Im Glauben verankert

28. April 2015 von redaktionguh  
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Joachim Liebig zum Begriff »Christliches Abendland«

In seinem Bericht bei der Frühjahrstagung der anhaltischen Landessynode in Köthen setzte sich Kirchenpräsident Joachim Liebig mit dem Begriff des »Christlichen Abendlandes« auseinander und warnte vor seiner Instrumentalisierung.

»Wir leben in einer Werteordnung, deren tiefe Wurzeln im christlichen Glauben verankert sind«, sagte er am 17. April in der Bachstadt. »Wenn jedoch von einer christlichen Wertegemeinschaft gesprochen wird, liegt dem ein sehr fundamentales Missverständnis zugrunde.« Die Gemeinden der Christenmenschen seien zunächst Gemeinden von gemeinsam Glaubenden, die auf Gottes Barmherzigkeit vertrauten und von der Rechtfertigung im Glauben allein durch Gott ausgehen. »Diese unfassbare Befreiung – auf die die Reformatoren vor 500 Jahren erneut hinwiesen – führt in ihrer Folge zu einer Werteorientierung, die sich in komplexen Schritten und einem weiten geschichtlichen Prozess nicht zuletzt in der Aufklärung niederschlägt.« Nur insoweit könne von einer christlich begründeten Wertegemeinschaft die Rede sein.

Kirchenpräsident Liebig. Foto: Maik Schuck

Kirchenpräsident Liebig. Foto: Maik Schuck

Mit Blick auf die Kundgebungen rechtspopulistischer Bündnisse wie »Pegida« und »Magida« sagte Liebig, dass, wer Glaube und Kirche auf ihre Funktion als Lieferanten von Werten reduziere, ihr Wesen nur zum geringeren Teil erfasse. »Wir sind dankbar, in einem Staatswesen zu leben, dessen fundamentale Werte mit unserem Glauben übereinstimmen. Gerade in Deutschland haben wir jedoch auch hinreichende Erfahrungen, welche anderen Formen von Staatlichkeit abseits aller christlichen Fundamentierung es geben kann. Wer also mit rassistischen Parolen ein christliches Abendland verteidigen will, zeigt nicht nur die eigene Ungeschichtlichkeit, sondern ebenso den eigenen Unglauben.«

In seinem Bericht ging Joachim Liebig auch auf die Schwerpunkte und Herausforderungen bei der künftigen Arbeit der Landeskirche Anhalts ein. Dazu gehörten die langfristige Personalplanung, der Umgang mit kirchlichen Immobilien sowie mit dem Finanzausgleich der EKD und eine eingehende Beschreibungen von Aufgaben in den Gemeinden, Diensten und Werken. Der Verkauf oder die Stilllegung von Kirchen stünden nicht zur Disposition. Auf dem Land müsse jedoch stärker über die Abgabe etwa von nicht genutzten Pfarrhäusern nachgedacht werden. Jedoch: »Zentral sind und bleiben die Menschen, die sich dem Auftrag Jesu Christi verpflichtet fühlen und aus eigenem Glauben heraus an allen Stellen arbeiten.«

Die Herausforderungen für die Mitarbeitenden der Kirche seien angesichts von demografischem Wandel, Umstrukturierung und Rückgang von Kirchenmitgliederzahlen groß. Überall müsse die Nachwuchsgewinnung einen größeren Stellenwert erhalten. Das Interesse von Studierenden aus Anhalt am Pfarrberuf stimme ihn jedoch optimistisch.

(ast)

Gläserner Willkommensgruß

28. April 2015 von redaktionguh  
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Magdeburg: Paulusgemeinde stellt Kirchen-Anbau in Dienst

Die Grassamen rings um die ehemalige Baustelle hatten noch nicht einmal zu keimen begonnen, als die Magdeburger Paulusgemeinde am vorigen Sonntag das neu errichtete Foyer auf der Westseite ihrer Kirche eröffnete. Einen Segen für alle, die in und durch das Foyer gehen, »die den Weg in unsere Kirche suchen«, sprach der ordinierte Gemeindepädagoge Björn Friebel. Damit brachte er theologisch auf den Punkt, was Regina Mittendorf als Vorsitzende des Gemeindekirchenrates so formuliert: »Wir möchten mit dem gläsernen Foyer neben der Pauluskirche, die als Veranstaltungsort weithin bekannt ist, für all jene die Hemmschwelle senken, die sich nicht in eine Kirche trauen.« Die ersten kamen gleich am Nachmittag zu Lutherliedern mit Blechbläsern und Jazzpiano. Die geistige Saat des zehn Jahre reifenden Planes, die Pauluskirche zu erweitern, begann sofort aufzugehen.

