Halloween und »HalloLuther«

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Reformationstag: Wie Gottesdienste attraktiver werden und was Kirchengemeinden von Halloween lernen können

Belebt die Konkurrenz das Geschäft? Gleich zwei Ereignisse stehen am 31. Oktober im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.

Kaum sind die Sommerartikel aus den Schaufenstern verschwunden, ziehen dort die orangefarbenen Kürbisse und Schauerkostüme ein. Seit den 1990er Jahren wird der Brauch aus den USA hierzulande immer beliebter. Der Reformationstag scheint dagegen zu verblassen.

»Die zunehmende Konkurrenz durch Halloween ist natürlich für die Kirche eine Herausforderung, die ich aber nicht negativ bewerte. Sie hat uns wachgerüttelt und bringt die Gemeinden dazu, eigene Ideen zu finden, um diesen wichtigen Feiertag zu begehen«, erklärt Matthias Ansorg, Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Er plädiert dafür, Halloween und seine Erscheinungsformen nicht zu bekämpfen, sondern die Bedürfnisse, die dahinter stecken, wahrzunehmen und darauf einzugehen.

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

Am 31. Oktober haben wir die Wahl: Süßes oder Saures! Grusel oder Gottesdienst! Wer hat das anziehendere Programm? Fotos: yellowj; Vladimir Jovanovic – fotolia.com; Montage: Adrienne Uebbing

»Wir leben in einer entzauberten Welt«, erklärt Matthias Ansorg das Sehnen der Menschen nach dem Geisterhaften wie bei »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«. Auch der Glaube sei ein Geheimnis, das zu erforschen sich lohne. Oft komme Kirche zu nüchtern daher. Das müsse sich ändern, meint Ansorg. »Wir müssen wissen, was die Menschen attraktiv finden. Und eine gute Inszenierung ist einfach wichtig«, so der Theologe. Das sei bei den weihnachtlichen Krippenspielen ebenso wichtig wie beim Reformationsgottesdienst.

Eine gute Inszenierung erwartet vor allem die Besucher des Angebots »HalloLuther« im Erfurter Augustinerkloster. Seit mehr als fünf Jahren stellt Gemeindepädagogin Karin Eisbrenner mit ihren Mitstreitern ein Angebot für Familien auf die Beine, als Kontrastprogramm zum Halloween-Spektakel. »Unsere Veranstaltung hat zwei Aspekte. Zum einen wollen wir uns gemeinsam mit inhaltlichen Schwerpunkten von Luthers Lehre auseinandersetzen. Zum anderen soll es aber Spaß machen und vor allem die jüngeren Gäste begeistern«, erläutert Karin Eisbrenner.

Während sich im vergangenen Jahr alles um die Lutherrose drehte, steht an diesem Vorabend des Reformationstages Luthers Abendsegen im Zentrum. Was meinte Luther mit dem Abendsegen? Was sind heilige Engel und wovor beschützen sie uns? Bei der ersten Station im Augustinerkloster fertigen die Kinder mit Hilfe der Erwachsenen kleine Lichtengel, welche sie bei ihrem Zug durch die Stadt, vorbei an so vielen Lutherstätten, den Menschen schenken, denen sie begegnen. »Das bringt immer eine große Resonanz. Wenn die Kinder auf die Leute zugehen, ihnen ein Geschenk überreichen und ihnen freudig verkünden: morgen ist Reformationstag. Dann sind viele verblüfft, aber auch neugierig und wissbegierig«, berichtet Eisbrenner.

»Hallo Luther« hat in jedem Jahr etwa 150 Teilnehmer. »Es kommen viele Familien zu uns, die sich bewusst für dieses Angebot entscheiden und sagen, wir als Christen wollen den Reformationstag angemessen feiern und unseren Kindern etwas davon mitgeben, was das Ereignis bis heute für uns bedeutet«, erklärt die Gemeindepädagogin. Dabei gehe es nicht darum, Halloween zu verteufeln. »Halloween spielt mit Angst und Furcht. Aber gerade bei unserem diesjährigen Thema »Abendsegen« wird deutlich, Luther war gegen Angstmache. Er rechnet mit dem Bösen, aber er vertraut auf Gottes Zuspruch und Hilfe«, so Eisbrenner.

Die Botschaft des Reformationstages, die Gewissheit, von Gott geliebt und angenommen zu sein und zwar ohne jede Vorleistung, und die Veröffentlichung von Luthers Thesen vor fast 500 Jahren, solche Inhalte sind es, die die Kirche Halloween entgegenzusetzen vermag. »Wichtig ist es, diese Botschaft in Szene zu setzen. Da ist jede Gemeinde für sich gefordert. Der Gottesdienst ist ein Format, das dramaturgische Mittel bietet, um den Reformationstag angemessen und attraktiv zu gestalten«, so Matthias Ansorg.

