Der Weg mit den Koffern

30. Juni 2015 von redaktionguh  
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Schüler aus Eisleben erinnerten an die im Jahr 1942 deportierten Juden

Die Sonne scheint hell auf die maigrünen Blätter der Bäume in Eisleben, es ist angenehm warm, ein schöner Frühlingstag. Kaum vorstellbar, dass an diesem Tag vor 73 Jahren die Eisleber Juden ins Konzentrationslager deportiert worden, bewacht von zwei Polizisten und SA-Männern mit Maschinenpistolen.

Auf einem Parkplatz in Eisleben lesen Schüler die dritte Familiengeschichte. Die Koffer erinnern an den Weg  der Deportation. Foto: Markus Kowlski

Auf einem Parkplatz in Eisleben lesen Schüler die dritte Familiengeschichte. Die Koffer erinnern an den Weg der Deportation. Foto: Markus Kowlski

Wir stehen in der Rammtorstraße am Stadtgraben, vor dem Eisleber »Judenhaus«, wie es die Nationalsozialisten nannten. Hier wurden die Juden jahrelang eingepfercht, bevor sie abtransportiert wurden. Von hieraus gehen wir los bis zum Bahnhof. Die Schüler der Klasse 10/1 des Martin-Luther-Gymnasiums Eisleben gehen mit ihrem Geschichtslehrer Rüdiger Seidel diesen Weg. Sie tragen zwei Lederkoffer mit sich, einen blauen und einen hellbraunen. Mit weißer Kreide in altdeutscher Schrift sind zwei Familiennamen darauf geschrieben: »Fam. Bratel« und »A. & Pauline Katzenstein«. Stellvertretend stehen sie für die 17 Eisleber Juden, die 1942 von den Nazis deportiert worden.

Am Stadtgraben, unter lauschigen Bäumen halten wir an. Ein Schüler hat die Geschichte von Familie Rosenberg auf zwei Seiten aufgeschrieben. Er liest und erzählt von alltäglicher Ausgrenzung, von eingeschlagenen Schaufensterscheiben, von der »Kennzeichnungspflicht für Juden«. Schließlich kommt für die Rosenbergs der Tag der Deportation, was offiziell »Abwanderung« heißt. »Sohn Gerhard weiß nicht, was ihn erwartet. Sie kommen alle ins Ghetto in Minsk und werden dort erschossen.« Viele Schüler haben bunt geschminkte Wangen; mit Lippenstift wurden ihnen am letzten Schultag der Abiturienten Herzen, Zahlen und Symbole ins Gesicht gemalt. Sie tippen auf den Handys, erzählen, lachen. An diesem schönen Frühlingstag ist es unvorstellbar, dass Juden einmal systematisch ausgegrenzt wurden. Und dass so ein düsterer Tag wie der 24. April 1942 kommen konnte, an dem sie abtransportiert und getötet wurden. Bei hellem Sonnenschein wird hier vom düstersten Kapitel der Menschheit erzählt.

Viele Emigrationen bis 1940

Zu Beginn des Nationalsozialismus gehörten rund 120 Juden der Eisleber Sy­nagogengemeinde an. Bis 1940 emigrierten die meisten nach Holland, Frankreich, Argentinien oder Ecuador. Die letzten Juden, die in Eisleben blieben, mussten bis zur Deportation Zwangsarbeit verrichten. Zunächst wurden sie mit dem Zug nach Halle in ein Sammellager gebracht, von dort aus direkt ins Konzentrationslager Sobibor im heutigen Polen. Dort vergasten sie die Nazis sofort nach ihrer Ankunft.

Im Stadtpark angekommen, macht die Gruppe wieder Halt. Vier Schülerinnen lesen die Geschichte von Gustav Mosbach vor. Mosbach hatte erlebt, wie die Nazis in der Reichspogromnacht 1938 in die Eisleber Synagoge stürmen und dort alles zerstören. Maya Tänzer hört ihren Mitschülerinnen zu. »Klar, damals standen die Juden unter Druck, sie waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen«, kommentiert die 15-Jährige. »Heute ist dagegen alles in Ordnung, da kann man sich so viel Leid nur schwer vorstellen.«

Wir gehen weiter, zur letzten Station, zum Bahnhof. Dort versammeln wir uns auf dem Parkplatz; an der Straße rauschen die Autos unbeeindruckt vorbei. Die fünfte Familiengeschichte wird verlesen. Es ist die von Alfred Katzenstein und seiner Ehefrau Pauline, die sich jahrelang in der Eisleber Synagogengemeinde engagiert hatten. Nach den Jahren der Zwangsarbeit wurden sie hier in den Zug verfrachtet. Auf den Gleisen des Bahnhofs stehen einige Güterwaggons. Heute sind sie mit Schutt beladen, nicht mit Menschen.

Mit den Schülern sind nun auch die beiden Koffer, der blaue und der hellbraune, am Bahnhof angekommen. Hier mussten die Juden ihr Gepäck zurücklassen. Zwei Schüler stellen die Koffer in das Bahnhofsgebäude. Eine Bahnhofswärterin schließt die Glastür zu, durch die man die Koffer von außen noch sehen kann. Hier endet der Gedenkweg, nur die beiden Koffer bleiben zurück. Sie blieben auch damals zurück, als die Reise in den Tod begann.

