Keine Toleranz gegenüber Gewalt

31. August 2015 von redaktionguh  
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Lothar de Maizière

Thomas de Maizière

Beim Jahresempfang der CDU-Fraktion des Thüringer Landtages am Montag in Erfurt sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière unter anderem über die Asyl- und Flüchtlingsproblematik. Das Thema des Empfangs »Freiheit und Sicherheit« war lange geplant und erhielt angesichts der gegenwärtigen Entwicklung eine besondere Brisanz und Aktualität. Die Krisen der Welt, so de Maizière, kämen näher zu uns. Angesichts der Vorkommnisse in Heidenau oder Suhl und der Zunahme von Extremismus appellierte er nicht nur an die Politik, sondern auch an die Zivilgesellschaft, Gewalt und Hass entgegenzutreten. Gewalt, gleich von welcher Seite, könne nicht toleriert werden. Erschreckend sei auch die verbale Verrohung in politischen Diskussionen, vor allem im Internet. Es gebe einen Konsens unter Demokraten, dass man »streitet, aber friedlich«. Zugleich betonte der Minister, dass es eine absolute Sicherheit nicht geben könne, das hieße »Abschied von Freiheit«.
De Maizière sprach sich für eine uneingeschränkte Integration von Menschen auf, die eine Perspektive auf Asyl hätten. Aber auch Menschen ohne Aussicht auf Bleiberecht müssten in einem humanitären Rechtsstaat fair behandelt werden. »Wir arbeiten an Lösungen, aber einfach ist es nicht.« Im Umgang mit der Situation appellierte er an den gesunden Menschenverstand. »Wir sind gefordert, aber nicht überfordert«, sagte Thomas de Maizière vor den 1700 Gästen der CDU-Fraktion.

(mkz)

Zeigt euer Herz!

31. August 2015 von redaktionguh  
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Der Mob wütet und schäumt. Im sächsischen Heidenau blockieren Nazis die Zufahrt zu einer Flüchtlingsunterkunft und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus«, skandieren sie, während Anwohner dazukommen und das Schreckliche begaffen. Bilder, die an den Anfang der 1990er Jahre erinnern, als Unterkünfte für Asylbewerber im ganzen Land brannten. Der rechtsextremistische Terror schlägt mehr und mehr um sich. Es sind Bilder, die fassungslos machen. Diese Bilder gehen Hand in Hand mit Einschüchterungen von Unterstützern und Helfern, mit Anschlägen auf Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren und mit dem überschäumenden Hass in den Kommentarspalten und sozialen Medien.

Für uns Christen müsste es ein Leichtes sein, sich gegen all das zu engagieren. Jesus selbst hat uns aufgetragen, wie in einer solchen Situation zu handeln ist: »Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen«, sagt er in Matthäus 25, Vers 35 und fährt fort: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.«

Doch auch das scheint in christlichen Kreisen beileibe nicht selbstverständlich zu sein. Und es ist auch traurig, immer wieder auf Jesus und unser Christ-Sein verweisen zu müssen. Denn unabhängig des Glaubens und der Weltanschauung ist es ein Gebot der Menschlichkeit, unseren Mitmenschen aus anderen Ländern, die bei uns Hilfe suchen, zur Seite zu stehen und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Jeder Mensch, der seine Menschlichkeit noch nicht zu Grabe getragen hat, muss aufstehen gegen den braunen Mob, gegen die Hetze, gegen den Hass und die Dummheit, die aus alldem spricht. Und an vorderster Stelle müssen alle die, die mit Ernst Christen sein wollen, stehen und sich engagieren. Liebe Geschwister: Zeigt euer Herz!

Stefan Körner

Fremdem begegnen

31. August 2015 von redaktionguh  
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Schwerpunkt: Die Flüchtlingsproblematik wird zurzeit als wichtigste Herausfordung gesehen

Gewalt vor Flüchtlingsunterkünften in Deutschland muss zu denken geben. Welche Rolle spielen dabei Vorurteile?

Vorurteile haben eine wichtige Funktion, sagen Wissenschaftler. Sie ermöglichen dem Gehirn, Informationen schneller zu verarbeiten und entsprechende Reaktionen auszulösen. Beispielsweise um auf Gefahrensituationen intuitiv zu reagieren. Doch so hilfreich solche reflexhaften Reaktionen in bestimmten Situationen auch sein mögen – sie bergen zugleich die Gefahr, dass dadurch die Realität nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn Polizisten in den USA Menschen schwarzer Hautfarbe für potenziell gefährlicher als solche mit weißer Hautfarbe ansehen, sitzt im Zweifelsfall der Colt eben lockerer.

