Liebe, die über Leichen geht

28. Februar 2015 von redaktionguh  
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Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Römer 5, Vers 8

Ein Liebesbrief sagt: »Du bist es; du bist das Allerwichtigste.« Ein Liebesbrief kommt von Herzen, ganz persönlich und aus freien Stücken ist er geschrieben. Keiner erwartet ihn; er selbst kündigt sich nicht an – überraschend flattert er ins Haus.

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Ein Liebesbrief will nicht manipulieren. Er will gar nichts, außer meiner Liebe Ausdruck verleihen. Das macht die Sache schwierig. Aus meiner Haut komme ich schließlich nicht raus; selbst wenn ich vieles nicht will, eines will ich doch immer: geliebt werden. Bestünde nicht eine zarte Hoffnung, dass mein Liebesbrief auf ein offenes Herz trifft – ich würde ihn vermutlich nicht schreiben.

Am Holz hängt ein Liebesbrief. Am blutroten Kreuz vor den Toren der Stadt. Zwischen Leben und Tod, da hängt ein Liebesbrief.

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist. Und damit nicht genug: Es geschah, als wir noch Sünder waren. Nicht einmal die zarteste Hoffnung, dass der Liebesbrief gelesen, geschweige denn beantwortet wird. Keine letzte Karte, auf die er alles setzen könnte. Keine offenen Herzen unter dem Kreuz, die sich entfachen lassen und verstehen. Keine zehn, die für jeden Gefallenen nachrücken. Statt dessen Spott und Empörung: »Töricht! Skandalös!« Entsetzen und bodenlose Trauer: »Wie konnte das geschehen? Wie soll es jetzt weitergehen?« Und Versagen.

Keine Antwort auf den Liebesbrief. So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen. Das Ja erscheint im Nein, der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen, die Liebe will verborgen sein (EG 94,4). Ein Liebesbrief, der gar nicht verstanden werden will? Der auf eine Antwort verzichten kann? Ein Liebesbrief, der erst einmal nicht mehr will als der Liebe des Verfassers Ausdruck verleihen!

Irgendwann werden wir sagen: »Brannte nicht unser Herz in uns« (Lukas 24, Vers 32). Dann werden wir beginnen zu verstehen. Am Holz hängt ein Liebesbrief, am Holz zwischen Tod und Leben.

Conrad Krannich, Vikar in Schmölln

Deutlicheres Zeichen

24. Februar 2015 von redaktionguh  
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Oft im Leben liegen Welten zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und im Sterben ebenfalls. Nach einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes von 2012 wollen etwa zwei Drittel der Befragten zu Hause sterben.

Tatsache aber ist: Die meisten Menschen, nämlich etwa die Hälfte der über 800 000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland sterben, befinden sich im Krankenhaus, und rund 20 Prozent in stationären Pflegeeinrichtungen. Weit verbreitet ist die Angst, in der letzten Lebensphase – bei Demenz oder unerträglichem Leiden – Würde und Selbstbestimmung zu verlieren, anderen und sich selbst nur eine Last zu sein. Unbegründet ist diese Angst nicht. Und angesichts von quälendem Verfall wird immer wieder die Forderung laut, diese Phase »selbstbestimmt« und von Ärzten assistiert abkürzen zu können.

Zu Recht ist in vielen Ländern die Selbsttötung straffrei. Und kein Mensch sollte von anderen moralisch verurteilt werden, der diesen Weg bei grausamer Krankheit und Symptomen, die kaum zu lindern sind, einschlägt. Sterben ohne Leiden, »kurz und schmerzlos«, gibt es für die meisten nicht. Zu Recht sollte aber der ärztlich oder gewerblich assistierte Suizid in Deutschland verboten bleiben. Denn hilflosen Menschen gebührt ein besonderer Schutz. Sie sollen sich darauf verlassen können, dass diejenigen, die sie pflegen, ihre Wünsche und Werte respektieren. Dazu kann auch der Wunsch nach Abbruch medizinischer Behandlung gehören, wenn der Sterbende ihn äußert oder in seiner Patientenverfügung festgelegt hat.

Der Einsatz für die Würde der Sterbenden, den Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger, Mitarbeitende in Hospizen und ehrenamtlichen Hospizdiensten leisten, ist dagegen ein deutlicheres Zeichen. Ein deutlicheres Zeichen, als es die Legalisierung einer Tötung auf Verlangen oder die Beihilfe zum Suizid je sein könnte.

Angela Stoye

Armut, Krieg und Unsicherheit

24. Februar 2015 von redaktionguh  
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Das Leben der Christen in den westukrainischen Unterkarpaten

Nur 1 200 Kilometer von uns entfernt liegt im geografischen Mittelpunkt Europas eine Region in der Westukraine, die in Deutschland wenig bekannt ist. Es ist das Gebiet der Unterkarpaten, das sich zwischen den Grenzen zur Slowakei, Ungarn und Rumänien erstreckt. Der 21-jährige Tobias Meyer aus Remptendorf (Kirchenkreis Schleiz) hat das Gemeindeleben der Ungarisch sprechenden Bevölkerung in Beregszász, einer Kleinstadt in der Westukraine, während eines Freiwilligen Diakonischen Jahres kennengelernt. Gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Vorsitzenden des Hilfsvereins Unterkarpaten, Christian Ehrler, berichtete er in der Kirche zu Remptendorf über die Situation der armen Landbevölkerung und der Christen in den Unterkarpaten.

Auf dreiviertel der Fläche Thüringens leben rund 1,3 Millionen Menschen. Mehr als tausend Jahre gehörte das Gebiet zu Ungarn und wurde nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zum Spielball kriegführender Mächte. Seit dem Zerfall der Sowjetunion zählen die Unterkarpaten zum ukrainischen Staat. Heute leben hier Ungarn, Ukrainer, Russen, Rumänen, Slowaken und Deutsche mit gegenseitiger Wertschätzung friedlich beieinander.