Markus Kowalski

www.synagoge-eisleben.de

Spagat und Herausforderung

30. Juni 2015 von redaktionguh  
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Eisenach: Luthersingspiel von Johannes Schlecht in Annenkirche uraufgeführt

Eigentlich wollte sich Freddy Mekus, der Darsteller des Martin Luther, sein gehöriges Lampenfieber nicht anmerken lassen und besonders cool wirken. Doch je näher die Uraufführung des Singspiels »Ich widerrufe nicht« des Eisenacher Komponisten und früheren »Circus Lila«-Liedermachers Johannes Schlecht rückte, desto deutlicher trat seine innere Unsicherheit zutage. »Na klar bin ich nervös«, ließ er einen seiner Mitstreiter wissen, bevor er den Altarraum der voll besetzten St.-Annen-Kirche an der Eisenacher Stadtmauer betrat. Alles andere als ungewöhnlich, agierte der mittelalterlich gewandete Sänger doch zum ersten Mal auf der großen Bühne vor proppenvollen Sitzreihen. Als es schließlich zur Sache ging, war die ganze Aufregung allerdings sofort verflogen. Stimmlich unterstützt von acht Mitarbeitern der beteiligten Einrichtungen brachte der »Werkstattchor der Diakonie-DVE Eisenacher Werkstatt und Nessetalwerkstatt« die gut einstündige Inszenierung über das Leben und Wirken Martin Luthers zu Gehör. In etwa einjähriger Vorbereitungszeit war sie unter der Leitung von Diotima Grüneberg einstudiert worden.

Freddy Mekus, der Darsteller Martin Luthers, ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Foto: Klaus-Peter Kaschke

Freddy Mekus, der Darsteller Martin Luthers, ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Foto: Klaus-Peter Kaschke

Ob sich die »Essenz der lutherischen Theologie«, wie der Komponist sein textintensives Werk gern bezeichnet, mit dem Werkstattchor überhaupt inszenieren lassen würde, daran bestanden zunächst massive Zweifel. Handelt es sich doch bei den 16 Sängerinnen und Sängern im Alter zwischen 20 und 60 Jahren ausnahmslos um Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung, von denen viele nicht lesen können und daher den gesamten Inhalt auswendig lernen mussten. Doch das Experiment gelang, wie sich die Zuschauer in der Annenkirche – darunter viele Freunde und Familienangehörige – bei der Uraufführung überzeugen konnten.

An der Seite des überaus selbstbewusst auftretenden Freddy Mekus, der den Dreh- und Angelpunkt des Geschehens auf der Bühne bildet und sein durchaus beachtliches Gesangstalent immer wieder unter Beweis stellen kann, sticht vor allem Yvonne Krause als Katharina von Bora aus dem Ensemble heraus. Sie scheint ebenfalls über sich hinauszuwachsen. Insbesondere das »Lied von der Liebe«, das die Eheschließung des Reformators mit der entlaufenen Nonne thematisiert, hinterließ bei vielen Zuschauern einen tiefen Eindruck. Auch weitere Ensemblemitglieder dürfen sich im Verlauf des einstündigen Konzerts als Solisten beweisen, alle machen sie ihre Sache wirklich gut, das steht außer Frage. Für die gelungene Aufführung nehmen sie und die Chorsänger schließlich den stürmischen Beifall des begeisterten Publikums entgegen.

Von Johannes Schlecht als Beitrag zur Lutherdekade komponiert, beschreibt das Singspiel »Ich widerrufe nicht« in mehr als einem Dutzend Liedern den gesamten Werdegang Martin Luthers vom Studium an der Erfurter Universität über den Blitzschlag von Stotternheim bis hin zur Ehe mit Katharina von Bora. Hinzu kommt eine Bearbeitung des Chorals »Ein feste Burg ist unser Gott« nach der Vorlage von Martin Luther sowie ein erläuternder Textteil, der von Diakon Stephan Brinkel vorgetragen wurde. Musikalisch und inhaltlich eng an seinen jahrzehntelangen Erfahrungen als Liedermacher ausgerichtet, legt Johannes Schlecht als Theologe bei seinem Singspiel »Ich widerrufe nicht« ausgesprochen großen Wert auf inhaltliche Genauigkeit. »Irgendwelche Fiktionen, die nicht der Faktenlage entsprechen, kamen für mich daher nie infrage«, so Johannes Schlecht nach der Uraufführung.

Klaus-Peter Kaschke

Theologinnen zwischen Segnung und Ordination

30. Juni 2015 von redaktionguh  
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Ingeborg Köhler gehörte zu den Pastorinnen der ersten Stunde – eine Erinnerung

Um es gleich am Anfang zu sagen: Frauen, die das Wort Gottes weitergegeben haben, die geistliche Vollmacht hatten, hat es so lange gegeben, wie es Kirche Jesu Christi gibt. Was in unserem Jahrhundert neu ist: Frauen wollten Zugang in die Gemeindeleitung bekommen. Der Weg dazu ist lang gewesen.« Mit diesem Satz hat Inge Köhler 1999 ihre Rede zum 30-jährigen Jubiläum der Frauenordination in Thüringen begonnen. Sie gehörte selbst zu diesen Frauen, deren Weg nicht nur lang, sondern auch mühsam war.

