Hosianna! Kreuzige ihn!

30. März 2015 von redaktionguh  
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Medien: Nie war es leichter als heute einen Menschen empor zu heben oder zu vernichten

Der Grat zwischen Lobeshymnen und Vernichtungsrufen ist schmal und wird mit dem Erstarken sozialer Medien – scheinbar – immer schmaler.

Vielleicht war weniger der Hass selbst überraschend, der IHM entgegenschlug, als vielmehr der Stimmungsumschwung. Vielleicht ist die Wut des anonymen Mobs, in dem der Einzelne verschwindet wie ein Sandkorn am Strand, sogar nachvollziehbar. Weniger aber der Wandel von »Hosianna« zu »Kreuzige ihn« binnen weniger Tage. Palmarum und die Karwoche sind zwei Seiten der einen Medaille, die sich Mensch nennt. Und im medialen Zeitalter rücken die beiden Seiten noch näher zusammen.

Foto: DigiClack – Fotolia.com; Montage: Stefan Körner

Foto: DigiClack – Fotolia.com; Montage: Stefan Körner

Elias Canetti schrieb: »Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung. Sie ist der Augenblick, in der alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten los werden und sich als Gleiche fühlen.« Die Wut auf einen Menschen verbindet, die Menschen werden sich gleich, die Empörung kocht. Und wofür es früher noch die Straße, den Marktplatz brauchte, reicht heute ein Handy mit Internetzugang. Christian Wulff oder Karl-Theodor zu Guttenberg sind prominente Beispiele der jüngeren Vergangenheit dafür, wie Menschen Opfer einer medialen Hetzjagd werden können. Für das »Hosianna« und »Kreuzige ihn« sorgen heute Boulevard-Medien und soziale Netzwerke. Jubelhymnen und Empörungswellen, sogenannte Shitstorms, kommen aus den gleichen Quellen, ja aus den gleichen Mündern.

»Soziale Medien machen etwas sichtbar, das es schon immer gab, aber unsichtbar war, weil es im Bereich der persönlichen Kommunikation stattfand«, meint Patrick Donges, Professor für Kommunikationswissenschaften in Greifswald und Experte für politische Kommunikation. »Was früher unter vier Augen passierte, wird heute auf Facebook und Twitter geteilt und damit öffentlich.« So kann es passieren, dass andere Medien auf das, was in den sozialen Medien passiert, einsteigen und darüber berichten. Der früher private Tratsch werde heute selbst zum Nachrichteninhalt. Schnell könne es dann zu Übertragungseffekten kommen, so Donges. »Die Medien orientieren sich aneinander, Meinungen und Themen werden voneinander übernommen, ein Hype entsteht.« Oder ein Vernichtungsfeldzug. Die Medienmaschinerie, so lässt sich zusammenfassen, ernährt sich selbst wie ein Perpetuum mobile. Solange, bis die nächste Sau durch das mediale Dorf getrieben wird.

Doch was sind die Bedingungen dafür, dass diese Mechanismen überhaupt funktionieren? Ein Grund: Moralisierung und Personalisierung. In den letzten Jahrzehnten ist das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen rapide geschwunden. Stattdessen wird vermehrt Vertrauen in einzelne Personen gesetzt. Und an diese werden immer stärkere moralische Anforderungen gestellt. Denn: An irgendetwas müssen sich Menschen festhalten. Die Reputation des Einzelnen wird wichtig, weil uns der Glauben in prägende Institutionen verloren ging. Doch die moralischen Zuschreibungen werden immer wieder enttäuscht, weil kein Mensch moralisch völlig integer sein kann. Auf diese Enttäuschungen reagiert die Öffentlichkeit dann mit einer Entrüstung, die im schlimmsten Fall einem Feldzug, einer medialen Hinrichtung gleicht. Und soziale Medien leisten dieser Dynamik Vorschub. Sind soziale Medien also im Kern asoziale Medien?

Allein ihnen den schwarzen Peter zuzuschieben, greift zu kurz. Zwar nahm die Personalisierung des öffentlichen Lebens mit dem Auftreten des Privatfernsehens und später mit dem Erstarken der Online-Medien zu. Die Boulevardisierung griff um sich. Aber die Empörungswellen, das öffentliche Vernichten von Personen würde nicht funktionieren, wenn es nicht ein Publikum dafür gäbe. Vermutlich ist es so: Von Personen der Öffentlichkeit wird ein moralisch einwandfreies Leben eingefordert, das niemand selbst einhalten könnte. Es ist ein Hoffnungsbild, ein Ausdruck der Sehnsucht: So sollte es sein. Ihr notwendiges Scheitern wird mit Häme überschüttet, weil es vom eigenen Scheitern ablenkt. Das mediale Ausschlachten des Fehlverhaltens lenkt den Blick von der Realität des eigenen Lebens ab. Der Realität als Sünder. Das »Hosianna« und das »Kreuzige ihn« der Gegenwart wäre dann vor allem eines: Ausdruck der eigenen Orientierungslosigkeit.