Diana Steinbauer

Skandalöses Evangelium der Vergebung

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Psalm 130, Vers 4

Wie genugtuend ist es, wenn man recht hat? Wenn man sagen kann: »Ich habe es doch gewusst!« Es sind oft solche Vorwürfe, die Menschen in Situationen hineinmanövrieren, aus denen es keinen Ausweg mehr gibt. Menschen verschließen sich voreinander, Beziehungen sind von Misstrauen geprägt und vor offenen Gesprächen hat man Angst.

André Krauß, Vikar in Oberweimar

André Krauß, Vikar in Oberweimar

Mit dem Verharren in solchen Positionen nehmen wir uns gegenseitig in der Erstarrung des Rechthabens gefangen. Es geht um Macht und darum, Beziehungen zu bestimmen. So kann nichts Neues entstehen, und die Macht der Anschuldigungen zieht immer festere Schlingen und droht uns zu erdrücken. Bei dir ist Vergebung. So haben die alten Israeliten ihrem Gott gehuldigt, den sie als einen vergebenden Gott erfahren haben. Gott selbst brach die verschlungenen Beziehungen aus Anschuldigungen und Vorurteilen auf. Er will die Menschen nicht in ihrer Vergangenheit festhalten, sondern einen Neuanfang wagen.

Um Vergebung zu bitten bedeutet, sich von vermeintlichen Machtstrukturen zu lösen und den Schatten der eigenen Arroganz zu überspringen. Es gehört Mut dazu, sich Fehlverhalten vor Augen zu führen. Aber um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren, ist die einzige Möglichkeit, entstandene Verletzungen und zerrissene Beziehungen der Menschen wieder herzustellen. Vergebung ist ein Akt, aber viel mehr noch ein Prozess, der ins Leben führt. Es wird anders sein als zuvor, anders, aber heilsam.

Es bedarf also der Vergebung und der Bereitschaft, sich vergeben zu lassen. Nur wo beide Seiten dieses Geschehens vorhanden sind, kann der lebensförderliche Prozess der Vergebung beginnen. Dabei ist es wichtig, erfahrene Vergebung mit ganzem Herzen anzunehmen und sich dieser heilenden Vergebung sicher zu sein.

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Es geht nicht um Angst vor diesem vergebenden Gott, sondern um Ehrfurcht vor seinem Akt der Vergebung. Vergebung des Unvergebbaren ist das Unerhörte und Skandalöse am Evangelium.

André Krauß, Vikar in Oberweimar

Kommt Jubiläum von Jubeln?

31. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Reformationstag: Trotz aller konfessionellen Unterschiede verbindet uns mehr, als uns trennt

Worum geht es am Reformationstag? Es gibt wahrlich keinen Grund, die Kirchenspaltung zu feiern. Wir können uns aber unserer Gemeinsamkeiten besinnen.

Im Jahre 1717, zum 200. Reformationsjubiläum, hat der Prorektor der damals jungen Universität Halle, der Jurist und Historiker Johann Peter Ludewig, in einer berühmten »Dica Jubileorum«, also einer »Anklagerede gegen die Jubiläen« darauf hingewiesen, dass Jubiläen zu feiern keine evangelische Eigenart sei. Luther selbst habe sie verworfen. Wollte man hingegen die Einrichtung eines Jubiläums mit dem Hinweis auf das sogenannte Jobeljahr, also das biblische Erlassjahr rechtfertigen, wie es bei Mose (3. Mose 25,8 ff.) beschrieben wird, dann hätte die Christenheit in eine kritische Prüfung der Situation einzutreten und Korrekturen vorzunehmen. Für das Jahr 1717 schreibt Ludewig: »Die gegenwärtige Lage des Protestantismus ist auch wahrlich nicht danach angetan, Jubelfeste zu feiern.«

Hat er oder hat er nicht? Martin Luther – auch als Playmobil-Figur der Renner – mit Hammer und den 95 Thesen vielleicht vor der Schlosskirche in Wittenberg? Foto: Adrienne Uebbing

Hat er oder hat er nicht? Martin Luther – auch als Playmobil-Figur der Renner – mit Hammer und den 95 Thesen vielleicht vor der Schlosskirche in Wittenberg? Foto: Adrienne Uebbing

Und heute? Sicher, es geht uns – auch als Kirche – viel besser als damals. Ja, wir danken Gott für die in der Reformation erfolgte Erneuerung unserer Kirche, die »Kirchenreinigung«, wie die Alten vor uns sagten.

Aber wir haben allen Grund, kritische Rückschau zu halten. Eine Folge der Reformation war eben die große Spaltung der Christenheit. Sie zog viel Unglück, Verfolgung und Vertreibung in ganz Europa nach sich. Tausende wurden zu Glaubensflüchtlingen. Der so schlimme Dreißigjährige Krieg hat damit unmittelbar zu tun. Hier haben Christen auf Christen eingeschlagen. Und danach hatten es Christen anderer Konfession dort besonders schwer, wo eine der Konfessionen die Mehrheit hatte. Das gilt für Katholiken, Lutheraner und Reformierte in nahezu gleicher Weise. Dass die evangelische Christenheit untereinander in eine schlimme Spaltung, ja Feindschaft zwischen »Lutheraner« und »Reformierte« zerfallen ist, hat das Ganze noch wesentlich erschwert.