Mancher zeigt sich erstaunt darüber, was derzeit in der Diskussion um Flüchtlinge hierzulande an Vorurteilen zum Vorschein kommt. Dabei sind diese durchaus nicht neu. Neu ist, dass sie nicht mehr nur im kleinen Kreis ausgesprochen, sondern in aller Öffentlichkeit diskutiert und skandiert werden. Pegida und Co. haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass unsinnige und falsche Verallgemeinerungen offen und oft genug unwidersprochen in die Welt gesetzt werden. Kommt noch eine innere Unsicherheit im Blick auf die eigene Identität dazu, wird daraus die brisante Mischung, die sich nunmehr auf den Straßen deutscher Städte als blanker Hass auf Asylbewerber entlädt. »Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Identität bedroht wird, reagieren sie massiv – bis hin zu Mord und Totschlag«, zitiert die Tageszeitung »Die Welt« den Jenaer Professor für Psychologie, Andreas Beelmann.

Tausende Menschen trafen sich am Sonnabend voriger Woche in Halle-Neustadt zum »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur«. Foto: picture alliance/Peter Endig

Tausende Menschen trafen sich am Sonnabend voriger Woche in Halle-Neustadt zum »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur«. Foto: picture alliance/Peter Endig

Was tun? Natürlich müsse man widersprechen, aufklären, mit Fakten den Vorurteilen begegnen, sagt Cordula Haase, Nachfolgerin von Petra Albert als Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Doch wichtig sei vor allem, positive Beispiele und Erfahrungen zu kommunizieren. Während die Schlagzeilen und Fernsehbilder von wenigen Hundert rechten Schreihälsen und Fanatikern vor Asylunterkünften beherrscht werden, werden andere Aktionen nur am Rande vermeldet.

Beispielsweise das »Frühstück für Weltoffenheit und Willkommenskultur« in Halle-Neustadt. Dazu kamen am vergangenen Sonnabend mehr als Tausend Hallenser, darunter mehrere Hundert Menschen mit Migrationshintergrund. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis von Politikern aller Parteien, Wissenschaftlern, Künstlern sowie Bischöfen und Regionalbischöfen beider großer Kirchen sowie die jüdische Gemeinde. Nicht nur, dass analog zur biblischen Speisung der 5 000 am Ende reichlich übrig blieb. Auch die hier von der NPD zur selben Zeit angemeldete Kundgebung gegen eine geplante Asyl­unterkunft wurde kurzfristig abgesagt. »Solche Beispiele müssen Schule machen; wir brauchen noch mehr Kreativität, um zur Begegnung von Menschen einzuladen«, sagt Cordula Haase.

Denn gerade das Kennenlernen fremder Kulturen könne zu mehr Verständnis und Wertschätzung für die eigenen kulturellen Wurzeln, für die eigene Identität, für den eigenen Glauben führen. Das bestätigt der Psychologe Beelmann: Nicht durch Argumente, nur durch direkten Kontakt werden Vorurteile abgebaut.

Eine Erfahrung, die auch Diakon Adelino Massuvira Joao macht. Der gebürtige Mosambikaner, Ausländerbeauftragter des Kirchenkreises Henneberger Land, ist derzeit im Auftrag des Kirchenkreises für vier Stunden pro Woche zur sozialdiakonischen Beratung in der Suhler Erstaufnahmeeinrichtung tätig. »Ein Tropfen auf den heißen Stein«, sagt er im Blick auf die jüngsten Auseinandersetzungen unter Asylbewerbern. Wenn Menschen unterschiedlichster Kulturen, Glaubens­überzeugungen und Mentalitäten, belastet von den mit dem Asylverfahren verbundenen Unsicherheiten auf engstem Raum zusammenleben müssen, reiche ein kleiner Funke, um die Stimmung explodieren zu lassen. Doch ein vom Kirchenkreis und der Diakonie beantragtes Projekt für eine regelmäßige Beratung durch geschulte Sozialpädagogen wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt.

Harald Krille

Zu Hause in zwei Kulturen

30. August 2015 von redaktionguh  
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Porträt: Die Dolmetscherin Medine Yilmaz kümmert sich um junge Flüchtlinge in Erfurt


Medine Yilmaz hat kurdische Wurzeln. Seit vier Jahren lebt sie in Erfurt und engagiert sich in der Arbeit mit Asylsuchenden.

Sie nennen sie »Mama«. Medine Yilmaz ist für die beiden syrischen Jugendlichen wie eine Mutter. Immer wieder hilft sie ihnen, wenn die Flüchtlinge ein Problem in ihrer neuen Heimat Thüringen haben. Die 15- und 17-Jährigen sind ohne Eltern aus dem Bürgerkriegsland geflohen und versuchen, sich in Erfurt zurechtzufinden. Die 33-jährige Yilmaz arbeitet als Dolmetscherin. Gerade hat sie die beiden und eine Sozialarbeiterin auf der Straße getroffen. Weil sie die Regeln in ihrer Unterkunft etwas großzügig ausgelegt hatten, liest ihnen ihre »Mama« die Leviten. Die junge Frau ist Helferin und Respektsperson in einem.