Es lagen allerhand Steine im Weg

1944 hat sie das sogenannte Kriegsabitur gemacht, das nach dem Krieg nicht mehr galt und wiederholt werden musste. Sie wollte Theologie studieren – damals noch eine Seltenheit für eine Frau. Sie bekam keine Zulassung, weil sie eine Pfarrerstochter und kein Arbeiterkind war. So machte sie erst einmal eine Ausbildung als Gemeindehelferin und arbeitete in der Kinder- und Jugendarbeit. Aber sie bemühte sich immer wieder um einen Studienplatz.

Was kann denn Frau so auf der Kanzel anziehen? Im Jahr 1999 zum 30-jährigen Jubiläum der Einführung der Ordination in Thüringen präsentierten Pastorinnen eine »Talarmodenschau«: Maria-Barbara Glöckner-Latour, Ulrike Kosmalla, Gudrun Weber, Elsa-Ulrike Ross, Katarina Schubert, Kathrin Skriewe,  Andrea Richter, Beate Stöckigt (von links). Foto: Gerhard Seifert

Was kann denn Frau so auf der Kanzel anziehen? Im Jahr 1999 zum 30-jährigen Jubiläum der Einführung der Ordination in Thüringen präsentierten Pastorinnen eine »Talarmodenschau«: Maria-Barbara Glöckner-Latour, Ulrike Kosmalla, Gudrun Weber, Elsa-Ulrike Ross, Katarina Schubert, Kathrin Skriewe, Andrea Richter, Beate Stöckigt (von links). Foto: Gerhard Seifert

Von einem Oberkirchenrat wurde sie gefragt, warum sie unbedingt studieren wolle, sie habe doch eine befriedigende Aufgabe. Ihre Antwort war: »Damit ich Ihnen widersprechen kann!« Denn alle, die sich in der Hierarchie unter den Pfarrern befanden, wurden theologisch nicht ernst genommen. Ingeborg Köhler wollte aber ernst genommen werden. Sie bekam schließlich noch einen Studienplatz in Jena und sogar ein Stipendium des Weltrates der Kirchen für ein Jahr Theologiestudium im schwedischen Uppsala.

Was sollte die Kirche aber nun mit so einer Theologin anfangen? Ihr wurde die Leitung des Frauenseminars in Eisenach übertragen, wo Kinderdiakoninnen und Gemeindehelferinnen ausgebildet wurden. Die Auszubildenden waren begeistert von ihrer Leiterin, denn ihr Unterricht war pädagogisch offen und auf eine Lehr- und Lerngemeinschaft angelegt. Doch die Arbeit wurde ihr von den Vorgesetzten nicht leicht gemacht. Sie erinnerte sich später »des Gefühls der Ohnmacht und der Wut, die mich überkam, als überprüft wurde, ob überall Staub gewischt war, ob die Flure glänzten, ob ich auch jederzeit anwesend war, um bei den Schülerinnen Kontrolle ausüben zu können«. Sie hat in ihrer Leitungstätigkeit als Frau viele Demütigungen hinnehmen müssen und hätte manchmal »gerne alles hingeschmissen«.

In den Seminarferien bekam Ingeborg Köhler eine Vertretungspfarrstelle zugewiesen mit einer Ausnahmeerlaubnis für die Sakramentsverwaltung. Die Gemeinde hätte sie gern behalten, sie wäre gern geblieben; aber eine Frau als Pfarrerin auf Dauer war 1958 noch undenkbar. Sie konnte sich dennoch auf das Zweite Theologische Examen vorbereiten und durfte sich eineinhalb Jahre später »Pfarrvikarin« nennen. Es vergingen noch Jahre, ehe die Thüringer Kirche beschloss, auch Frauen zu ordinieren und also auch Inge Köhlers schon erfolgte Segnung als Pastorin in eine Ordination umzuwandeln.

Eine Kirchenlehrerin für Frauen

Bis 1973 leitete sie das Frauenseminar. Für viele junge Frauen, die sich dort in der Ausbildung befanden, war das eine wundervolle Zeit. Nach Beendigung ihrer Tätigkeit legte Inge Köhler ein Sabbatjahr ein, um sich auf die Übernahme der Leitung des Thüringer Frauenwerkes theologisch vorzubereiten. Sie war dort noch 13 Jahre lang die Leiterin, veränderte jedoch bald die Ein-Frau-Leitung zur Teamleitung. Sie wollte nicht die oberste Chefin sein, sondern zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen die Verantwortung für das Frauenwerk der Thüringer Kirche tragen. Diese Idee hat sie aus der Ökumene mitgebracht. Sie war sechs Jahre lang Mitglied eines Beratungsausschusses für Frauenangelegenheiten des Lutherischen Weltbundes und besuchte in aller Welt Frauenversammlungen und Gemeinden. In die Arbeit des Frauenwerkes brachte sie die Feministische Theologie ein. Die Frauen, mit denen sie die Bibel aus dieser neuen Sicht betrachtete, fühlten sich angenommen und wertgeschätzt und nicht belehrt.