Wir könnten – neben aller Freude über die reformatorische Erneuerung – auch heute kritische Rückschau halten und mit den Geschwistern der anderen christlichen Konfessionen unsere gemeinsame Schuldgeschichte aufzuarbeiten versuchen. Sollen wir also statt eines Jubiläums ein »Jobeljahr« begehen? Vermutlich ist das etwas viel verlangt, aber dass wir allen Grund haben, genau zu sehen, wie die kirchlichen Spaltungen unsere Verkündigung erschweren und behindern, ist wohl jedem deutlich.

Wie viele Menschen meinen heute, dass Religionen nur Stress und Krieg befördern? Viele denken sogar, dass die Welt friedlicher wäre wenn es überhaupt keine Religion gäbe. »Hört mir bloß auf mit Religion!«, sagen sie und stellen fest: »Die schlagen sich doch nur gegenseitig die Köpfe ein. Schaut nach Nordirland, nach Syrien und so weiter.« Hier im Osten Deutschlands können dann noch viele ergänzen: »Gott sei Dank, das mit der Religion haben wir in unserer Familie hinter uns.« Dass von Glauben und Religion Friedfertigkeit ausgeht, ist heute sehr schwer zu vermitteln und wohl eine der größten Herausforderung für unser Reden und Handeln.

Es ist also besonders wichtig, dass wir zeigen können: Trotz aller konfessionellen Unterschiede sind wir gemeinsam Christen. In den wesentlichen Punkten unseres Glaubens, wie sie unser Apostolisches Glaubensbekenntnis aufzählt, mit dem wir jeden Sonntag Gott loben, stimmen wir vollkommen überein. Wer so glaubt, kann mir kein Fremder sein, auch wenn es dann noch zu vielen eigenartigen Zusätzen gekommen ist. Wie nötig wir die gute Verständigung der Christen brauchen, zeigt die nächste große Herausforderung: Das Zusammenleben der Religionen, die »Ökumene der zweiten Art«.

Es gibt also viel zu tun im Blick auf unser Jubiläum 2017.

Axel Noack

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war von 1997 bis 2008 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen.

Offenheit ist die beste Werbung

28. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Der Weg nach Lauscha (Kirchenkreis Sonneberg) führt durch dichte, dunkle Wälder. Der Autoverkehr ist spärlich. Wer in die Glasbläserstadt fährt, fühlt sich wie in eine Märchenlandschaft versetzt. Hinter den Bergen, »bei den sieben Zwergen« könnte Schneewittchen zu finden sein. Vor der Kirche am Berghang bietet sich ein traumhaft schöner Blick in das Lauschatal, das bis heute Heimat des Glasmacher- und Glasbläserhandwerks ist. Es blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit am 10. Januar 1597 die Glasmacher Hans Greiner und Christoph Müller von Herzog Johann Casimir zu Sachsen-Coburg die erbliche Konzession zum Betreiben einer Glashütte erhielten, wird hier ununterbrochen Glas hergestellt und verarbeitet.

2018: Zusammenschluss zur Rennsteiggemeinde

Die Pfarrstelle in Lauscha ist seit einiger Zeit nicht besetzt. Verwaist ist die Kirchengemeinde aber deshalb keineswegs. Vakanzvertreterin ist Denise Müller-Blech, Jahrgang 1976. Ehrenamtlich! Halbtags arbeitet sie in der Sonneberger Superintendentur als Sekretärin des Kirchenkreises. In ihrer Freizeit absolviert sie eine Ausbildung beim Kirchlichen Fernunterricht zur Prädikantin und kümmert sich um die Kirchengemeinde. Ein Vollzeitjob? »Das kann man so sagen«, antwortet sie: »Gefühlt 100 Prozent.«

Gemeinsam für Lauschas Kirche: Denise Müller-Blech leitet ehrenamtlich die Kirchengemeinde Lauscha als Vakanz- verwalterin, Konrad Dorst ist Vorsitzender des Fördervereins der Jugendstilkirche. Fotos: Sabine Kuschel

Gemeinsam für Lauschas Kirche: Denise Müller-Blech leitet ehrenamtlich die Kirchengemeinde Lauscha als Vakanz- verwalterin, Konrad Dorst ist Vorsitzender des Fördervereins der Jugendstilkirche. Fotos: Sabine Kuschel

Gottesdienste, Bibel- und Seniorenkreise, Geburtstagsbesuche, Andachten im Altersheim sind nur einige ihrer Aufgaben. Etwa 870 Mitglieder gehören derzeit zur Gemeinde. Doch das wird sich künftig ändern. Das nächste große Ziel: 2018 sollen sich die Kirchengemeinden Lauscha und Ernstthal, Neuhaus am Rennweg mit Lichtenhain, Steinheid mit Scheibe-Alsbach und Goldisthal zu einer Rennsteiggemeinde zusammenschließen.

