Was, bitte, war das denn?

30. Mai 2015 von redaktionguh  
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Am Sonnabend vor Pfingsten sitzt halb Deutschland vor dem Fernseher, um den Eurovision Song Contest (ESC) zu schauen. Kurz bevor es losgeht, gibt es noch eine Unterbrechung: Von der Show-Bühne an der Reeperbahn spricht der katholische Fernsehpfarrer aus Essen, Gereon Alter, das »Wort zum Sonntag«.

Aber was, bitte, ist denn das? Gereon Alter verliert sich in Allgemeinplätzen darüber, dass ein Mensch auch Fehler machen darf: Sprachfehler der Moderatorin Barbara Schöneberger; ein Satz zu Andreas Kümmert, der im nationalen Finale des ESC auf sein Ticket für Wien verzichtete. Und weiter? Nichts. Was in der Predigt von Gereon Alter völlig fehlt, ist der Bezug zum christlichen Glauben. Er zitiert nur einen koreanischen Videokünstler: »When too perfect, liebe Gott böse.« Scheinbar hat Gereon Alter so viel Angst vor der perfekten Predigt, dass er gar nicht in die Versuchung kommt, eine solche abzuliefern. Kein Wort von Gott, Jesus Christus, der Bibel, dem bevorstehenden Pfingstfest.

Anknüpfungspunkte hätte es genug gegeben. Er verzichtet darauf, sie zu nennen und sich jenseits der Einblendung »Pfarrer Gereon Alter« als Christenmensch zu erkennen zu geben. Die besonders Spitzfindigen könnten nun sagen, dass er in seiner Predigt immerhin christliche Werte vermittelt habe. Mag sein, aber er hat in keiner Weise deutlich gemacht, dass es sich dabei um christliche Werte handelt. Oder dass Alter die Zuschauer in ihrer Lebenswelt abholen wollte. Mag sein, aber Abholen hat immer auch etwas mit einer Bewegung zu tun. Man trifft sich irgendwo und geht dann gemeinsam ein Stück weiter. Doch der Prediger ist mit seinen Zuschauern dort stehengeblieben, wo sie waren –
im seichten Vorprogramm des ESC auf der Reeperbahn in Hamburg.

Wenn das »Wort zum Sonntag« eine Steilvorlage wie die Präsenz im Vorprogramm des ESC nicht mehr nutzen kann, um die christliche Botschaft zu verkündigen, verspielt es sein Existenzrecht.

Benjamin Lassiwe

In Schwäche heil und heilig sein

29. Mai 2015 von redaktionguh  
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Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
Jesaja 6, Vers 3

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.« So singen die Engel in Gottes Thronsaal. Ja, heilig ist Gott. Und wer heilig ist, ist irgendwie anders. Heilige gelten als unantastbar und unterscheiden sich von Menschen, die allgemein als normal gelten. Wer heilig ist, ist herausgehoben und steht nicht mit beiden Füßen auf der Erde. Heiligkeit hat an sich selbst genug und ist dem ewigen Himmel näher als unserem irdischen Alltag. Deshalb kann sie uns auch einschüchtern. Denn wer heilig ist, ist heil, ganz und gar makellos und braucht nichts und niemanden, um vollkommen zu sein.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Was kann man solch einem Gott geben, der schon alles hat? Wie soll eine Beziehung zu einem Gott aussehen, dessen Ehre alle Lande überflutet, frage ich mich. Ihm gegenüber muss ich mich doch klein und unzulänglich fühlen. Vor ihm bin ich doch nur ein Bruchstück meiner selbst.

»Wehe mir, ich vergehe«, spricht auch der Prophet Jesaja, nachdem er den Gesang der Engel hört. Ich kann ihn verstehen. Denn mit solch einem perfekten Gott weiß ich auch nicht richtig umzugehen. Viel einfacher wäre es doch, wenn Gott etwas weniger heilig, dafür aber menschlicher wäre, wenn Gott auch Bodenhaftung hätte und vielleicht sogar mal hier und da meine Hilfe brauchte. Dann hätte ich es einfacher, mich auch ihm anzuvertrauen und ihm nahe zu sein. Mit all meinen Stärken und Schwächen, eben so, wie ich bin.