Stefan Körner

Spiele für Herz und Gemüt

29. März 2015 von redaktionguh  
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In diesen Tagen stellt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Grundlagentext vor mit dem Titel »Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi«.

Die Passion Jesu und die Auferstehung sind für moderne Zeitgenossen schwere Kost. Insbesondere das Leiden des Gottessohnes, das Bild des Gekreuzigten ist für viele Menschen befremdlich. Um ihnen eine Hilfe an die Hand zu geben, erarbeitete die EKD einen Text, der das Leiden und Sterben Jesu deutet.

Während die Autoren gewiss intellektuell redlich die unterschiedlichen theologischen Positionen darstellen in dem Bemühen, den Lesern ein kompliziertes Geschehen verständlich zu machen, gehen anderswo Leute ganz spielerisch mit dem Thema um. Im erzgebirgischen Zschorlau führen seit 15 Jahren evangelische Laienspieler die Leidensgeschichte Jesus auf (s. S. 3). Was da geschieht ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Passionsspiele – das bekannteste ist das im bayrischen Oberammergau – galten bislang als ein rein katholisches Ereignis und außerdem etwas antiquiert. Kein Spektakel, mit dem man hierzulande jemanden hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Weit gefehlt. Die Zschorlauer Protestanten sind hin und weg und ganz mit dem Herzen dabei. Und sie versuchen bewusst nicht, dem Passionsgeschehen einen modernen Touch zu verleihen, es aktuell zu deuten. Nein, sie erzählen die Geschichte so, wie die Bibel sie überliefert und wie die jüdische Bevölkerung sie damals erlebt haben könnte. Und das Erstaunlichste ist, wie viele Leute die Zschorlauer mobilisieren. Etwa 6 000 Besucher kommen pro Spielzeit zu den Aufführungen. Eine Einladung, nicht unbedingt ins Erzgebirge zu fahren, sondern in der Nähe an einem Kreuzweg oder Passamahl teilzunehmen und dabei die Passionsgeschichte zu verinnerlichen. In Gemeinschaft und in einer Weise, die vielleicht Herz und Gemüt bewegt.

Sabine Kuschel

Wie die Schlange so der Sohn

28. März 2015 von redaktionguh  
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Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3, Verse 14.15

Rannte einst ein Mann durchs Lager / jener Kinder Israels, / welche frei aber recht mager, / stöhnten mangels Fleischs und Mehls, / schien’s doch, als hielte Gott sie knapp, / weil man nur eklig Manna fand / (sieht man von den Wachteln ab) / und ansonsten: nichts als Sand. / Doch ein Recht sich zu verdrießen, / war daraus nicht zu erschließen.

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen

Auch kein Recht, den Herrn zu lästern, / der sie hat befreit, geführt / alle Brüder (und die Schwestern …)/ und sich mit dem Volk liiert. / »Meinen sie, mich freut ihr Darben?«, / zürnte Gott beleidigt und / schickte Schlangen, viele starben. / Einsicht wuchs, man sah den Grund / und bat Mose, den Propheten, / bei Gott für sie einzutreten.

Jener schuf den Zufluchtsort / dass ein jeder, den das Gift / der Schlange nach dem Zorneswort / plötzlich in die Ferse trifft, / ein Gnadenzeichen, Sakrament, / finde, das ihn schnell kuriert, / wenn er zu seiner Schlange rennt, / die die Lagermitte ziert./ Wisst ihr nun, warum er rannte? / Weil er Gottes Gnade kannte!

Bronzen hing sie auf der Stange, / glänzte matt im Sonnenlicht: / Moses’ Schlange, die er bange, / suchte nach dem Fersenstich, / da das Gift der bösen Viper / schon durch seine Venen kroch. / Doch er hoffte, und so trieb er / sich an und kam grade noch / pünktlich, um den Blick zu heben / und fand Gnade, blieb am Leben.

Ja, ganz wie einst die Schlange schon, / erhöht das Leben schenkte, / so kann es nun der Menschensohn, / vom Kreuz her, der Gehenkte, / der nicht nur irdisch Leben bringt, / sondern über Zeit und Welt, / allein durch Glauben, unbedingt, / dir seine Türe offen hält. / Weshalb dir heut’ der Dichter rät, / lauf hin, es ist noch nicht zu spät.

Gregor Heidbrink, Pfarrer in Finsterbergen

Orientierungshilfe anbieten

24. März 2015 von redaktionguh  
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Für die neue Leiterin der eeb, Claudia Scharschmidt, ist Reformation nicht nur Geschichte

Seit über 100 Tagen hat die Evangelische Erwachsenenbildung Anhalts (eeb) eine neue Leiterin: Pfarrerin Claudia Scharschmidt. Vor mehr als einem Jahr hat die Kirchenzeitung sie als stellvertretende Leiterin der landeskirchlichen Arbeitsstelle »Luther 2017« vorgestellt. »Die Arbeit dort hat mir Spaß gemacht«, sagt die Theologin. Dennoch bewarb sie sich für die freie eeb-Stelle aus einem verständlichen Grund: Sie wollte anstelle eines befristeten halben lieber einen unbefristeten Vollzeit-Arbeitsplatz haben. In ihrem Beschluss, nach so kurzer Zeit zu wechseln, bestärkte sie auch die Tatsache, dass sie in ihren 25 Berufsjahren als Pfarrerin in der sächsischen Landeskirche Erfahrungen in der Bildungsarbeit sammeln konnte. Die Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum lässt sie trotzdem nicht los, weil auch die Erwachsenenbildung in Anhalt ihren Teil dazu beitragen wird.

