfte bindet. Die Gefahr, dass dabei das Leben und Wachsen der Gemeinde zu kurz kommen könnte, liegt nahe. Deshalb will der Kirchenkreis Henneberger Land einen anderen Akzent setzen: Gemeinde statt Kirchengebäude bauen. Entsprechend diesem Vorhaben hat sich die im Frühjahr 2014 neu gebildete Kreissynode für ihre diesjährige Tagung das Thema »Lebendige Gemeinde Jesu Christi – wie kann das konkret vor Ort gelingen?« vorgenommen. Wie Superintendent Martin Herzfeld sagt, sollen nicht nur die Synodalen, sondern viele Gemeindemitglieder sowie die katholische Gemeinde dazu eingeladen werden.

Superintendent des Kirchenkreises Henneberger Land: Martin Herzfeld

Superintendent des Kirchenkreises Henneberger Land: Martin Herzfeld

Mit einem neuen Konzept ist die Offene Arbeit des Kinder- und Jugendklubs Benshausen ins Jahr 2015 gestartet. Sie wolle künftig eine größere Altersgruppe ansprechen: Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren. Da für sie in der Region relativ wenig angeboten wird, so der Superintendent, nehme der Kinder- und Jugendklub eine öffentliche Aufgabe wahr. Er fange viele Kinder auf, die sonst nirgendwo eine Anlaufstelle finden. An mehreren Nachmittagen in der Woche haben sie verschiedene Auswahlmöglichkeiten – ob Basteln oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Gelegentlich sind auch die Eltern eingeladen. Angestrebt werde eine enge Vernetzung mit der gemeindepädagogischen Arbeit des Kirchenkreises.

Seit dem Sommer vorigen Jahres gibt es in Suhl für Flüchtlinge eine Erstaufnahmeeinrichtung des Freistaates Thüringen. Dort seien derzeit knapp 1 000 Flüchtlinge untergebracht, 100 weitere werden in den nächsten Tagen erwartet. Die meisten von ihnen kommen aus Eritrea und Syrien, manche aus dem Irak, aus Afghanistan und Somalia. Verschiedene Kirchengemeinden organisieren Veranstaltungen zur Begegnung mit Flüchtlingen. Zum einen sei die Bereitschaft in der Bevölkerung, diesen Menschen zu helfen, groß. Allerdings beobacht der Superintendent auch, dass Vorbehalte und Fremdenfeindlichkeit zunehmen.

Eine Schwierigkeit sei, so Herzfeld, dass die Einrichtung in Suhl eine Durchlaufstelle ist. Das heißt, die Neuankömmlinge halten sich hier nur kurz auf und werden bald auf andere Orte im Landkreis verteilt. So kommen zu den kirchlichen Veranstaltungen immer wieder neue Menschen. Gefragt sei vor allem Beratung. Um diese gewährleisten zu können, bemühe sich das Diakonische Werk im Kirchenkreis, zusätzlich anderthalb Arbeitskräfte zur Verfahrensberatung für Flüchtlinge einzustellen. Eine Stelle zur Beratung und Begleitung von Migranten finanziere der Kirchenkreis bereits mit Unterstützung des Kirchenkreises in Hildburghausen.

Sabine Kuschel

Gäste sind in Suhl willkommen

19. Januar 2015 von redaktionguh  
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Bürgerbündnis wehrt sich gegen Pegida-Ableger in Südthüringen

Nun sind die Demonstrationen gegen eine »Islamisierung des Abendlandes« auch im Freistaat angekommen. Am Montag demonstrierten unter dem Namen »Sügida« einige Hundert Menschen in Suhl. Die Zahlenangaben schwanken zwischen 250 und 600. Die Demonstranten reisten auch aus dem Nachbarbundesland an. Nach Informationen des Thüringer Verfassungsschutzes sei die Veranstaltung in Suhl von rechtsextremen Gruppen organisiert worden. Anders als in Dresden, wo die Pegida-Teilnehmer zum großen Teil zur Mitte der Gesellschaft gehören, sei in Suhl der rechte Rand überproportional vertreten gewesen.

Suhl wehrt sich gegen den Pegida-Ableger »Sügida«. 300 Polizisten trennten Demo und Gegendemo. Foto: ari

Suhl wehrt sich gegen den Pegida-Ableger »Sügida«. 300 Polizisten trennten Demo und Gegendemo. Foto: ari

Ein breites Bündnis aus Parteien, Verbänden, Kirchen und Bürgerinitiativen hatte zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Über 700 Menschen waren dem Aufruf unter dem Motto »Südthüringen bleibt bunt« gefolgt. Als Vertreterin der evangelischen Kirche sprach Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl, auf der Kundgebung. Sie nannte die kulturelle und religiöse Vielfalt eine Bereicherung unserer Gesellschaft. »Hier in Suhl leben Flüchtlinge«, sagte sie in ihrem Statement. »Es werden mehr, die hier aufgenommen werden. Und das ist gut so. Sie sind geflohen vor Gewalt und Not, die jeder von uns ebenso fürchtet wie sie. Wir treten ein für eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.«

Mit Hinweis auf die Forderung nach Gastfreundschaft in der Bibel lobte die Regionalbischöfin die Gastlichkeit der Südthüringer, gerade der Suhler Bürgerinnen und Bürger. Die Kirchengemeinde zum Beispiel sucht Kontakt zu Flüchtlingen (s. S. 6). So machte Kühnbaum-Schmidt Flüchtlingen und Bürgern Mut, sich gegenseitig kennenzulernen, und forderte eine offene Debatte darüber, »wie wir in diesem Land, in dieser Region, in dieser und anderen Städten und Gemeinden künftig leben wollen«. Die sozialen Probleme müssten mit Klarheit und Besonnenheit angegangen werden. Dabei sei es fatal, Vorurteile zu schüren und pauschale Urteile zu fällen. »Aus Sicht des christlichen Glaubens gilt: Mit dem doppelten Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben, ist es unvereinbar, andere Menschen zu verachten, auszugrenzen, zu verfolgen und zu verletzen oder ihnen ein Leben in Freiheit und Menschenwürde zu verweigern. Wer immer sich auf das christliche Abendland beruft, muss wissen: Der christliche Glaube hat, ebenso wie das Judentum und der Islam, seine Ursprünge im Nahen Osten.«

Finanzministerin Heike Taubert (SPD) nahm als Regierungsvertreterin teil. Sie verwies darauf, dass von einer »Islamisierung Thüringens« keine Rede sein könne. Der Freistaat sei »weder ein Hort zahlloser Extremisten«, noch drohten »sogenannte Glaubenskriege«. Um Verunsicherungen in der Bevölkerung zu begegnen, müsse jedoch die Unterbringung einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen »gut kommuniziert und sensibel umgesetzt werden«, betonte sie. Auch Suhls Oberbürgermeister Jens Triebel plädierte für eine offene und tolerante Stadt.

Viele Einheimische reagierten Medienberichten zufolge zurückhaltend und eher skeptisch auf die »Sügida« und antworteten bei der Gegendemo mit fantasievollen Slogans. »Wenn ihr das Volk wärt, wäre ich Flüchtling«, war zum Beispiel auf einem Schild zu lesen.

(mkz/epd)

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