Kirche und Förderverein: Ein starkes Team

Seitdem sich der Gemeindekirchenrat im Herbst 2013 neu konstituiert hat, arbeitet er eng zusammen mit dem Förderverein der denkmalgeschützten Jugendstilkirche zu Lauscha. Dessen Vorsitzender ist Konrad Dorst, Jahrgang 1952. Kirchenälteste und Verein wollen gemeinsam ein starkes Team sein, dem die Weiterentwicklung des Gemeindelebens und die Erhaltung des Gotteshauses am Herzen liegt. Sie sind davon überzeugt, dass ein offenes Haus die beste Werbung für die Kirche ist. »Die Kirche ist immer offen«, betont Müller-Blech. Ihr einen Besuch abzustatten ist ein lohnendes Erlebnis, umso mehr, wenn Konrad Dorst seine Führung anbietet. Auf Schritt und Tritt ist seine Verbundenheit mit dem Gotteshaus zu spüren. Kenntnisreich erläutert er die Details, Geschichte und Hintergründe.

Die 1911 eingeweihte Kirche von Lauscha gehört zu den seltenen Gotteshäusern im Jugendstil.

Die 1911 eingeweihte Kirche von Lauscha gehört zu den seltenen Gotteshäusern im Jugendstil.

Die 1911 eingeweihte Glasbläserkirche weist architektonische Besonderheiten auf. Eine Saalkirche, gestaltet nach dem sogenannten Wiesbadener Programm, das eine Einheit von Altar, Kanzel und Orgel in der Mittelachse des Kirchenraumes vorsieht. Die bleiverglasten farbigen Fenster prägen das Gesicht des Gotteshauses. Auf den Emporenfenstern sind Szenen aus dem Neuen Testament dargestellt. Konrad Dorst erklärt die Bildmotive, deutet ihre Aussagen für den Glauben. Und er schildert, dass die Erhaltung dieses Gotteshauses Kraft und Geld kostet. Seit 1991 hat sich viel getan. Umfangreiche Sanierungsarbeiten an und in der Kirche wurden in Angriff genommen.

Glas spielt in der Kirche natürlich eine große Rolle

Stolz präsentiert Dorst die Sakristei. Vor etwa einem Jahr wurde sie nach der Restaurierung wiedereröffnet. Ein Schmuckstück. Sie soll nicht nur als Umkleideraum für die Pfarrer fungieren und erst recht keine Abstellkammer sein, sondern als Raum der Besinnung dienen. Das tut sie nun. In den Raum fällt das Licht durch ein besonderes – ebenfalls restauriertes – Weißglasfenster. Das Motiv – Christus im Garten Gethsemane – wurde ins Glas geätzt. An der Decke hängt der Leuchter aus böhmischem Glas, der ursprünglich in dem alten »Kirchlein am Berg«, das von 1732 bis 1910 in Lauscha stand, seinen Platz hatte.

Bild der Zuversicht: die Darstellung des Auferstanden über dem Hauptportal der Kirche

Bild der Zuversicht: die Darstellung des Auferstanden über dem Hauptportal der Kirche

Die von Johannes Strebel erbaute Orgel wurde 2001 überholt. Wie Dorst betont, handelt es sich bei diesem Ins­trument um die drittgrößte Strebelorgel Europas.
Die Kirche habe sich zu einem geistlichen und kulturellen Zentrum in Lauscha entwickelt, heißt es im Konzept des Fördervereins. Um die Jugendstilkirche erhalten zu können, geht die Gemeinde gemeinsam mit dem Verein neue Wege. Sie öffnet das Gotteshaus so oft wie möglich für verschiedene Veranstaltungen. Neben den Führungen sind das Kirchenkonzerte besonderer Art, wie zum Beispiel das mit den »Rock Tigers« aus Neuhaus/Rennweg. Ein Höhepunkt ist jedes Jahr das Kirchweihfest im September, das die Gemeinden der Region zusammen feiern und so bereits den Zusammenschluss zur Rennsteiggemeinde 2018 proben.

Von der Kanzel aus den Auferstandenen im Blick

Konrad Dorst ist mit seiner Kirchenführung an dem großen Fenster über dem Hauptportal angekommen. Es zeigt den auferstandenen Christus, umgeben von gelbem Licht. Für Denise Müller-Blech ein besonderes Fenster. Wenn sie dem Fenster gegenüber auf der Kanzel steht, hat sie als Predigerin den Auferstandenen, hell und strahlend, im Blick.

