Wo Integration täglich gelebt wird

29. September 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Kirchenkreis und Schule luden zum interkulturellen »Tag der Begegnung«

Wir wollten den Auftakt der Interkulturellen Woche da feiern, wo auch tatsächlich Integration stattfindet«, sagt Claudia van Almsick, Kirchenkreissozialarbeiterin in der Kreisdiakoniestelle Bad Salzungen. Deshalb luden Superintendent Ulrich Lieberknecht und Schulleiter Jens Volkert unter dem Motto »Gemeinsam Zukunft gestalten« am 19. September zum »Tag der Begegnung« in die Staatliche Grundschule »Parkschule« nach Bad Salzungen ein.

»Gemeinsam Zukunft gestalten«: Beim Auftakt der Interkulturellen Woche 2015 lockte das Schminkangebot natürlich besonders die Mädchen an. Foto: Juliane Hassan

»Gemeinsam Zukunft gestalten«: Beim Auftakt der Interkulturellen Woche 2015 lockte das Schminkangebot natürlich besonders die Mädchen an. Foto: Juliane Hassan

»Als der Diakonieausschuss der Kreissynode Anfang des Jahres die Idee hatte, sich aktiv an der Interkulturellen Woche zu beteiligen, ahnte niemand von uns, wie schnell und dramatisch sich die Flüchtlingsthematik verschärfen würde«, meint Claudia van Almsick. Seit Jahresbeginn sind über 11 000 Asylsuchende nach Thüringen gekommen. Etwa 800 von ihnen haben momentan im Wartburgkreis eine Bleibe gefunden.

»Auch wir in den Kirchengemeinden sind genauso noch am Anfang wie die ganze Gesellschaft. Aber ich merke immer mehr: Unsere Kirche wird hier gebraucht«, meint Claudia van Almsick. Und Superintendent Lieberknecht ergänzt: »Uns ist es wichtig, als Kirche da zu sein.« Er ist sich sicher: »Die Kinder, die in der Parkschule zusammen lernen und spielen, werden später einmal nicht solche Berührungsängste haben, wie wir sie heute erleben.« Denn in der Parkschule werden derzeit 30 Flüchtlingskinder unterrichtet. Erfahrung mit den Themen Migration und Integration hat man schon länger. Ein Beispiel: Als die 13-jährige Jasmin (Name geändert) mit ihrer Familie vor Jahren aus Syrien hierher kam, sprach sie nur Kurdisch und Arabisch. Sie wurde umgehend in die Parkschule eingeschult und »schon nach der dritten Klasse konnte ich perfekt Deutsch«, erzählt Jasmin, die später Medizin studieren möchte. Selbstverständlich ist sie nun mit ihrer Familie beim »Tag der Begegnung« an ihrer »alten« Schule dabei. Weil sie weiß, wie wichtig es ist, »von Anfang an miteinander ins Gespräch zu kommen«.

Eigentlich ist jeder Tag in der Parkschule ein »Tag der Begegnung«, da hier Kinder aus verschiedenen Kulturen und Religionen lernen. Gerade in einer Zeit, in der an seiner Schule eine wachsende Zahl ankommender Flüchtlingskinder registriert wird, ist Schulleiter Volkert der Kontakt zum Kirchenkreis viel wert. Denn »die Kirche ist ein starker Partner, wenn es um Fragen der Menschenwürde, Nächstenliebe und Gerechtigkeit geht«, sagt Volkert

Offiziell wird die 40. Interkulturelle Woche der Kirchen an diesem Sonntag in Mainz mit einem zentralen Gottesdienst eröffnet. »Das war auch unser erster Gedanke. Davon sind wir aber rasch abgekommen«, resümiert Claudia van Almsick. Man sei lieber dahin gegangen, wo der interkulturelle Gedanke im Alltag gelebt wird.

Juliane Hassan

Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von redaktionguh  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

Die Macht der Gebete

28. September 2015 von redaktionguh  
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Deutsche Einheit:  Die Wiedervereinigung ist ein Wunder und ein Zeichen, dass Gott hört und hilft

Die friedliche Revolution hat gezeigt, was Gebete bewirken. Diese Erfahrung ist eine Hoffnung für die Probleme von heute.

Vor 25 Jahren war ich 63 Jahre alt. Zahlreiche Erinnerungen steigen in mir auf. Alle, die vor 30 Jahren und später geboren wurden, haben die Wiedervereinigung nicht bewusst erlebt. Deshalb ist das Zeugnis der Älteren wichtig. Einiges konnte ich beitragen zur Einheit Deutschlands. Erlebnisse, die mich geprägt haben, überdauern die Zeiten.

Wenn ich heute das Elend der Flüchtlinge wahrnehme, erinnere ich mich an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Völlig erschöpft wurde ich in ein Gefangenenlager eingewiesen. Nur mit der Uniform am Leibe schlief ich zusammen mit Hunderten von Gefangenen auf dem Betonfußboden einer großen Halle. Ich wurde stocksteif und konnte weder aufstehen noch laufen. Erst die warme Frühlingssonne und eine hilfreiche Bauernfamilie brachten mich wieder auf die Beine. Gott sei Dank!