Claudia Scharschmidt

Claudia Scharschmidt

Claudia Scharschmidt (55) studierte in Halle Theologie, war Vikarin in Nordhausen (damaligs Kirchenprovinz Sachsen) und wechselte dann in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens. Nach einigen Jahren als Pfarrerin in Zwickau und Umgebung war sie für 15 Jahren im Pfarramt in Bautzen. Mit dem beruflichen Wechsel ihres Mannes Matthias Pfund, der seit Dezember 2013 Landeskirchenmusikdirektor Anhalts ist, zog auch sie nach Dessau um. Seminararbeit, Vorträge und das Erteilen von Reli­gionsunterricht an der Medizinischen Berufsfachschule Emmaus (Niesky) machten sie dafür fit, vermehrt Bildungsaufgaben auch außerhalb einer Kirchengemeinde übernehmen zu können.

Als sie die eeb-Leitung in Dessau übernahm, war das Programm für das erste Halbjahr 2015 schon fertiggestellt. Das neue muss bis Juni stehen. Zeit für die Pfarrerin, sich einzuarbeiten und eigene Vorstellungen einzubringen, eigene Akzente zu setzen – in bewährter Zusammenarbeit mit Partnern wie der landeskirchlichen Frauen- und Familienarbeit, dem Landespfarramt für Gemeindeaufbau oder der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. An Neuem kann sich Claudia Scharschmidt schon jetzt vorstellen, künftig stärker politische Fragen aufzunehmen, die den Menschen in Anhalt auf den Nägeln brennen. Dass die Angebote der eeb sich nicht auf Dessau-Roßlau beschränken, sondern über die Stadtgrenzen hinaus weisen, spiegelt auch das Programm wider. So gibt es in Zusammenarbeit mit dem Landespfarramt für Gemeindeaufbau die vierteilige Themenreihe »Reformation – vor 500 Jahren und heute«. Damit geht die eeb auf Wunsch in Kirchenkreise und -gemeinden, Volkshochschulen oder andere Einrichtungen. Weitere Angebote in Zusammenarbeit mit der Frauenarbeit sind geplant.

»Wir feiern 2017 ja nicht als historisches Fest«, so Claudia Scharschmidt. »Die Menschen damals mussten sich völlig neu orientieren – und heute ist wieder so eine Zeit.« Die Kirche könne dabei Hilfestellung geben, sich zurechtzufinden, wenn die Menschen es zulassen und annehmen. »Und die Erwachsenenbildung will mit ihren Angeboten dazu beitragen.«

Angela Stoye

Land des zweiten Blicks

24. März 2015 von redaktionguh  
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Der Kirchenkreis Bad Liebenwerda im Porträt

Auf der Landkarte wirkt der Kirchenkreis wie eingeklemmt zwischen Sachsen-Anhalt und Sachsen. Wie ein großes »L« liegt er ganz in Brandenburg. Im Propstsprengel Halle-Wittenberg ist er der kleinste. Aber der mit den meisten Gemeindegliedern. Prozentual.

Doch an ihm kleben Vorurteile. Große Gebiete gehören zur Niederlausitz. Niederlausitz? Ist das nicht Bergbau, Energie und ihre Folgen? Ist das nicht Technik und Restloch, weites Land und Wölfe? Die Vorurteile scheinen so stark, dass es derzeit schwer ist, die viereinhalb vakanten Pfarrstellen im Kirchenkreis zu besetzen.

Es ist ein eigenwillig schöner Landstrich. Ziemlich im Norden, in Herzberg, wurde 1538 von Philipp Melanchthon eine Schulordnung für das örtliche Gymnasium verfasst. In den nächsten Jahren wurde sie in ganz Deutschland übernommen. Karl-Heinz Nickschick, Superintendent des Kirchenkreises, nennt so etwas »Reformationsstätte der zweiten Reihe«.

Weiter im Süden dann Mühlberg. Die Stadt an der Elbe, der Ort des Wasserwunders 2002, als die Wasser an der Deichkrone Halt machten. Und Ort der berühmten Schlacht, die den Schmalkaldischen Krieg beendete. Weltgeschichte am Elbeufer, die bald in einem Reformationsmuseum gewürdigt wird.