»Es waren junge Theologiestudenten, die uns Mitte der 1990er Jahre von der Situation in ihrer Heimat erzählten«, erinnert sich Christian Ehrler aus Lengenfeld im Vogtland. »Daraus entwickelten sich persönliche Kontakte. Die große Armut der Menschen dort führte schließlich vor 15 Jahren zur Gründung des Hilfsvereins, der die christliche Nächstenliebe als Maßstab allen Handelns in den Mittelpunkt gestellt hat.« Regelmäßig hilft der Verein mit Geld- und Sachspenden und unterstützt die Arbeit der sozialen Projekte der Reformierten Kirche in den Unterkarpaten, die religiöse Heimat der Ungarisch sprechenden Bevölkerung. Ein Zeichen ihrer Identität ist die Pflege ihrer Muttersprache im Alltag und im Gemeindeleben. Gerade den sozialen Problemen der Landbevölkerung widmet sich diese Kirche und nutzt die Offenheit für das Wort Gottes zur missionarischen und diakonischen Arbeit.

Vier evangelische Gymnasien und Grundschulen, Kindergärten, auch für Kinder der dort lebenden Roma, ein Rehabilitationszentrum für behinderte Kinder, Armenküchen und selbst eine evangelische freiwillige Feuerwehr sind entstanden.

»Mit dem Machtwechsel in Kiew ist das Leben schwieriger geworden«, beschreibt Christian Ehrler die aktuelle Situation. »Zur hohen Arbeitslosigkeit und den geringen Einkommen kommt eine ständig steigende Inflation.« Der Hrywnja, die ukrainische Währung, hat im letzten halben Jahr über 50 Prozent an Wert verloren. »Die Preise steigen und steigen, Arzneimittel haben sich innerhalb des letzten Jahres um 60 Prozent verteuert. Eine Altersrente ist nur knapp 30 Euro wert«, sagt Ehrler. Die Menschen leiden auch unter dem Krieg. Besonders dramatisch ist es für die Familien der eingezogenen Männer, denn neben dem Bangen um das Leben der Söhne, Väter und Ehemänner ist es die Sorge um das tägliche Brot; sind die Männer doch meist die einzigen Ernährer der Familie. Die Angst macht auch vor der Kirche nicht halt. Die Gasrationierung stellt sie vor große Probleme, denn alle diakonischen Einrichtungen werden mit Gas beheizt. »Die Armut und Unsicherheit, aber auch die seelische Belastung wird immer größer«, erfuhr Christian Ehrler vom Bischof der Reformierten Kirche der Unterkarpaten, Sándor Zán Fábián. »Keiner weiß, wie und wann das enden wird. Gern gebe ich die Bitte des Bischofs weiter: Bitte, beten Sie für uns und unser Land.«

Wolfgang Hesse

Sehnsuchtsort »alte« Heimat

24. Februar 2015 von redaktionguh  
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Versöhnung: Sieben Jahrzehnte nach ihrer Flucht besucht eine alte Frau die Orte ihrer Kindheit

1945 musste Gertrud Wichmann ihre pommersche Heimat auf der Flucht vor der herannahenden Roten Armee verlassen. Jetzt, 70 Jahre später, kehrte sie an die Orte ihrer Kindheit und Jugend zurück – und traf auf viel Herzlichkeit, aber auch Skepsis.

An den 26. Februar 1945 kann sich Gertrud Wichmann noch genau erinnern. Denn es war der Tag, an dem sie ihre Heimat für immer verlassen musste. »Überall hieß es nur: Rummelsburg wird geräumt.« Als die damals 20-Jährige morgens ins Büro kam, sagte ihr Chef: »Wir schließen für höchstens drei Tage. Dann geht die Arbeit weiter. Also fahrt nicht zu weit weg.« Er sollte sich getäuscht haben. Wenige Stunden darauf saß Gertrud Wichmann zusammen mit ihrer Mutter Martha und Hunderten anderer Flüchtlinge bei minus 15 Grad in einem Güterzug. Es war einer der letzten, der Richtung Westen fuhr. Vier Tage später nahm die Rote Armee die pommersche Stadt ein.

Vater wollte nachkommen, doch sie sah ihn nie wieder

Knapp 70 Jahre später ist Gertrud Wichmann, die in Mecklenburg eine neue Heimat gefunden hat, zurück. Sie steht im Bahnhof von Rummelsburg, das seit Kriegsende zu Polen gehört und jetzt Miastko heißt. Langsam steigt sie die Stufen zu Gleis 2 hinauf. »Hier hat uns Papa damals verabschiedet«, erzählt sie. Er selbst blieb zurück. »Als Telegrafenleitungsaufseher der Post war er sehr pflichtbewusst und wollte zunächst nach dem Rechten sehen. Bis heute macht sie sich Vorwürfe, dass sie ihn nicht überreden konnte, auch den Zug zu nehmen. Er gilt als verschollen.

Gertrud Wichmann steht im Bahnhof von Miastko/Rummelsburg, von dem sie vor 70 Jahren ein Güterzug Richtung Westen brachte. Im Hintergrund das damalige Wohnhaus ihrer Familie, von dem sie das Treiben auf dem Bahnhof beobachten konnte. Foto: Matthias Pankau

Gertrud Wichmann steht im Bahnhof von Miastko/Rummelsburg, von dem sie vor 70 Jahren ein Güterzug Richtung Westen brachte. Im Hintergrund das damalige Wohnhaus ihrer Familie, von dem sie das Treiben auf dem Bahnhof beobachten konnte. Foto: Matthias Pankau

Nicht nur ihren Vater hat Trudchen Wichmann, wie Familie und Freunde sie nennen, damals verloren. Ihr kleiner Bruder war bereits Jahre zuvor an einer Hirnhautentzündung gestorben. Onkel und Cousins fielen im Krieg. Auf besonders tragische Weise kam ihre Cousine Anita ums Leben. Deren Familie hatte trotz der herannahenden Front auf ihrem Bauernhof nahe dem ebenfalls pommerschen Kolberg (heute: Kolobrzeg) ausgeharrt. Als die Rot­armisten die Stadt schließlich eroberten, kam es auch zu Vergewaltigungen. Anita war eines der Opfer. Als sich Soldaten am nächsten Tag erneut an ihr vergehen wollten, flüchtete sie vor ihnen über den zugefrorenen Feuerlöschteich. Dabei brach sie ein. Ihr Vater wollte sie retten. Aber die sowjetischen Militärs hinderten ihn mit vorgehaltener Waffe daran, sahen zu, wie das Mädchen ertrank. »Sie war zwölf.«

Die evangelische Kirche ist heute katholisch

Zurück in Rummelsburg 2015. Vieles erkennt sie nicht wieder. Ganze Viertel wurden neu bebaut, nachdem bei den Kämpfen im Februar und März 1945 etwa 45 Prozent der Gebäude zerstört worden waren. Wenig ist geblieben, der Bahnhof etwa. Oder die mächtige spätbarocke Stadtkirche, die 1733 geweiht wurde und in der die Ehefrau des berühmten preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher (1742–1819) beigesetzt ist. »Hier waren wir sonntags immer im Gottesdienst«, erzählt Trudchen Wichmann. Damals war die Kirche noch evangelisch. Inzwischen ist sie Eigentum der katholischen Gemeinde wie die meisten Kirchengebäude im vormals stark protestantisch geprägten Pommern.

