Einigungsprozess geht weiter

28. September 2015 von redaktionguh  
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Deutsche Einheit: Der Pfarrer und Journalist Matthias Gehler meint, Deutschland sei gereift und bereit für neue Herausforderungen

Vor 25 Jahren ging die DDR zu Ende. Der Sprecher der letzten und ersten frei gewählten DDR-Regierung blickt zurück und nach vorn.

Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte. Die Kritik an der Metapher von den »blühenden Landschaften« hört man immer seltener. Ich muss zugeben: Auch mir war stets zu viel naive Malerei in diesem Bild. Heute bin ich versöhnter. Vielleicht auch, weil wir alle 25 Jahre älter geworden sind. Altern macht weise.

Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen am 18. März 1990 an die Regierung kamen, gingen wir zunächst noch von einer Regierungszeit von vielleicht sogar drei Jahren aus. Alles sollte geordnet vereint werden. Die Realität sah anders aus. Nach sechs Monaten war die DDR Geschichte. Die Dynamik der Ereignisse erforderte schnellere Lösungen. Pro Monat verließen Hundert­tausende die Noch-DDR und siedelten sich im Westen an. Die D-Mark musste eingeführt werden. Innenpolitisch waren trotz der Schwächen des in Eile gezimmerten Einigungsvertrages, der sozialen Härtefälle und der Veruntreuungsskandale bei der Treuhand kaum Alternativen möglich.

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner

Links im Bild: Berlin, Mohrenstraße, Internationales Pressezentrum: Die letzte Pressekonferenz der ersten frei gewählten DDR-Regierung endet am 16. Oktober 1990 mit einem Konzert. Der Regierungssprecher und Liedermacher Matthias Gehler an der Gitarre, seine Stellvertreterin Angela Merkel moderiert. Ein Jahr zuvor hatte an gleicher Stelle SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Grenzöffnung verkündet. Foto: Michael Ebner. Rechts im Bild: Das Sprecher-Duo von einst: Er ist heute Chefredakteur bei MDR Thüringen, sie ist Bundeskanzlerin – Matthias Gehler und Angela Merkel. Foto: Guido Werner

Auch außenpolitisch war das Zeitfenster begrenzt. Ich erinnere mich an unseren ersten Staatsbesuch Ende April in Moskau, der mein idealisiertes Gorbatschow-Bild ins Wanken brachte. Er behandelte uns wie Untertanen – dabei waren wir im Gegensatz zu ihm frei und demokratisch gewählt. Wir haben gegengehalten. Gorbatschow stand schon damals unter enormem innenpolitischen Druck in seinem Land. Dann kam sein Sturz. Die ehemalige UdSSR zerfiel völlig und damit der östliche Verhandlungspartner. Auch im Westen änderte sich die Blickrichtung: Die Iraker marschierten in Kuweit ein, und die Amerikaner sahen nicht tatenlos zu. Eine sich anbahnende weltweite Rezession tat ihr Übriges.

Aber schon als ich etwa zehn Jahre nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung in Südkorea war, schlug mir durchweg Bewunderung für die deutsche Wiedervereinigung entgegen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Koreaner haben Respekt vor diesem Kraftakt und sind sich nicht sicher, ob sie das einmal selbst hinbekommen.

Schritt für Schritt und mit gebotener Vorsicht hat sich Deutschland zu einem Land entwickelt, dass sich in der Welt Ansehen erarbeitet hat. Dazu beigetragen haben nicht nur die Wirtschaftskraft, Kultur und Gastfreundschaft, zum Beispiel bei der Fußball-WM, sondern auch das kluge Agieren von Politikern. Wir stehen für Demokratie und Fortschritt. Es gibt schon längst ein weit verbreitetes gesundes Nationalbewusstsein, das neonationalsozialistischem Extremismus mehrheitlich die Stirn bietet. Deutschland ist gereift.

Und jetzt stehen wir vor einer Herausforderung, die wir vielleicht so nicht hätten früher angehen können – die Flüchtlinge. Sie kommen zu Zigtausenden und suchen bei uns das »gelobte Land«. Sie haben Merkel-Bilder in der Hand, benennen ihre Kinder nach ihr, und Erwachsene sagen Mama zur Kanzlerin. Ist uns das peinlich? Nun, zumindest ist die Frau gewählt, steht für Demokratie und Werte, die den Schutzsuchenden fehlen. Das wiedervereinte Deutschland gibt Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Von New York Times bis BBC berichten die Medien weltweit darüber. Die Kanzlerin sagt: »Wir schaffen das«.

Was hier passiert, sucht Seinesgleichen in der Geschichte und hat auch etwas mit Religion zu tun. So säkularisiert dieses wiedervereinte Deutschland auch sein mag, wir offenbaren Werte, die christliche Fundamente haben. Damit antworten wir nicht nur auf IS, sondern praktizieren Nächstenliebe. Das christliche »Abendland« ist nicht in Gefahr, sondern erweist sich gerade in dieser Situation als christlich. Das wirkt auch auf uns zurück. Es schafft gesundes Selbstbewusstsein und Klarheit. Daran ändert auch nichts, wenn nun nach Regelungen gerufen wird, wieder Grenzkontrollen stattfinden, Kapazitäts- und Verteilungsdiskussionen zwischen den Bundesländern und den Ländern der EU geführt werden. Deutschland ist in punkto Menschlichkeit soweit vorangegangen, dass andere Länder sogar das deutsche Wort »Willkommenskultur« aufgegriffen haben.

Die Mühen der Ebene kommen erst noch. Nicht jeder, der unser Gast ist, wird sich konform verhalten, und nicht jeder Gastgeber wird sich als guter Gastgeber erweisen. Das müssen wir aushalten. »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen« – na dann mal anpacken. Wenn die 40 Jahre Wüste in der DDR und die 25 Jahre Kanaan jetzt zur Öffnung des »Auenlandes« geführt haben, dann dürfen wir vielleicht schon wieder von einem »Sommermärchen« sprechen. Das wird uns allerdings noch Jahre Integrationsarbeit abverlangen. Ich habe keine Bange um Deutschland. Die Wiedervereinigung ist gelungen. Die ganze Welt hat es begriffen. Wir auch?

Matthias Gehler

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