Viele Jahre war sie außerdem in einem Facharbeitskreis des Bundes über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in Kirche und Gesellschaft tätig.

Am Ende ihrer Berufstätigkeit, ein Jahr vor dem Ruhestand, erhielt die Pastorin den Titel »Kirchenrat«. Ob das wohl eine Würdigung ihres Engagements für Frauen war? Ich würde sie lieber »Kirchenlehrerin« nennen und einschreiben in die Liste derer, die die Kirche durch ihr Lehren vorangebracht haben. Ingeborg Köhler verstarb im Alter von 89 Jahren am 15. Mai dieses Jahres.

Andrea Richter

Die Autorin ist Pastorin im Ruhestand und war im Leitungsteam der Frauenarbeit in Thüringen.

Kirche bleibt im Dorf

29. Juni 2015 von redaktionguh  
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Der »Goldene Kirchturm« für Thüringen geht in diesem Jahr an den Kirchbauförderverein Golmsdorf-Beutnitz (Kirchenkreis Jena). Die mit 3 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde am Sonnabend beim Jahrestreffen der Thüringer Kirchbaufördervereine in Neudietendorf verliehen. Die Fördervereine der Kirchengemeinden Altersleben und Gügleben (beide Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau) wurden mit den zwei Anerkennungspreisen geehrt, die jeweils mit 1 000 Euro dotiert sind.

Der Erhalt der Kirche St. Barbara in Golmsdorf wird von den Einwohnern mitgetragen. Foto: Gabriele Köhler

Der Erhalt der Kirche St. Barbara in Golmsdorf wird von den Einwohnern mitgetragen. Foto: Gabriele Köhler

Für die Kirche in Golmsdorf hatte der Verein 45 000 Euro Spenden gesammelt. Zudem soll im Kircheninnenraum ein Kolumbarium gebaut werden, also eine Stätte zur Aufbewahrung von Urnen. Dem Verein in Golmsdorf-Beutnitz sei es gelungen, die gesamte Bevölkerung für die Sanierung und den Erhalt der Golmsdorfer Kirche zu mobilisieren, begründete Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter für Kirchbaufördervereine in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), die Auszeichnung.

Zum Engagement des Fördervereins in Altersleben sagte Werneburg: »Der Verein der 350-Seelen-Gemeinde hat einen langen Atem bewiesen bei der Sanierung der Kirche: die Orgel wurde saniert, die Kanzel, das Glockenhaus, die Emporentreppe. Die Menschen wollen ihre Kirche im Dorf erhalten und sind hartnäckig und engagiert drangeblieben in den vergangenen Jahren.« Den Förderverein der Kirche in Gügleben habe die sechsköpfige Jury ausgewählt, »weil er sehr kreativ war bei der Akquise von Spenden für die Sanierung des Kirchendachs, unter anderem mit der Idee, Spendenziegel zu verkaufen«.

(epd)

Der grüne Pontifex

29. Juni 2015 von redaktionguh  
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Das Thema ist beileibe nicht neu. Aber dass ein Papst sich dessen annimmt, schon: In seiner Enzyklika »Laudato si« (Gelobt seist du) hat der argentinische Pontifex Franziskus die Situation der Umwelt und den Zustand unserer Erde ins Blickfeld gerückt – und schon ist das Thema in aller Munde. Dabei konnte es schon vorher jeder wissen, der es wissen wollte, dass unser Wohlstand hierzulande auf der Armut von Menschen in anderen Ländern fußt. Dass unsere Abfälle die Flüsse und Meere verschmutzen – und die Äcker. Und dass deshalb in vielen Regionen der Erde Armut und Hunger herrschen.

Und bei uns? Gerade hat die Umweltorganisation WWF eine Studie vorgestellt, nach der bundesweit in jedem Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen. Das ist fast ein Drittel der Lebensmitteleinkäufe, die wir Bundesbürger tätigen. Der WWF Deutschland hat es umgerechnet: Die Menge entspricht der Ernte eines Ackers, der so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland zusammen. 313 Kilogramm genießbare Nahrungsmittel sind es in jeder Sekunde. Und das, während fast eine Milliarde Menschen weltweit Hunger leidet.

Dabei steckt hinter dem Wegwerfen allzu oft die eigene Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit. Menschen, welche die Hungersnöte nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben, mögen da zum Glück anderer Meinung sein. Doch in großen Teilen der Gesellschaft ist es noch nicht angekommen, was diese Verschwendung auf lange Sicht bedeutet: für die Menschheit, für das Ökosystem, für die Ressourcen unserer Erde. Nein, neu ist das Thema wirklich nicht. Aber vielleicht hilft ein Papstwort, das eigene Verhalten mehr in den Blick zu nehmen – nicht nur bei Katholiken und nicht nur beim Essen. Ein Umdenken in unserer Wegwerfgesellschaft ist jedenfalls dringend notwendig. Schon seit Langem!