Dass Gott genau das in Christus getan hat und uns als Mensch begegnet ist, dürfte nach über 2 000 Jahren christlicher Verkündigung zwar kein Geheimnis mehr sein. Aber ist es dadurch weniger erstaunlich? Gott kann nicht nur alles, sondern noch mehr und kommt zu uns als einer von uns. Dadurch macht er heil, was in uns kaputt ist.

Durch Brot und Wein und durch sein Wort wird er ein Teil von mir, den ich jetzt und hier schon in mir trage. Gott ist da und gibt mir Ehre. Obwohl ich klein bin und gewiss auch viele Schwächen habe, werde auch ich heil(ig) durch ihn.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Straßensammlung für Kinder- und Jugendarbeit startet mit Luther-Musical

27. Mai 2015 von redaktionguh  
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Ende Mai ist es wieder soweit, dann startet die Haus- und Straßensammlung auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und der Landeskirche Anhalts. Unter dem Motto »Nach uns die Kinder« sammeln vom 29. Mai bis 7. Juni junge und ältere Helfer Spenden für die Kinder- und Jugendarbeit. In diesem Jahr wird die Sammlung für die EKM am 29. Mai, 17 Uhr, in der Sankt-Martini-Kirche in Gröningen (Kirchenkreis Halberstadt) mit einer ganz besonderen Aktion eröffnet. Über 40 Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben in den vergangenen Monaten Musikstücke gelernt, Choreografien einstudiert, Kostüme und Bühnendekoration entworfen. Das Ergebnis ist ein Musical zum Leben von Martin Luther, das an diesem Tag seine Premiere haben wird. Die kleinen und großen Musicaldarsteller freuen sich schon heute auf zahlreiche Gäste. Zudem werden Vertreter aus Kirche und Politik erwartet, unter anderem Propst Christoph Hackbeil, Superintendentin Angelika Zädow und die Landtagsabgeordnete Frauke Weiß.

Foto: EKM

Foto: EKM

Geht’s uns zu gut?

25. Mai 2015 von redaktionguh  
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Karl Marx schrieb einst: »Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.« Nun scheint es uns gut genug zu gehen, um das »Opium«, diesen Trost, nicht mehr zu brauchen. So jedenfalls kann man eine Studie aus Münster interpretieren, die bescheinigt, dass der wachsende Wohlstand und die Individualisierung dazu führen, dass Menschen in Deutschland aus der Kirche austreten (s. Seite 2).

Interessant zu lesen, dass daran auch besondere Angebote und Anstrengungen nichts ändern. Die Kirche scheint nicht mehr wichtig, Gott hat »ausgedient«. Was die kommunistische Ideologie mit ihrer antikirchlichen Propaganda nicht geschafft hat, schaffen ein satter Bauch und Ablenkung durch vielerlei Angebote.

Dabei gibt es auch das andere: Die Kirchen sind voll nach dem Amoklauf, dem Flugzeugabsturz, dem Eisenbahnunglück … Brauchen wir Gott nur für schlechte Zeiten? Erinnern wir uns an Gebet und Segen nur im Leiden? »Ich bete manchmal vor einer Prüfung«, sagt die Schülerin, die keiner Religionsgemeinschaft angehört. »Da kann man nur beten«, seufzt die atheistische Freundin angesichts einer schwierigen Situation. Vom Dankgebet sprechen sie nicht.

Nein, es geht nicht darum, den Wohlstand und die Zufriedenheit der Menschen zu kritisieren. Die Aufgabe ist eine andere.

Gerade am Pfingstfest erinnern wir uns an die Kraft des Heiligen Geistes. Und wir müssen uns fragen: Vertrauen wir genug auf sie? Hören wir auf das Signal des Geistes Gottes, das sehr leise daherkommt in unserer lauten und bunten Welt? Eine laute Lutherdekade und andere »Events« dagegenzusetzen wird den Trend nicht stoppen. Aber vielleicht ein Glaubensleben, das etwas spüren lässt vom Heiligen Geist und zur Anziehungskraft wird. Im Alltag.

Dietlind Steinhöfel

Tradition und Moderne

24. Mai 2015 von redaktionguh  
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Magdeburg: Reformierte Gemeinde bezieht Neubau im gotischen Kirchenschiff

Endlich eine eigene Küche! Klingt profan und könnte der Stoßseufzer eines jungen Paares sein. Doch so freuen sich Mitglieder der Reformierten Gemeinde Magdeburg, die nach 40 Jahren am Pfingstmontag »nach Hause« kommt. Am 25. Mai nimmt sie mit einem Gottesdienst den Neubau im Langhaus der Wallonerkirche in Dienst.