Festtag nach zehnjähriger Überlegung und Planung: Am Eröffnungstag füllten viele Besucher den neuen Anbau an der gut 100-jährigen Pauluskirche. Foto: Viktoria Kühne

Festtag nach zehnjähriger Überlegung und Planung: Am Eröffnungstag füllten viele Besucher den neuen Anbau an der gut 100-jährigen Pauluskirche. Foto: Viktoria Kühne

Zunächst war die Idee, die gut 100-jährige Kirche zu erweitern, der reinen Zweckmäßigkeit geschuldet: Es gab nicht genug Toiletten. Der langjährige Gemeindepfarrer Michael Bartels, seit Kurzem im Ruhestand, aber hatte mehr im Sinn. Er wünschte sich Raum für Begegnungen. Die Pläne wurden immer wieder in der Paulusgemeinde mit ihren 2 500 Mitgliedern diskutiert. Letztlich trugen und finanzierten nicht nur die ebenfalls zum Kirchspiel gehörenden Laurentius- und Matthäusgemeinde mit ihren je 750 Mitgliedern das 370 000 Euro teure Projekt mit, sondern auch der Kirchenkreis, sagt Sören Wilmerstaedt. Er gehört zum Gemeindekirchenrat und hat die einjährige Bauzeit mit am intensivsten durchlebt, immer im engen Kontakt mit dem Architekten Daniel Dehmel und der Bauleiterin Dorothee Dauer vom Architekturbüro Ribbert-Saalmann-Dehmel.

Diskussionen über den Nutzen des Anbaus gab es auch im Kirchenkreis, dessen Gemeinden ihn solidarisch mittragen, sagte Superintendent Stephan Hoenen und zitierte den Apostel Paulus, nicht allein auf die Hülle zu achten: »Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und Gottes Geist in euch wohnt?« Er wünsche der Gemeinde, dass sie den Raum annimmt und mehr daraus macht als nur eine Eingangshalle.

So ist es auch geplant. Spenden für Tische und Stühle sind geflossen, sodass zu Kirchencafé und Gesprächskreise hinter die gläsernen Wände eingeladen werden kann. Für den jetzigen Gemeindepfarrer Reinhard Simon, der krankheitsbedingt nur einen Brief sandte, ist der Neubau ein Zeichen des Willkommens, denn Glaube sei nicht abstrakt, sondern vor allem die Botschaft:

Du bist willkommen. »In einer Kultur der verschlossenen Türen müssen wir lernen, wieder Türen zu öffnen, muss die Gemeinde lernen, selbst durchlässig zu werden«, spielte er auf die gläserne Fassade an.

Renate Wähnelt

Schülerprojekt in Dauerausstellung

27. April 2015 von redaktionguh  
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Zu den Teilnehmern in der Erfurter Andreasstraße gehörte die 16-jährige Marah. Foto: Stiftung Ettersberg

Zu den Teilnehmern in der Erfurter Andreasstraße gehörte die 16-jährige Marah. Foto: Stiftung Ettersberg

Während der Osterferien wurde unter der künstlerischen Leitung von Constanze Fuckel (Imago-Kunstschule) das Ferienprojekt »Macht aus dem Staat Gurkensalat« in der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße durchgeführt. Schüler waren aufgerufen, sich mit Geschehnissen in Weimar vor über 30 Jahren auseinanderzusetzen und diese künstlerisch bei der Gestaltung eines Ausstellungsraumes zu verarbeiten.

Damals, 1983, zogen sechs Jugendliche durch Weimar und verzierten die Stadt mit Graffitis: »Macht aus dem Staat Gurkensalat« oder »Neue Männer braucht das Land« schrieben sie an die Hauswände. Für diese Tat verbrachten sie sechs Monate in politischer Untersuchungshaft.

Bei einem Rundgang durch die ehemalige MfS-Untersuchungshaft­anstalt und heutige Gedenkstätte sprachen die Schüler mit Holm Kirsten, einem der 1983 inhaftierten Jugendlichen, über die Graffitis. Bei der Neugestaltung der Wand für die Dauerausstellung hielten sich die Jugendlichen an die historische Vorlage.

(mkz)

Den Glauben fröhlich leben

27. April 2015 von redaktionguh  
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Dieter Lomberg ist der neue Präses der EKM-Synode

Der 54-jährige Jurist Dieter Lomberg wurde zum Präses der II. Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gewählt. Dietlind Steinhöfel sprach mit ihm am Rande der Synodentagung im Kloster Drübeck.

Herr Lomberg, zunächst herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Am Präses­amt hängen ja einige Aufgaben. Was sind die wichtigsten?
Lomberg:
Der Präses bereitet die Tagungen der Landessynode vor. Mir liegt viel daran, dass wir als gesamtes Präsidium im Team miteinander arbeiten. Die Leitung der Synodentagungen teile ich mir mit den Vizepräsides Steffen Herbst und Dorit Lau-Stöber.

Hinzu kommt für Steffen Herbst und mich die Arbeit im Rechts- und Verfassungsausschuss. Wir sind ja beide Juristen.

Das Präsidium der II. Landessynode: Steffen Herbst, Vizepräses; Pfarrerin Dorit Lau-Stöber, zweite Stellvertreterin; Schriftführerin Julia Braband, Jugenddelegierte; Dieter Lomberg, Präses (von links). Fotos (2): Frank Drechsler

Das Präsidium der II. Landessynode: Steffen Herbst, Vizepräses; Pfarrerin Dorit Lau-Stöber, zweite Stellvertreterin; Schriftführerin Julia Braband, Jugenddelegierte; Dieter Lomberg, Präses (von links). Fotos (2): Frank Drechsler

Ein anderer Schwerpunkt ist die Arbeit im Landeskirchenrat in Erfurt. Der Präses der Landessynode ist in diesem Gremium geborenes Mitglied. Von meinem Wohnort Glindenberg, nördlich von Magdeburg, ist das schon ein Stück Weg. Im Landeskirchenrat werden wichtige Entscheidungen vorbereitet, daran will ich gern mitwirken. Weiter organisieren wir jährliche Treffen der Präsides der Kreissynoden unserer Kirche. Dieser Austausch ist für alle wichtig. Zudem nehmen wir vom Präsidium von dort manches für die Landessynode mit, was die Gemeinden an der Basis bewegt.