Weiter geht’s zu ihrem ehemaligen Elternhaus. Es sieht genauso aus wie auf den Fotos von damals – nur farbenfroher. Von 1936 bis 1945 wohnten die Wichmanns hier. »Dort unten war mein Zimmer«, berichtet die rüstige Rentnerin und deutet auf ein Fenster im Erdgeschoss. »Von dort konnte ich jeden Zug sehen, der im Bahnhof einfuhr.« Während sie erzählt, öffnet sich die Haustür. Eine Frau um die 40 kommt heraus und blickt fragend in Richtung der Besucher. Gertrud Wichmann versucht ihr zu erklären, dass sie hier einst mit ihren Eltern wohnte. Sie holt ihre Schwarz-Weiß-Fotos heraus und zeigt sie der Hausherrin. Diese schaut sie sich höflich an, gibt dann aber zu verstehen, dass sie zu tun habe.

Schließlich haben wir den Krieg angefangen …

Eine ähnliche Situation hatte Gertrud Wichmann bereits am Vormittag im etwa 60 Kilometer entfernten Stolp (polnisch: Slupsk) erlebt. In der pommerschen Hansestadt verbrachte sie ihre ersten elf Lebensjahre. Die Familie wohnte in einer Siedlung für Eisenbahner und Postbeamte. Viele der Häuser stehen noch, auch das der Wichmanns. Anstatt einen Einblick zu gewähren, schickt die jetzige Mieterin ihren Hund in den Vorgarten.

Gertrud Wichmann ist ein wenig enttäuscht. Aber übel nimmt sie es nicht. »Wer weiß, was diese Menschen schon für Erlebnisse mit Deutschen gemacht haben«, sagt sie. Überhaupt ist ihr jeglicher Revanchismus für die verlorene Heimat fremd: »Schließlich haben wir den Krieg angefangen und gerade den Polen unendlich viel Leid zugefügt.«

Dass Versöhnung möglich ist, erlebt sie am nächsten Tag. Sie ist auf dem Weg in das kleine Dorf Zuchen, das seit 1945 Sucha Koszalinska heißt. Dort hatten ihre Großeltern Heinrich und Johanna Gumps einen großen Hof. Und wann immer es möglich war, verbrachte Gertrud Wichmann ihre Zeit dort – als Kind und auch später als Jugendliche. »Der Garten war von einer dichten Buchenhecke umgeben«, erinnert sie sich. »Dort fühlte ich mich so sicher wie auf einer Insel.« Gertrud Wichmann ist aufgeregt, als sie die Allee zum ehemaligen Hof der Großeltern hinauffährt. In den Händen hält sie ihre alten Fotos, die sie mitgebracht hat. Als sie am Tor läutet, kommen zwei ältere Frauen heraus – Schwestern, wie sich später herausstellen wird, Teresa (80) und Anna (67). Sie bitten die Besucherin aus Deutschland herein.

Das eigene Grab soll in der alten Heimat sein

Kurze Zeit darauf sitzen alle im Wohnzimmer. Teresa und Anna haben in Windeseile den Tisch gedeckt. Es gibt gefüllte Piroggen, Fisch, belegte Brote und Kuchen; dazu Tee und Kaffee. Viel wichtiger als das leibliche Wohl ist dem Gast, der seine alte Heimat besucht, aber der Austausch mit den jetzigen Bewohnern. Die Verständigung funktioniert dank Enkelin Joanna, die gerade bei Oma Teresa zu Besuch ist und Englisch spricht. Gertrud Wichmann erfährt, dass Teresa mit ihrer Familie 1947 nach Zuchen umsiedeln musste, nachdem die Grenzen Polens im Potsdamer Abkommen nach Westen verschoben worden waren.

»Für uns war das schlimm«, sagt Teresa, »weil wir doch wussten, dass die Deutschen von hier genauso vertrieben wurden wie wir von den Russen aus unserer Heimat.« Als Gertrud Wichmann fragt, ob sie sich ein wenig auf dem Hof umsehen dürfe, treibt ihr Teresas Antwort Tränen in die Augen: Sie sei jederzeit willkommen, könne sich völlig frei bewegen und solle sich wie zu Hause fühlen.

Draußen schwelgt Gertrud Wichmann in Erinnerungen. Tiere gibt es zwar keine mehr. Auch die Buchenhecke ist nicht mehr da. Aber der Apfelbaum vor dem Haus mit den Danziger Kantäpfeln – der steht noch. Und auch an der Weite der Wiesen und Felder rund um den Hof hat sich nichts geändert. Ja, Gertrud Wichmann ist angekommen in ihrer Heimat im mecklenburgischen Malchow. Aber ihr Sehnsuchtsort wird stets die alte Heimat bleiben – Pommern. Und ihr größter Wunsch wäre es, eines Tages dort begraben zu werden.

Matthias Pankau  (idea)

Wa(h)re Schönheit

23. Februar 2015 von redaktionguh  
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Fastenzeit: Die Schönheit in sich selbst entdecken

Was als schön gilt, geben Medien und Werbung vor. Sie erzeugen ein Idealbild, dem niemand entsprechen kann.

Ein kurzes Raunen geht – einmal mehr – durch die Netzgemeinde. Staunen, virtuelles Hälse-Recken, Kommentieren. Denn da ist kürzlich ein Bild aufgetaucht. Das Bild eines Supermodels. Nichts Besonderes bis hierhin. Nur: Das Supermodel ist fast 50 Jahre alt. Und das Bild ist nicht retuschiert. Die großen Zeitungen berichten, und die Kommentatoren in den sozialen Netzwerken applaudieren dem Supermodel Cindy Crawford für ihren Mut, sich so zu zeigen, wie sie wirklich ist: mit einem Bauch, der Kinder in sich trug. Mit nicht mehr ganz so straffen Beinen. Mit knittrigem Dekolleté.