Ein anderes Erlebnis: Als das Buch »Perestroika« von Michael Gorbatschow erschien, erkannte ich, dass die Bundesrepublik Deutschland weit höher eingestuft wurde als die Deutsche Demokratische Republik. Das war schon an der Länge der Beiträge abzulesen. Damals sagte ich zu meiner Frau und den Kindern: »Wir werden bald die Einheit Deutschlands erleben.« Ich weiß nicht mehr, welche Entgegnungen mein Hinweis auslöste. Der Spinner bekam Recht. Gott sei Dank!

Herbst 1990: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Landesbischof Werner Leich und der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Martin Kruse, in Bonn. Foto: epd-Bild/Neetz

Herbst 1990: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Landesbischof Werner Leich und der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Martin Kruse, in Bonn. Foto: epd-Bild/Neetz

In meinen Lebenserinnerungen wagte ich vor 25 Jahren einen Blick in die Zukunft: »Die Bewohner unseres Planeten können nicht mehr einfach nach Rasse oder Volk unterschieden werden. Sie sind längst zu einer Schicksalsgemeinschaft des Überlebens geworden. Wir erleben die Anfänge einer großen Völkerwanderung aus der Armut in den Reichtum, in das Überleben.« Im Jahr der Wiedervereinigung schrieb ich diese Sätze. Ich ahnte nicht, dass sie bald Wirklichkeit werden. Heute erschrecke ich vor dem Ausmaß der Hilfe suchenden Flüchtlinge. Gibt es etwas Bleibendes, das ich mit »Gott sei Dank!« erzählen kann?

Während der Trennung Deutschlands beteten die Kirchen in Ost und West regelmäßig für die Vereinigung.Viele Christen litten unter der Trennung ihrer Familien und beteten für die Zusammenführung. Unüberwindbar erschienen die Machtblöcke, die Sowjetunion im Osten und der Nordatlantische Pakt im Westen. Ich betete regelmäßig den Lobgesang der Maria: »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen«, heißt es darin. Beschämt gebe ich zu, dass ich die Erfüllung für unmöglich hielt. Und doch gingen die Gebete in Erfüllung. Die Gewaltigen konnten die Teilung nicht zementieren. Die trennende Mauer stürzte ein. Das Gebet der kleinen und großen Leute wurde erhört. »Er erhebt die Niedrigen.« Wenn wir vom Wunder der Wende sprechen, müssen wir immer die Macht der Gebete hinzufügen. Gott sei Dank!

Wunderbar wirkte die Macht des Gebetes in der Friedlichen Revolution. Aus den Friedensgebeten drängten die Beter auf die Straße. Die Leiter gaben Halt und Weisung mit. »Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Timotheus 1,7).« Mit dem Zuspruch war die Mahnung verbunden: Bleibt friedlich, lasst euch nicht provozieren. Die Älteren unter uns wissen, wie schwer das war. Die mächtige Einheitspartei bekämpfte die Christen auf der Straße mit brutaler Polizeigewalt. Zudem gingen die kleinen Machthaber überheblich, von oben herab mit den Bürgern um. Das schrie nach Vergeltung. Menschen, die Jahre lang gedemütigt wurden, sollen gegenüber ihren Peinigern friedlich bleiben. Wie ist das zu schaffen?

Als an dem Abend der Entscheidung der Demonstrationszug die Zentrale des Staatssicherheitsdienstes erreichte, erwarteten die Befehlshaber den Sturm auf die Dienststelle als Signal für den vernichtenden Angriff. Alles war vorbereitet, medizinische Notversorgung, Särge, Alarmbereitschaft der Sicherheitskräfte. Aber es kam ganz anders. Die ersten Demonstranten bildeten eine Kette um das Gebäude mit Kerzen in den Händen. Friedlich zogen die Menschen vorüber. »Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten«, soll der Kommandant gesagt haben.

Alles, was ich seit der Wiedervereinigung erlebte, hat einen Hintergrund im Gebet. Ich hoffe, dass daraus eine bleibende Erfahrung wird. Treu sein im Gebet und darauf vertrauen, dass uns der Herr der Geschichte erhört. Im Augenblick steckt die Weltgeschichte mit den Flüchtlingsströmen vor scheinbar unlösbaren Aufgaben. Ich hoffe, dass wir nicht verzagen, sondern beten und darauf warten, dass Gott hört und hilft.

Werner Leich

Der Autor ist promovierter Theologe und war von 1978 bis 1992 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen.

Hoffnungen und Perspektiven

28. September 2015 von redaktionguh  
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Die Stiftung »Entschlossene Kirchen« im Kirchenkreis Zerbst feiert ihren zehnten Geburtstag

Was tun, wenn die Kirchengemeinden immer kleiner werden und mit dem Erhalt ihrer Kirchen überfordert sind? Zum Beispiel in Luso, wo die Zahl der Gemeindeglieder von 13 auf sieben gesunken ist und es keine lebendige Gemeinde mehr gibt. Oder in der Weinberggemeinde Garitz, die bei 200 Gemeindegliedern stagniert, aber vier Kirchen erhalten muss. Aufgeben und verfallen lassen geht unter anderem aus Gründen des Denkmalschutzes nicht. Vorsorgen schon.

