Eine Muslimin mit klarer Meinung

10. Februar 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Interview: Die Kölner Psychologin und Politikerin Lale Akgün sieht Bekenntnisunterricht an Schulen skeptisch und warnt vor Blauäugigkeit

Islamischer Religionsunterricht, Umgang mit jungen Migranten, Angst vor Islamisierung – wie schätzt eine deutsche Muslimin die Lage ein? Dietlind Steinhöfel sprach mit der promovierten Psychologin und SPD-Politikerin Lale Akgün (61) aus Köln.

Der Erfurter Imam Abdullah Dündar hat sich bei einer Podiumsdiskussion in Erfurt für die Einführung von islamischem Religionsunterricht ausgesprochen. Thüringer Politiker reagieren aufgeschlossen. Frau Dr. Akgün, Sie sehen das eher skeptisch, warum?
Akgün:
Ich sehe nicht den Religionsunterricht als skeptisch an, sondern einen Bekenntnisunterricht. Sollte es zu einem übergreifenden Religionsunterricht kommen, wo die Schüler über die Religion unterrichtet werden oder, was mir noch sympathischer wäre, alle Schüler gemeinsam über die verschiedenen Religionen informiert werden, habe ich überhaupt nichts dagegen. Es kann ja nicht schaden in unserer Zeit, wenn Kinder erfahren, was Religion bedeutet, welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten es gibt. Aber ein Bekenntnisunterricht, bei dem nach dem Grundgesetz die Religionsgemeinschaft mitreden darf bei der Erstellung der Lehrpläne und der Auswahl der Lehrer, das sehe ich sehr skeptisch. Bei Ihnen in Thüringen hat ja Imam Abdullah Dündar einen gewissen Ruf bekommen.

Welchen Ruf?
Akgün:
Im Internet veröffentlicht er Video-Predigten. Er predigt immer auf Türkisch. Und darüber steht übersetzt »Einladung zum Paradies«. Mit diesem Slogan machen die Salafisten Werbung für sich. Das kann kein Zufall sein. Es ist bedenklich, wie er über die Stellung der Frau im Islam redet und wie ein richtiger Moslem zu leben hat. Wenn ich mir vorstelle, Thüringen würde mit dem Moschee-Verein von Abdullah Dündar eine Vereinbarung treffen und er würde mitreden dürfen bei der Erstellung der Lehrpläne – da gehen bei mir sämtliche Warnlampen an. Und da kann ich nur sagen: Thüringen, du bist blauäugig.

Muslimische Verbände oder Eltern befürchten ohne Religionsunterricht einen religiösen Analphabetismus bei ihren Kindern. Wie sehen Sie das?
Akgün:
Ich sehe das sehr gelassen. Ich bin persönlich der Meinung, dass religiöse Unterweisung im Sinne von Bekenntnisunterweisung die Aufgabe der Familien und der religiösen Glaubensgemeinschaften sein muss. Ich denke, dass der staatliche Auftrag dafür zu weit geht. Und was heißt religiöser Alphabetismus? Wenn der Bekenntnisunterricht von fundamentalistischen Gruppierungen inhaltlich mitbestimmt wird und wenn er darin besteht, gegen die Gleichberechtigung zu lehren, eine unterschiedliche Behandlung von Religionsgruppen und Verachtung der Menschenrechte zu proklamieren, dann muss ich sagen: Da sollen die Kinder lieber religiöse Analphabeten bleiben.

Lale Akgün gehört einer liberalen muslimischen Gemeinde in Köln an. Foto: Pressefoto/Volker Glasow

Lale Akgün gehört einer liberalen muslimischen Gemeinde in Köln an. Foto: Pressefoto/Volker Glasow

Deshalb kann ich nur unterstreichen: einen religionskundlichen Unterricht über alle Religionen hinweg, mit staatlich festgelegten Curricula, ohne Einmischung von Religionsgemeinschaften, durchgeführt von säkularen und weltoffenen Lehrerinnen und Lehrern, bei dem die Schüler voneinander lernen können, das halte ich für ein Zukunftsmodell in einer multireligiösen Gesellschaft, die übrigens auch viele Atheisten hat. Auch das sollte man bedenken.

Kinder zu Toleranz und Zusammenleben zu erziehen ist besonders wichtig. Beim gemeinsamen Lernen sollen Vorurteile abgebaut werden, damit alle sehen, dass es auch im Glauben viel mehr Gemeinsamkeiten gibt als Trennendes. Bekenntnisunterricht betont immer das Trennende, weil es ja um meine Religion geht, um mein Bekenntnis. Ich bin Muslimin, deswegen kann ich das in aller Offenheit sagen: Auch meine Religion sagt natürlich wie jede andere, sie sei die beste.

Es gibt Ängste in unserer Gesellschaft, die mit der Pegida-Bewegung laut geworden sind. Sind die Ängste nach Ihrer Einschätzung berechtigt?
Akgün:
Ganz klar: Nein. Die Gefahr, dass sich die Gesellschaft islamisiert, halte ich für völlig überzogen. Man kann damit Leuten Angst machen, klar. Wie soll eine solche Islamisierung funktionieren? Durch wen? Die meisten Menschen sind aufgeklärt, Muslime und Nicht-Muslime achten die Regeln des Zusammenlebens.