Sabine Kuschel

»Wir müssen uns mächtig ins Zeug legen«

27. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Die 2010 gegründete Stiftung Evangelisches Anhalt konnte bisher nicht so viel fördern, wie erhofft

Fünf Jahre ist es her, dass die Stiftung Evangelisches Anhalt anerkannt wurde. Der damalige Innenstaatssekretär Rüdiger Erben übergab die Urkunde beim dritten Stiftungstag Sachsen-Anhalts am 29. Oktober 2010 in Magdeburg dem damaligen Vorstand. Das Stiftungskapital in Höhe von 130 000 Euro stellte die Landeskirche Anhalts zur Verfügung, zudem jährlich eine weitere Summe für die Geschäftstätigkeit. Zweck der Stiftung ist es, kirchliche und soziale Aufgaben innerhalb der Grenzen der Landeskirche Anhalts zu unterstützen. Damit solle Geld über den jeweiligen jährlichen Etat der Landeskirche hinaus zur Verfügung stehen. Die Landessynode hatte bereits im November 2009 die Einrichtung einer kirchlichen Stiftung bürgerlichen Rechts beschlossen.

Im Jahr 2011 förderte die Stiftung vier Projekte, zum Beispiel die Restaurierung von Büchern in der Francisceumsbibliothek Zerbst und ein Kindertheaterprojekt in Köthen. 2012 bewilligte die Stiftung Geld für fünf Projekte, 2013 für sieben, 2014 für 13 sowie für neun in diesem Jahr. Ein Schwerpunkt ist die Kinder- und Jugendarbeit der Landeskirche, aber auch für soziale und kulturelle Zwecke stellte die Stiftung Geld bereit. Die Gesamtsumme aller Förderungen bis Oktober dieses Jahres beträgt genau 66 162 Euro.

Kirchenpräsident Joachim Liebig, Vorsitzender des Stiftungskuratoriums, übergab in St. Bartholomäi in Zerbst einen Spendenscheck für das Theaterstück zum Cranachjahr »Adams Schlange« an die Regisseurin Silke Wallstein (re.) vom Ensemble »Theater Provinz Kosmos«. Mit dabei war die Geschäftsführerin der Stiftung, Maren Springer-Hoffmann. Foto: Killyen/ Landeskirche Anhalts

Kirchenpräsident Joachim Liebig, Vorsitzender des Stiftungskuratoriums, übergab in St. Bartholomäi in Zerbst einen Spendenscheck für das Theaterstück zum Cranachjahr »Adams Schlange« an die Regisseurin Silke Wallstein (re.) vom Ensemble »Theater Provinz Kosmos«. Mit dabei war die Geschäftsführerin der Stiftung, Maren Springer-Hoffmann. Foto: Killyen/ Landeskirche Anhalts

Dass es nicht mehr geworden ist, hat mit der wirtschaftlichen Lage zu tun: Es gibt seit Jahren kaum Zinsen auf Kapitaleinlagen. »Uns trifft es besonders hart, da unser Stiftungskapital nur 146 000 Euro beträgt«, sagt der Stiftungsvorsitzende Wolfgang Philipps, der Nachfolger für den in die Landeskirche Braunschweigs gewechselten bisherigen Vorsitzenden, Pfarrer Jürgen Dittrich, geworden ist. »Diese Situation macht uns zu schaffen«, so Philipps weiter, denn die Stiftung solle schließlich Geld einwerben, um fördern zu können. Beim derzeitigen Vermögens- und Spendenertrag ein schwieriges Unterfangen. Hinzu kommt, dass im Etat der jährliche Zuschuss der Landeskirche reduziert wurde: in diesem Jahr auf null Euro.

»Wir müssen uns mächtig ins Zeug legen, um die finanzielle Situation zu ändern«, so Phi­lipps. Ende November treffen sich der ehrenamtliche Stiftungsvorstand und das Kuratorium zur Klausurtagung in Gernrode, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Mit dabei sind die beiden neuen Vorstandsmitglieder, der frühere Dessauer Oberbürgermeister und Katholik Klemens Koschig und der Bernburger Oberbürgermeister Helmut Rieche. Sie haben die bisherigen Mitglieder des Vorstands, den früheren sachsen-anhaltischen Landtagspräsidenten und Katholiken Adolf Spotka und Eduard Prinz von Anhalt (Berlin), turnusmäßig abgelöst. Gemeinsam wollen Vorstand und Kuratorium eine Fundraisingstrategie erarbeiten: Wie können künftig Menschen gezielt angesprochen werden, denen »evangelisch« und »Anhalt« am Herzen liegen? Wer kann durch Zustiftungen oder Spenden helfen? Letztere können auch Sachspenden, zum Beispiel in Form von Raumsponsoring für eine Veranstaltung, sein. Beraten wird auch eine Aktion, die Kirchenpräsident Joachim Liebig, der das Stiftungskuratorium leitet, angeregt hat: Ein Freund aus Schaumburg hat ihm Sandstein für einen Bildhauer-Workshop im Juni 2016 zugesagt. Drei oder vier Bildhauer sollen eingeladen werden, unentgeltlich innerhalb einer Woche auf einem öffentlichen Platz in einer anhaltischen Stadt je ein Kunstwerk zu schaffen. Inhaltlich sollen sich die Werke an den Themenfeldern »evangelisch« und »anhaltisch« orientieren. Der Verkaufserlös soll der Stiftung zufließen.