Karl-Heinz Nickschick ist seit 2007 Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda. Foto: Stefan Körner

Karl-Heinz Nickschick ist seit 2007 Superintendent des Kirchenkreises Bad Liebenwerda. Foto: Stefan Körner

Ein kleiner Schwenk nach Osten. Schon von Weitem überragen zwei Schornsteine das flache Land mit seinen Gräben und Feldern wie spargelschmale Leuchttürme ohne Licht: Über dem 2 800-Seelen-Dorf Plessa thront ein stillgelegtes Kraftwerk. Hinter dem Ort wurde die erste Abraumförderbrücke der Welt aufgestellt.

Zwischen Elsterwerda, Lauchhammer und Ortrand liegt der Schraden, eine alte Kulturlandschaft. Hier hielt sich noch lange das Sorbische. Bis ins 19. Jahrhundert hinein, wurde in manchen Dörfern noch sorbisch gepredigt. Auch Frösche sollen hier, in den feuchten Gegenden des Schraden, gefangen worden sein. Bis ins 19. Jahrhundert hat es einen Froschjäger gegeben, »der die für die Küche dienlichen Frösche auffsuchte«, wie es heißt.

Doch die Landschaft des Kirchenkreises, von der Superintendent Karl-Heinz Nickschick ob ihrer Weite begeistert spricht, die Technik und die Historie erzählen nur die halbe Geschichte. Nickschick meint, dass der Kirchenkreis im großen Konzert der anderen Kirchenkreise keine so große Rolle spiele. Er spricht von ländlicher Prägung. Davon, dass es keine richtige Stadt und kein gewachsenes Zentrum gibt. Er weiß um die Nöte einer Region, in der die Landwirtschaft nicht mehr so dominiant ist wie vor der Zeit des Bergbaus. Und dass nach dem Aus des Bergbaus oft nur Löcher und Ruinen, auch in den Biografien, blieben. Er weiß auch von den Schwierigkeiten des Religionsunterrichtes in einem Bundesland, das ab der 7. Klasse LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) eingeführt hat und in dem Religion in der Grundschule, die hier bis zur sechsten Klasse geht, freiwillig ist und nicht überall angeboten wird.

All das könnte entmutigend sein, wäre da nicht der zweite Blick. Der Blick auf die Menschen. Auf das vermeintlich Kleine, auf das Treue und Verwechselbare, wie es Nickschick nennt. Und damit meint er nicht nur die eigensinnigen Engagements wie den Pfarrgarten in Saxdorf, der zu den schönsten Gärten Brandenburgs zählt. Vielmehr meint Karl-Heinz Nickschick das Urvertrauen vieler Menschen auf den Dörfern. Ein Vertrauen, das sich nicht von großen Hypes und Events, von Festen und Projekten irremachen lässt. »All die Machbarkeitsgeschichten, Fundraising, Public Relation und Effizienzdenken funktionieren hier im Kirchenkreis nicht so richtig«, sagt Nickschick. Stattdessen gibt es eine Fachreferentin für Ehrenamtlichkeitsarbeit, die all die Freiwilligen stärkt. Denn Engagement gebe es viel. Nur oft eher unauffällig.

Matthäus Merian schrieb 1650 in seiner »Topographia Germaniae«: »Liebenwerda hat ein Superintendentz / auch ein Schloß / vnnd schönes Jagen.« Noch heute ist Liebenwerda, inzwischen zum Bad aufgestiegen, Sitz der Superintendentur. Vor 15 Jahren ist der Kirchenkreis aus drei Altkreisen hervorgegangen. Doch die unterschiedlichen Kulturen merke man noch heute, so Nickschick. Die Zusammenarbeit der Regionen werde unterstützt aber nicht erzwungen. »Was wachsen soll, das wächst schon.«

Der Superintendent wirkt gelassen. Auch was die Zukunft anbelangt. Es ist weniger der bevorstehende Ruhestand und die Aussicht auf mehr Zeit in seiner Rockband (»Ich spiele Bass und Keyboard. Das ist gut: Da stehe ich nicht in der ersten Reihe.«). Er ist gelassen, weil er den zweiten Blick gewagt hat und den Kirchenkreis und seine Menschen kennt. »Ob es den Kirchenkreis in zehn Jahren in dieser Form noch gibt, ist fast unerheblich. Denn das entscheidende Christsein geschieht nicht in Gremien – da auch. Es geschieht auch nicht auf großen Festen – da auch. Es geschieht aber vor allem dort, wo sich Menschen versammeln.«

Stefan Körner

Wir verteidigen das christliche Menschenbild

24. März 2015 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Pfarrer Matthias Keilholz zur Situation in Tröglitz, den Ängsten der Menschen und was die Kirche tut und tun kann

Die Wellen schlugen bundesweit hoch: Weil Gegner eines geplanten Asylbewerberheimes im sachsen-anhaltischen Tröglitz bei Zeitz bei ihrer Demo bis vor das Wohnhaus des ehrenamtlichen Bürgermeisters Markus Nierth marschieren durften, trat dieser aus Protest zurück. Stefan Körner sprach mit dem zuständigen Ortspfarrer Matthias Keilholz über die Situation.