Hinzu kommt eine gewisse Präsenzpflicht bei offiziellen Anlässen oder wenn wir zum Beispiel von Partnerkirchen eingeladen werden.

Welche Pflöcke würden Sie für die EKM gern einschlagen?
Lomberg:
Die erste Synode, der ich als Nachrücker bereits einige Zeit angehörte, hat mit ihrem Thema »Gemeinde unterwegs« an der Zukunftsausrichtung unserer Kirche gearbeitet. Das wollen wir weiterentwickeln. Eine griffige Zielbeschreibung wird zur Synode im Herbst vorgeschlagen. Ich möchte sehr unterstützen – auch in meinem eigenen Umfeld – dass Gemeinden Neues ausprobieren, experimentieren und den Mut haben, auch Fehler zu machen. Ein Scheitern darf niemandem vorgeworfen werden. Aus Scheitern zieht man Schlüsse – und in einer anderen Situation kann durchaus ein Organisationsmodell funktionieren, was woanders nicht gepasst hat.

Ein großes Thema ist für mich das Ehrenamt. Ich möchte mitwirken, dass sich Ehrenamtliche gleichberechtigt einbringen können. Sie leisten enorm viel für unsere Kirche. Bei der Evaluierung des Finanzgesetzes haben auch sie wichtige Punkte benannt und durch ihre Erfahrungen auf Veränderungen hingewirkt.

Finden Sie sich damit ab, wenn immer davon geredet wird, dass die Gemeindegliederzahlen abnehmen? Was halten Sie vom Stichwort Mission?
Lomberg:
Natürlich dürfen wir nicht bei einer resignativen Aussage stehenbleiben. Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, wir wollten lediglich Kirchensteuerzahler gewinnen. Vielmehr wollen wir für die Menschen da sein und sie für die Frohe Botschaft gewinnen. Menschen sollen spüren: Hier finde ich etwas, wonach ich suche, einen Sinn für mein Leben. Damit das gelingt, müssen wir Gemeindeglieder befähigen, fröhlich über ihren Glauben zu reden. Wenn wir freundlich miteinander umgehen, authentisch unser Christsein leben, es begeisternd »rüberbringen«, ist das ein positives Signal in unser Umfeld. Es geht um Wertschätzung der anderen, um Offenheit. Dazu brauchen wir manchmal einen längeren Atem.

Wie steht Ihre Familie zu Ihrem kirchlichen Engagement?
Lomberg:
Ich bin verheiratet und habe einen zweijährigen Sohn. Meine Frau und ich versuchen, uns die Erziehung und den Haushalt zu teilen, obwohl sie zugegeben mehr Zeit einsetzt. Ich bin ja doch oft unterwegs. Das bleibt als Präses der Kreissynode von Haldensleben-Wolmirstedt, als Lektor und Mitglied im Gemeindekirchenrat nicht aus. Da kommen allerhand Sitzungen und andere Pflichten zusammen. Aber ich beginne sehr früh mit meinem Dienst im Sozialministerium von Sachsen-Anhalt. Deshalb stehe ich am Nachmittag meinem Sohn zur Verfügung. Und hin und wieder bleibt auch etwas Zeit für andere Hobbys: Reisen, Radfahren, nur das Tauchen ist ein bisschen auf der Strecke geblieben …

Europas Schande

26. April 2015 von redaktionguh  
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Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 1 300 Toten im April. Ertrunken auf der Flucht über das Mittelmeer. Sie verließen voller Hoffnung alles. Und verloren alles. Angesichts des Sterbens müssen die Äußerungen und Entscheidungen europäischer Politiker zu Flüchtlingsfragen wie Hohn, wie das Spucken auf die nassen Gräber klingen.

Das Programm »Mare Nostrum« zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge wurde eingestellt, weil es Italien allein nicht finanzieren konnte. Der Friedensnobelpreisträger EU aber war nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wandte sich noch vor einer Woche gegen ein solches Programm, weil es den Schleppern in die Hände spiele. Es ist fast so, als würden manche Politiker am Strand stehen, mit den Fingern auf die Ertrinkenden zeigen und rufen: »Wir würden euch schon helfen, aber dann unterstützen wir die Hintermänner. Das wäre unverantwortlich. Außerdem kostet es zu viel Geld.« Ein ungeheuerlicher Zynismus. Denn Geld für Abschreckung durch die EU-Grenzagentur FRONTEX und für den Ausbau der Festung Europa ist vorhanden. Und es ist auch Europa, das in Afrika Ressourcen ausbeutet, durch billige Exporte die lokale Wirtschaft lähmt oder an Waffenexporten verdient und so für die Flüchtlingsströme mitverantwortlich ist.