Unabhängig von dieser Aktion: »Wichtig ist und bleibt«, so Wolfgang Philipps, »dass wir dafür sorgen, dass unser Anliegen von vielen Menschen geteilt wird: Gutes tun im 800-jährigen Anhalt – mit der evangelischen Kirche.«

Angela Stoye

www.stiftung-evangelisches-anhalt.org

Was macht der Teufel hier?

27. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Schnitzereien am Spieltisch der Trostorgel in Waltershausen geben Rätsel auf

Die zwischen 1722 und 1730 von Heinrich Gottfried Trost gefertigte Orgel der Stadtkirche »Zur Gotteshilfe« in Waltershausen ist mit drei Manualen und 46 Registern die größte erhaltene Barockorgel Thüringens. Beim Blick auf die überaus kunstvoll geschnitzten Klaviaturbacken, die den sehr üppig und edel gestalteten Spieltisch zieren, fragen Besucher oftmals: »Was macht der Teufel an der Orgel?« Jeweils ein sehr charaktervoller Kopf blickt rechts und links am Organisten vorbei, hinauf zum prächtigen, von Hofmaler Johann Heinrich Ritter im Jahre 1723 gemalten Himmel an der Kirchendecke.

Fratzengesicht am Spieltisch der Trost-Orgel in Waltershausen. Foto: Joachim Stade

Fratzengesicht am Spieltisch der Trost-Orgel in Waltershausen. Foto: Joachim Stade

Die Köpfe sind nach Art der in der Renaissance sehr beliebten Maskarons (Fratzengesichter), die wie Fabelwesen aus einem fantasievollen Rankenwerk herauswachsen, gestaltet. Schaut man sie genauer an, so entdeckt man über der Stirn je zwei Bohrungen, in denen die Reste von abgebrochenen Hörnchen aus Elfenbein stecken. Nur noch zu erahnen sind Reste einer früheren Farbfassung: Rote Lippen, weiße Zähne und rote Augenlider lassen keinen Zweifel – hier ist der Teufel am Werke!

Nun, im aufgeklärten Ernestinischen Staat kannte man sich nicht nur in der Bibel, sondern auch in der griechischen Mythologie aus, und da gibt es bekanntlich den Flötengott Pan, der uns mindestens von der gleichnamigen Flöte vertraut ist. Er hat alle Insignien, die seit dem Mittelalter dem Teufel zugeschrieben werden, und dürfte wohl als dessen Vorbild gedient haben.

Während in katholischen Kirchen die Heilige Cäcilia die Schutzpatronin der Kirchenmusik ist, ist der griechische Pan mit seiner Flöte doch immerhin in der gleichen »Branche« unterwegs.

Eine Affinität Trosts zur griechischen Kultur ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass er bei einzelnen Orgelpfeifen, etwas verwirrend, zur Beschriftung Buchstaben aus dem griechischen Alphabet benutzte.

Erbitterten Streit gab es zwischen Trost und dem damaligen Organisten, Johann Heinrich Ritz. Ob es wohl die kleine Rache des Orgelbauers war, dass sich nun der Organist Ritz an den spitzen Teufelshörnchen ritzte, wenn er beim Spiel schnell nach den Registerzügen greifen wollte? Dann jedenfalls dürfte auch klar sein, wer diese, sicher wütend, abgebrochen hat! – Aber das bleibt natürlich Spekulation!

Joachim Stade

Vom Plattenbau zum Passivhaus

27. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Evangelische Sekundarschule Haldensleben bezog neues Gebäude

Eigentlich lernen die Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Sekundarschule Haldensleben schon seit Ende der Sommerferien in ihrem sanierten Schulgebäude am Waldring. Die große Wiedereröffnung war aber jetzt erst.

Schulleiterin  Pia Kampelmann erläutert die Konzeption des sanierten Schulgebäudes.  Foto: André  Ziegenmeyer

Schulleiterin Pia Kampelmann erläutert die Konzeption des sanierten Schulgebäudes. Foto: André Ziegenmeyer

Schon von außen erkennt man den DDR-Plattenbau vom Typ »Erfurt« kaum wieder. Betritt man dann die umgebaute Schule, erwarten den Besucher freundliche Farben an den Wänden und ein heller Licht­hof in der Mitte. »Der Lichthof ist der Kern des Ganzen, das Herzstück«, sagt Schulleiterin Pia Kampelmann nicht ohne Stolz. Vom Lichthof gehen Gemeinschaftsräume wie Speisesaal oder Bibliothek ab. Für die seit 2010 amtierende Schulleiterin war es wichtig, »einen gemeinsamen Marktplatz der Begegnung« zu schaffen.

Insgesamt hat der etwa 16 Monate dauernde Umbau der Schule rund fünf Millionen Euro gekostet. Der größte Teil, über 3,4
Millionen, kam dabei aus dem Förderprogramm Stark III. Die Johannes-Schulstiftung als Trägerin der Schule hat einen Eigenanteil von 1,4 Millionen Euro aufgebracht.