Die 33-jährige Dolmetscherin und Studentin ist Muslimin. Sie besucht jedoch auch mal einen christlichen Gottesdienst. – Foto: Markus Wetterauer

Die 33-jährige Dolmetscherin und Studentin ist Muslimin. Sie besucht jedoch auch mal einen christlichen Gottesdienst. – Foto: Markus Wetterauer

Medine Yilmaz hat kurdische Wurzeln. Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter aus Ostanatolien nach Berlin. Nach Realschule und kaufmännischer Ausbildung absolvierte sie eine Weiterbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin und holte ihr Abitur nach. Seit vier Jahren lebt und arbeitet sie in Erfurt. An der Universität studiert sie gleichzeitig Staatswissenschaften, um sich für ihren Beruf Hintergrundwissen anzueignen. Gedolmetscht hat sie schon im NSU-Ausschuss des Thüringer Landtags oder bei Firmenkongressen, für türkische und kurdische Patienten in Krankenhäusern oder bei Besuchen von türkischen Delegationen in Deutschland.

Zu Hause fühlt sie sich in beiden Kulturen, sagt sie, der kurdischen und der deutschen. Und: »Es ist ein Gottesgeschenk, verschiedene Religionen kennenzulernen.« Für die Muslimin ist es eine Bereicherung, auch einmal einen christlichen Gottesdienst zu besuchen und Gemeinsamkeiten zu entdecken: »Ich sehe meinen Glauben nicht als die überlegene Religion.«

Aber er ist Anstoß, anderen zu helfen. Sie hilft minderjährigen Flüchtlingen wie den beiden syrischen Jugendlichen. Sie vermittelt deutsche Patenfamilien an Flüchtlingsfamilien, damit diese Hilfe bei Wohnungssuche und Behördengängen bekommen. Mit ihrem neuesten Projekt will sie Flüchtlingskindern in der Erstaufnahmestelle in Suhl eine Freude bereiten. 400 von ihnen sollen Ende September ein Päckchen erhalten. Darin sind Dinge für den bevorstehenden Schulbesuch: Stifte und Radiergummi, Block und Hefter. Auch ein paar Bonbons dürfen nicht fehlen, denn: »Das soll eine schöne Erinnerung an die schwere Zeit werden.«

In der deutschen Gesellschaft beobachtet sie einen zunehmenden Egoismus und eine wachsende Vereinsamung. Mit ihrem Engagement will sie dem etwas entgegensetzen. Sie findet es schade, dass viele ältere Menschen allein sind. »Sie könnten Flüchtlingen helfen beim Deutschlernen«, überlegt sie, »und im Gegenzug zum Beispiel Hilfe beim Einkaufen bekommen.«

»Almosen geben« gehört zu den fünf Säulen des Islams. Dabei muss es sich nicht immer um Geld handeln, erklärt Medine Yilmaz. »Das kann auch ein Lächeln sein.«

Markus Wetterauer

Die »Aktion Schülergeschenk« wird unterstützt vom Martin-Luther-Institut der Universität Erfurt. Wer mithelfen will, findet weitere Informationen im Internet: www.uni-erfurt.de/mli > Schülergeschenk

Miteinander übers Wasser laufen

29. August 2015 von redaktionguh  
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Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, Vers 40

Bibelarbeit in einer Werkstatt für angepasste Arbeit. Sieben Beschäftigte sind gekommen. Statt mit gemalten möchte ich heute mit inneren Bildern arbeiten. So bitte ich alle, die Augen zu schließen. Und dann erzähle ich die Geschichte vom sinkenden Petrus. Wie Jesus betet und die Jünger im Boot vorausfahren, wie Jesus ihnen auf dem See gehend hinterherkommt. Dass sie ihn für ein Gespenst halten und dann Petrus den Mut hat, es seinem Herrn gleichzutun. Wie es ihm gelingt, auf dem Wasser zu laufen, wie er scheitert. Und wie Jesus ihm die rettende Hand reicht. Als die Jünger und Jesus wieder im Boot sitzen und alle ihre Augen öffnen, sehe ich, dass sich die Sieben an den Händen halten, auch über freie Stühle hinweg. Da sitzen sie, halten sich fest und sind froh, wieder zu sehen.