Die aktuelle Katastrophe kam mit Ankündigung. Aber niemand handelte. Wenn nun gefordert wird, härter gegen Schlepper vorzugehen und wieder ein Seenot­rettungsprogramm zu starten, so ist dies zu begrüßen. Wichtiger als die Behandlug der Symptome wäre, die Ursachen vor Ort zu bekämpfen und den Menschen eine Perspektive zu geben, bevor sie zu Flüchtlingen werden. Seltsam, dass nur wenige dies fordern. Vermutlich aber werden die Worte verhallen. Bis zu den nächsten Reden nach dem nächsten versunkenen Boot.

Ein Teil unserer Werte ist längst mit den Toten untergegangen.

Stefan Körner

Neue Ich-Version in Christus

25. April 2015 von redaktionguh  
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Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

2. Korinther 5, Vers 17

Altes vergangen, neues geworden. Der Herr macht ein Update, wie bei einem Computer. Das Alte wird gelöscht, das Neue tritt an seine Stelle. Eine neue Version. Verbessert, rundum überarbeitet. Jetzt kann es losgehen, das neue Leben. Wenn ich in Christus bin dann bekommt mein Leben ein Update. Die neue Kreatur ist das Ich 2.0.

Ich kann meinen Nächsten liebevoll behandeln, Verständnis zeigen für Menschen die ich nicht mag, mich politisch und sozial engagieren. Ihnen fallen sicher noch viele andere Sachen ein.

Martin Weber, Vikar in Jena

Martin Weber, Vikar in Jena

Nur leider gibt es ein entscheidendes Problem in diesem spontanen Vergleich, einen Grund, warum dieser Traum vom Update nicht so richtig funktionieren mag: Wir sind keine Programme, in deren Code man schnell einen Befehl ändert und es sofort wieder rundläuft. Wir lieben und verstoßen, sind selbstlos und selbstsüchtig. Deswegen wissen Sie und ich aus eigener Erfahrung: Mit Jesus zu leben, zu glauben, zu beten, zu versuchen sich an ihm ein Beispiel zu nehmen, das befreit mich nicht vom Scheitern. Es bewahrt mich auch nicht davor, ungerecht über andere zu reden oder sie zu benachteiligen. Es bewahrt mich nicht davor, andere mit Worten und Taten zu verletzten. Nicht aus Versehen, sondern auch mutwillig. Weil ich Zorn in mir fühle oder weil ich selbst verletzt bin.

Was heißt es also, eine neue Kreatur sein? Eine Dame im Bibelgesprächskreis hat ein schönes Bild dafür gebraucht, was ich Ihnen nicht vorenthalten will: »Man geht durchs Leben und tritt doch wieder in den Schlamm und versinkt ein Stück. Dann buddelt und gräbt man, um wieder freizukommen. Mit Gottes Hilfe klappt das auch oft.«

Eine neue Kreatur sein, das heißt für mich zu merken, wo ich feststecke. Zu versuchen, etwas zu ändern. Eingestehen, wo ich trotzdem nicht weiterkomme. Auf die Hand zu hoffen, die mich aus dem Schlamm herauszieht. Denn der Wochenspruch kann auch von der anderen Perspektive gelesen werden: »Ist Christus in jemandem, so ist dieser eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen«.

Martin Weber, Vikar in Jena

Den Auftrag vor Augen haben

23. April 2015 von redaktionguh  
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Landessynode: Vom 16. bis 18. April tagte die Landessynode der EKM im Kloster Drübeck

Die neue Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland scheute sich nicht, von Anfang an Tacheles zu reden.

Neben einem Wahlmarathon stand ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung der ersten Zusammenkunft der II. Landessynode der EKM: die Veränderungen im Finanzgesetz. Finanzdezernent Stefan Große erläuterte die Änderungen am vergangenen Freitag vor der Synode in Drübeck. Die anschließende Aussprache zeigte, dass die neuen Synodalen kein Blatt vor den Mund nehmen und die Probleme am Schopfe packen.

Zur konstituierenden Tagung der II. Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein Wahlmarathon zu bewältigen. Foto: Frank Drechsler

Zur konstituierenden Tagung der II. Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein Wahlmarathon zu bewältigen. Foto: Frank Drechsler

Die Überprüfung des Finanzgesetzes der EKM, zu dem sich Kirchengemeinden, -kreise und Gremien vom 1. April bis 30. Juni 2014 in einem Stellungnahmeverfahren äußern konnten, ist abgeschlossen und zahlreiche Vorschläge sind aufgenommen. Am 1. Januar 2016 soll es in Kraft treten.

Zuerst die gute Nachricht: Die derzeit hohen Kirchensteuereinnahmen verschaffen der Landeskirche Luft. Die Erhöhung der Gemeindegliederzahlen pro Pfarrstelle von 1 200 auf 1 350 kann dadurch bis einschließlich 2018 aufgeschoben werden. Geplant war die Umsetzung schon ab nächstem Jahr. Die drei Jahre können jedoch kein Ruhekissen sein, sondern müssen für ein Umdenken und Suchen nach neuen Wegen genutzt werden. Darin waren sich die Synodalen und die Vertreter der Kirchenleitung einig. Denn 2019 stehe noch mal eine Kürzung um 75 Pfarrstellen an, wenn die Kirchenmitgliederzahl weiter sinkt. Die demografische Situation und die Abwanderung aus den Regionen legen dies nahe.