Herr Keilholz, der Rücktritt des Tröglitzer Bürgermeisters Markus Nierth und der Höhepunkt der Berichterstattung liegen ein paar Tage zurück. Wie ist die Situation vor Ort jetzt?
Keilholz:
Der Ort ist aufgerüttelt und die Leute müssen sich neu positionieren. Eine Spaltung war vorher schon da, aber jetzt ist Neuausrichtung angesagt. Die Menschen in Tröglitz haben mittlerweile bemerkt, dass ihre Themen und Ängste von den Asylgegnern nicht richtig aufgegriffen werden. Meine große Hoffnung ist, dass viele jetzt sagen: So kann es nicht weitergehen.

Matthias Keilholz, Jahrgang 1964, ist als Pfarrer in Zeitz-Theißen auch für Tröglitz zuständig. Foto: privat

Matthias Keilholz, Jahrgang 1964, ist als Pfarrer in Zeitz-Theißen auch für Tröglitz zuständig. Foto: privat

Welche Ängste haben denn die Tröglitzer?
Keilholz:
Die Menschen fragen: Wie wird es mit der Kriminalität? Wie wird es mit dem Schmutz? Von Überfremdung ist manchmal die Rede. Junge Mütter machen sich Sorgen, ob sie die Kinder noch auf die Straße lassen können. Das sind die klassischen Ängste, die auch andernorts vorhanden sind. Sie haben sachlich keinen Rückhalt, weil es im Ort keine Erfahrung mit Ausländern gibt. Aber es sind Ängste, die auch die NPD groß auf ihre Fahnen geschrieben hat und proklamiert: So wird es werden, wenn ihr nicht aufpasst.

Wie kann man solchen Ängsten aber begegnen?
Keilholz:
Wir versuchen die Diskussion auf die rationale Ebene zu bringen und mit Argumenten zu zeigen, dass es auch anders geht. Im Landkreis haben wir seit Oktober in Eckartsberga ein Heim und von dort gibt es nur positive Nachrichten. Es ist wichtig, solche Geschichten zu erzählen. Die Polizei ist bei Bürgerversammlungen mit dabei und kann klar zeigen, dass die Kriminalität nicht in Zusammenhang mit den Asylbewerbern gebracht werden kann. Die Frage ist aber, wie solche rationalen Argumente gehört werden. Die Gespräche haben eine Chance. Aber vielleicht nicht im ersten Moment.

Was kann ein Pfarrer in einer so aufgeheizten Situation tun, was beispielsweise Politiker nicht können?
Keilholz:
Als Pfarrer und als Kirche haben wir die Aufgabe, das christliche Menschenbild ohne Abstriche zu verteidigen. Und als Pfarrer hat man den Vorteil, dass man nicht als Politiker auftreten muss. Wir müssen die Politik nicht verteidigen oder gegen sie angehen. Das ist eine große Chance.

Wie hätten die Ereignisse in Tröglitz verhindert werden können?
Keilholz:
Wenn man vorher gewusst hätte, dass Asylbewerber kommen sollen, und wenn man informiert worden wäre, wie die Abläufe sind – nämlich dass der Landkreis die Asylbewerber zugeteilt bekommt und sie nehmen muss –, hätte man die Ereignisse vielleicht verhindern können. Das ist in anderen Orten besser gelaufen.

Ist das, was in Tröglitz passiert ist, Ausdruck eines gesellschaftlichen Rucks nach rechts?
Keilholz:
Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube nicht. Das Problem ist, dass die NPD die Themen schneller besetzt als andere. Sie haben ein gutes Gespür für so etwas und reagieren dann populistisch. Die Antworten, die sie geben, sind ja keine Lösung. Aber sie zeigen als erste: Wir sind da und retten euch. Dass dies nicht funktionieren wird, interessiert in diesem Moment keinen. Das ist kein Rechtsruck, sondern ich denke, dass viele das Gefühl haben: Endlich tut jemand was. Über die Hintergründe machen sich viele weniger Gedanken.

Ist denn die Kirchengemeinde in Fragen der Flüchtlingsunterbringung überhaupt einer Meinung?
Keilholz:
Schwer zu sagen, weil nicht immer alle da sind. Die aber, die da sind, sind geschlossen für die Flüchtlingsunterbringung.

Sie halten seit Monaten Friedensgebete ab und setzen auf Dialog. Erreichen diese Angebote aber nicht nur die, die bereits positiv gestimmt sind?
Keilholz:
Zum Teil schon. Aber ich denke, dass jetzt auch zunehmend Leute zu den Friedensgebeten kommen, die sich bisher nicht trauten. Wichtig ist es auch, denen, die eine positive Grundeinstellung haben, den Rücken zu stärken. Menschen, die gänzlich negativ gestimmt sind, wird man auf diese Weise aber nicht erreichen, das stimmt schon. Da muss man auf Einzelgespräche setzen. Das geht nicht mit Aktionen und Presseaufrufen. Als Kirchengemeinde versuchen wir das auch.