Sophie Kersten, Vikarin in Mühlhausen

Sophie Kersten, Vikarin in Mühlhausen

Im folgenden Gespräch höre ich: Ja, das war eine gute Geschichte, aber allein hätten sie jetzt nicht sein wollen. Das war zu schwer, da, allein auf dem Wasser. Gut, dass Jesus Petrus geholfen hat! Gut, dass sie nah genug zusammensaßen, um sich gegenseitig zu halten! Petrus’ Gang auf dem Wasser wird für uns zum Gang auf unsicherem Grund. Seine Verzweiflung, sein Schrecken wird unser Schrecken. Und Jesu Hand, rettend und emporziehend, wird zur Hand des realen Nächsten. Des Nächsten, der genauso sinkend, hilfesuchend, betroffen ist. Und der keine Scheu hat vor dem anderen. Denn gemeinsam, das sagten alle, waren sie so stark, gemeinsam konnten sie es schaffen. Diese Bibelstunde ist viele Jahre her, und wenn ich heute die Geschichte vom sinkenden Petrus höre, steigen andere Bilder in mir auf. Doch ich schließe wieder meine Augen und sehe sie vor mir, die sieben Menschen im Andachtsraum, wie sie im Boot sitzen, wie sie auf dem Wasser zu laufen versuchen, untergehen – und sich gegenseitig vor dem Ertrinken retten. Ich sehe ihre Hände über Stühle hinweg miteinander verbunden zu einer tragenden Kette. Und ich merke: Nächster sein, das geht. Und es ist manchmal so einfach.

Sophie Kersten, Vikarin in Mühlhausen

Ein Museum für den »Urkantor«

25. August 2015 von redaktionguh  
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Torgau will bis 2017 eine Dauerausstellung zu Johann Walter einrichten

Als Martin Luther in Torgau den ersten evangelischen Kirchenneubau weihte, schrieb Johann Walter die Musik dazu. Die Stadt will dem »protestantischen Urkantor«, der bereits 1525 mit Luther gemeinsam eine neue Ordnung des Gottesdienstes entwickelte, ein Museum widmen.

Es soll die erste Dauerausstellung werden, die sich ausführlich mit dem Komponisten und Musiker Johann Walter (1496–1570) beschäftigt. Pünktlich zum 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 soll es nach Willen der Stadt öffnen. Erste inhaltliche Konzeptionen wurden bereits angestoßen, auch die Sanierung des für das Museum vorgesehenen Hauses schreite gut voran, sagt der städtische Kulturreferent Michael Reiniger, bei dem die Pläne zusammenlaufen.

Fassade des Hauses, das Georg Spalatin 1523 von Friedrich dem Weisen zur Verfügung gestellt wurde – Foto: Peter Ehrhardt/Torgau-Informations-Center

Fassade des Hauses, das Georg Spalatin 1523 von Friedrich dem Weisen zur Verfügung gestellt wurde – Foto: Peter Ehrhardt/Torgau-Informations-Center

Untergebracht wird das Museum in einem ehemaligen Wohnhaus des Theologen und Sekretärs Georg Spalatin (1484–1546), der aufgrund seiner guten Verbindung zwischen Luther und den sächsischen Kurfürsten auch als »Steuermann der Reformation« bezeichnet wird. Auch sein Wirken bekommt einen Platz in dem historischen Priesterhaus.

Erste Stadtkantorei wurde 1527 gegründet
Johann Walter wurde 1496 im thüringischen Kahla geboren und gelangte 1520 als Sänger in die kursächsische Hofkantorei von Friedrich dem Weisen nach Torgau. 1524 erschien erstmals sein »Geistliches Gesangbüchlein«. »Walter hatte einen großen Einfluss auf die deutsche Messe«, sagt Reiniger. Mit ihm zusammen habe Luther seine Vorstellung umgesetzt, dass das Evangelium auch im gemeinsamen Musizieren verbreitet werden soll.

Die Besonderheit in Walters Wirken liegt in der Leitung der von ihm um 1527 gegründeten Stadtkantorei – der ersten überhaupt. Bürger sangen hier gemeinsam mit Chorschülern. Höhepunkt für die Kantorei war wohl 1544 die Einweihung der neuen Schlosskirche, des ersten evangelischen Kirchenbaus. Dabei kam eine eigens dafür komponierte Motette Walters zur Aufführung.

Der Kantor schuf zahlreiche einfache Sätze, in denen die Melodie zumeist von vier gleichberechtigten Stimmen geführt wurde. Luther wollte, dass die Gemeinde den Gottesdienst in Text, Liturgie und Musik verstehen kann. Gemeinsam mit Walter entstanden so volkstümliche Melodien mit geistlichen Texten, die eingängig waren.