Der Synodale Ulrich Neundorf mahnte eine ehrliche Debatte an. »Was hindert uns daran, über eine ›Perspektive 2030‹ nachzudenken, ohne gleich ein Gesetz verabschieden zu müssen.« Ihn wie auch andere Synodale bedrückte, dass »Städte begünstigt werden und Druck auf die kleineren Kirchenkreise ausgeübt wird, sich zusammenschließen«.

Darüber müsse man langfristig reden und nicht scheibchenweise drehen. Volker Wilde kritisierte: »Mir fehlen die Visionen. Wir schrauben nur innerhalb unseres Systems. Wir müssen Mut haben, den Problemen ins Auge zu sehen.« Und Ernst-Ulrich Wachter fragte: »Schrumpfen die da oben genauso wie wir?« Für die klaren Worte bedankte sich Stefan Große ausdrücklich. Er unterstrich, dass die Finanzierung der kirchlichen Arbeit mit dem Finanzgesetz und den aus der Erfahrung gewachsenen Änderungen des Gesetzes auf einem guten Weg sind. So wird zukünftig zum Beispiel beim Kreis­anteil für allgemeine Aufgaben nicht nur die Zahl der Einwohner, sondern auch die der Gemeindeglieder berücksichtigt. Man müsse jedoch langfristig denken, so Große.

Dass das Problem nicht nur am fehlenden Geld liegt, machte der Synodale Wilfried Kästel deutlich. »Die Kirche hat kein Finanzproblem, sondern ein Glaubensproblem«, zitierte er den derzeitigen Leiter der Finanzabteilung der EKD, Thomas Begrich.

Angesichts der munteren Debatte kann man mit einer sehr kreativen Arbeit der II. Landessynode rechnen. Das macht Hoffnung, wie von Synodalen und kirchenleitenden Vertretern zu hören war. Landesbischöfin Ilse Junkermann brachte es auf den Punkt: »Ich bin sehr froh über die Diskussion. Wir können nicht nach dem bisherigen Vorgehen einfach weiter abbauen, sondern wir müssen umbauen. Aber wir haben keine Patentrezepte.« Mit Blick auf die große Belastung der Mitarbeitenden sagte sie: »Alle sind erschöpft, aber wir sollen das Frohmachende verkündigen! Wir haben einen Auftrag in der Welt. Meine Sorge ist, dass wir durch die Sorge um uns selbst diesen Auftrag nicht mehr sehen.«

Dietlind Steinhöfel

Alle Dokumente unter: www.ekmd.de

Der Dreiklang des Lebens

21. April 2015 von redaktionguh  
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Christ und Politik: Die Theologin Christine Lieberknecht bekleidete 25 Jahre Spitzenpositionen in der Politik

Christine Lieberknecht (56) ist evangelische Theologin. Seit der Wende ist sie für die Thüringer CDU politisch aktiv, hat 1989 den »Brief aus Weimar« mit verfasst, der Reformen in der Ost-CDU forderte, und war seit 1990 in leitenden politischen Funktionen: Ministerin, Landtagspräsidentin, Ministerpräsidentin.

Mit ihr sprach Harald Krille.

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

In guter Gesellschaft: Die Bildergalerie der Thüringer Landtagspräsidenten, vor der Christine Lieberknecht steht, zeigt evangelische Christen: Gottfried Müller, Frank-Michael Pietzsch, Christine Lieberknecht, Dagmar Schipanski (v. l.). Foto: Harald Krille

Frau Lieberknecht, seit der Bildung der rot-rot-grünen Regierung in Thüringen sind Sie sozusagen wieder normale Landtagsabgeordnete. Wie geht es Ihnen damit?

Lieberknecht: Ich finde die neue Situation durchaus spannend. An der Spitze eines Landes zu stehen, lässt sich mit Spitzensport vergleichen. Ein Spitzensportler kann auch nicht von heute auf morgen seine Leistung von 100 auf Null runterfahren. Ich habe jetzt die Gelegenheit, mit dem Landtagsmandat und einer ganzen Reihe von Ehrenämtern, die ich nach wie vor wahrnehme, so etwas zu tun wie abtrainieren. Neudeutsch spricht man in den Sozialwissenschaften von »downshiften«.

Das klingt sehr entspannt – es gibt also auch Vorteile, wenn man nicht mehr so viel Verantwortung trägt?

Lieberknecht: Jede Medaille hat zwei Seiten. Politische Spitzenämter geben einem natürlich viele Bühnen. Man steht im Rampenlicht mit allen Vorteilen, aber natürlich auch mit allen Nachteilen. Von daher ist das Leben jetzt deutlich ruhiger geworden. Auf der anderen Seite muss man sich jeden Termin selbst erarbeiten, für Vorträge selbst recherchieren. Da macht man verblüffende Erfahrungen. Für ein Impulsreferat zur Situation von Frauen suchte ich nach einigen Überblicksdaten, schlage das Statistische Jahrbuch für Thüringen auf und stelle fest, dass beispielsweise der Begriff Armut auf 680 Seiten nicht vorkommt. Dabei hätte mich die Armutsquote im Land sehr interessiert. So etwas hätte ich als Ministerpräsidentin nie bemerkt.