Das Ergebnis ist ein Schulgebäude in Passivhaus-Standard. Ein spezielles Belüftungssystem sorgt für die frische Luft.

Solarkollektoren auf dem Schuldach erzeugen den Strom. Die Photovoltaik-Anlage soll 96 Prozent des Strombedarfs liefern. Der Heizenergiebedarf soll um 86 Prozent sinken. »Ein ausgeklügeltes energetisches Konzept«, betont die Schulleiterin, »das aber auch einher geht mit unserer Vorstellung von Erziehung und Bildung.« Denn evangelische Bildung soll mehr sein als attraktive Lehr- und Lernorte. Mehr als bunte Farben und ökologische Schulen. »Es ist die Grundhaltung, jedem Kind zugewandt zu sein und jedes Kind so anzunehmen, wie es ist«, unterstreicht Pia Kampelmann. »Das ist die Stärke dieser Schule.«

Thorsten Keßler

Kein Puppentheater ohne Krokodil

27. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Interview: Was der Schauspieler Ben Becker von Judas Ischariot, dem Bösen und dem Glauben hält

Judas Ischariot, der große Verräter der Bibel. Der Tübinger Literat Walter Jens schrieb 1975 einen Roman über einen fiktiven Seligsprechungsprozess für Judas. Der aus zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen bekannte Schauspieler Ben Becker liest daraus im Berliner Dom. Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Schauspieler Ben Becker bezeichnet sich als gläubigen Menschen. Dazu öffentlich Stellung beziehen will er aber nicht. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Herr Becker, was fasziniert Sie an der Figur des Judas?
Becker:
Wer ist Judas? Das weiß ich nicht. Ich habe eine Vorlage von dem genialen Literaten Walter Jens vor mir, der mir eine Figur vorstellt: Judas. Und diese Figur fragt: Wer bin ich? Was bin ich? Und warum? Und das fasziniert mich, diese Art von Infragestellung seiner selbst auf eine so existenzielle Art und Weise. Ich will fragen: Wen oder was habe ich verraten? Warum habe ich Recht getan oder nicht? Das in den Raum zu stellen, das interessiert mich. Die Antwort darauf kann ich Ihnen aber nicht geben.

Wer kann die Antwort geben?
Becker:
Ich glaube nicht, dass da irgendwer eine Antwort drauf hat. Außer Frau von der Leyen, die der Ansicht ist, dass das neue MG 5 von Heckler und Koch nicht funktioniert. Aber ich fände es nahezu blasphemisch und überheblich, wenn ich mich aus dem Fenster hängen und sagen würde, ich habe die Antwort. Für mich persönlich gibt es nur kleine Antworten: mein Garten, mein Hund, mein Pferd, meine Tochter.

Was reizt Sie so sehr an solchen Themen?
Becker:
Als Künstler, als theatralischer Mensch, finde ich, dass es das Schönste an unserem Beruf ist, die Art und Weise, wie wir Menschen leben, zu hinterfragen. Es geht darum, wie wir mit diesem uns gegebenen Planeten, unserem Stern, umgehen. Das ist die wichtigste Aufgabe der Kunst, wenn man sie ernst nimmt. Wenn man sie nicht so ernst nimmt, kann man sein Bild auch gerne in der Vorhalle der Commerzbank aufhängen, dann ist es Musik, die beim Bügeln nicht stört. Aber das interessiert mich nicht. Mich interessiert Till Eulenspiegel, der über das Drahtseil tanzt.

Sie treten in einer Kirche auf. Was bedeutet dieser Ort für Sie?
Becker:
Es ist eine ganz andere Aufgabe. Die Auseinandersetzung mit einer biblischen Figur im Haus Gottes – wobei für mich ein Theater durchaus auch etwas Kathedralisches hat – hat einen besonderen Reiz. Sich im Hause des Herrn mit biblischen Themen auseinanderzusetzen, mit biblischen Figuren macht alles vielleicht etwas provokant und größer. Hätte man mir eine Inszenierung im Deutschen Theater angeboten, wäre diese Inszenierung vielleicht anders ausgefallen.

Worauf nehmen Sie in einer Kirche Rücksicht?
Becker:
Man darf eine Kirche meiner Meinung nach nicht verlogen und nicht schlechten Herzens betreten. Man darf in einer Kirche alles machen. Man darf auch »Scheiße« sagen, solange man reinen Herzens ist. Ich habe mir in einer Kirche ein einziges Mal blasphemischerweise eine Zigarette angesteckt und mich hinterher dafür vielfach und oftmals entschuldigt, weil man das nicht macht. Wenn man eine Kirche betritt, hat man ehrlich und unverlogen zu sein – und dann darf man aber in diesem Haus jede Frage der Welt stellen.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Becker:
Ja. Ich bin ein gläubiger Mensch. Aber meine Definition von »Wer oder was ist Gott« bleibt bei mir. Über diese Definitionsfrage haben sich die Menschen über Jahrtausende den Schädel eingeschlagen. Da werde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen und Stellung beziehen.