Aus natürlichen Porträts wird mittels Bildbearbeitung ein Idealbild. Foto: vladimirfloyd – fotolia.com

Aus natürlichen Porträts wird mittels Bildbearbeitung ein Idealbild. Foto: vladimirfloyd – fotolia.com

Und ach, atmen die Neugierigen auf, ach, wie schön, dass auch Supermodels nicht nur super sind. Erleichterung, dass nun endlich jemand zeigt: Die Bilder der Werbung sind Retuschen, Täuschungen. Kurz: Lügen. Der Beweis scheint erbracht. Als hätte es des Bildes Cindy Crawfords bedurft, um zu wissen, dass es nichts Echtes gibt in der Bilderflut der Hochglanzmagazine. Wahre Schönheit ist längst die Ware Schönheit. Kein Bild der Werbung ist unmanipuliert. Nichts ist echt. Die Haut wird am Computer geglättet, der Bauch gestrafft, Falten gebügelt und Busen vergrößert. Das Unechte wird als das vermeintlich Echte verkauft und damit ein Bild erzeugt, dem kein Mensch entspricht. Nicht einmal die, die abgebildet sind, erkennen sich nach der Bearbeitung wieder.

Jeder kennt, jeder durchschaut das Spiel. So scheint es. »Hinter der Werbung steht vielfach die Überlegung, dass jeder Mensch eigentlich ein Doppelter ist: einer, der er ist, und einer, der er sein will«, wird der amerikanische Werbefachmann William Feather zitiert. Doch der Satz müsste fortgesetzt werden: »Die Werbung will gar nicht, dass wir das Idealbild erreichen.« Nur im permanenten Scheitern am Schönheitsideal, im Scheitern an der Makellosigkeit und fast paradiesischen Zeitlosigkeit der Models bleibt das Objekt der Werbebegierde, der zahlungskräftige Kunde, bereit, weiter an sich zu arbeiten und zu konsumieren. Denn die Schönheit der Werbebilder ist eine künstliche, eine am Computer generierte. Die Dynamik der inszenierten Schönheit hat sich längst verselbstständigt. Soziale Netzwerke sind voll mit Selfies, mit Selbstporträts. Meist sind es junge, schöne Menschen in idealen Szenen. Wer im Selbstoptimierungs- und Selbstdarstellungsrennen nicht mithalten kann, gehört nicht dazu. Das Selbstporträt eines korpulenten jungen Mannes wird keine Zuwendungen in Form von »Gefällt mir«-Angaben erfahren, sondern Mobbing. Wer wagt da von sich zu sagen: »Ich bin schön!«?

»Du, Schöpfung, bist schön.« Das sagt Gott nach sechs Tagen in der ersten Rückschau der noch jungen Welt. Schön von Anfang an. »In unserer Beziehung zur Schönheit gibt es die Spuren des Heiligen im menschlichen Leben«, meint der katholische Intellektuelle Tomáš Halík. Damit kann nicht das oberflächliche und falsche Schöne gemeint sein. Dort, wo eine Schönheit empfunden wird, die die Oberfläche durchbricht, scheint etwas von der Schönheit auf, die Gott am Anfang der Zeit meinte. Wie schön leuchtet die Welt, wenn ein Mensch von sich sagen kann, ich bin schön. Dann leuchtet das Licht des ersten Schöpfungstages.

Doch es ist schwer. Leicht sagt man anderen: »Wie schön bist du.« Aber zu sich? Ja, auch wenn es schwerfällt: Der Satz »Ich bin schön« ist ein Einstimmen in die Stimme Gottes, der uns alle schön nennt. Eine Stimme, die sich nicht um die menschengemachten Ideale kümmert. So wie wir leben, als Menschen vor den Toren Edens, finden wir Schönheit nur mit Rissen. Sie ist nicht ideal, aber echt. Die Schönheit der Schöpfung macht glücklich. Aber sie irritiert auch, weil sie vergänglich ist. Die Vergänglichkeit zeigt unser Spiegelbild Tag für Tag. Die Schönheit dieser Welt vergeht. Sie ist ein Hauch, ein Lidschlag. Doch tief in jedes Menschenherz hat Gott von Anfang an den Gedanken gepflanzt: »Du bist schön.«

Stefan Körner

Dem Teuflischen die Stirn bieten

20. Februar 2015 von redaktionguh  
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Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

1. Johannes 3, Vers 8 b

Das ist ja teuflisch!«, ruft sie aus. Vor Empörung zittert ihre Stimme. Gerade eben wurde in den Nachrichten von einem Attentat berichtet, bei dem auf einem öffentlichen Platz viele Menschen, auch Kinder, ums Leben kamen oder schwer verletzt wurden. Sicherheitshalber öffnet sie die Tür ins Kinderzimmer und sieht: Sie sind da. Ihre beiden Kleinen schlafen friedlich.

Christine Reizig,  Landespfarrerin  für Gemeindeaufbau  der Landeskirche Anhalts

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau der Landeskirche Anhalts

»Das ist ja teuflisch!«, möchte ich auch manchmal sagen. Die Mitarbeiterinnen des Frauen- und Kinderschutzhauses erzählen mir, wie manche Frauen von ihren Männern über Jahre hinweg misshandelt und gedemütigt werden, ehe sie den Mut haben wegzugehen. Ich höre von einem Jungen, der so sehr gemobbt wurde, dass er an Selbstmord dachte. Hier mag man die ausländischen Nachbarn nicht und lässt es sie spüren. Dort bekommt der trockene Alkoholiker keine Chance auf ein Leben in Normalität, weil man ihm nicht zutraut, wirklich durchzuhalten. Die Reihe der Beispiele, die Liste des Teuflischen, ließe sich noch lange fortsetzen.

Als Jesus nach dem Bericht der Bibel versucht wurde, war es das erklärte Ziel des Teufels, ihn von seinem Weg, vom Weg Gottes, abzubringen. Und die Versuchungen waren nicht fern von dieser Welt, die ihn dazu verlocken sollten. Als er Hunger hatte, war es Brot. Als an Gott Glaubender sollte er diesen Glauben beweisen. Schließlich wurden ihm irdische Macht und Reichtum angeboten. Er durchschaute die List des Teufels und konnte sich dem entziehen. Er fiel nicht darauf rein. Und wir?