Und außerdem: Thüringen ist voller Überraschungen. Da vergeht kein Tag, ohne dass ich eine neue Entdeckung mache. Heute besuche ich noch die Galerie und Bilderrahmenwerkstatt Bethge hier in Erfurt. Und sicher hat die Galerie Bilder von Thüringer Künstlern, die ich noch nicht kenne.

Dennoch: Die CDU ist bei der Wahl 2014 unter Ihrer Führung die stärkste Fraktion im Landtag geworden, sogar mit deutlichen Stimmenzuwächsen. Am Ende aber wurde sie durch Rot-Rot-Grün rausgekegelt. Empfindet man das nicht als Niederlage?

Lieberknecht: Natürlich war es am Ende eine Enttäuschung. Der Wählerwille hat eindeutig der CDU die Präferenz gegeben. Wir haben 75 Prozent aller Wahlkreise vor Ort gewonnen. Nicht ein einziges Mitglied der jetzigen Landesregierung hat in seinem Wahlkreis vor den Wählern bestanden! Aber wir haben ein Wahlsystem, in dem sich Wahlverlierer auch gegen den Wahlgewinner zusammenschließen können. Das hat es in der bundesdeutschen Demokratiegeschichte immer schon gegeben. Für Thüringen ist diese Situation neu.

Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zur Partei Die Linke bezeichnen?

Lieberknecht: Ich nehme die Partei Die Linke bei ihrem Programm: Darin vertritt sie nach wie vor eine Veränderung unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates, unseres Grundgesetzes. Also eine Umwälzung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, so wie es den klassischen Lehren des Marxismus-Leninismus entspricht. Zu diesen Lehren gehört auch Lenins Unterscheidung zwischen Strategie und Taktik im politischen Kampf. Die Taktik diktiert derzeit einen Kurs auf samtenen Pfoten. Aber das Endziel bleibt unverändert.

Ihr Nachfolger Bodo Ramelow von der Linken ist bekennender Christ wie Sie selbst …

Lieberknecht: Was ich gerade gesagt habe, habe ich über die Partei gesagt. Nicht über Personen! Da unterscheide ich deutlich zwischen Partei und Personen.

Deswegen jetzt die Frage nach der Person – Ramelow und Sie sind ja kirchlich gesprochen Bruder und Schwester im Glauben …

Lieberknecht: Die Situation ist ja nicht neu. Ganz offenkundig war das, als wir gemeinsam in der jeweils gleichen Funktion als Fraktionsvorsitzende unserer Parteien unmittelbare Kontrahenten im Landtag waren. Da habe ich die Erfahrung gemacht, wir können hart in der Sache miteinander ringen. Aber man kann diese Auseinandersetzungen mit Anstand und mit allem Respekt vor der jeweiligen Person führen. An dieser Erfahrung hat sich nichts geändert.

Donnerstags zum Beginn einer Sitzungswoche gibt es eine ökumenische Andacht im Andachtsraum des Landtages. Da sitzen Sie mit Bodo Ramelow zusammen und beten gemeinsam?

Lieberknecht: Ja, da beten wir gemeinsam. Wissen Sie, ich habe einen Dreiklang in meinem Leben: Zuallererst bin ich Christin. Als Christin bin ich Demokratin. Und als Demokratin bin ich Christdemokratin. Das heißt, die Politik war für mich nie das Entscheidende über allen Dingen, sondern war immer eingebettet in mein Leben als Christ. Als Christin gehe ich zu den Andachten. Und als Christin, der es Ernst ist mit dem christlichen Glauben, sage ich, dass diese Andachten nicht ohne Wirkung sind. Wer gemeinsam betet, wer gemeinsam lobpreist, wer gemeinsam auf Gottes Wort hört, der geht dann auch im Alltag anders mit­einander um. Deshalb habe ich übrigens damals als Landtagspräsidentin dafür gesorgt, dass es diesen Andachtsraum gibt. Der war nämlich ursprünglich gar nicht vorgesehen.

Haben Sie sich in Ihrer Amtsführung eigentlich von den Kirchen unterstützt gefühlt oder eher Gegenwind verspürt? Bei etlichen politischen Themen haben die Kirchen ja durchaus andere Meinungen als die CDU.

Lieberknecht: Ich sehe das sehr differenziert. Nicht jede Pressemeldung aus den Landeskirchenämtern oder von kirchlichen Verbänden entspricht dem, was tatsächlich von verantwortlichen Christen in kirchenleitenden Positionen oder von den Menschen an der Basis der Gemeinden gesagt und gedacht wird. Besonders schwierig finde ich es, wenn in bestimmten Fragen von einer Partei mit dem »C« im Namen mehr »Christlichkeit« erwartet wird, als sie hier und da von den Kirchen selbst geboten wird. Ich bin beispielsweise nach wie vor jemand, der konsequent für den Schutz des ungeborenen Lebens steht. Mehr als 100?000 Abtreibungen in einem so reichen Land wie Deutschland werde ich nie mit meinem Gewissen vereinbaren können. So klare Worte höre ich von meiner evangelischen Kirche selten.

Generell sind Sie ja in Ihrer Familienpolitik, Stichwort Elterngeld, von den Kirchen nicht gerade unterstützt worden.