»Es geht nicht ums Schönreden, sondern um Hoffnung, aus der eine Perspektive entsteht«, sagt der Zerbster Pfarrer Thomas Meyer. Vor zehn Jahren war er als Kreisoberpfarrer des Kirchenkreises Zerbst für 61 Dorfkirchen zwischen Elbe und Fläming mitverantwortlich. Der Gedanke, was aus den vielen schönen Gebäuden wird, wenn die Zahl der Gemeindeglieder sinkt und Gemeinden sterben, trieb ihn und andere schon damals um.

Blick in die Osterkirche im Dorf Trüben, die der Köthener Kunstmaler Hartmut Rogge gestaltete. Die Besucher können mit den Jüngern am Tisch sitzen. Bis 2017 soll eine erlebnispädagogische Ausstellung zur Passion Jesu vollendet werden. In verschiedenen Stationen rund um die Kirche werden Ereignisse vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zu Kreuzigung und Auferstehung Jesu nachgestaltet. Foto: Kirchenstiftung

Blick in die Osterkirche im Dorf Trüben, die der Köthener Kunstmaler Hartmut Rogge gestaltete. Die Besucher können mit den Jüngern am Tisch sitzen. Bis 2017 soll eine erlebnispädagogische Ausstellung zur Passion Jesu vollendet werden. In verschiedenen Stationen rund um die Kirche werden Ereignisse vom Einzug Jesu in Jerusalem bis zu Kreuzigung und Auferstehung Jesu nachgestaltet. Foto: Kirchenstiftung

Den Anstoß zur Stiftung »Entschlossene Kirchen« gab der SPD-Politiker Holger Hövelmann. Gegründet wurde sie am 26. September 2005 in Polenzko als eine Unterstiftung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ihre Vorsitzende ist bis heute die Kunsthistorikerin Sonja Hahn aus Garitz.

Eine solche Stiftung – als Flächenstiftung mit Einzelobjekten – gibt es in Deutschland nicht noch einmal. 3 000 Euro »Eintritt« musste eine Kirchengemeinde aufbringen. »Der Gedanke der ›Altersvorsorge‹ war vielen einsichtig, und so sind fast 90 000 Euro zusammengekommen«, erinnert sich der Pfarrer, der heute Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung ist. Eine Summe, mit der keiner gerechnet hätte. 50 000 Euro wären für die Stiftungsgründung erforderlich gewesen. Heute sind 45 Kirchen an der Stiftung beteiligt.
Doch der künftige Erhalt der Gebäude, die durch Sanierungsarbeiten in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend in gutem Zustand sind, ist nur ein Zweck der Stiftung. Es geht auch um Unterstützung der Kirchen, bei denen denkmalpflegerischer Mehraufwand besteht, wie bei den Bleiglasfenstern der Kirche in Düben oder für die Barockkirche in Neeken, weil es für Innenrestaurierungen kaum Fördermittel gibt.

»Hier müssen wir die Mittel ganz gezielt einsetzen, weil die Kapitaldecke nicht so groß ist«, sagt Sonja Hahn. Weitere Schwerpunkte sind die Öffentlichkeitsarbeit und die Unterstützung bei der Öffnung der Kirche auch außerhalb der Gottesdienste, »damit die Menschen wissen, was sie für Schätze in ihren Dörfern haben«, so die Kunsthistorikerin. Über zehn Kirchen sind rund um die Uhr geöffnet, andere haben feste Öffnungszeiten. Weitere sind zu Themenkirchen mit einem bestimmten Schwerpunkt umgestaltet worden: die Osterkirche in Trüben, die Weihnachtskirche in Polenzko oder die Gesangbuchkirche in Luso.
Zentraler Ort ist das Dorfkirchenmuseum in der ehemaligen Stärkefabrik in Garitz, von wo aus die Kirchentouren durch die Region starten. Diese bietet die Stiftung auf Anfrage und mit deutschlandweitem Erfolg an. Allein in diesem Jahr gab es bis zum Sommer rund 700 Teilnehmer. »Diese Entwicklung haben wir vor zehn Jahren nicht vorhersagen können«, freut sich Sonja Hahn.

(Rad-)Touristen, die in der Region unterwegs sind, hinterlassen oft auch interessante Einträge in den Gästebüchern. Dorfbewohner nutzen ihre Kirchen außerhalb der Gottesdienste zur Zwiesprache mit Gott. »Unsere Kirchen sind keine Museen. Man ist in ihnen nicht allein; Gott ist schon da.« Mit der Jubiläumsfeier am 26. September wird auch die Dübener Kirche zur offenen Kirche erklärt. In einem Gottesdienst am 27. September in der Kirche von Lindau soll ein Stiftskapitel ins Leben gerufen werden. In ihm sollen sich Menschen zusammenfinden, die die Stiftung intensiv unterstützen wollen.