Christine Reuther

Tschüß

28. Juni 2015 von redaktionguh  
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Statistik: Neue Zahlen der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Kirchenmitgliedschaft geben zu denken

Die aktuellen Zahlen können beunruhigen: Die Kirchenaustritte nehmen wieder deutlich zu. Von einer Trendwende kann bisher keine Rede sein.

Normalerweise gibt es Pressemitteilungen oder gar Pressekonferenzen zu so ziemlich jeder Lebensäußerung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihrer Repräsentanten. Doch nichts von alledem begleitete die Veröffentlichung der »Statistik über die Äußerungen des kirchlichen Lebens 2013«. Versteckt in der vierten thematischen Unterabteilung findet man sie auf der entsprechenden Seite des EKD-Internetauftritts. Ihr Inhalt ist freilich auch alles andere als erfreulich.

Erneut ist die Zahl der landeskirchlichen Protestanten kräftig gesunken, von 23,356 Millionen zum Jahresende 2012 auf 23,04 Millionen per 31. Dezember 2013, eine Schrumpfung um 1,4 Prozent. Die katholische Kirche verlor im selben Zeitraum 0,7 Prozent und zählte 2013 24,2 Millionen Mitglieder. Besonders bitter: Geschuldet ist der Rückgang nicht nur der demografischen Entwicklung mit mehr Sterbefällen als Geburten. 176 551 Menschen, mithin die Bevölkerung einer kleineren Großstadt, kehrte 2013 ihrer Kirche den Rücken. Im Jahr zuvor waren es noch 138 195. Zum Vergleich: Die thüringische Landeshauptstadt hat aktuell 204 880 Einwohner. Durch Erwachsenentaufen oder Wiedereintritte kann dieser Schwund nicht entfernt ausgeglichen werden: 32 015 waren es 2013, und auch diese Zahl ist rückläufig gegenüber dem Vorjahr.

Die Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sank von 807 171 auf 790 165 Mitglieder, die anhaltische Kirche von 40 309 auf 38 744. Während die EKM 5 229 Menschen per Austritt verließen, waren es in Anhalt 179 – sie ist damit die einzige Kirche, in der die Austrittsrate von 2012 zu 2013 leicht gesunken ist.

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken, der Trend scheint nicht aufzuhalten zu sein. Foto: Nelos – fotolia.com

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken, der Trend scheint nicht aufzuhalten zu sein. Foto: Nelos – fotolia.com

Eine Änderung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Der große »Austrittshammer« infolge der versäumten Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Kirchensteuer auf Kapitalerträge steht den Kirchen für 2014 ins Haus. Und das alles, obwohl vor immerhin schon acht Jahren mit dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« ein Reformprozess eingeleitet wurde, der nicht weniger als ein »Wachsen gegen den Trend« ermöglichen sollte. Was läuft da schief?

Pfarrer Detlef Kauper vom Erfurter »Checkpoint Jesus«, einem alternativen Gemeindeprojekt unter dem Dach des Christlichen Vereins Junger Menschen, zitiert den Dichter Rainer Maria Rilke: »Du musst dein Ändern leben.« Kauper war etliche Jahre als Gemeindeberater im Gemeindedienst der damals noch thüringischen Landeskirche tätig und er weiß: »Es gibt viele gute Ideen, aber sie werden nur selten umgesetzt.« Zu groß sei offenbar die Furcht, wirklich Neues zu wagen, Gewohntes beiseitezulassen. Zu stark noch bei vielen Pfarrern und Mitarbeitern die Ausrichtung am traditionellen Bild von Kirche und Gemeinde.

Kauper vermisst Risikobereitschaft unter den kirchlichen Mitarbeitern, erlebt stattdessen allzu oft ein Festhalten am Besitzstand. Deutlich macht er es an der Frage seiner eigenen Nachfolge im Projekt »Checkpoint Jesus«: Es sei wahnsinnig schwer, selbst unter jungen Theologen jemanden zu finden, der sich auf die Rahmenbedingungen einer Anstellung auf Spendenbasis in einem Trägerverein und ohne die beamtenrechtlichen Absicherungen des landeskirchlichen Pfarramtes einlassen will.

»Wir sollten uns von den Zahlen nicht entmutigen lassen«, lautet das spontane Plädoyer von Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau in der anhaltischen Kirche. »Und wir sollten uns nicht in Aktionismus versteigen«, fügt sie hinzu. Es sei keine Lösung, auf zeitgeistige Modethemen aufzuspringen, um vordergründig Sympathiepunkte bei den Menschen einzufahren. Stattdessen komme es darauf an, »dass wir als glaubende Menschen klar erkennbar sind«. Nötig seien persönliche Glaubensstärkung und -vergewisserung statt neuer Strukturdebatten, das Erlernen von Sprachfähigkeit in Sachen Glauben statt immer neuer Events. Dies wird nach Reizigs Erfahrungen auch massiv von Gemeindemitgliedern eingefordert.