Lieberknecht: Die katholische Kirche hat uns sehr unterstützt und tut es auch jetzt. Zurecht. Gerade für die Zukunft des Glaubens oder der christlichen Tradition kann der Stellenwert von Familie gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das heißt überhaupt nicht, den wertvollen Beitrag von kirchlichen Kindergärten in Abrede zu stellen. Aber das Erziehungsgeld wird gezahlt für einjährige Kinder. Bei allem Bildungsenthusiasmus – Bildung ist nicht möglich ohne Bindung. Und es gibt kaum einen Ort, wo Kinder in einem solch zarten Alter mehr Empathie erleben als im Elternhaus, bei ihren Eltern und unter Geschwistern.

Diese Haltung ist selbst in Ihrer eigenen Partei durchaus nicht mehr allgemeiner Konsens.

Lieberknecht: In Thüringen ist es Konsens. Bei der CDU auf Bundesebene habe ich mich innerhalb der Zukunftskommission für die Arbeitsgruppe Familienpolitik gemeldet. Dort will ich meine Erfahrung für den hohen Stellenwert von Familie einbringen mit zwei eigenen Kindern, fünf Enkeln.

Deutet das Engagement in der Zukunftskommission auf Ambitionen in Richtung Bundespolitik hin?

Lieberknecht: Nein. Das kommt für mich überhaupt nicht in Betracht. Ich hab ein Direktmandat im Thüringer Landtag. Das ist eine schöne Basis, um in Thüringen und für Thüringen weiterzuarbeiten.

Szene einer Kindheit

20. April 2015 von redaktionguh  
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Mansfeld: Beim Fest »Luthers Einschulung« wurden neue Kirchenfenster eingeweiht

Am vergangenen Sonnabend sah die Grafenloge in der Mansfelder Kirche St. Georg viele Besucher. Nach dem Gottesdienst zum Fest »Luthers Einschulung« rückten sie an, um die beiden neuen, gerade in den Dienst der Gemeinde gestellten Fenster dort aus der Nähe anzusehen. Die Motive sind Stadtgeschichte, eines bezieht sich auf Martin Luther: Nicolas Oemler trägt 1488 den kleinen Martin auf seinen Schultern in die von ihm so gefürchtete Schule. Im Hintergrund ist die feste Grafenburg zu sehen. Das zweite Bild zeigt Mansfelder Persönlichkeiten: den Naturforscher Franz Wilhelm Junghuhn (1809–1864), die Diakonisse Berta Israel, die von 1952 bis 1977 in der Stadt wirkte, und den Pfarrer und Chronisten Cyriakus Spangenberg (1528–1604), der 1562 die Mansfelder Luthermemoria initiierte. Der Künstler Julian Plodek (Leipzig) gestaltete sie in einem speziellen Rasterverfahren. Von Thomas Kuzio (Sommersdorf) stammen die beiden abstrakten, farbigen Fenster im Altarraum der Kirche.

Mädchen und Jungen der Evangelischen Grundschule Hettstedt gestaltetet den Gottesdienst zu »Luthers Einschulung« mit einem Anspiel aus.Foto: Karsten Georgi

Mädchen und Jungen der Evangelischen Grundschule Hettstedt gestaltetet den Gottesdienst zu »Luthers Einschulung« mit einem Anspiel aus.Foto: Karsten Georgi

Seit 2004 wird in Mansfeld an den ersten Schultag Martin Luthers im Frühjahr 1488 erinnert. Die Kirchengemeinde und Partner richten das Fest aus. Neben Bühnenprogramm und Markttreiben gehören viele Angebote für Kinder dazu. Pfarrer Matthias Paul dankte allen, die über Monate an den Vorbereitungen beteiligt waren, aber nicht auf der Bühne stehen. Auch sie hätten wie die Künstler mit dazu beigetragen, dass Mansfeld allmählich aus dem Schlaf erwacht. Der Superintendent des Kirchenkreises Eisleben-Sömmerda, Andreas Berger, meinte, dass der junge Luther nicht habe ahnen können, wie prägend er später für die Schulen in Deutschland werden sollte. Berger nutzte die Gelegenheit, im Juni zu einem Schülerkirchentag nach Mansfeld einzuladen.

Die Predigerin im Gottesdienst am 11. April war die Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann. Sie gratulierte der Kirchengemeinde zu den neuen Kunstwerken, von denen sie besonders das Fenster mit Martin und Nicolas berühre. »Es geht darum, dass Menschen uns tragen und begleiten im Leben. So kann Vertrauen wachsen statt Angst.« Wer einmal erlebt habe, dass andere großzügig mit einem umgehen, könne auch selber großzügig sein. Eine solche Erfahrung mache frei. »Ich muss mich gar nicht so sehr darum scheren, was andere von mir denken! Ich kann mich Gott anvertrauen. Gott weiß, wer ich bin.«

Angela Stoye

Segen mit und ohne Bekenntnis

20. April 2015 von redaktionguh  
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Kasualien: Die Zahl der Konfirmanden stagniert auf niedrigem Niveau

Religiöse Jugendfeiern füllen eine Nische, polarisieren und fordern die Kirche in ihrem Selbstverständnis heraus.

Emilia Handke ist selbst überrascht: In den neuen Bundesländern nehmen rund 35 Prozent der 14-Jährigen an einer Jugendweihe teil, 14 Prozent lassen sich konfirmieren und 3 Prozent firmen. Der große Rest, fast 50 Prozent, macht schlicht und ergreifend: nichts. So zumindest legen es die Daten aus dem Jahr 2010 aus Handkes Forschung nahe. Ehemals öffentliche Feiern scheinen ins Private abzuwandern. Aber nicht nur.