Angela Stoye

26. September, St. Petri in Düben, 17 Uhr: Jubiläumsfeier. Den Festvortrag hält Kirchenpräsident Joachim Liebig zum Thema »Heilige Orte in (h)eiliger Zeit«. Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff (CDU) hat sein Kommen angekündigt. Als Vertreterin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz spricht Kathleen Rottmann, als Mitbegründer der Stiftung der Landtagsabgeordnete Holger Hövelmann (SPD). Die musikalische Ausgestaltung übernimmt das Ensemble Broken Consort Dessau.
27. September, Kirche in Lindau, 10 Uhr: Gottesdienst mit Gründung des Stiftskapitels

www.entschlossene-kirchen.de

Singen und Klingen

28. September 2015 von redaktionguh  
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Die Landeskirchenmusiktage in Torgau waren ein voller Erfolg

Ja, es war das erhoffte, vielfarbige Fest der Kirchenmusik, dessen Angebote auf gute Resonanz und pure Begeisterung stießen«, stellt Dietrich Ehrenwerth, Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), zufrieden fest. Und einen besseren Ort als Torgau, von wo vor fast 500 Jahren Impulse für Gemeindegesang und Kirchenmusik ausgingen, wo Johann Walter mit Schülern des Gymnasiums und Bürgern der Stadt die erste evangelische Kantorei gründete, konnte es mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2017 nicht geben. Dafür habe es sich gelohnt, den Vierjahresrhythmus der Landeskirchenmusiktage ausnahmsweise um ein Jahr zu verlängern, damit neben der Stadtkirche auch die Schlosskirche frisch restauriert in die Veranstaltungen einbezogen werden konnte, so Dietrich Ehrenwerth.

Höhepunkt der Landeskirchenmusiktage war der Festgottesdienst am vergangenen Sonntag in der Torgauer Stadtkirche St. Marien. Mathias Gauer, der hier in sein Amt als Landessingwart eingeführt worden war, lud zum gemeinsamen Gesang ein. Mitgestaltet wurde der Gottesdienst zudem von der Kurrende Bad Düben und dem Auswahlchor der Blechbläser. Fotos Wolfgang Sens

Höhepunkt der Landeskirchenmusiktage war der Festgottesdienst am vergangenen Sonntag in der Torgauer Stadtkirche St. Marien. Mathias Gauer, der hier in sein Amt als Landessingwart eingeführt worden war, lud zum gemeinsamen Gesang ein. Mitgestaltet wurde der Gottesdienst zudem von der Kurrende Bad Düben und dem Auswahlchor der Blechbläser. Foto: Wolfgang Sens

Die Vorbereitungsgruppe hatte für die Landeskirchenmusiktage vom 18. bis 21. September ein vielfältiges Programm mit hochkarätigen Konzerten, musikalischen Andachten, interessanten Vorträgen und Seminarangeboten zusammengestellt. Dabei wurde offensichtlich eine gute Auswahl an Themen und Dozenten getroffen, die die 180 Dauerteilnehmer in den acht Kursangeboten zu schätzen wussten.

Landeskirchenmusiktage wollen eine Zusammenschau kirchenmusikalischer Arbeit öffentlich machen und dienen zugleich der Weiterbildung haupt- und ehrenamtlich Tätiger. Genauso wichtig: Das Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen über Sorgen und Probleme in Sachen kirchenmusikalischer Arbeit und deren Stellenwert innerhalb des Verkündigungsdienstes, sind die Kirchenmusiker in ihren Gemeinden fachlich gesehen ja meist Einzelkämpfer – allerdings mit großer Breitenwirkung.

Ingo Brackes Lichtkunstprojekt »luthERleuchtet« (siehe auch G+H Nr. 38, Seite 8) setzte am 19. September die Torgauer Schlosskirche in ein vielfarbiges, beziehungsreiches Licht. Fotos Wolfgang Sens

Ingo Brackes Lichtkunstprojekt »luthERleuchtet«setzte am 19. September die Torgauer Schlosskirche in ein vielfarbiges, beziehungsreiches Licht. Foto: Wolfgang Sens

Derzeit gibt es in der EKM etwa 850 Chöre, in denen 15 000 Menschen aller Altersgruppen singen. Dazu kommen 240 Posaunenchöre mit etwa 3 000 Bläsern. Schon lange ist das Blechblasinstrument keine Domäne der Männer mehr. Besonders bei den Jungbläsern habe es hier »einen gigantischen Wandel« gegeben, beobachtet Landesposaunenwart Matthias Schmeiß. Hinzu kommen noch weitere 140 Instrumentalgruppen, vom Blockflötenquartett bis zum Kammerorchester. Aktuell seien in der EKM 185 hauptamtliche Kirchenmusikerinnen und -musiker tätig, wobei in der Zahl die 100 Prozentstelle genauso berücksichtigt ist wie die mit kleinen Anteilen. Dazu kommen etwa 1 300 Organisten, 400 Chorleiter und 175 Posaunenchorleiter jeweils im Neben- oder Ehrenamt.

Die demografische Entwicklung macht auch um die Kirchenmusik keinen Bogen und Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt es auch hier. Doch: Die Kirchenmusik verbindet nach wie vor die Generationen und vermag Kirchen mit Klang und Menschen zu füllen, ob auf höchstem Niveau, wie bei den jüngsten Landeskirchenmusiktagen in Torgau, oder etwas bescheidener während des sonntäglichen Gottesdienstes in der Dorfkirche.