Diese Bewegung ist der Versuch, den Islam als Sündenbock zu installieren. Man will mit dem Sündenbock »Islam« Leute mobilisieren. Nun heißt es auf einmal: Das sind die Unzufriedenen. Ich sage: Die Unzufriedenen sollen erst mal bitte wählen gehen. Und dann sollen sie sich bitte aktiv in den demokratischen Strukturen engagieren. Auf die Straße gehen und zu sagen: Ich bin unzufrieden, dass wir Muslime haben, dass ich hier Rundfunkgebühren bezahlen muss! Oder so Dinge wie: Ich kann mir kein Stück Stollen leisten usw. ist – höflich gesprochen – sehr unproduktiv. Natürlich gibt es Unzufriedene in der Gesellschaft. Das ist doch keine Frage. Doch wohin kanalisiert man die Unzufriedenheit? Ich bin Psychologin. Man kann Unzufriedenheit auch produktiv einsetzen und nicht so negativ wie »Pegida«.

Wir müssen zwei Sachverhalte getrennt diskutieren. Diese Angstmacherpolitik von rassistischen Pegida-Leuten, die sich auch einen anderen Sündenbock als den Islam hätten aussuchen können, und die Frage: Was passiert eigentlich innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, und was ist mit dem Einfluss der türkischen Politik in Deutschland auf die jungen Leute? Das sind zwei verschiedene Themen, die nicht vermischt werden dürfen.

Warum ist die Integration junger Muslime so schwierig?
Akgün:
Ich lebe in Köln, ich sehe, wie in bestimmten Stadtteilen sozial benachteiligte muslimische Jugendliche von Islamisten gezielt angeworben werden. Mir tun diese jungen Leute leid, weil sie ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen. Sie werden dann fehlgeleitet. Worüber wir dringend reden müssen ist, dass es vonseiten der deutschen Gesellschaft zu wenig Angebote der Inklusion gibt. Wenn Menschen nach 60 Jahren immer noch als Kinder mit Migrationshintergrund bezeichnet werden, Kinder, deren Eltern schon in Köln geboren sind, dann denke ich, macht Deutschland einen Fehler. Wir müssen ein Wir-Gefühl schaffen für alle Menschen in diesem Land. Wir gehören zusammen. Sonst passiert Ausgrenzung. Das haben die Funktionäre des politischen Islams sehr schnell erkannt. Seit Mitte der 1980er Jahre sind Deutschland, Frankreich, aber auch Belgien und die Niederlande zu einem Tummelplatz für den politischen Islam geworden. Der politische Islam interessiert sich in erster Linie für die Nachkommen der Auswanderer. Gesamtgesellschaftlich wird’s dann bedrohlich, wenn es zur Missachtung der Menschenrechte oder der gemeinsamen liberalen Werte kommt – siehe Charlie Hebdo. Wenn die Fundamentalisten meinen, sie müssten sich ihre Weltanschauung auch bei uns zurechtbomben oder zurechtschießen, dann wird es für alle gefährlich.

Sehen Sie einen Ausweg?
Akgün:
Ganz klar: Wir müssen den liberalen Islam gesamtgesellschaftlich bekannt machen, damit solche Dinge nicht mehr möglich sind! Um es vorwegzunehmen: Es gibt nichts an westlichen Werten, was von Muslimen nicht gelebt werden könnte. Ein liberaler Islam zeichnet sich neben einem freiheitlich-progressivem Islamverständnis vor allem durch die Akzeptanz der Menschenrechte und völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau aus. Ich bin liberale Muslimin. Ich lebe meinen Islam und lasse mir von niemandem reinreden. Wenn andere den Islam anders leben, ist es ihre Entscheidung, solange keine Gewalt im Spiel ist. Und Gewalt fasse ich sehr weit. Es heißt im Koran: Es gibt keinen Zwang im Glauben (Sure 2,256). Daran müssen sich alle halten.

In unserer Gemeinde haben wir eine Vorbeterin, eine Imamin. Die Männer beten hinter dieser Frau. Und was glauben Sie, wie unsere kleine Gemeinde angefeindet wird! Warum? Weil wir eine echte Gefahr darstellen für die konservativen Leute. Weil wir Gleichberechtigung praktizieren. Ich binde nie ein Kopftuch um beim Gebet. Und ich bin überzeugt, dass mein Gebet genauso ankommt. Die Konservativen behaupten, wir würden einen Islam light praktizieren. Das sei nicht mehr der echte Islam. Und ich antworte: Wie willst du wissen, was der echte Islam ist? Ich behaupte, der liberale Islam ist das wahre Gesicht des Islams, ein liebevolles und barmherziges Gesicht. Aber das sind innerislamische Diskussionen, die wir führen müssen.

Haben Sie Angst wegen der Bedrohungen?
Akgün:
Nein. Aber meine Tochter hat viel Angst um ihre alte Mama. Meinem Mann geht es ähnlich. Doch ich meine, dass es ja genau das ist, was die wollen – Angst verbreiten und so Macht ausüben. Wir sind eine Handvoll Leute, die Nein sagen. Viele Deutsche sind da zurückhaltender, sie halten leider den Mund aus Rücksicht auf die eigene Geschichte und aus Angst, als Rassisten dazustehen.

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