Es ist nicht immer leicht und schon gar nicht eindeutig, gut und böse, lebensbejahend und teuflisch auseinanderzuhalten. Wir befinden uns aber auf einem guten Weg, wenn wir vorgefasste Meinungen infrage stellen, wenn wir nicht immer den bequemsten Weg gehen, wenn wir hinterfragen und letztendlich das Gebot Jesu als Maßstab wählen: »Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.« Denn das mag der Teufel gar nicht.

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau der Landeskirche Anhalts

Die Sprache der Bilder

18. Februar 2015 von redaktionguh  
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Predigtreihe in Jenaer Kirchen nimmt Kunstschätze in den Blick

Anlässlich des Themenjahres »Bild und Bibel« laden die Jenaer Kirchen zu einer Gottesdienstreihe ein, in der Kunstwerke im Mittelpunkt der Predigt stehen

Seit Jahrhunderten werden Kirchen mit Kunstwerken der verschiedensten Art ausgeschmückt – mit Plastik, Tafelmalerei, farbigen Glasfenstern und dekorativen Gegenständen. Auch für Gott wurden zahlreiche Darstellungsformen gefunden. Ein Widerspruch zum dritten Gebot des Alten Testaments, auf das die Predigtreihe Bezug nimmt?

Die von dem Glaskünstler Wolfgang Nickel gestalteten Altarfenster im Gemeindezentrum in Jena Stadtmitte. Foto: Wolfgang Nickel

Die von dem Glaskünstler Wolfgang Nickel gestalteten Altarfenster im Gemeindezentrum in Jena Stadtmitte. Foto: Wolfgang Nickel

»Nein«, sagt Superintendent Sebastian Neuß: »Es geht um den Schatz unserer Kirche. Die ganze Bibel spricht in Bildern.« Als Hand, Feuersäule oder das Auge im Dreieck erscheint Gott zeichenhaft in bildlichen Darstellungen, in menschlicher Gestalt als Pantokrator oder in der Dreifaltigkeit. Aus dem frühen Mittelalter sind bereits mehrere Bildtypen bekannt. »Wir dürfen uns viele Bilder machen, erlaubt ist nicht, Gott auf eines von ihnen festzulegen«, erklärt Neuß. »Die reformatorische Kirche ist eine so bildreiche Kirche, weil sie über die Sprache der Kunst das Wort des Herrn transportieren möchte.«

Kunst hat natürlich auch eine ästhetische Komponente, aber in der Kirche hat sie vor allem eine evangelisierende Funktion. Mit der Predigtreihe wollen die Jenaer Kirchen – auch die katholische Kirche und die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde beteiligen sich – ihre Kunstschätze wieder in den Blickpunkt rücken. Bei den monatlichen Bildpredigten gibt es keine Chronologie oder einen zeitlichen Schwerpunkt. Es gilt, das Augenmerk auf die Ausstattung zu richten und ihre Bedeutung zu hinterfragen.

Wer die Januarpredigt zum neuen Altarfenster im Gemeindezentrum Stadtmitte verpasst hat, sollte die Besichtigung unbedingt nachholen. Geschaffen wurde es von dem bekannten Glaskünstler Wolfgang Nickel, von dem auch die Fenster der Severikirche in Erfurt stammen.

Superintendent Sebastian Neuß spricht im April zu den Chorfenstern der Friedenskirche von Fritz Körner, die der Jenaer Glaskünstler 1946 entwarf. Im Mittelpunkt steht der kämpfende Erzengel Michael, der Schutzheilige der Stadt. Zu beiden Seiten künden Engel mit Posaunen und Gesang von Erlösung und Aufbruch. Körnerfenster stehen auch in der Golmsdorfer Kirche und im Lutherhaus im Mittelpunkt der Predigten. In Cospeda widmet sich Pfarrer Tilman Krause einem seiner Vorgänger, der als Porträt in der Kirche hängt: Carl Friedrich Demelius (1759 bis 1820). Sein Sohn ist Friedrich Wilhelm Demelius oder auch »Bierlatte«, der als ewiger Student Eingang in die Universitätsannalen und die Stadtgeschichte fand. Das undatierte Bild ist in der Art Jenaer Professorenporträts gemalt und mit einer Inschrift zum Wirken des Pastors versehen. Mit zwei Tafelbildern, die zur mittelalterlichen Ausstattung der Stadtkirche St. Michael gehörten und die nun mit weiteren Maltafeln zurückkehren, beschäftigt sich Pfarrer Mathias Rüß in einer Predigt Ende August. »Kreuzigung Christi« (1483) und »Auferstehung Christi« (nach 1550) sind Teile des Passionszyklus’, der zu den wichtigsten Themen der christlichen Kunst zählt. Das Themenjahr ist eine weitere Wegmarke zum Reformationsjubiläum, das vom 25. bis 27. Mai 2017 mit einem »Kirchentag auf dem Weg« in Jena und Weimar gefeiert werden soll.

Doris Weilandt

Nächster Gottesdienst: Sonntag, 15. Februar, 10 Uhr im Gemeindezentrum Melanchthonhaus zu »Kreuz und Dreieinigkeit«; weitere Informationen zur Gottesdienstreihe »Du sollst dir (k)ein Bildnis machen unter www.kirchenkreis-jena.de oder Telefon (0 36 41) 57 38 36

Die großen Fische fangen

18. Februar 2015 von redaktionguh  
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Eine Büttenpredigt von Pfarrerin Karin Krapp, Weimar

Fischerin Karin Krapp. Foto: Burkhard Dube

Fischerin Karin Krapp. Foto: Burkhard Dube

Ja, Leute, so sieht es heut aus,

in diesem schönen Gotteshaus.

Hier sitze ich im Trocknen rum,

die Fische schwimmen um mich rum.

Ganz viele sind heut hergekommen,

manch einer kommt auch nah geschwommen.

Und traut sich ganz zu mir heran.

Ach, Kleiner – pass mal auf – ich fass dich an.

Schön – so ein frecher kleiner  –

So viele kleine Fische.

So viel von lustigem Gezische.

Das blubbert und das gluckert,

das wirbelt und das zwirbelt,

wie schnell sie schwimmen hin und her,

schon sind sie weg, und keiner sieht sie mehr.

Jedoch die kleinen Fische können mich nicht laben.

Ich will die großen Fische haben!

Ich bin ein Fan von großen Fischen.

Die lad ich mir besonders gern zu Tische.

Ich möchte Karpfen und den Kabeljau,

Gebacken und auch schon mal blau.

Ich will den Aal, den Hai und mal ne Flunder,

und nicht den ganzen kleinen Plunder.