Porträt des Kantors noch immer verschollen
Die Musik Walters soll im neuen Museum einen zentralen Platz einnehmen. An Audiostationen werden sich Besucher die Werke anhören können, erklärt Museologin Stefanie Molnar. Bei den Exponaten wird die Stadt in großer Zahl auf Reproduktionen zurückgreifen müssen, Originale aus Archiven wird es nur wenige geben. Und auch auf ein besonderes Stück muss wohl verzichtet werden: Viele Jahrhunderte beherbergte Torgau ein Porträt Walters. Doch das Bild ist spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts verschollen, vermutlich wurde es aus einer Schule gestohlen. »Alle Welt sucht nach diesem Bild«, sagt die Musikhistorikerin Christa Maria Richter. Es wird vermutet, dass das Gemälde aus der Cranach-Werkstatt stammt und damit von großem Wert ist. Hinweise gibt es auch auf die Gestaltung, so Richter. Dargestellt werde ein Mann mit Schriftrolle, dem die Sehschwäche – wie Walter sie hatte – anzusehen war. Doch ob das Bild im Ausland ist oder irgendwo in einem Torgauer Wohnzimmer hängt, kann niemand sagen. So wird der »Urkantor« den Menschen vorerst wohl weiter nicht durch sein Bild, sondern nur durch seine Musik in den Köpfen bleiben.

Luise Poschmann (epd)

Mit Liebe zur Musik

25. August 2015 von redaktionguh  
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Bad Liebenwerda sucht Superintendenten

Christof Enders

Christof Enders

Der Kirchenkreis Bad Liebenwerda sucht nach der Verabschiedung Karl-Heinz Nickschicks einen neuen Superintendenten. Zwei Kandidaten haben sich vorgestellt. Die Kreissynode unter Präses Ralf Hellriegel wird am 4. September entscheiden. Der neue Superintendent wird voraussichtlich zum Beginn des neuen Kirchenjahres oder im Januar 2016 sein Amt antreten.

Beworben hat sich Pfarrer Christof Enders (42) aus Jerichow im Kirchenkreis Stendal. Er stammt aus einer Pfarrfamilie, wurde in Sangerhausen geboren und wuchs in Halle-Neustadt und Wittenberg auf. Nach Abitur und Zivildienst im katholischen Augustinuswerk in der Lutherstadt verbrachte er ein halbes Jahr in Warwickshire (England) und studierte anschließend in Berlin und Halle Theologie. Danach war er zwei Jahre Assistent von Bischof Axel Noack und ging anschließend ins Vikariat nach Halle-Kröllwitz. 2005 wurde er in die Pfarrstelle Jerichow entsandt, ist für 17 Dörfer mit 19 Kirchen zuständig. Christof Enders liebt nicht nur die Musik. Er hat das Leiten schon in jungen Jahren im Schülerrat ausprobiert und festgestellt, dass es ihm liegt. 2008 wurde er zum 2. stellvertretenden Superintendenten gewählt; seit 2009 ist er Vorsitzender des Stiftungsrates der Stendaler Borghardt-Stiftung. »Das Leiten-Können ist eine Gabe, die ich weiterentwickeln will«, sagt er. Bei Gesprächen im Kirchenkreis Bad Liebenwerda habe er gespürt, dass es passen könnte. Christof Enders ist verheiratet. Seine Frau Diana ist Bibliothekarin. Das Paar hat vier Kinder.

Tilman Kuhn

Tilman Kuhn

Der zweite Bewerber um die Stelle heißt Tilmann Kuhn (53) und ist zurzeit Pfarrer in Perleberg im Kirchenkreis Prignitz in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er stammt aus einer Pfarrfamilie in Kloster Lehnin in der Mark Brandenburg und wuchs in Hohenmölsen bei Zeitz und später in Fürstenwalde auf. Nach der zehnten Klasse machte er eine Elektrikerlehre, holte das Abitur nach und studierte von 1985 bis 1990 an der Humboldt-Universität in Berlin Theologie. Danach ging er in die Kirchengemeinde Lieberose Stadt und Land (30 Kilometer nördlich von Cottbus): erst als Vikar, dann als Pfarrer im Entsendungsdienst und schließlich als Gemeindepfarrer, der zudem verschiedene Chöre leitete. 2003 wechselte er innerhalb Brandenburgs ins Gemeindepfarramt nach Perleberg. Für eineinhalb Jahre – bis 2014 – war Tilman Kuhn amtierender Superintendent des Kirchenkreises Prignitz und sammelte in dieser Zeit Leitungserfahrung – auch als Vorstand des Diakoniewerkes und der Stiftung zum Erhalt der Prignitzer Kirchen. »Diese Erfahrungen waren der Auslöser, mich für das Superintendentenamt zu bewerben«, sagt er. Pfarrer Kuhn ist geschieden. Drei seiner vier Kinder sind erwachsen und studieren.

