Europas Schande

26. April 2015 von redaktionguh  
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Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 1 300 Toten im April. Ertrunken auf der Flucht über das Mittelmeer. Sie verließen voller Hoffnung alles. Und verloren alles. Angesichts des Sterbens müssen die Äußerungen und Entscheidungen europäischer Politiker zu Flüchtlingsfragen wie Hohn, wie das Spucken auf die nassen Gräber klingen.

Das Programm »Mare Nostrum« zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge wurde eingestellt, weil es Italien allein nicht finanzieren konnte. Der Friedensnobelpreisträger EU aber war nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wandte sich noch vor einer Woche gegen ein solches Programm, weil es den Schleppern in die Hände spiele. Es ist fast so, als würden manche Politiker am Strand stehen, mit den Fingern auf die Ertrinkenden zeigen und rufen: »Wir würden euch schon helfen, aber dann unterstützen wir die Hintermänner. Das wäre unverantwortlich. Außerdem kostet es zu viel Geld.« Ein ungeheuerlicher Zynismus. Denn Geld für Abschreckung durch die EU-Grenzagentur FRONTEX und für den Ausbau der Festung Europa ist vorhanden. Und es ist auch Europa, das in Afrika Ressourcen ausbeutet, durch billige Exporte die lokale Wirtschaft lähmt oder an Waffenexporten verdient und so für die Flüchtlingsströme mitverantwortlich ist.

Die aktuelle Katastrophe kam mit Ankündigung. Aber niemand handelte. Wenn nun gefordert wird, härter gegen Schlepper vorzugehen und wieder ein Seenot­rettungsprogramm zu starten, so ist dies zu begrüßen. Wichtiger als die Behandlug der Symptome wäre, die Ursachen vor Ort zu bekämpfen und den Menschen eine Perspektive zu geben, bevor sie zu Flüchtlingen werden. Seltsam, dass nur wenige dies fordern. Vermutlich aber werden die Worte verhallen. Bis zu den nächsten Reden nach dem nächsten versunkenen Boot.

Ein Teil unserer Werte ist längst mit den Toten untergegangen.

Stefan Körner

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