Ich werfe meine Angel aus

Und warte – bis ich dann zieh ‘nen riesigen Fisch heraus.

Ich warte auf die großen Fische – ich lass die kleinen liegen.

Die sollen sich vergnügen mit den Fliegen.

Ich will die großen Fische, ich will große Wunder sehn.

Ach, Gott, du musst mich doch verstehn.

Das ganze Kleingedönse auf der Erde,

das einer Großen so wie mir, das alles nur Beschwerde

und Mühsal schafft  –

und nichts als Ärger nur von früh bis in die Nacht.

Ach, Gott.

Ich sehe in den Himmel auf.

Stopp doch für mich der Sterne Lauf!

Lass doch für mich die Berge weichen,

Gib mir doch endlich mal ein kräftigeres Zeichen

Von deiner Kraft – ich weiß, du hast das drauf.

Du lenkst doch auch der Welten Lauf.

Du hast es doch getan in all den früh’ren Jahren.

Mit Manna in der Wüste konntest du es zeigen

Da wuchsen plötzlich Vögel von den Zweigen.

Und Jesus heilte Blinde und auch Lahme,

Sodass sie alle zu ihm hingeströmt dann kamen.

Und zahlreiche Gebrechen haben sich gelindert

Und sonderliche Krankheiten gemindert.

Du, Gott, lass doch auch Wunder hier für mich gescheh’n.

- Bitte, bitte, nicht nur kleine  –

ach, sei nicht bös – du weißt schon, wie ich’s meine.

Lass mich große Wunder sehn!

Dass allen hör’n und seh’n vergehn.

Ich will es sehen und starre in den Himmel

Und seh nicht um  mich rum das fröhliche Getümmel.

Die Blumen nicht, die aus der Erde spitzen.

Hör auch die Vögel nicht, die in den Hecken sitzen.

Seh nicht den Frühlingssonnenstrahl

Die Schmetterlinge sind mir ganz egal.

Das flittert und das flattert.

Das gickert und das gackert.

So viele kleine Fröhlichkeiten,

Die sich um mich herum ausbreiten.

Ich starre in des Himmels Höhn

Und kann die kleinen Wunder gar nicht sehn.

Ich will die großen Fische – auch als Menschenfischer.

Hat Jesus uns nicht grade selbst dazu gemacht?

So nehme ich nun meinen Kescher

Und warte hier die ganze Nacht.

Pssst. Stille sein – gleich beißt er an.

Geht doch mal weg – ihr ganzen Kleinen – nein, ihr stört!

Ich will die großen Fische fangen.

Ich will mit Massen und Events anfangen.

Nicht kleine Gruppen,

erst ab 50 kann ich zählen – was sag ich 50 – 100, 200, 1000 …

Drunter mach ich’s nicht,

Da würde mir was fehlen.

Ich miete mir die Weimarhalle und das Stadion

Und füll es an mit Luther, Melanchthon und Reformation.

Ich will die großen Mengen sehn, wenn sie zu Cranach eilen

Und wenn sie dann in Andacht vor der Stadtkirche verweilen.

Ich will die Käßmann im Gespräch,

Die Junkermann im Diskurs,

Die Moderation macht Günter Jauch,

Und Gottschalg nehm ich auch.

Na also, sag ich mir – geht doch –

Nicht kleckern, klotzen ist hier die Devise.

Den Seniorenkreis park ich dann solang auf der Wiese.

Was sollen mir die kleinen Fische?

Die machen doch nichts her zu  Tische!

Was sollen mir die kleinen Leute?

Mit denen mach ich keine Beute!

Ich will die Großen, das hab ich mir vorgenommen.

Schon der Herzog damals hat das vorgemacht.

So sind denn Goethe und auch Schiller just gekommen.

Und auch Herder hat hier manche Nacht verbracht.

Barack Obama war schon da,

jetzt ist er wieder in Amerika.

Ich möchte Merkel, Putin und den Papst hier sehn.

Vielleicht auch mal den Ramelow – das muss ich erst mal sehn.

Die Staatskarossen sollen nur so vor das Haus rollen

Und drinnen will ich VIPs den angemess’nen Augenaufschlag zollen.

Was drunter ist, das nehm ich gar nicht wahr.

Dass da noch so was wie Gemeinde war?

Ach wo – wer braucht das – ich will mich im Fernsehn sehn.

Und mich vor Kameras im Kreise drehn.

Ich will die großen Fische, nicht die kleinen Fische.

Nur mit den Großen sitz ich gern zu Tische.

Jesus hat sich das Brot mit seinen Jüngern wollen teilen.

Und bei den armen Fischern an dem See verweilen.

Na wie’s ihm dann erging –

Das muss ich euch nicht sagen.

Hätt er mal lieber sich

Geholt Pilatus an den Tisch.

Ich will die großen Fische auch auf dem Lande

Und mach aus vielen kleinen Gemeinden einen riesigen Verbande.

Was muss auch jeder kleine Kirchturm noch mit Leben gefüllt.

Wenn alle zusammen, der Raum aus allen Nähten quillt.

Jesus sagte, er sei dabei,

Wenn in seinem Namen zwei oder drei …

Ach Jesus, sei froh, du konntest nicht wissen,

Wie wir mit dem Geld haushalten müssen.

Bei dir ist nie Mac Kinsey durchgejagt

Und haben dir dann erst mal gesagt,

Wie Kirche sich in der heutigen Zeit

Wirtschaftlichkeit auf die Fahnen schreibt.

Zwei oder drei – das läuft nicht mehr Leute.

Wir brauchen Großes  – große Gebäude.

Und unsere Kirche bauen wir um

Zum weit über alle leuchtenden Turm.

Ja, Leuchttürme soll das Land überziehn.

In Daasdorf, Gaberndorf, Tröbsdorf und Weimar-West.

Überall wo wir schaun hin.

Leuchtet und strahlt es.

Und überall, wo es strahlt,

Kommen immer mehr Menschen hinzu,

Treffen sich Menschen jung und alt,

Werden auf Du und Du.

Und freuen sich an dem strahlenden Licht

Sind ganz auf neue Leuchttürme erpicht.

Ein großes Leuchten und Glimmern und Strahlen,

Damit kann Kirche dann weltweit prahlen

Seht mal – bei uns läuft was – wachsen und wuchern gegen den Trend !

Doch bei all dem hellen Licht

Siehst du leider den Himmel nicht.