Und damit sind diese ganz nah bei dem, was im Impulspapier »Kirche der Freiheit« als eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Veränderungsprozess genannt wird: »Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.«

Harald Krille

Das Lebenspäckchen gemeinsam tragen

27. Juni 2015 von redaktionguh  
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Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Galater 6, Vers 2

In der Umgangssprache gibt es eine vermutlich jedem bekannte Redensart. Sie lautet: »Jeder hat sein Päckchen zu tragen.« Dahinter verbirgt sich eine Lebensweisheit, die aussagt, dass auch hinter der Fassade eines scheinbar sorgenfreien Lebens sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur ein glanzvoller Lebenslauf, sondern auch so manche Last verbirgt. Und wir alle wissen, dass die Welt für jeden von uns von heute auf morgen eine andere sein kann. Nichts scheint dann mehr so zu sein, wie es vorher war. Das Päckchen, welches der Einzelne zu tragen hat, wird plötzlich zu einer unerträglichen Last. Der Weg des Wiederaufrichtens scheint mitunter erst einmal in weite Ferne gerückt. Was kann in einer solchen Situation der Satz des Apostel Paulus »Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen« aussagen?

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

Paulus möchte diesen Satz als eine Ermutigung verstanden wissen. Er enthält nicht nur die Aufforderung zur Hilfe an dem notleidenden Nächsten, sondern beinhaltet auch die Ermutigung an den Einzelnen, Hilfe von einem anderen Menschen anzunehmen. Besonders ältere Menschen tun sich oft schwer damit, einen Teil ihrer Last an einen anderen Menschen abzugeben.

Bedeutet die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, nicht auch mitunter, über den eigenen Schatten springen zu müssen? Ja, aber genau dazu ermuntert uns Paulus. Er warnt gleichzeitig davor, sich selbst etwas vorzumachen und die eigenen Grenzen nicht zu beachten. Da, wo meine Kraft nicht mehr ausreicht, da darf ich die Hilfe eines anderen Menschen getrost annehmen.

Ich muss dem anderen und ich muss vor allem mir selbst nichts vormachen. »Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen« – der Apostel Paulus sagt uns damit: Ich kann einem anderen Menschen vielleicht sogar auch eine Last abnehmen, wenn ich ihm signalisiere, dass ich seine Hilfe dankbar annehmen werde.

Marita Koerrenz, Pfarrerin und Dozentin für Religionspädagogik an der Universität Jena

In die Kirche gehört Leben

23. Juni 2015 von redaktionguh  
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Ehrenamtspreis für eine Initiative aus Großörner

Alle Jahre wird beim Jahrestreffen der Kirchbauvereine der Ehrenamtspreis »Goldener Kirchturm« vergeben. Am 13. Juni war das in Magdeburg für Sachsen-Anhalt der Fall. Der Preis für Thüringen wird am 20. Juni beim Treffen in Neudietendorf überreicht. Zu den Tagungen werden ein Fachvortrag und Workshops angeboten – in diesem Jahr zu Fragen des Kirchenunterhalts. Allein in Sachsen-Anhalt gibt es über 260 Fördervereine und Einzelinitiativen mit über 8 000 Ehrenamtlichen. Auf dem Gebiet der EKM stehen rund 3 700 Kirchen und Kapellen – etwa 1 900 in Thüringen, 1 500 in Sachsen-Anhalt, 150 in Sachsen und 140 in Brandenburg.

Klaus Reger (li.), Vorsitzender des Arbeitskreises »Die Kirche muss im Dorf bleiben«, nahm für Großörner bei Mansfeld die Auszeichnung entgegen. Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter der EKM für die Kirchbauvereine, überreichte den symbolischen Scheck. Foto: Karsten Wiedener

Klaus Reger (li.), Vorsitzender des Arbeitskreises »Die Kirche muss im Dorf bleiben«, nahm für Großörner bei Mansfeld die Auszeichnung entgegen. Propst Reinhard Werneburg, Beauftragter der EKM für die Kirchbauvereine, überreichte den symbolischen Scheck. Foto: Karsten Wiedener

Propst Reinhard Werneburg, der in diesem Monat in den Ruhestand geht, die Arbeit mit den Kirchbauvereinen jedoch ehrenamtlich fortführt, ging in seiner Andacht der Frage nach, was für ein Haus denn für Gott zu bauen sei. »Wenn wir Kirchengebäude als reli­giöse Verpflichtung sehen«, so der Propst, »sollen sie ein Ort der Gemeinde sein; kein museales Behältnis, sondern mit Leben erfüllt werden.«

Aus dem Norden der EKM waren neun Bewerbungen um den »Goldenen Kirchturm« eingegangen. Mit einem Anerkennungspreis von je 1 000 Euro wurden der Kirchbauverein Halle-Wörmlitz geehrt, der die 1967 abgebrannte Petruskirche wieder nutzbar machte, sowie der Kirchbauverein Deutleben nördlich von Halle. Er sanierte eine Kirchenruine, die heute auch als Kulturstätte genutzt wird.