Andreas Lindemann, Thomas Böttcher, Andreas Böttcher und Uwe Thal, alles Mitglieder des Presbyteriums der Reformierten Gemeinde, sowie Pfarrer Helge Hoffmann (von li.) freuen sich über das neue Gemeindezentrum. Foto: Viktoria Kühne

Andreas Lindemann, Thomas Böttcher, Andreas Böttcher und Uwe Thal, alles Mitglieder des Presbyteriums der Reformierten Gemeinde, sowie Pfarrer Helge Hoffmann (von li.) freuen sich über das neue Gemeindezentrum. Foto: Viktoria Kühne

Die gotische Hallenkirche des ehemaligen Augustinerklosters gehört der Reformierten Gemeinde, doch nutzte sie bislang ziemlich versteckt liegende Räume der Altstadtgemeinde auf demselben Grundstück. Gottesdienst feierten die heute etwa 150 Gemeindeglieder aus Magdeburg und Umgebung in einer kleinen gotischen Kapelle. Barrierefrei sind all die bisherigen Räume nicht, doch waren sie seinerzeit die beste Lösung. Inzwischen wünschten sich viele Gemeindeglieder andere Voraussetzungen, um sich versammeln und Gottesdienst feiern zu können, um das Café Wallonie zu genießen, ohne die Gastfreundschaft und Küche der Altstadtgemeinde in Anspruch zu nehmen. Die Idee wurde geboren, in der eigenen Kirche ein Gemeindehaus zu bauen, barrierefrei, groß genug und leicht zu finden. Steinblock-Architekten aus Magdeburg realisierten das Vorhaben mit großen Glasflächen für Ein- und Ausblicke ins Kirchenschiff.

Das Vorhaben ist sichtbarer Ausdruck der Gemeindeentwicklung. »Baubegleitend haben wir uns in einem Gemeinde-Entwicklungsprojekt verständigt, wer wir sind und sein wollen. Wir wollen nach außen wirken und sichtbar werden und zu Veranstaltungen einladen«, berichtet Pfarrer Helge Hoffmann. Der Neubau eröffne dafür neue Möglichkeiten, die gleich mit einer Festwoche ausprobiert werden.

Nachbarschaft pflegen

Deren Programm steht für die Pläne der Gemeinde. So gehört die Indienstnahme des Neubaus zum Kirchenkreisfest des Reformierten Kirchenkreises (25. 5., 11.30 Uhr). Ein Café Wallonie extra lädt am 27. Mai ein, ehe am Abend die Lautten Compagney mit »Handel with Care« im Langhaus auftritt (19.30 Uhr). Und wer sich an den schlichten, ja kargen Wänden des Gemeindehauses stört, durch dessen große Fenster allerdings die majestätische Wallonerkirche zu sehen ist, kann sich am 28. Mai von Pfarrer Martin Filitz über reformierte Kirchenräume informieren lassen (19.30 Uhr). Eine digitale Hoffrichter-Orgel steht im Saal des Gemeindehauses; hier wird Domkantor Barry Jordan am 29. Mai spielen (17 Uhr). Ein Abendmahlsgottesdienst beschließt am 31. Mai die Festwoche (11 Uhr).

Natürlich gab es Skeptiker und Gegner des Projekts. In der eigenen wie in der Altstadtgemeinde, mit der die Nutzung der Räumlichkeiten neu verhandelt werden mussten. Die meisten Kritiken sind angesichts des Neubaus verstummt. Und auch wenn die Reformierten nicht mehr die Küche mitnutzen müssen, »die Nachbarschaft pflegen wir weiter, sie entwickelt sich recht gut«, sagt Thomas Böttcher, Vorsitzender des Presbyteriums. Und meint damit sowohl die Synergieeffekte der Nachbarschaft als auch das Zwischenmenschliche.