Siehst nicht Gottes helle Sterne,

Wie sie am Himmel leuchten uns gerne.

In mancher schlimmen kalten Nacht

Hatten sie blinkend für uns gewacht.

In manchen Menschlichen Dunkelheiten

waren sie bereit, ihre Freude auszubreiten.

Und früher erzählten wir auch gern

Von dem besonders strahlendem Stern,

der über Jesu Stall schon stand,

als Gottes Sohn zur Erde fand.

Doch heute kann man damit niemand mehr locken,

Damit lässt die Kirche sich nicht rocken.

Lasst uns dann lieber ‘ne Lichtschau installieren

Und uns den Himmel selbst illuminieren.

Ja Leute, so sieht es heut aus,

in diesem schönen Gotteshaus.

Hier sitze ich im Trocknen rum,

die Fische schwimmen um mich rum.

Ganz viele sind heut hier gekommen

und haben unsern Ruf vernommen.

Jedoch die kleinen sind es mir nicht wert,

Die will ich nicht, die sind verkehrt.

Ist denn wenigstens der Superintendent,

Der hier ist, der uns kennt?

Oder der Oberbürgermeister,

vielleicht – ich werf die Angel – beißt er

an und mancher andrer noch mit ihm.

Dann geh ich zu der Angel hin.

Ob sich das Warten wohl gelohnt?

Ob ich ‘nen großen Fisch gefangen,

ob einer beißt?

es zieht, es reißt,

ich muss mit beiden Händen an das Seil nun langen.

Und ziehe meine Beute ein.

Ein Eimer ist es – nein, o nein.

Den Eimer will ich auch nicht haben.

Woran soll ich mich denn nun laben?

Vielleicht könnten die kleinen Fische mir ja doch noch Freude schenken?

Wenn sie nicht wolln – wer sollte es verdenken?

Wie schnell sie schwimmen hin und her,

schon sind sie weg und keiner sieht sie mehr.

Jedoch seht her, wie bunt ihr Treiben

Und lustig fein bisweilen sie’s doch haben.

Das mir das nur bisher entgangen ist,

Wie konnte ich die Sinne so verschlossen haben.

Welch Freude kann es sein

Mit vielen kleinen bunten Fischen.

Welch groß Geschenk -

Dem Schöpfer eingedenk:

So viele kleine Fische,

So viel von lustigem Gezische,

Das blubbert und das gluckert,

das wirbelt und das zwirbelt,

wie schnell sie schwimmen hin und her

und bleiben da und trauen sich noch mehr.

Wer weiß, was alles kann gescheh’n,

Wenn wir das Kleine achtsam schauen,

Wenn wir auf Winziges vertrauen

Und lassen Gottes zarten Segen wehn.

»Silberzeug« am Himmel

17. Februar 2015 von redaktionguh  
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70 Jahre nach dem verheerenden Bombenangriff auf Weimar

Gedenkkultur schaut genauer hin. In Weimar erinnerte ein breites Bürgerbündnis daran, dass die Bomben nicht aus heiterem Himmel fielen, und protestierte gegen die Geschichtsverdrehung der Rechten.

Am 9. Februar 1945 steht in Weimar ein fünfjähriges Mädchen im Hof der Großeltern und beobachtet fasziniert, wie Flugzeuge kommen und Silberzeug abwerfen, das in der Sonne glitzert. Sirenen warnen, schnell in den Keller, und dann ist Stille. Beißende Rauchschwaden über der Stadt und helle Flammen, die heute 75-jährige Hilde Koppe hat den Brandgeruch noch in der Nase. Dreizehn Minuten Zerstörung haben genügt, nicht nur den Rüstungsbetrieb zu treffen, sondern auch die historische Innenstadt in Schutt und Asche zu legen, darunter das Theater, das Goethe- und das Schillerhaus, das Wittumspalais, das Tempelherrenhaus. Und auch die Herderkirche, die das Kind vom Weihnachtsgottesdienst her in wunderbarer Erinnerung hat mit den vielen Lichtern und dem Sternenhimmel. Ist der jetzt auch kaputt? Ja, sagt der Großvater. Ihr kleiner Freund Christian liegt tot unter den Trümmern des Kindergartens in der Richard-Strauss-Straße. Ein Volltreffer hat 80 von 90 Kindern samt ihren Erzieherinnen das Leben gekostet. Dieser schwarze Freitag brachte 1 100 Menschen den Tod. Über die Hälfte waren Häftlinge und Zwangsarbeiter.

Nach dem Bombenangriff lag die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul in Schutt und Asche. Foto: Archiv

Nach dem Bombenangriff lag die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul in Schutt und Asche. Foto: Archiv

Zwei Monate später begegnet das Kind evakuierten Buchenwaldhäftlingen auf dem Todesmarsch. SS-Leute zwingen die Passanten, sich mit dem Gesicht an eine Mauer zu stellen. Im Rücken hört man das Klappern der Holzpantoffeln, das Klatschen der Schläge und immer wieder Schüsse und Schreie. Ein Begleitwagen sammelt die Toten ein. Am 11. April ist das KZ befreit. Jetzt werden die Weimarer Bürger von den Alliierten gezwungen, hinzuschauen auf die Berge von Leichen, auf die ausgemergelten Häftlinge und die unvorstellbaren Zustände im Lager.

Siebzig Jahre ist das alles her. Am 9. Februar 2015 läutete die Ewigkeitsglocke der Weimarer Herderkirche von 12.24 bis 12.37 Uhr. »Wir schauen auf das Leid und die Opfer, wir fragen nach Schuld und Versöhnung, nach Verantwortung und Orientierung«, heißt es im Friedensgebet. Das fasst zusammen, was das breit angelegte Protestbündnis »Weimar gegen Rechts« zwei Tage zuvor mit Aktionen und einem Mahngang sagen wollte, was der Gedenkgottesdienst am Sonntag zum Thema hatte.