Angela Stoye

Wo Schulen fröhlich wachsen

24. August 2015 von redaktionguh  
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Bildung: Integration und Inklusion gehören ins Profil evangelischer Schulen


Die beiden Schulstiftungen innerhalb der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ziehen Bilanz und blicken auf die Herausforderungen im neuen Schuljahr.

Der 18-jährige Ali will lernen. Der junge Mann aus Afghanistan sucht eine Schule und findet Aufnahme im Christlichen Gymnasium Jena. Die Schüler selbst haben sich für ihn eingesetzt. In Erfurt kann eine syrische Lehrerin ein Praktikum absolvieren. Noch gibt es wenige solcher Beispiele, aber die Herausforderungen der Integration von Flüchtlingskindern und asylsuchenden Lehrkräften wird in der Zukunft wachsen. Das sieht der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, Kirchenrat Marco Eberl, als große Aufgabe gerade im Blick auf das christliche Menschenbild. »Auch in unseren Schulen suchen wir nach Möglichkeiten für solche Praktika«, teilt der Naumburger Pfarrer Michael Bartsch mit. Er ist Vorsitzender der Johannes-Schulstiftung. Sie betreibt vier Grund- und vier Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt. Zur Evangelischen Schulstiftung gehören 21 Schulen, davon 12 Grundschulen, zwei Regelschulen, sechs Gymnasien und eine Gemeinschaftsschule.

Die Schulleiterin der Evangelischen Grundschule Nordhausen, Lysann Voigt-Huhnstock, und der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, Marco Eberl, informierten in Erfurt Pressevertreter über Entwicklungen und Vorhaben in der evangelischen Schullandschaft. – Foto: Willi Wild

Die Schulleiterin der Evangelischen Grundschule Nordhausen, Lysann Voigt-Huhnstock, und der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland, Marco Eberl, informierten in Erfurt Pressevertreter über Entwicklungen und Vorhaben in der evangelischen Schullandschaft. – Foto: Willi Wild

»Die evangelischen Schulen wachsen fröhlich«, sagt Marco Eberl, denn die Anmeldezahlen seien konstant hoch. Evangelische, katholische und konfessionslose Eltern melden ihre Kinder an. Dabei seien nicht kleinere Klassen ausschlaggebend, weil das schon lange nicht mehr zutreffe, sondern wichtig sei den Eltern, dass jedes Kind so angenommen wird, wie es ist, und wertgeschätzt wird.

Die finanziellen Rahmenbedingungen der freien Schulen in Thüringen haben sich verbessert. Durch eine neue Gesetzesvorlage (G+H Nr. 28) konnte eine gewisse Planungssicherheit erreicht werden. Haushalten sei jedoch weiter angesagt. Durch die Unterstützung von Fördervereinen und Kirchenkreisen könne das Schulgeld bei maximal 150 Euro gehalten und Kindern aus sogenannten Hartz-IV-Familien die Zuzahlung erlassen werden. In Sachsen-Anhalt allerdings machten rückläufige staatliche Schülerkostensätze für Sekundarschulen bei gleichzeitigen Tariferhöhungen Sorgen, beklagt Bartsch. Trotzdem sind beide Stiftungen und die Mitarbeiter an den Schulen überzeugt, dass gute Bildung eine zentrale Aufgabe der Kirche bleibt.

Inklusion und Integration gehörten dazu, betonte Lysann Voigt-Huhnstock. Die Pädagogin ist Schulleiterin der Evangelischen Grundschule Nordhausen. »Vielfalt ist bei uns Normalität«, weist sie auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf oder unterschiedlicher Herkunft hin. »Jedes Kind soll gleiche Bildungschancen haben.« Der Schlüssel für optimale Rahmenbedingungen seien gute Pädagogen. Dazu gehörten Schulungen und Fortbildungen. Hier wünschen sich Eberl und Voigt-Huhnstock noch mehr Unterstützung.

Neugründungen sind zurzeit nicht zu erwarten, denn in beiden Bundesländern gilt eine Wartefrist von drei Jahren, bevor es staatliche Zuschüsse gibt. Natürlich werden auch positive Nachrichten verkündet: In diesem Schuljahr können die Schüler des Gymnasiums in Meiningen ein neues Gebäude beziehen. In Haldensleben wird am 14. Oktober eine Passivhausschule in den Dienst gestellt, die zu 70 Prozent aus EU- und Landesmitteln gefördert wurde. Das nennt Bartsch beispielhaft. Zudem soll in Burg bei Magdeburg ein Schulneubau begonnen werden. »Uns liegt das evangelische Profil am Herzen«, betont Michael Bartsch. »Die Schulen sollen in die Kirchengemeinden hineinwirken und umgekehrt. Das muss unser Ziel sein.«

Dietlind Steinhöfel

Neuanfang begleiten

24. August 2015 von redaktionguh  
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Jetzt geht es wieder los: Die Züge werden voller, die Autobahnen auch. Denn mit dem Ende der Sommerferien ist für viele Berufstätige und vor allem Familien die Haupturlaubszeit ebenfalls vorbei.