Handke ist Promovendin an der Forschungsstelle Religiöse Kommunikations- und Lernprozesse an der Theologischen Fakultät der Uni Halle. Sie forscht zu einem Phänomen, das, seit es 1998 als Feier der Lebenswende in Erfurt zum ersten Mal praktiziert wurde, längst seinen Exotenstatus abgelegt hat. »Ich untersuche ein religiöses Ritual, das die Kirche neben ihren eigenen Ritualen wie Konfirmation für konfessionslose Jugendliche anbietet bzw. mitträgt: die religiösen Jugend- oder Segensfeiern«, erklärt sie. So gebe es in Ostdeutschland derzeit rund 30 Ini­tiativen mit ähnlichen Ritualen. Zwar nutzen dieses Jahr in Ostdeutschland nur rund 1000 Jugendliche dieses Angebot – das entspricht etwa einem Prozent der 14-Jährigen. Aber regional ist das Modell erfolgreich. Zum Beispiel in Halle. Dort übersteigt die Zahl der Jugendlichen, die an der – kirchlich verantworteten – Feier der Lebenswende teilnehmen, die Zahl der Konfirmanden um gut das Dreifache.

Foto: epd-bild/Jens Schulze

Foto: epd-bild/Jens Schulze

Ein Thema, das innerkirchlich polarisiert. Vor allem, wenn man auf die Konfirmationszahlen (Stand: 2013) schaut. So kommen im Propstsprengel Stendal-Magdeburg auf 1000 Gemeindeglieder rund sechs Konfirmationen. Wenig anders sieht es in den anderen Regionen (Halle-Wittenberg: 4,6; Gera-Weimar: 6,6; Eisenach-Erfurt: 6,2; Meiningen-Suhl: 4,8) der EKM aus. Ein typisch ostdeutsches Phänomen. So entfallen in den neuen Bundesländern auf 1000 Gemeindeglieder rund 5,7, im Westen 10,5 Konfirmanden.

Emilia Handke ist bei der Interpretation der Zahlen vorsichtig. Doch zumindest den Konfirmandenzahlen attestiert sie eine relative Stabilität. »Es gibt eine bestimmte Anzahl an Familien, in denen die Kinder religiös sozialisiert werden. Diese Jugendlichen gehen mit ziemlicher Sicherheit auch zur Konfirmation«, erklärt sie, schickt aber gleich eine Überlegung nach. »Was passiert, wenn dieses Milieu wegbricht oder noch kleiner wird?«

Eine Alternative könnten religiöse Jugendfeiern sein, die sich meist im Umfeld evangelischer Schulen etablieren. Sie kommen dem Bedürfnis konfessionsloser Eltern und Jugendlicher nach, die, wie Handke feststellte, oft interessiert an religiösen Themen sind. Vor allem in Phasen des biografischen Umbruchs und Übergangs. »Für Eltern scheint es eine angemessene Form zu sein, wie sie sich weltanschaulich positionieren wollen: Sie haben mit der Kirche nicht mehr so viel zu tun, die familiäre Entfremdung von Kirche hat über die DDR-Zeit hinweg Wirkung gezeigt, aber sie sind nicht gegen sie eingestellt, sondern sehen in den Segensfeiern eine Möglichkeit für sich, an Religion zu partizipieren«, versucht Emilia Handke die Faszination für religiöse Jugendfeiern zu deuten.

Doch stellen diese Angebote für Konfessionslose nicht die herkömmlichen Rituale infrage? Weil die Segensfeiern nicht an Taufe und Bekenntnis gebunden, also unverbindlicher, sind? »Diese Feiern kitzeln in besonderer Weise Fragen des kirchlichen Selbstverständnisses heraus«, meint Handke. Die religiösen Jugendfeiern aber, so zeigen ihre Untersuchungen, stellen keine Alternative zur Konfirmation dar: »Die Familien, die solche Segensfeiern in Anspruch nehmen, kämen aufgrund ihrer Kirchenferne eigentlich gar nicht auf die Idee, zur Konfirmation zu gehen.« Für eine deutlichere Positionierung fehlen jedoch die Daten. So ist noch nicht geklärt, wie sich die Segensfeiern langfristig auswirken. Eine Beobachtung hat Emilia Handke schon gemacht: Durch die alternativen Angebote wird die Kirche als ein vertrauensvolles Gegenüber überhaupt wieder ernst- und wahrgenommen.

Besteht aber nicht die Gefahr, dass hier Jugendliche zwar nicht aus der Kirche herauskonfirmiert, aber zumindest an ihr vorbei gesegnet werden? Nein, glaubt Handke. Denn alle, die sich in diesem Feld engagieren, seien bemüht, den Kontakt zur Kirchengemeinde herzustellen. Ob und wie das gelingen kann, muss die Zukunft zeigen. Und die liegt aus Sicht Emilia Handkes in einem Nebeneinander von fortwährend aktualisierten alten und zu entwickelnden neuen Ritualen. Der Wege in die Zukunft der Kirche sind es viele.

Stefan Körner

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