Was wird die Kirchengemeinde unternehmen, wenn die Flüchtlinge einmal da sind?
Keilholz:
Es wird am 24. März einen Gesprächstermin geben, zu dem der Bürgermeister der Einheitsgemeinde alle gesellschaftlich relevanten Gruppen eingeladen hat, um Ideen zusammenzutragen. Für die Kirchengemeinde kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man den Gemeinderaum zum Beispiel für Deutschunterricht zur Verfügung stellt. Wir werden natürlich auch schauen, was wir sonst noch tun können: Patenschaften, Kleidersammlung, Aktionen, um das Haus schön und wohnlich zu gestalten. Vielleicht ist Kirche ein wichtiger Ansprechpartner, weil wir eine gewisse Struktur haben. Im Moment sind wir der einzige Verein, der aktiv etwas unternimmt. Wir sind die einzige verfasste Organisation, die aufsteht.

Was würden Sie tun, wenn Mitglieder der Kirchengemeinde gegen die Flüchtlinge demonstriert hätten?
Keilholz:
Ich würde ganz klar Position beziehen und deutlich machen, dass dies mit der christlichen Auffassung nicht vereinbar ist. Meine Kollegen und ich sind viel unterwegs in den Gemeindekreisen und bringen das Thema immer wieder auf den Tisch und merken, dass Vorbehalte da sind. Gerade Menschen aus der älteren Generation versuchen wir darauf hinzuweisen, dass viele selbst als Flüchtlinge in den Ort gekommen sind. Und ich frage dann: Wart ihr nicht froh, wenn euch jemand aufnahm oder ein freundliches Wort gesagt hat? Das lässt viele nachdenklich werden. Auch die, die diesen Hintergrund nicht haben.

Erfahren Sie in Ihrem Engagement Unterstützung von Seiten der Kirchenleitung?
Keilholz:
Der Kirchenkreis Naumburg-Zeitz steht voll und ganz hinter uns. Und seitens der Landeskirche gibt es finanzielle Unterstützung, wenn wir Mittel für Angebote brauchen.

Was denken Sie wird passieren, wenn die Flüchtlinge nach Tröglitz kommen?
Kielholz:
Ich hoffe, dass der Ort offener wird und die Menschen mit ihrer Kultur als Bereicherung wahrgenommen werden.

Lutherstadt wird Cranach-City

23. März 2015 von redaktionguh  
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Reformationsdekade: Auf der Messe der internationalen Reisebranche in Berlin spielte auch Luther eine Rolle

Die Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum hätten weiter an Fahrt aufgenommen, meint die Reformationsbotschafterin der Evanglischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßmann vor Vertretern der Tourismusbranche.

Vor bald 500 Jahren soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 in Wittenberg seine Thesen an die Kirchentür genagelt haben. »Wir werden eine Reise durch 60 Städte unternehmen und Thesen einsammeln, die sich mit dem Glauben heute befassen«, sagte Margot Käßmann, Theologin und Reformationsbotschafterin der EKD, auf der Tourismusbörse Berlin (ITB) vom 4. bis 8. März. Auf einer Reise vor wenigen Tagen durch die USA habe sie gespürt, wie groß das Interesse nicht nur der Lutheraner sei. An der Westküste sei man bereits bei konkreten Planungen für die Reisen 2017. »Das kommt als ganz deutliches Signal bei uns an. Mit der Konsequenz, dass in den nächsten Tagen unsere englischsprachige Homepage so aufgepeppt wird, dass sie den USA-Markt besser bedient. Da müssen wir schnell nachlegen.« Es gelte gute Besucher-Pakete zu schnüren, die Wittenberg und ganz Mitteldeutschland in den Fokus rücken.

Die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, traf auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin einen »fast echten« Luther. Foto: Uwe Kraus

Die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, traf auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin einen »fast echten« Luther. Foto: Uwe Kraus

Die Botschafterin freut sich, dass das Jubiläum mit den europäischen Partnerkirchen begangen werde. Die Schweizer Kirchen seien ebenso dabei wie Frankreich und Tschechien, wo die Bewegung um Jan Hus durchaus als Teil des reformatorischen Prozesses verstanden werde. »Reformation, das ist unser europäisches Erbe«, unterstrich Käßmann zum Beispiel im Gespräch mit Sachsen-Anhalts Kultusminister Stepahn Dorgerloh. »Wir bereiten ein internationales Ereignis mit ökumenischer Dimension vor.« Wenn demnächst das 100. Jubiläum der ökumenischen Bewegung begangen werde, »dann im Bewusstsein, dass es mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den Kirchen« gibt.

Die Reformationsfeierlichkeiten werden ein Jahr vor dem Jubiläum auf den Marktplätzen zahlreicher Städte beginnen. Ein Stationenweg mit »Kirchentagen am Wege« führe dann durch viele Orte nach Wittenberg, wo am 27. Mai 2017 ein großer Dankgottesdienst gefeiert werden soll. In der Lutherstadt sei zudem ein Jugend-Camp geplant. Zum Open-Air-Gottesdienst werden bis zu 300 000 Menschen in Wittenberg erwartet. Dazu gibt es bereits eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem logistischen Ablauf der Veranstaltung befasst. Darin eingebettet ist der Bau des »Grünen Bahnhofs« Lutherstadt Wittenberg. Beginn ist in wenigen Wochen. Zum Reformationsjubiläum 2017 soll das moderne »Eingangstor zur Stadt« in Betrieb gehen, versprach Alexander Kaczmarek, der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Sachsen-Anhalt.