Uta Schäfer

Einheit erlebt

28. September 2015 von redaktionguh  
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Gemischte Gefühle
Pastorin Ursula Meckel, seit 1976 in Thale, Kirchenkreis Halberstadt; jetzt, im Ruhestand. Sie ist weiter engagiert in Kirche und Politik.

Pastorin Ursula Meckel, seit 1976 in Thale, Kirchenkreis Halberstadt; jetzt, im Ruhestand. Sie ist weiter engagiert in Kirche und Politik.

Mit den Gefühlen ist das ja immer so eine Sache; sie können sich im Laufe der Zeit sehr verändern. Deshalb gebe ich weiter, was ich im September 1994 bei einem Vortrag in Dallas zu dem Thema »Der lange Weg zum einig Vaterland« gesagt habe:

Geboren bin ich 1949 in Berlin, einer Stadt, die damals noch ungeteilt war. 1961 wurde die Mauer gebaut. Von einem Tag zum anderen war ich wie so viele andere abgeschnitten von Verwandten und Freunden. (…) Als ich nach 24 Jahren erstmalig in der alten Bundesrepublik beim Kirchentag war, wurde im Deutschlandfunk ein Interview mit mir gesendet. Dabei sprach ich von meinen Erlebnissen in diesem für mich »fremden« Land. Jemand schrieb einen empörten Brief, wie ich als Deutsche so etwas von Deutschland sagen könnte. (…) Ich bin eine Deutsche, von Geburt an. Dafür kann ich nichts, und es war mir nie wichtig. Zum einen, weil es mir abgesprochen wurde: In der DDR mussten wir uns »DDR-Bürger« nennen und den Begriff »Deutsche« hatten die Westdeutschen für sich reklamiert. (…)

Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, konnte ich bei einer Tagung mit west- und ostdeutschen Teilnehmern mitmachen. Dabei ging es um die »Auflösung« der DDR. Dieses Wort »auflösen« löste bei mir eine Reihe von Assoziationen aus: auflösen, sich zersetzen, verschwinden. Und dann fiel mir ein, wie sich Zucker in Tee oder Kaffee auflöst. Er ist nicht sichtbar, und doch verändert er den Geschmack des Ganzen. Damit will ich nicht sagen, dass wir aufgelösten Ostdeutschen den Westdeutschen das Leben versüßen. Zurzeit ja eher verbittern. Ich sehe eine Chance darin, nicht bitter zu bleiben, sich Verbündete zu suchen über die Mauer in den Köpfen hinweg. (…) Damit es wieder Umarmungen geben kann, die dem anderen nicht die Luft nehmen. Das halte ich nicht nur für wünschenswert, sondern auch für möglich.

Inzwischen sind wir mehr als 20 Jahre weiter und ich bemerke erfreut: Für mich ist die deutsche Einheit kein aktuelles Problem, trotz manchem Verbesserungswürdigen. Woher jemand kommt, ist für mich nicht mehr wichtig, sondern wofür sich jemand engagiert, und das ist ein rundherum gutes Gefühl.

Gewonnene Freiheit
Pfarrer Michael Wegner, heute Superintendent des Kirchenkreises Altenburger Land, lebt seit 1988 in Liebenrode, im ehemaligen Sperrgebiet.

Pfarrer Michael Wegner, heute Superintendent des Kirchenkreises Altenburger Land, lebt seit 1988 in Liebenrode, im ehemaligen Sperrgebiet.

Es war ein besonderes Gefühl, direkt an der innerdeutschen Grenze zu leben. Die Welt war zu einer Scheibe geworden. Von Wladiwostock bis zu unserem Dorf, das im westlichsten Zipfel der DDR lag. Hinter den Tälern und Bergen, die wir auf der anderen Seite der Grenze sehen konnten, war ein verborgenes Land, welches wir aus dem »Tatort« kannten.

Es war meine Frau Sabine, die es unbedingt nach Liebenrode in der Sperrzone zog. Ihr gefielen die Menschen, die sich so sehr einen Pfarrer wünschten. Ihr gefiel die Aufgabe, eine Ruine wieder zu einer Kirche zu machen. Sie bewegte das gesamte Dorf, die Kirche gemeinsam aufzubauen. Eine Erfahrung, die mein Leben bis heute prägt.

Unrecht gab es genug. Die Angst vor neuen Umsiedlungen und Vertreibungen war in vielen Familien gegenwärtig. Die Kaserne mit den Soldaten stand am Rand des Dorfes. Nebenamtliche Grenzhelfer überwachten bis zuletzt das tägliche Geschehen.

Als in vielen Städten die Montagsdemonstrationen die Menschen zusammenführten und immer mehr Bürger, auch aus Liebenrode, das Land verließen, verschärften sich die Spannungen im Dorf. »Morgen schlagen wir los«, drohte ein Feldwebel der Grenztruppen. Wie ich später erfuhr, stand ich auf den Deportationslisten der Staatssicherheit. Dann ging alles sehr schnell. Die Tore des Eisernen Vorhangs öffneten sich. Ein unglaubliches Gefühl der Freiheit hat mich damals bewegt. Die Menschen in Liebenrode wollten den Weg in die Zukunft mit einer Rückschau beginnen. Fast das ganze Dorf versammelte sich. Der Bürgermeister rief meine Frau an, ob sie nicht ein Friedensgebet halten könnte. Zu diesem kamen nur er und der Parteisekretär. Alle anderen warteten im Saal des Dorfes. Es wurde eine sehr emotionale, turbulente, aber gewaltfreie Versammlung. Ich glaube, aus heutiger Sicht hat das neue Gefühl von Freiheit viel zu dieser Haltung beigetragen. Man wusste, dass die alten Verhältnisse nicht zurückkehren würden.