Es gab Vorbehalte, wegen des demografischen Wandels und schwindender Bindung an die Kirche, den Neubau zu wagen, erinnern sich Pfarrer Hoffmann und Böttcher lebhaft. »Uns hat das Martinszentrum in Bernburg Mut gemacht, Neues zu wagen. Vielleicht machen wir ja auch anderen Mut«, ist Hoffmann zuversichtlich. Finanziert hat die Gemeinde das 550 000 Euro teure Vorhaben mit Hilfe der EKM aus dem Altvermögen der Kirchenprovinz, des Kirchenkreises Magdeburg und durch Spenden. »Unser Spenden-Ziel haben wir gut zur Hälfte erreicht und freuen uns über weitere Zuwendungen«, sagt Thomas Böttcher, der fast täglich auf der Baustelle war und nach dem Rechten sah.

Bereits am 17. Mai nahm die Gemeinde Abschied von ihren bisherigen Räumen. »Der Abschied von der gotischen Kapelle fällt schwer, ansonsten spüre ich in der Gemeinde keinen Abschiedsschmerz«, sagt Pfarrer Hoffmann. »Wir kommen nach Hause in unsere Kirche.«

Renate Wähnelt

Gottesdienstbeginn am 25. Mai: 14 Uhr

www.ekmd-reformiert.de

Die Saat der Begeisterung

23. Mai 2015 von redaktionguh  
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Kirchenjahr: Vom pfingstlichen Enthusiasmus der Jünger und dem Bemühen der Kirche heute

Das Fest des Heiligen Geistes spielt im gemeindlichen Bewusstsein eine eher untergeordnete Rolle.

Es ist wieder Pfingsten. Das heißt für viele Gemeinden: Wenn nicht eine Kasualie ansteht – fällt der Gottesdienstbesuch spärlich aus. Es steht ein verlängertes Wochenende an und der Frühling lockt die Leute ins Freie. Doch gerade zum Fest des Heiligen Geistes soll es um die Dynamik und Lebendigkeit der Gemeinden gehen.

Dass 50 Tage nach Ostern eine große Begeisterung über die Jünger gekommen war, ist eine schöne Erinnerung. Doch diese auf den Punkt zelebrieren zu wollen ist ein Unding. Hier liegt der tiefere Grund, warum es keine Pfingstspiele gibt. Die Christgeburt und seine Passion lassen sich nachempfinden, weshalb sich Krippen- und Passionsspiele großer Beliebtheit erfreuen. Pfingsten, die Begeisterung der Jünger, kann ich in ihrer Wirkung zur Kenntnis nehmen, aber sie in ihrer gegenwärtigen Wirkung spielen, das kann ich nicht. Ich kann sie nur leben. Ist Pfingsten also nur ein Heilig-Geist-Erinnerungsfest und die Gemeinde ein Jesu-Erbe-Förderverein? Glaube lebt vom dankbaren Erinnern, aber zu Pfingsten geht der Modus des Erinnerns am Eigentlichen vorbei. Pfingsten ist die Gegenwart der Kirche oder sie ist nicht lebendige Gemeinde.

Foto: Brian Jackson – Fotolia.com.

Foto: Brian Jackson – Fotolia.com.

Weil wir das wissen, versuchen wir dem Geist auf die Sprünge zu helfen durch Synoden- und Gemeindekirchenratsbeschlüsse, durch das Organisieren von Veranstaltungen und Kampagnen, durch Öffentlichkeitsarbeit. Da sind wir hochengagiert und oft richtig gut. Aber wenn sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt – wir schaffen es ja noch nicht mal, den Schwund an Gemeindegliedern aufzuhalten – dann stemmen wir uns mit Kreativität und Aktivitäten gegen den Trend. Nicht wenige laufen dabei heiß und brennen aus. Sieht so das Wirken des Geistes Gottes aus? Braucht er unseren Dienst bis zur Erschöpfung? Wir wissen doch: Der Geist weht, wo er will. Wir können um ihn beten, Hindernisse aus dem Weg räumen, uns für ihn offen- und bereithalten, aber machen können wir sein Wirken nicht.