Dann werden auch wieder Helfer mit Warnwesten an den Straßen stehen, um Erstklässler sicher durch den Verkehr zu leiten. Denn wenn am Montag in Sachsen, in der kommenden Woche in Thüringen und Sachsen-Anhalt und am 31. August in Brandenburg Schulanfang ist, beginnt für die Sechs- und Siebenjährigen zugleich der Ernst des Lebens. Manches Kind kann den großen Tag sicher kaum erwarten, damit es endlich lesen, schreiben und rechnen lernen kann. Nur die Eltern werden ahnen, dass da auf den kleinen Schüler oder die Schülerin vielleicht auch Tränen warten: wenn die Anforderungen zu hoch erscheinen, wenn das Geforderte nicht so leicht von der Hand ins Heft geht, wenn die Klassenkameraden vielleicht sogar mit Spott oder Häme nicht hinterm Berg halten deswegen oder weil Ranzen, Federmappe und Stifte nicht die teuren Marken sind.

Vielleicht fallen darum – quasi als Trost vorweg – manche Schuleinführungsfeiern so umfangreich aus, fast wie Hochzeiten. Und die Zuckertüte kann nicht groß genug sein, um dem Neuling den Anfang zu versüßen.

Das ist zwar alles schön und gut. Was die Kinder aber viel mehr brauchen, ist Rückhalt in der Familie, Ermutigung an jedem Tag, an dem vielleicht das frühe Aufstehen schwerfällt, weil eine Leistungskontrolle ansteht.

Kirchengemeinden versuchen, mit Schulanfänger-Gottesdiensten zumindest ein Stück weit zu vermitteln: Du bist nicht allein, hier sind Menschen, die für dich da sind, hier kannst du herkommen, wenn dich etwas bedrückt.

Im Gottesdienst zum Schulanfang erhalten die Kinder für ihren neuen Lebensabschnitt Segen und Zuspruch durch die Gemeinde. Und das ist gut so.

Christine Reuther

Fest der Religionen und Kulturen

23. August 2015 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Warum braucht Thüringen noch ein weiteres Festival?


Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt bekommt ein neues Kunst- und Kulturfest. Bei den Achava-Festspielen (Achava, hebräisch: Brüderlichkeit) stehen der interkulturelle und interreligiöse Dialog im Vordergrund.
Künstlerischer Leiter ist Jascha Nemtsov (52), Professor an der Hochschule für Musik in Weimar. Mit ihm sprach Willi Wild.

Thüringen hat bereits viele Kulturfeste im Sommer. Gerade ist in Weimar das Festival Yiddisch Summer zu Ende gegangen. Warum noch ein weiteres jüdisches Kulturfestival?
Nemtsov: Das ist natürlich eine legitime Frage. Die Achava-Festspiele sind aber kein weiteres jüdisches Kulturfestival. Das ist eine ganz neue Form. Die gibt es so weder in Thüringen noch sonst in Deutschland. Das ist ein Festival, in dessen Mittelpunkt der Dialoggedanke steht; es ist also ein interreligiöses und interkulturelles Festival. Es war den Initiatoren außerdem ein ganz wichtiges Anliegen, dass wir dieses Festival zusammen mit möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus der kulturellen, religiösen und politischen Szene machen. Da sind die katholische und evangelische Kirche dabei, die Jüdische Landesgemeinde, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Reformationsbeauftragte der Landesregierung, die Evangelische Schulstiftung, politische Stiftungen, die Gedenkstätte Buchenwald, der Thüringer Literaturrat, die Weimarer Hochschule für Musik »Franz Liszt«, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der Verein »West Östlicher Divan« und andere.

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Einen kritischen Dialog wünscht sich der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. – Foto: Rut Sigurdardóttir

Auch muslimische Verbände beteiligen sich?
Nemtsov: Uns ist es wichtig, dass möglichst viele Konfessionen vertreten sind. Dieses Jahr sind es die beiden großen christlichen Kirchen, die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime. Aber wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch andere Religionsgemeinschaften vertreten sein werden.

Was unterscheidet Achava von anderen Festivals?
Nemtsov: Es ist diese Mischung aus rein kulturellen Veranstaltungen, Konzerten mit hochkarätigen Künstlern und Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Dialog steht. Die Musik ist etwas, was alle zusammenbringt. Die diskursiven Veranstaltungen sind dagegen ein Ort, wo unterschiedliche Meinungen artikuliert werden können und sollen. Es ist nicht unser Ziel, dass nach so einem Gespräch die Leute rausgehen und sagen, jetzt weiß ich, was richtig ist. Für mich persönlich ist es auf alle Fälle wichtig, die Dialogkultur und Meinungsvielfalt zu fördern.