Diese Freiheit wird immer Menschen bewegen, in unser Land zu kommen. Wenn wir diese Freiheit dann nicht teilen wollen, wird sie sich wieder zurückverwandeln in die Unfreiheit jener Tage.

Einheit – aber ja!

27. September 2015 von redaktionguh  
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Das Vierteljahrhundert, das seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen ist, lädt zur Rückschau ein. Als ein Wunder haben es die Deutschen empfunden, dass die Wiedervereinigung trotz aller Widerstände zustande kam. Am 9. Oktober 1989 in Leipzig hörte ich aus den Reihen der 70 000 Demonstranten Rufe wie: »Keine Gewalt!«, »Wir sind das Volk!« Wiedervereinigung hingegen forderte niemand.

Doch nur einen Monat später fiel die Berliner Mauer, man rief in den Demonstrationen: »Wir sind ein Volk!« Und die Politik in Berlin und Bonn, in Moskau und Washington, schließlich sogar in Paris und London nahm Kurs auf die Vereinigung. Am 3. Oktober 1990 wurde die deutsche Einheit in Freiheit und Recht vollendet. Viele Hoffnungen gingen in Erfüllung.

Allerdings bedeutete die deutsche Einheit für zahlreiche Ex-DDRler noch etwas anderes: Sie mussten mit enttäuschten Erwartungen fertigwerden. Nicht zuletzt betraf das auch die Kirchen. In der »Wende« hatte es geheißen, das zukünftige Deutschland werde protestantischer sein als es Westdeutschland allein gewesen war. Die Realität sah anders aus: Das Land wurde nicht protestantischer, sondern atheistischer. Enttäuschung verkraften mussten aber hauptsächlich jene, deren Berufs- und Lebenspläne durch die umfangreichen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zerstört wurden.

Und doch: Vor allem hat die Wiedervereinigung für uns wieder Zukunftsaussichten und Chancen eröffnet, die unter der Herrschaft der versteinerten Greise im SED-Politbüro verloren gegangen waren.

Umfragen zeigen es: Die große Mehrheit der Deutschen in Ost und West erkennt in der Wiedervereinigung einen Glücksfall der Geschichte. Der 3. Oktober darf gefeiert werden!

Gottfried Müller

Der Autor ist promovierter Theologe und war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube + Heimat«.

Schweben zwischen Welt und Himmel

26. September 2015 von redaktionguh  
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Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

1. Johannes 5, Vers 4

Hier ist kein Bleiben. Jedenfalls keines, das glücklich macht. Oder, wenn das schon zuviel erträumt ist, dann jedenfalls keines, in dem die Seele ihren Frieden hat. Hier ist kein Bleiben, in diesen Zeiten und an diesem Ort. Weil sie mich begrenzen. Weil sie mein Leben festhalten, mein Herz bedrücken.

Was wir Welt nennen, das erleben wir als den Ort, wo Streit und Unfrieden herrschen. Auf ihr kommen die Zeiten, die wir nicht haben wollen. Hier suchen wir nach Nähe und finden uns in Beziehungen, die uns zu eng werden. Die Welt ist Alltagsgetriebe und leere Wiederholung. Hier streben wir unseren Wünschen nach und erleben unser Scheitern. Hier finden wir uns selber als jemand, der wir nicht sein wollen. In dieser Welt müssen wir sterben und andere Menschen verlieren.

Christian Buro, Pfarrer in Güntersberge

Christian Buro, Pfarrer in Güntersberge

Der Mensch ist das Sehnsuchtswesen, das zu überwinden strebt, was ihn begrenzt. Herausgehen aus dem Lande der Knechtschaft. Flüsse überschreiten und neues Land betreten. Den Staub von den Füßen schütteln und sich umkehren. Boote und Netze verlassen und aufbrechen. Orte und Zeiten verlassen, die uns nicht gefallen.

Dieses Gefühl des Fremdseins in dieser Welt hat unserem Glauben den Ruf eingetragen, dass der Glaube weltfeindlich sei. Gerade für uns heute ist diese Umwertung der Welt schwer auszuhalten. Für uns, die wir unser Glück und unsere Freude eben doch von dieser Welt erwarten. Unser Glaube legt eine Zweideutigkeit über diese Welt, die nicht leicht auszuhalten ist. Es gibt nur einen, der die Welt im Letzten überwunden hat. In unserem Glauben lebt die Sehnsucht, es ihm gleichtun zu können. Orte und Zeiten überwinden zu können. Die Welt zu überwinden – um hier zu bleiben. Verwandelt sein, frei sein. Mein Glaube siegt über diese Welt? Ich brauche, dass er mich ins Schweben bringt. In das Schweben zwischen Welt und Himmel. Denn hier, hier will ich freudig sein, will »in der Welt der Welt entfliehen, irdisch noch schon himmlisch sein« (aus dem Choral »Lasset uns mit Jesus ziehen«).