Insbesondere wir Mitarbeiter stehen in der Gefahr, die Gemeinde als etwas Mechanisches zu verstehen. Hier eine Aktion, dort ein Impuls für den Gemeindeaufbau, natürlich Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und anderen Zielgruppen – und schon lebt die Gemeinde. Bereits die Worte sind verräterisch. Als ob wir es wären, die Gemeinde bauen und Gemeindeleben erarbeiten könnten. Insbesondere bei den Kasualien und in der Seelsorge können wir beobachten, dass sich auch abseits unserer Bemühungen Glaube in Menschenherzen bildet und entfaltet: Da kommt ein junges Paar, das keiner kennt, und bittet um die Taufe seines Kindes. Da kommen Kinder und Jugendliche aus atheistischem Kontext und wollen konfirmiert werden. Da möchte der Abteilungsleiter einer großen Firma wieder in die Kirche eintreten. Auch die Sensibilität dafür, dass Gottes Geist nicht allein in der Gemeinde lebt, sondern dass er als Geist des Lebens in der Schöpfung lebt und ständig Neues schafft, kann uns den Horizont öffnen. Ist womöglich auch der Atomausstieg der Bundesregierung ein Werk des Heiligen Geistes?

Pfingsten erinnert uns daran, dass wichtig ist, sich für das Wirken des Heiligen Geistes offenzuhalten. Heilig nennen wir diese Kraft, weil wir nicht über sie verfügen und sie viel größer ist, als wir denken können. Die Kirche hat keinen Vorrat an dieser Kraft. Es ist Gnade, wenn der Heilige Geist unser menschliches Tun belebt. Dazu kommt es nicht auf das jeweils Brandneue, Aktuelle und Moderne an. Freikirchliche Pfingstgemeinden bieten den permanenten Modus der Begeisterung an; doch bedingt durch die starke Betonung des persönlichen Erlebens stehen sie ungleich stärker in der Gefahr, die subjektive Begeisterung mit dem Heiligen Geist zu verwechseln. Nicht selten stehen wir Gottes Geist im Wege oder spüren nichts von ihm. Da kommt es darauf an, auszuhalten, in Treue zu dem zu stehen, was den Glauben bis hierher getragen hat, und die Gemeinde auch in bescheidenen Verhältnissen dafür zu sensibilisieren, dass Gottes Kraft anwesend ist. Wo Gemeinde ist, da ist auch Gottes Geist – oft unscheinbar, aber von Zeit zu Zeit offensichtlich. Da wird sich sein Wort selbst erklären, und die Welt wird durch seine Anwesenheit neu und heil.

Wolfram Hädicke

Der Autor ist Pfarrer in Köthen.

Ein Wind gegen den Stillstand

22. Mai 2015 von redaktionguh  
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Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.
Sacharja 4, Vers 6

Immer, wenn etwas wirklich Gutes geschehen ist, sich das Leben vieler Menschen zum Besseren gewendet hat, ist es durch den Geist geschehen! Eine steile These, mag sein, aber wer auf politische Umbrüche und Veränderungen blickt, die nachhaltig unsere Weltgemeinschaft positiv entwickelt haben, wird erkennen, dass dem immer eine geistige und nicht selten geistliche Bewegung voraus gegangen ist.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

»Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg«, wussten Mahatma Gandhi, Martin Luther King und die Menschen in Leipzig 1989. Immer, wenn etwas wirklich Gutes geschah, ist es durch den Geist geschehen. Gottes Geist? Ich mag daran glauben und auf ihn hoffen. Besonders in diesen Tagen, wo auch wieder Gewalt und Krieg gegenwärtig sind.

Heer und Kraft können beeindrucken und Spuren hinterlassen. Nicht selten aber ist das, was durch Kraft passiert, eine gewaltsame Veränderung. Es gibt immer auch Verlierer, wo sich große Mächte bewegen. Selbst im Kleinen folgt der Anstrengung nicht selten der Verlust von Energie und Lebensmut. Ich mühe mich, meinen Alltag zu bewältigen. Doch oft stelle ich fest, wie wenig tatsächlich in meiner Macht steht. Erschöpft höre ich dem Propheten Sacharja zu. »Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.« Dieses Wort tröstet mich. Ich bekomme das Gefühl, es sei an der Zeit, Gottes Geist nachzuspüren, der wie ein Wind in die kleinsten Winkel und durch alle Brüche und Ritzen weht. Gottes Geist durchdringt auch mein lückenhaftes Leben und erfüllt meine Unzulänglichkeiten. Was leer ist, wird voll, was still steht, gerät in Bewegung. Dieser frische Wind braust belebend durch unsere Welt. Zu Pfingsten gedenken wir dieses Wunders, das doch täglich in und um uns herum geschieht. Auch heute kann wieder etwas Großes oder Kleines gut werden, wo ich bereit bin, in seinem Geist das Notwendige zu tun. Geistlich sein heißt, frei und erleichtert zu werden, getragen zu werden und doch auch mitzubauen am Reich Gottes.
Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Amal und Silke helfen sich