Den ersten Preis und 3 000 Euro erhielt die Initiative »Die Kirche muss im Dorf bleiben« in Großörner bei Mansfeld. Sie besteht aus evangelischen und katholischen Christen sowie Menschen, die keiner Kirche angehören. Das Gebäude aus dem 13. Jahrhundert konnte in den vergangenen Jahren saniert werden. Zudem erfuhr das Gemeindeleben im Ort einen Aufschwung: bei der Frauenhilfe, durch mehr Besucher im Gottesdienst und Zusammenarbeit mit Schulen. Der für den Ort zuständige Pfarrer Matthias Paul aus Mansfeld würdigte die zehnjährige Arbeit der Initiative, die auch mit Rückschlägen verbunden gewesen sei. In der Öffentlichkeit, beschrieb er die Stimmung, komme das Mansfelder Land oft schlecht weg. Ausgerechnet in dem Land, in dem Luther lebte, gebe es die größte Kirchenferne. Dennoch wurden in den vergangenen 25 Jahren die Kirchengebäude weitgehend gesichert. »Die Mehrheit hält zwar Abstand«, so Paul, »aber es wirft auch keiner mehr Steine auf die Kirche.«

Angela Stoye

Vor allem: Freude an der Musik

22. Juni 2015 von redaktionguh  
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Ricarda Kappauf hat in und um Mihla bei Eisenach musikalische Aufbauarbeit geleistet

Wenn Ricarda Kappauf von ihrer Arbeit erzählt, ist sie kaum zu bremsen. Die Kantorin sprüht vor Enthusiasmus. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in Mihla und Umgebung (Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen) zu Hause und hat hier kirchenmusikalische Aufbauarbeit geleistet. Ihre Stelle als Kirchenmusikerin war damals erst geschaffen worden. Das kirchenmusikalische Leben lag brach. »Mir standen sofort alle Türen offen«, sagt sie rückblickend. Sie hatte viele Ideen und das Gefühl, »dass da was geht«. Die Kirchengemeinde brachte ihr gleich großes Vertrauen entgegen, woran sich bis heute nichts geändert hat.

Ricarda Kappauf am Klavier in ihrem Büro in Frankenroda. Foto: Mirjam Petermann

Ricarda Kappauf am Klavier in ihrem Büro in Frankenroda. Foto: Mirjam Petermann

Vielfältig gestaltet sie nicht nur die kirchenmusikalische Landschaft mit. Ein Frauenchor in Mihla, ein gemischter Chor in Ebenshausen, ein Posaunenchor mit Bläsern aus verschiedenen Orten. Dazu kommen Instrumentalgruppen und Bands, Nachwuchsarbeit bei den Bläsern und Unterricht für Flöte, Gitarre oder Orgel.

Seit 13 Jahren leitet sie außerdem einen Gospelchor. »Ich finde es schön, wenn man im Gottesdienst auch ›coole‹ Musik macht«, meint die engagierte Kantorin. Der »Salvation Choir« ist im Laufe der Zeit immer erfolgreicher geworden. Fünf Monate wird jedes Jahr aufs Neue geprobt, im Mai die Mihlaer Gospelnight gestaltet. »Ein dauerhaft probender Chor ist für Jugendliche wenig attraktiv. Hier verpflichten sie sich von Januar bis Mai, das ist für sie eine überschaubare Zeit«, erläutert Ricarda Kappauf. Denn vor allem die vielen jungen Sängerinnen und Sänger zeichnen den Chor aus. Die Besetzung wechselt jährlich. Neue Stimmen kommen hinzu, Ausbildung, Arbeit und Familie bewegen andere zum Aufhören oder Pausieren. Dennoch wächst die Zahl der Mitwirkenden. Und das Repertoire kann sich sehen oder besser hören lassen. Neben dem Chorgesang kommen in den Konzerten auch Solos und Instrumentalstücke zur Aufführung. Moderne Popsongs, zu denen die Hüften geschwungen werden, bringen sie genauso überzeugend auf die Bühne wie anspruchsvolle vierstimmige Kompositionen. Dabei zählt vor allem eins: Freude an der Musik. »Wir wollen kein Profichor sein, es macht uns allen einfach viel Spaß, und ich denke, das sieht man auch«, so Kantorin Kappauf.

Zum ihrem Alltagsgeschäft gehört ebenso die musikalische Früherziehung im evangelischen Kindergarten in Mihla und die Zusammenarbeit mit der Grundschule in Nazza. »Jedes Jahr studieren wir zwei Musicals ein: ein weltliches und ein kirchliches.« Die Kantorin widmet sich den Arrangements, während die Schule die Theater- und Chorproben übernimmt. »Die Zusammenarbeit mit den Orten hier funktioniert sehr gut«, schwärmt sie. In Mihla wurde im vergangenen Jahr eine alte Feuerwehrgarage zu einem Chorraum umgebaut, den hauptsächlich die Kantorin nutzt. »Dafür unterstütze ich den Ort beim Bibliotheksfest oder der Kirmes.« Es ist ihr anzumerken, dass sie sich hier ausgesprochen wohlfühlt, dass ihre Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt. Und noch etwas ist anders als üblich: »Egal was man macht, Veranstaltungen werden immer generationenübergreifend wahrgenommen«, sagt die Kantorin.