Christian Buro, Pfarrer in Güntersberge

Grenzen der Nächstenliebe?

22. September 2015 von redaktionguh  
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Flüchtlinge: Der Ansturm auf Europa und vor allem Deutschland fordert das »christliche Abendland« heraus

Mehr als 800 000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland um Asyl bitten, vielleicht auch noch mehr. Gibt es ein Zuviel an Zuwanderung? Die Kirche muss Antworten finden.

Wenn es eine menschliche Welle gibt in Deutschland, dann ist es eine Welle des guten Willens. Flüchtlingshelfer arbeiten, um Abertausende Flüchtlinge aufzunehmen. Ehrenamtliche, Beamte, Christen und Nicht-Christen. Bis zur Erschöpfung. Gibt es eine Grenze?

Bundesinnenminister Thomas de Mazière (CDU), Protestant aus Sachsen, hat sie unlängst so definiert: Das Grundrecht auf Asyl habe keine Obergrenze – aber 800 000 Flüchtlinge pro Jahr wie derzeit »sind auf Dauer zu viel« für Deutschland. Am Wochenende hat er wieder Kontrollen an Deutschlands Grenzen eingeführt. Auch de Mazières früherer Landesbischof, der Ende August aus dem Amt geschiedene Jochen Bohl, mahnte eine Unterscheidung zwischen Asylbewerbern aus Syrien und den Balkanländern an: »Einwanderung ist etwas anderes als Flucht.« Die Probleme in Montenegro, Serbien und Bosnien-Herzegowina könnten nicht dadurch gelöst werden, dass ihre Bewohner nach Deutschland kommen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die Große Koalition sieht das ähnlich wie die EU. Die grüne und linke Opposition ist mehr oder weniger dagegen. An realen und virtuellen Stammtischen wird heftig gestritten.
Es gibt nur die Wahl zwischen einem großen Übel und einem noch größeren: Notleidende abzuweisen, um noch Notleidendere aufnehmen zu können. Zwischen Schuld und größerer Schuld. Denn die Fakten sind: Auch ohne Krieg ist das Elend groß auf dem Balkan oder in Afrika. Die Staatswesen im Kosovo, in Albanien und Montenegro sind von Korruption und organisierter Kriminalität verseucht, Minderheiten wie die Roma werden diskriminiert. Fast die Hälfte der Kosovaren lebt nach UN-Angaben von weniger als 1,42 Euro am Tag, schätzungsweise 70 Prozent der Jugendlichen sind ohne Arbeit und Perspektive. Kein Grund, das Weite zu suchen?

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

Noch einige Hundert Meter bis zur griechischen Insel Lesbos: Ein syrischer Flüchtling schwimmt am 13. September mit seinem Baby nach dem Untergang ihres Bootes zum rettenden Land. Foto: REUTERS/Alkis Konstantinidis

»Ich finde die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Flüchtlingen problematisch«, sagt Ulf Liedke, Ethik-Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden. »Hinter dem Reden von Grenzen der Aufnahmebereitschaft in Deutschland steht ganz häufig die Angst vor Einschränkungen und das Gefühl, zu kurz zu kommen. Objektiv verdient wegen der Flüchtlinge niemand weniger – die Ressourcen für ihre Aufnahme stehen unserem reichen Land zur Verfügung.«

Doch schon bringt ein Finanzexperte des renommierten Ifo-Instituts die Rücknahme der Rente mit 63 ins Gespräch, um die Milliardenkosten für Flüchtlinge zu bezahlen. Es wäre ein erster Test, wie teuer vielen ihre Nächstenliebe ist. Doch da gibt es noch die andere Rechnung: Wie viel Gewinn Flüchtlinge für Deutschland sein könnten. Menschlich – aber auch in der Wirtschaft. So wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm plädiert der Berliner Bischof Markus Dröge für ein Einwanderungsgesetz: »Auch wer politisch nicht verfolgt ist, muss eine faire Chance haben, einwandern zu können«, sagte Dröge auf einer Friedenskonferenz in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Gibt es ein Zuviel? Was es mit Sicherheit gibt, ist ein Zuviel an Ungerechtigkeit weltweit – viel Armut dort, viel Reichtum hier. Beides oft unverdient. Und mitunter hängt beides zusammen. Gibt es auch ein Zuviel an Nächstenliebe?