20. Mai 2015 von redaktionguh  
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Syrische Frau arbeitet ehrenamtlich beim Diakonischen Werk in Leinefelde

»Ich heiße Amal Akeed, komme aus Syrien, wohne in Leinefelde und habe einen Deutschkurs besucht.« Am 6. September 2014 ist Frau Akeed mit ihrer Familie in Deutschland eingetroffen, in der Thüringer Stadt Leinefelde-Worbis im Landkreis Eichsfeld. Moustapha, ihr Ältester (25 Jahre), lebt in Konstanz und ist Fußballspieler, ihre Söhne Basel (22 Jahre) und Gaith (20 Jahre) waren in der Heimat Studenten, ihre Tochter Alaa (23 Jahre) ist Ingenieurin und, so lobt die Mutter, »eine gute Köchin«. Firas (10 Jahre), ihr Jüngster, geht in Leinefelde zur Schule – und es gefällt ihm dort. Sie ist ohne ihren Mann gekommen, er ist tot.

Amal Akeed aus Syrien hilft ehrenamtlich beim Diakonischen Werk Eichsfeld-Mühlhausen in Leinefelde. – Foto: Christine Bose

Amal Akeed aus Syrien hilft ehrenamtlich beim Diakonischen Werk Eichsfeld-Mühlhausen in Leinefelde. – Foto: Christine Bose

»Zu Hause gelten wir nicht als Großfamilie«, lacht Amal Akeed und vergleicht die Zahl ihrer Kinder mit denen in vielen deutschen Familien. Wenn sie beim Erzählen mal nicht weiter weiß, ihr das deutsche Wort fehlt, wechselt sie zum Englischen. In englischer Sprache und Literatur kennt sie sich aus, hat in der Hauptstadt Damaskus, einer der »bedeutendsten Städte der Welt«, an der Universität gelehrt, gab Englischunterricht für Schulkinder ab Zwölf. Die Mädchen und Jungen ab der 4. Klasse haben in Syrien zwei Englisch-Stunden pro Woche. Auch in der Luftfahrtgesellschaft Syrian Arab Airlines war sie beschäftigt, hat Dokumente übersetzt, beispielsweise für die Lufthansa: vom Englischen ins Arabische und umgekehrt. Damaskus war »very, very, very nice« (sehr, sehr, sehr schön), mit seinen wunderbaren historisch wertvollen Gebäuden, doch dann brach der Krieg aus … Plötzlich laufen Tränen über ihre Wangen.

Migrationsberaterin Silke Windolph vom Diakonischen Werk Eichsfeld-Mühlhausen weiß: »Viele Deutsche meinen, wer aus Syrien zu uns kommt, hat es gut, erhält eine Wohnung und Geld vom Grundsicherungsamt. Aber niemand vermag einzuschätzen, wie traumatisiert die Kinder und auch die Erwachsenen sind. Sie mussten erleben, dass unmittelbar in ihrer Nähe Bomben fielen; haben gesehen, wie Angehörige starben, ohne ihnen helfen zu können. Das legt man nicht ab, wenn man aus dem Flieger steigt.« Sie steht Amal zur Seite, hat ihr geholfen bei der Wohnungssuche, dem Gang zum Grundsicherungsamt und zum Job-Center, bei Firas Anmeldung in der Schule. Aber von Anfang an stand für Amal Akeed fest: In Deutschland will sie nicht einfach vom Staat, von den Behörden – sie benennt die Ämter mit dem englischen Begriff für »Regierungsgebäude/Regierungssitz« – etwas annehmen. Einbringen will sie sich, selbst etwas geben und ist deshalb ehrenamtlich für das Diakonische Werk in Leinefelde tätig. Dort wird sie oft schon sehnsüchtig erwartet. Sie begleitet die Migrationsberaterin mit syrischen Landsleuten, deren Deutschkenntnisse noch nicht ausreichen, als Dolmetscherin auf die Ämter. Silke Windolph spricht zwar fließend Englisch, aber kein Arabisch. Ebenso dringend wird Amal zum schriftlichen Übersetzen gebraucht, wenn in den Räumen der Diakonie Anträge und Formulare auszufüllen sind.