Eine überdimensionale Abbildung des Reformationsaltars der Wittenberger Stadtkirche machte auf das Themenjahr »Cranach 2015 in Sachsen-Anhalt« aufmerksam.

Vom 26. Juni bis 1. November dieses Jahres wird in Wittenberg und an weiteren Standorten in Dessau und Wörlitz die weltweit erste Ausstellung zu sehen sein, die ausschließlich dem Cranach-Sohn gewidmet ist. Sie zeige die wichtigsten Kunstwerke der deutschen Renaissance. Die Lutherstadt werde für ein Jahr »Cranach-City«. Dazu ziehe auch der Weinberg-Altar von Lucas Cranach dem Jüngeren aus der Mönchskirche in Salzwedel für die Schau nach Wittenberg um, wo der Maler 1569 das Motiv für ein Epitaph nutzte. Kultusminister Dorgerloh meint: »Wer da nicht kommt, der verpasst wirklich etwas.«

Uwe Kraus

Impulse für die Zukunft setzen

23. März 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Willi Wild wird neuer Chefredakteur von »Glaube + Heimat«

Nun ist es amtlich: Am 19. März gab der Evangelische Presseverband in Mitteldeutschland als Herausgeber unserer Kirchenzeitung »Glaube + Heimat« bekannt, dass Willi Wild die Chefredaktion übernimmt, wenn Dietlind Steinhöfel in den Ruhestand geht. »Der Presseverband ist froh, aus einer großen Zahl an hoch qualifizierten Bewerbern mit Willi Wild einen profunden Journalisten gefunden zu haben, der als Rundfunkmoderator bereits einen Namen im mitteldeutschen Raum hat«, sagt der Vorsitzende des Presseverbandes und anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig. »Wir sind hoffnungsfroh, dass er die traditionsreiche Kirchenzeitung auf dem guten Weg fortführt, wie es die jetzige Chefredakteurin getan hat.« Auch Dietlind Steinhöfel zeigt sich erfreut über die Entscheidung. »Willi Wild bringt einen Blick von außen mit. Das wird neue, spannende Impulse geben«, so die Chefredakteurin.

Am 1. Oktober ist Staffelübergabe: Chefredakteurin Dietlind Steinhöfel (64) wird die Leitung der Kirchenzeitung an den Journalisten Willi Wild (48) übergeben. Foto: Maik Schuck

Am 1. Oktober ist Staffelübergabe: Chefredakteurin Dietlind Steinhöfel (64) wird die Leitung der Kirchenzeitung an den Journalisten Willi Wild (48) übergeben. Foto: Maik Schuck

Wild ist vor allem durch seine Tätigkeit in Funk und Fernsehen beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) bekannt. Nach über 23 Jahren verlässt der 48-Jährige den MDR, um sich der neuen Aufgabe zu widmen. »Ich bin mir der Verantwortung bewusst und freue mich auf die Herausforderung, die fast 100-jährige Kirchenzeitung in die digitale Zeit zu begleiten«, sagt der designierte Chefredakteur. Zum einen will er den Leserbestand pflegen und Bewährtes fortführen, zum anderen möchte er neue Leser für kirchliche Themen interessieren. Dabei sollen in Zukunft das Internet und die sozialen Netzwerke eine größere Rolle spielen.

Dietlind Steinhöfel (64) ist der Kirchenzeitung seit Jahrzehnten verbunden. Nach einem Lehrerstudium für Französisch und Sport sowie einer kurzen Lehrtätigkeit hatte sie 1978 mit einem Volontariat bei »Glaube + Heimat« ihre journalistische Laufbahn aufgenommen. Nach zwölf Jahren in der Redaktion stieß sie 1989 die Gründung einer evangelischen Kinderzeitschrift, damals noch für das Gebiet der DDR, an. »Benjamin« kam im März 1990 zum ersten Mal auf den Markt. Bis 2001 war sie Chefredakteurin der bald EKD-weit vertriebenen Monatszeitschrift, die inzwischen in Stuttgart erscheint.

Mit Stationen über das EKD-Projekt »Brücken bauen«, als Pressereferentin in Erfurt und anschließend verantwortliche Redakteurin des Mitarbeiterblattes »EKM intern« kam sie 2007 wieder zur Kirchenzeitung. 2012 übernahm sie die Chefredaktion nach dem überraschenden Wechsel von Martin Hanusch als Pressesprecher ins Kultusministerium Sachsen-Anhalts.

Der Pfarrerssohn Willi Wild begann noch während seiner kaufmännischen Ausbildung für die »Fürther Nachrichten« zu schreiben. Nach dem Wehrdienst absolvierte er ein Volontariat bei »Radio Gong« in Nürnberg, studierte Kommunikationswissenschaften und Publizistik. Mit dem Sendestart des MDR am 1. Januar 1992 kam er nach Thüringen. Mit seiner Frau und Tochter lebt er bei Apolda.