Heinrich Bedford-Strohm machte sich gemeinsam mit Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin der Diakonie-Katastrophenhilfe, am Montag in Ungarn und Serbien selbst ein Bild der dortigen Lage. Abschottung, egal ob in Ungarn oder in Deutschland, halten beide für das falsche Mittel in der Flüchtlingspolitik. Grenzkontrollen dürften nur eine Notmaßnahme, eine Atempause in einer Krisensituation sein, mahnt Bedford-Strohm. »Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.« Das Selbstverständnis der EU würde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung gegenüber anderen abschottet. »Wer verzweifelt ist, findet seinen Weg. Wenn man in Ungarn diesen Zaun baut, dann werden die Menschen sich andere Routen nach Europa suchen.«

»Wir haben kein harmloses Evangelium, das uns nur in dem bestärkt, was wir sind. Die Liebe Gottes fließt zu uns und muss aus uns weiterfließen«, sagt der Dresdner Ethik-Professor Ulf Liedke – und er sieht, wie es im tausendfachen Engagement geschieht. »Aber manchmal erlebe ich uns so wie die Jünger in Jesu Heilungsgeschichten, wenn einer am Wegesrand um Erbarmen ruft – und sie zu ihm sagten: Bleib still!«

Andreas Roth

Spiel mit Licht und Raum

21. September 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Ingo Brackes Lichtkunstprojekt lässt Luther und die Reformation leuchten

Pflanzen brauchen es zu Photosynthese, Physiker beschreiben es sowohl als Welle wie auch als Teilchen: das Licht. Ingo Bracke macht damit vor allem Kunst.

Über das Architekturstudium kam der 1972 an der Ahr geborene Bracke mit dem Theater und Bühnenbild in Berührung. Dabei wurde seine Faszination für das Licht entfacht: »Mit Licht kann man Geschichten erzählen, Stimmungen hervorrufen, aus einer kargen Bühne ein intimes Zimmer oder einen Festsaal zaubern.« Er arbeitete als Assistent bei berühmten Bühnenbildnern und fing an, eigene Lichtkunstprojekte zu inszenieren. Und weil er das, was er macht, gründlich macht, hing er bald noch ein zweites Studium in der Spezialrichtung Audiovisuelle Kunst an.

Vexierspiel mit Licht und Raum, Bild und Architektur: In dem Lichtkunstprojekt »luthErleuchtet« setzt sich Ingo Bracke mit Luther und der Reformation auseinander. Das Bild entstand während der Generalprobe in der vergangenen Woche in der Eisenacher Georgenkirche. Foto: Harald Krille

Vexierspiel mit Licht und Raum, Bild und Architektur: In dem Lichtkunstprojekt »luthErleuchtet« setzt sich Ingo Bracke mit Luther und der Reformation auseinander. Das Bild entstand während der Generalprobe in der vergangenen Woche in der Eisenacher Georgenkirche. Foto: Harald Krille

Daneben arbeitete er weiter für Theaterproduktionen und ging mit seinen Lichtinstallationen vor allem »Orten mit besonderer Atmosphäre oder besonderer Geschichte« nach. Seit einigen Jahren gehört Bracke zu den international gefragten Lichtkünstlern, schuf Installationen in Sydney, Singapore oder Amsterdam, machte 2008 den Loreleyfelsen am Rhein zur Projektionsfläche seiner Licht-Bilder.

Seit dieser Woche ist Ingo Bracke in Mitteldeutschland zu Gange. Sein aktuelles Projekt: »luthErleuchtet«. Etwa zwei Jahre lang hat er sich als »katholisch getaufter aber evangelisch sozialisierter Christ« auf Einladung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit Luther beschäftigt. Und das gründlich, wie es nun mal seine Art ist. Er hat in des Reformators Schriften studiert, auch die Seite seiner Judenfeindschaft nicht ausgeblendet, hat sich mit der sprachkulturellen Leistung der Bibelübersetzung beschäftigt wie mit Bildern der Reformationszeit und ist den Wirkungen nachgegangen. Aus all dem formte er ein genreübergreifendes Gesamtkunstwerk, in dem Bilder und Figuren, Schrift, Ton und Videosequenzen ineinandergreifen.

Vier Module sind entstanden. Zum einen eine Außenprojektion für die Gebäude, zum anderen ein weißer Kubus in dem ein schlagendes Herz sowie die Lutherrose projiziert werden, eine Raumprojektion, die mit Schriftgestaltungen und fließenden Bildern mit dem Innenraum spielt sowie als viertes eine Klanginstallation: Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« in verschiedensten Bearbeitungen.

Mit rund zwei Tonnen Technik und einem Assistenten reist der Perfektionist dabei durch das Land. Erste Stationen waren am 12. September Luthers Taufkirche in Eisleben, am 15. September der Wittenberger Cranachhof und am 16. September die dortige Schlosskirche. Am 19. September werden die Torgauer Stadt- sowie die Schlosskirche ab 20.30 Uhr zur Bühne für Brackes Lichtkunst, am 22. September dann bereits ab 20 Uhr das Erfurter Augustinerkloster. Den Abschluss des Projektes bildet am 26. September die Wiedereröffnung des Eisenacher Lutherhauses, wo Bracke Installationen am Lutherhaus, an und in der Georgenkirche sowie am ehemaligen deutschchristlichen Entjudungsinstitut in der Bornstraße 11 vorbereitet hat.

Mit Installationen in Kirchen beschäftigt sich Bracke besonders gern und hofft, damit nicht zuletzt für manchen die Hemmschwelle zum Besuch eines Gotteshauses zu senken. Denn Lichtkunst könne »die Leute von der Straße holen und einfangen«, sei »nicht so elitär« und trotz komplexer Inhalte für Kinder ebenso ein Erlebnis wie für den, der sich in die Tiefen der miteinander verwobenen Themenebenen begibt.

Harald Krille

www.ingobracke.de

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