Ja, sie hat sich in Leinefelde schon gut eingelebt, allerdings gibt es in der Bundesrepublik, verglichen mit ihrer Heimat, einen großen Unterschied im Zusammenleben der Menschen. Das ist ihr gleich aufgefallen. In Damaskus stehen für Angehörige, Freunde, Nachbarn die Türen symbolisch immer offen. Wer kommen möchte, schaut mal kurz vorbei, einfach so. Im Gegensatz dazu wird hier bei uns geplant. »Wenn sich in Deutschland Freunde besuchen wollen«, so Amal Akeeds Erfahrung, »machen sie einen Termin.«

Christine Bose

Mehr als Privatsache

19. Mai 2015 von redaktionguh  
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Zweites Eisenacher Luthergespräch zu Religion und Gesellschaft

Wird zu einer Diskussion zum Thema »Warum Religion nicht (nur) Privatsache ist!« ein Ministerpräsident eingeladen, der zu seiner Vereidigung auf den Zusatz »so wahr mir Gott helfe« verzichtete, lässt sich erahnen, worum es hauptsächlich gehen wird: Um ihn und die Gründe für diesen Entschluss.

Die Annahme bewahrheitete sich am vergangenen Sonnabend in der Eisenacher Georgenkirche. Zum 2. Eisenacher Luthergespräch waren neben dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) Landesbischof i. R. Christoph Kähler sowie die Professoren Christopher Spehr und Michael Germann von den Universitäten aus Jena und Halle-Wittenberg eingeladen.

In der Georgenkirche diskutierten (von links): Christopher Spehr, Christoph Kähler, Bodo Ramelow, Michael Germann und Paul-Josef Raue. – Foto: Mirjam Petermann

In der Georgenkirche diskutierten (von links): Christopher Spehr, Christoph Kähler, Bodo Ramelow, Michael Germann und Paul-Josef Raue. – Foto: Mirjam Petermann

Moderator Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, wandte sich gleich mit seiner Einstiegsfrage an den Ministerpräsidenten: »Warum haben Sie in der Eidesformel auf Gott verzichtet?« Diese Formulierung wies Ramelow entschieden zurück: »Ich habe lediglich für die Vereidigung auf ein staatliches Amt keinen Gottesbezug gewählt«, so der Ministerpräsident. Es gehe ihm nicht darum, seinen Glauben von Amtswegen zur Schau zu stellen, sondern Glauben im Dialog nach außen zu tragen. Etwa mit den Zuhörern in Eisenach. Als Ministerpräsident habe er sein Amt nicht für seine persönliche Meinung nutzen wollen.

Als Lehre aus der Vergangenheit wird im Grundgesetz eine klare Trennung zwischen Staat und Kirche gezogen: »Es besteht keine Staatskirche«, heißt es im Artikel 140. Auch das war ein zentraler Punkt der Diskussion. Der Professor des Lehrstuhls Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht, Michael Germann, sieht darin aber nicht vorrangig eine Distanz zum Glauben, sondern vielmehr die Freiheit, Berührungspunkte zwischen Staat und Religion zu finden. Um den Gott welcher Religion es geht, bleibt dabei jedoch offen. In der Präambel des deutschen Grundgesetzes heißt es: »Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen … hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.«

Christopher Spehr, Pfarrer und Professor für Kirchengeschichte in Jena, betont, dass hier ganz bewusst kein Gott definiert wird. Man versuchte, mit der Formel schon damals Radikalismen vorzugreifen. »Man hat sich nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor einer höheren Instanz zu verantworten«, so Spehr. Ein Staat brauche immer etwas, was über ihm stehe.