Mirjam Petermann

Nächste Konzerte des »Salvation Choirs«:
20. Juni, 19.30 Uhr, Kirche Marksuhl; 6. September, 16 Uhr, Kirche Niederdorla; 19. September, 20 Uhr Kirche, Creuzburg

Die Hoffnung gibt Antrieb

22. Juni 2015 von redaktionguh  
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Diakonie: Sozialkongress in Bad Blankenburg fragte nach den Maßstäben für soziales Handeln

Am 10. Juni trafen sich mehr als 300 Teilnehmer – Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft, aus Kirchen und Sozialverbänden – in Bad Blankenburg zum 6. Sozialkongress der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein.

Wovon lassen sich Menschen leiten, wenn sie in die Zukunft blicken, die immer ungewiss ist? Diese Frage ergründete der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, auf dem 6. Sozialkongress der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein. Er hielt das Hauptreferat zum Thema »Was treibt uns an? Zukunftsaufgaben von Diakonie und Sozialwirtschaft«. Ob Menschen sich von der Angst oder der Hoffnung leiten lassen, sei eine Frage der Entscheidung, so Huber. Wenn die Zukunft ungewiss ist, müssten sich die Menschen entscheiden, ob sie sich entweder von der Furcht antreiben lassen oder von dem, was sie erhoffen. Vielerorts sei hier in Deutschland, obwohl das Land seiner Meinung nach gut dasteht, ein »Mehltau der Ängstlichkeit«, eine »Furcht vor Erfolg« zu beobachten. »Wahrscheinlich müssen wir lange nach einem Land suchen, dem es so gut geht und wo so wenig Hoffnung ist.« Der christliche Glaube jedoch biete eine eindeutige Perspektive an, und Christen müssten sich deshalb auf die Seite der Hoffnung stellen, betonte der Theologe. »Die Hoffnung treibt uns an – das ist mein Leitgedanke.« Aus der Hoffnung resultiere Solidarität als Antrieb diakonischen Handelns. Und in dieser, auf Freiwilligkeit beruhenden Solidarität nehme die Nächstenliebe Gestalt an.

Fotos: drubig-photo; Robert Kneschke; karelnoppe – alle Fotolia.com

Fotos: drubig-photo; Robert Kneschke; karelnoppe – alle Fotolia.com

Wenn jedoch helfendes Handeln, menschliche Zuwendung, die Arbeit auf Pflegestationen nur noch als soziale Dienstleistung gewertet würden, sei dies ein Problem, so der Theologe. Menschen in Pflegeberufen sollten nicht Dienstleister, sondern Partner der Pflegebedürftigen und Angehörigen sein.

Den Umgang mit Flüchtlingen bezeichnete Huber als Lackmustest für die offene Gesellschaft. »Wenn die Turnhalle gegenüber der Kirche zur Flüchtlingsunterkunft wird, könne die Kirchengemeinde nicht anders, als die Bewohner willkommen zu heißen.«

Die Kongressteilnehmer beschäftigten sich in Fachforen mit Schulfinanzierung, Sozialraumplanung und dem Bundesteilhabegesetz. In dem Forum »Chancen für die älter werdende Gesellschaft« ging es um Mehrgenera­tionenhäuser.

In Rudolstadt gab es vor Jahren ein Mehrgenerationenhaus, das aber aus finanziellen Gründen nicht weitergeführt werden konnte. Wie Pfarrer Hans-Jürgen Günther, Geschäftsführer des Diakonievereins Rudolstadt, sagte, erwies sich der Standort des Hauses am Stadtrand als Nachteil. Und es war kein Treffpunkt mehrerer Generatio­nen, sondern Besucher waren ausschließlich Senioren. Diese Erfahrung bestätigte Jutta Schlotthauer, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses »Sonnenblume« in Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz. Es sei sehr schwer, alle Generationen zu erreichen, meistens würden die Angebote überwiegend von Senioren, nicht jedoch von jungen und alten Menschen gemeinsam angenommen.

In Bad Dürkheim sei es gelungen, durch den Umbau eines kirchlichen Gemeindehauses mit Kindertagesstätte eine Begegnungsstätte für Jung und Alt zu schaffen. Eingeweiht wurde das Haus, in das täglich etwa 114 Menschen kommen, im August 2013. Die Angebote reichen vom Mittagstisch mit einem bezahlbaren Essen über Deutschsprachkurse, Hausaufgabenbetreuung, Nachbarschaftshilfe, Seniorennachmittage, Pflegeberatung, Frauenfrühstück, Selbsthilfegruppen bis hin zum PC-Kurs, bei dem Junge den Alten helfen.

»Die Durchmischung von Jung und Alt klappt«, so die Koordinatorin. Überdies sei es gelungen, den Stadtteil Trift, dem ein negativer Touch anhaftete, durch das Mehrgenerationenhaus aufzuwerten.

Sabine Kuschel

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