Man muss es den knapp 100 Neonazis lassen: Sie haben mit ihrem angemeldeten »Trauermarsch« energische Gegenreaktionen provoziert und 1 500 Bürger auf die Straße gebracht, die sich gegen einen einseitigen Opfermythos und gegen Geschichtsverdrehung wehren. Erinnerungskultur schaut genauer hin. Die Zerstörung von Weimar begann lange vor dem 9. Februar 1945: 1926 mit dem ersten Parteitag der neugegründeten Nazi-Partei, mit dem Ausbau zur Gauhauptstadt des »Schutz- und Trutzgaus Thüringen«, mit der Bücherverbrennung vor den Toren der Stadt, mit knapp 40 Weimar-Besuchen Hitlers, mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und der Deportation jüdischer Mitbürger, mit dem Bau des Konzentrationslagers Buchenwald, mit den dem Zeitgeist angepassten Deutschen Christen und dem Entfernen des jüdischen Gottesnamens von der Kanzel der Herderkirche, mit der Gestapozentrale im Marstall und der Waffenfabrik Wilhelm-Gustloff und – mit dem Schweigen der Vielen.

Die Tragödien, die sich hier abgespielt haben, liegen weit zurück, und die Zeitzeugen werden rar. Weimar ist wieder eine schöne Stadt, der man den Bombenangriff nicht mehr ansieht. Hier wohnt man gern, und die Touristen aus aller Welt freuen sich an den sorgfältig restaurierten Gebäuden. Das Gewölbe der Herderkirche ist längst wieder intakt, und der jüdische Gottesname Jahwe ziert die Kanzel wie ehedem. »Aber gebt acht, dass ihr nie vergesst, was ihr mit eigenen Augen gesehen habt. Haltet die Erinnerung daran euer Leben lang lebendig, und erzählt es euren Kindern und Enkeln weiter« (5. Mose 4,9).

Christine Lässig

»Reli« ist kein »Moralunterricht«

16. Februar 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Vorstoß zur Abschaffung von Religionsunterricht stößt auf Widerspruch

Die Diskussion um einen islamischen Religionsunterricht im Freistaat Thüringen hat mal wieder die grundsätzliche Frage um den Religionsunterricht aufgeworfen. Der Jenaer Professor und Leiter des Ethikzentrums der Friedrich-Schiller-Universität, Nikolaus Knoepffler, sprach sich gegenüber der Thüringischen Landeszeitung langfristig für die Abschaffung des Religionsunterrichts aus. Er kritisierte, dass sowohl im Religions- als auch im Ethikunterricht »Moralvorstellungen der Lehrer« verbreitet würden. Dagegen schlägt er ein Fach Philosophie und Religion vor.

Diskussion ist ausdrücklich erwünscht. Foto: WavebreakMediaMicro – fotolia.com

Diskussion ist ausdrücklich erwünscht. Foto: WavebreakMediaMicro – fotolia.com

Dass jeder Unterricht stark von der Persönlichkeit des Lehrers oder der Lehrerin beeinflusst wird, ist eine alte Erfahrung und betrifft jedes Fach – von Mathematik bis Kunst und eben genauso Religion. Der Lehrer würde genauso ein Fach Philosophie und Religion prägen. Insofern ist der Stempel »Moralunterricht«, den Knoepffler dem Religionsunterricht aufdrückt, nicht angemessen.

Wer sich an die heftigen Diskussionen Anfang der 1990er Jahre erinnert, als die Einführung des Faches Religion anstand, weiß, dass nicht wenige Christen dieser Entwicklung sehr skeptisch gegenüberstanden. Aus der Gesellschaft kamen sogar Töne, die das Fach mit dem einstigen Staatsbürgerkundeunterricht gleichsetzten. Die Angst, die eine Doktrin durch eine andere zu ersetzen, schwelte überall. Das war verständlich, angesichts der Unterbindung der freien Meinungsäußerung im Fach Staatsbürgerkunde.

Dass sich im Fach Religion die Schüler frei äußern, dass sie theologische und ethische Aussagen hinterfragen dürfen, konnten sich viele nicht vorstellen. Doch gerade in den Fächern Religion und Ethik haben Schüler – und Lehrer! – die Chance, tiefgehende Debatten über das menschliche Zusammenleben zu führen. Es ist keine Unterweisung mit moralischem Zeigefinger.

So beurteilt es auch die Bildungsdezernentin der mitteldeutschen Kirche (EKM), Martina Klein. »Gerade im Religionsunterricht fragen Schüler ihre Lehrer nach ihrer persönlichen Meinung. Das kommt kaum in anderen Fächern vor«, sagt sie gegenüber »Glaube + Heimat«. »Lehrer wollen nicht indoktrinieren.« Natürlich können Themen, die das Zusammenleben von Menschen betreffen, immer nur aus der Sicht des Lehrenden dargestellt werden. Aber die Schüler haben stets die Möglichkeit, das infrage zu stellen. Vor allem seien die Fragen von nichtgläubigen Schülern spannend, weist Klein auf Äußerungen von Religionspädagogen hin. Jene hätten einen ganz anderen Zugang zu religiösen Themen, was den Unterricht und die Diskussion bereichere. Die Oberkirchenrätin plädiert für eine dialogische Offenheit. Der Unterricht müsste dergestalt weiterentwickelt werden, dass ein fächerübergreifender Austausch nicht nur zwischen Ethik- und Religionsunterricht angeregt wird. Damit Schüler sprach- und urteilsfähig werden.

Professor Knoepffler stehe zudem mit seiner Ansicht außerhalb der Verfassung. Laut Grundgesetz ist der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach, Ethik Ersatzfach.
In Thüringen gibt es darüber hinaus eine wirkliche Wahlfreiheit der Eltern. In der Verfassung des Freistaates stehen laut Artikel 25 beide Fächer gleichberechtigt nebeneinander. Eltern können sich also von Anfang an entscheiden, Kinder ab dem 14. Lebensjahr selbst wählen. Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag haben die Vorschläge zur Abkehr vom konfessionellen Unterricht zurückgewiesen, weil hier ein wesentlicher Beitrag zur Pluralitätsfähigkeit geleistet würde.

Der Religionsunterricht, so die Erfahrung seit der Einführung, hat sich bewährt. Eine Studie der Universität Jena mit 800 Berufsschülern habe gezeigt, dass in Berufsschulen, wo Religionsunterricht angeboten würde, dieser eine gute Resonanz finde. Die Jugendlichen hätten hohe Erwartungen, hier Antworten auf ihre Lebensfragen zu erhalten. Allerdings stellt die Studie fest, dass nur etwa ein Viertel der Berufsschüler Gelegenheit hätte, diesen Unterricht zu besuchen. Es mangele vor allem an Lehrkräften. Die EKM fordert deshalb hier mehr Neueinstellungen und die zeitnahe Wiederbesetzung von frei gewordenen Stellen.

Dietlind Steinhöfel

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