Die Erwartungen der rund 130 Zuhörer in der Georgenkirche schienen hoch zu sein. Doch war durch ungleiche Wortverteilung vor allem die wissenschaftliche Sichtweise deutlich unterrepräsentiert. Die meisten Beiträge auf dem Podium kratzten insgesamt eher an der Oberfläche, waren zurückhaltend formuliert und vielseitig zu interpretieren. Die Luthergespräche der Stiftung Lutherhaus Eisenach und der Theologischen Fakultät der Universität Jena wollen Themen der Reformationsdekade in die Gegenwart transportieren. Sie richten sich vorrangig an ein nicht-religiöses Publikum. Ob es diesem Anliegen dienlich war, mit dem zweiten Gespräch ausgerechnet in eine Kirche zu gehen, darf bezweifelt werden. Warum nun Religion nicht nur Privatsache ist, fasste Altbischof Kähler zum Abschluss der Diskussion treffend zusammen: »Religion ist Privatsache. Aber wenn sie als Gemeinschaft gelebt wird, heißt sie Kirche und darf nicht in den privaten Raum verdrängt werden.«

Mirjam Petermann

Verehrte Cranachs

18. Mai 2015 von redaktionguh  
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Wörlitz: Sonderschau im Gotischen Haus zur Sammlung des Fürsten Franz

Cranachgemälde stehen im Mittelpunkt einer Sonderausstellung, die vom 16. Mai bis 4. Oktober im Gotischen Haus in Wörlitz zu sehen ist. Damit setzt die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz einen besonderen Akzent zur sachsen-anhaltischen Landesausstellung »Entdeckung eines Meisters« über Lucas Cranach den Jüngeren, die Ende Juni in Wittenberg eröffnet wird: die Rückbesinnung auf die altdeutsche Malerei. Diese setzte in Deutschland erst nach 1800 mit der Romantik ein. »Die frühe Verehrung der beiden Wittenberger Meister und anderer berühmter altdeutscher und altniederländischer Maler durch den Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) ist eine Besonderheit und von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung. Erstmalig lässt sich hier ein Interesse für die Malerei des Spätmittelalters und der Renaissance nachweisen«, so die Stiftung in ihrer Vorschau.

Blick auf das Gotische Haus, in dem Fürst Franz altdeutsche und altniederländische Gemälde und mittelalterliche Glasbilder versammelte. – Foto: Thomas Klitzsch

Blick auf das Gotische Haus, in dem Fürst Franz altdeutsche und altniederländische Gemälde und mittelalterliche Glasbilder versammelte. – Foto: Thomas Klitzsch

Mit der Schau wird insbesondere in den fünf Räumen aus der letzten Bauphase so weit wie möglich die alte Bilderhängung rekonstruiert. Es betrifft den Rittersaal, das Geistliche und das Kriegerische Kabinett, die Bibliothek und das Speisezimmer. Besucher können hier erleben, wie sich die Annäherung an die altdeutsche Malerei und insbesondere an die Kunst der Cranachs vollzog.

Das Gotische Haus ließ Fürst Franz ab 1773 errichten. Vorbilder waren Gebäude in Venedig und England – vor allem der nahe London gelegene Landsitz Strawberry Hill des Schriftstellers und Politikers Horace Walpole. Im Gotischen Haus brachte Fürst Franz seine Sammlung alter Kunst unter, mit der er auf die dynastischen Verflechtungen seiner Familie mit der Reichsgeschichte hinweisen wollte. Ab 1785 trug er gezielt altdeutsche und altniederländische Malerei und alte Glasgemälde zusammen, die er in die großen Fenster einfügen ließ. Unter den ursprünglich knapp 600 Gemälden stammten 30 von den beiden Cranachs und aus ihren Werkstätten. Heute ist die Sammlung wieder auf knapp 20 Kunstwerke, die mit Cranachs in Verbindung stehen, gewachsen.

Die Stiftung hat für die Ausstellung viele Bilder ausgeliehen. Verluste oder Gemälde, die nicht verliehen wurden, hat sie durch gerahmte, schwarz-weiße Eins-zu-eins-Fotoreproduktionen ersetzt. Anhand der rekonstruierten Original-Zusammenstellung der Kunstwerke können die Besucher den politischen und religiösen Intentionen des Fürsten nachspüren. Mit der Ausstellung will die Stiftung Einblicke geben, wie sehr die Kunst dieser Zeit Verehrung und Bewunderung fand. Mittels 3 D-Animationen wird aufgezeigt, welche dynastische und religiöse Bedeutung sich mit der Zusammenstellung der Bilder in den einzelnen Räumen verband.

(mkz)

Das Gotische Haus ist dienstags bis sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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