Wie ist der Untertitel »Ein jüdischer Impuls für den interreligiösen Dialog« zu verstehen?
Nemtsov: In der Hebräischen Bibel begegnet uns die Idee der Toleranz und des Friedens. Toleranz heißt ja nicht Liebe. Der Prophet Micha meint: »Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken.« Das erscheint so einfach, ist aber anscheinend nicht selbstverständlich in einer Welt, in der ständig versucht wird, einander einen Glauben, eine Meinung oder eine Lebensweise als einzig richtige aufzuzwingen.

Was sind für Sie die herausragenden Veranstaltungen bei diesen Festspielen?
Nemtsov: Das kann man so gar nicht sagen. Da sind ja etliche weltbekannte Musiker, die zu uns kommen. Beispielsweise haben wir ein Konzert am 30. August, bei dem der großartige israelische Mandolinist Avi Avital zusammen mit dem iranischen Cembalisten Mahan Esfahani musiziert. Auch eine Begegnung der besonderen Art. Sie werden zusammen klassische Werke spielen und auch Kompositionen aus ihrer Prägung und Tradition.

»Unter dem Feigenbaum«, heißt eine Reihe, bei der es auch um aktuelle Themen geht, zum Beispiel Syrien und Irak, Verfolgung, Flucht und Genozid.
Nemtsov: Wir haben bei dieser Diskussionsrunde Vertreter aus Politik und von Religionsgemeinschaften. Neben Heinz Buschkowski, dem ehemaligen Bürgermeister aus Berlin-Neukölln, sind es auch die jesidische Journalistin Düzen Tekkal und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek. Selbst die Moderatoren gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an: Martin Kranz ist evangelischer Christ, ich bin Jude.

Das klingt spannend, aber auch nicht ganz spannungsfrei.
Nemtsov: Auf alle Fälle. Ich glaube, wenn man Veranstaltungen organisiert, bei denen nur das gesprochen wird, was man ohnehin überall hört, hat es überhaupt keinen Sinn und Zweck. Wir wollen gerade Punkte ansprechen, die sonst ausgeklammert werden.

Mit der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland werden zwei Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler angeboten.
Nemtsov: Es geht darum, dass sich die jungen Menschen ein Bild über verschiedene Religionen aus erster Hand machen können. Dass sie nicht nur in die Kirche gehen, sondern eben in die Synagoge und in eine Moschee. Und dass dort authentische Eindrücke vermittelt werden.

Mit Abraham geht es dabei auch um den Stammvater der Juden, Christen und Muslime. Das klingt nach der Botschaft: Alle monotheistischen Religionen sind eigentlich eins!
Nemtsov: Ich hoffe nicht. Man muss erklären, woher die Spannungen kommen, die es schon seit vielen Jahrhunderten gibt. Ich glaube, wir verstehen uns eher, wenn wir unsere Unterschiedlichkeit deutlich machen. Die Religionen sind wirklich sehr verschieden. Da sind ganz unterschiedliche Welten, Denkweisen und philosophische Systeme. Das soll deutlich werden, und darüber wollen wir reden.

Beim Eröffnungskonzert im Erfurter Dom sind der RIAS Kammerchor und drei der weltbesten jüdischen Kantoren zu hören.
Nemtsov: Das ist ein Programm mit Psalmvertonungen in synagogaler Musik. Die Psalmen verbinden Judentum und Christentum, weil sie in beiden Religionen einen hohen Stellenwert haben. Die Werke, die zur Eröffnung erklingen, kommen aus der jüdischen liturgischen Musik, allerdings mit teilweise deutlichen stilistischen Einflüssen der christlichen Musik.

Mit Azi Schwartz ist der bekannteste jüdische Kantor vertreten?
Nemtsov: Er kommt aus Israel und wirkt seit ein paar Jahren als Kantor der Park Avenue Synagoge in New York. Das ist die größte und wichtigste Synagoge des sogenannten konservativen Judentums.

Zu welchen Anlässen werden die Kompositionen gesungen?
Nemtsov: Zu unterschiedlichen liturgischen Anlässen. Neben den Sabbat-Psalmen gibt es auch Psalmen aus dem sogenannten Pessach-Hallel (Psalmen 113 bis 118).

Wer eine Bibel mitbringt, kann also den Inhalt nachlesen?
Nemtsov: Im Prinzip schon. Die Psalmen werden auf Hebräisch gesungen, und man kann die Texte nach der deutschen Übersetzung verfolgen.

www.achava-festspiele.de

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