Steinhöfel wird ab Oktober mehr Zeit für ihre Familie, ihre drei erwachsenen Kinder mit sieben Enkeln haben. Und natürlich Autorin und Leserin von »Glaube + Heimat« bleiben.

(mkz)

Trefflicher Kampfstoff

22. März 2015 von redaktionguh  
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Ein fataler Streit um ein Kleidungsstück bewegt seit Jahren das Land und die Gerichte. Wobei die Meinungen schon ob der Bezeichnung des muslimischen Kopftuches als Kleidungsstück heftig aufeinanderprallen.

Wahrnehmen muss man aber, dass die Ansichten auch innerhalb der muslimischen Gesellschaft unterschiedlich sind. Es gibt junge europäische Muslimas, die das Tuch als Bekenntnis ihres Glaubens tragen. Und dies durchaus selbstbewusst und nicht aus Unterwürfigkeit gegenüber der patriarchalischen islamischen Mehrheitsgesellschaft. Und es gibt die anderen, die das Kopftuch und seine Steigerung, den Gesichtsschleier, zum ideologisch-fundamentalistischen Kampfstoff erheben.

Vor diesem Hintergrund ist das Unbehagen verständlich, mit dem das Urteil der Karlsruher Verfassungsrichter zum nordrhein-westfälischen Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgenommen wird. So mancher besorgte Bürger wird darin eine erneute Bestätigung für die zunehmende Islamisierung des Abendlandes sehen.

Aber: Wer will und darf sich anmaßen, über den Glauben anderer zu urteilen? Auch Christen wehren sich dagegen, wenn das Kreuz Christi mit Hinweis auf die Kreuzzüge der Ritter oder der US-Marines pauschal als »Unrechtszeichen« bezeichnet wird und es aus der Öffentlichkeit verbannt werden soll. Und wer wünscht sich künftig ein Land, in dem eine Flugbegleiterin ihren Job verliert, weil sie ein kleines Kreuz um ihren Hals trägt? Oder in dem es einer Krankenschwester bei Strafe verboten wird, mit Patienten über ihren christlichen Glauben zu reden? All dies gibt es bereits – nicht nur in muslimischen Ländern, sondern in Europa. Nein, Religion und Bekenntnis gehören in die Öffentlichkeit. Auch wenn mir der Islam höchst suspekt ist. Aber was ich als Recht für mich in Anspruch nehme, muss ich auch anderen gewähren.

Harald Krille

Er ist ganz Mensch und ist doch mehr

21. März 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

Matthäus 20, Vers 28

Wenn ich diesen Wochenspruch lese, dann bin ich tief beeindruckt. Da ist das ganze Leben des Heilands in einen Satz gepackt. Der Menschensohn-Titel lässt das Wunder der Weihnacht anklingen. Gott wird Mensch: ein Menschenkind. Der Höchste erniedrigt sich und kommt in diese Welt – zum Greifen nah, zum Begreifen. Er macht sich erkennbar und damit auch verletzlich.

Johannes Heinze, Vikar in der Luthergemeinde Halle

Johannes Heinze, Vikar in der Luthergemeinde Halle

Die Spannung zwischen dienen lassen und dienen löst er auf seine Weise. Das ganze Leben des Jesus von Nazareth auf Erden ist ein Dienst. Ein Dienst am Menschen als Arzt, als Psychologe, als Seelsorger und Prediger. Dabei wirkt es niemals sklavisch, was er tut, sondern in all seiner Würde ist er das Beispiel und Urbild für ein Gott hingegebenes Leben.

Der Lohn für diesen Dienst ist nicht von dieser Welt. Den erhält er im Reich des Vaters, denn er sitzt zur Rechten Gottes.

Diese über das Leben hinausreichende Perspektive führt uns ins Heute. Sie lässt uns ankommen in der Passionszeit. Er gibt sein Leben und weiß wofür. Trotzdem hat er Angst in Gethsemane. Trotzdem sind da diese Zweifel. Trotzdem verstummt er vor den Behörden. Trotzdem leidet er Qualen. Er ist ganz Mensch und ist doch mehr.

In dem Wort Erlösung leuchtet schon das Licht von Ostern herüber ins Jetzt. Gegen die Vorfreude, die es weckt, ist kaum etwas zu machen. Doch die beiden kleinen Wörter »für viele« streuen Bitterkeit in den ungebremsten Freudentaumel. Ist dieses Leben auch für mich gelebt, verloren und wiedergewonnen worden? Hab ich genug getan in der Nachfolge, um zu den Vielen zu gehören? Gibt es ein Maß an menschlicher Gerechtigkeit, um das zu begreifen? Müssen es denn viele, können es nicht alle sein? Und trotz aller Fragen: Die Zusage der Erlösung bliebt bestehen.

Johannes Heinze, Vikar in der Luthergemeinde Halle

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