Was fasziniert Sie am Bösen?
Becker:
Uns alle fasziniert das Böse. Als kleine Kinder haben wir doch schon im Puppentheater auf das Krokodil gewartet. Ohne Krokodil kein Kasper und keine Oma. Dann wäre doch die ganze Show langweilig. Deswegen warten beim Jedermann alle auf den Tod.

Und Judas?
Becker:
Er ist eigentlich eine traurige Figur und wurde in Mitleidenschaft gezogen. Er wurde zum Täter, ohne eigentlich Täter sein zu wollen. Der Prophet Jona weigerte sich und sagte: Nein, ich verkünde nicht, weil er Angst hatte vor dem, was kommt, wenn er verkündet. Judas hingegen konnte sich nicht drücken. Er hatte ein Gebot – von oben.

Was heißt das?
Becker:
Ich habe einen Freund, den man mit 19 in den Kosovo geschickt hat, der hat ein Trauma. Der ist zum Mittäter gemacht worden. Dafür hat er meinen Respekt, meine Sympathie und mein Mitgefühl.

Und jetzt versuche ich, Judas in den Arm zu nehmen und das den Menschen zu vermitteln und darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich davon die Finger lassen sollten, Menschen zu Mittätern zu machen.

»Einer unter euch wird mich verraten!«
18., 19., 22. November, jeweils 20 Uhr im Berliner Dom
Regie/Inszenierung: Ben Becker
Dramaturgie: John von Düffel
Sauerorgel: Domorganist Andreas Sieling
Das Hörbuch »Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot«, gelesen von Ben Becker, erschienen im Herder Verlag, 19,99 Euro, ISBN 978-3451350962.

Es ist Gnade

26. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Dass die Welt nur so vor Güte strotzen würde, ist eine Illusion. Wir wünschen uns, dass die Zahl der guten Nachrichten bei Weitem die der schlechten übersteigt. Doch das bleibt ein frommer Wunsch. Die Medien mit ihrem Interesse für das Aufsehenerregende bilden zwar nicht unbedingt die Realität exakt ab. Aber sie liegen auch nicht ganz falsch, denn es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo auf der Welt etwas Furchtbares passiert.

Vorgestern sprengte ein Selbstmord­attentäter mit sich Dutzende von Menschen in die Luft. Gestern brannten Flüchtlingsunterkünfte. Dieser Tage wurde eine angehende Oberbürgermeisterin in Köln lebensbedrohlich verletzt. Niemand möchte Opfer solcher Gewalttaten werden. Und völlig ausgeschlossen der Gedanke, dass ich selbst zum Täter werden könnte.

Aber wenn alle Menschen zu allem fähig sind, bleibt die Frage: Warum lassen sich manche vom Bösen überwältigen, während andere offensichtlich standhaft bleiben? Eine schlechte Kinderstube, zerrüttete Familienverhältnisse, so die Erkenntnis von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern, können der »Nährboden« sein, von dem aus Heranwachsende auf Abwege geraten. Straucheln. Ein Segen, wenn dies nicht geschieht.

Wie die Möglichkeit zum Bösen im Menschen angelegt ist, so ist ihm auch die Sehnsucht nach dem Guten ins Herz gepflanzt. Doch so sehr wir uns nach dem Guten ausstrecken, kein Menschenleben bleibt ohne Schuld. Gewiss: Vor Gott mögen wir alle Sünder und alle gleich sein. Aber nach menschlichem Ermessen gibt es schwere Schuld und leichtere Vergehen. Und wenn ein Mensch sich nicht selbst zum Verhängnis wird – eigenes Verdienst ist das nicht allein. Es ist Gnade!

Sabine Kuschel

Wozu ist das Böse gut?

26. Oktober 2015 von redaktionguh  
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Seelsorge: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Das wusste schon Paulus

Bereits im Paradies hatten Adam und Eva die Wahl zwischen Schlange und Schöpfer. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich auch heute unser Leben.

An dem Thema habe ich mich fast verhoben. Das wurde mir schon bei der Recherche deutlich. Beide Seiten, mit gebotener journalistischer Distanz, nebeneinander zu stellen, ist schwierig. Denn ich stehe nicht über den Dingen, sondern schlage mich selbstverständlich auf die Seite des Guten und betrachte von dort aus die vermeintlich andere Seite. Aber das Gegenteil von gut ist scheinbar gar nicht böse.

Wo geht es lang? Welches Navi kann hier helfen? Beide Seiten gehören zu unserem Leben dazu. Foto: Oliver Böhmer/bluedesign – fotolia.com

Wo geht es lang? Welches Navi kann hier helfen? Beide Seiten gehören zu unserem Leben dazu. Foto: Oliver Böhmer/bluedesign – fotolia.com

Des Menschen Herz ist böse von Jugend an. Und gut ist Gott allein. Mutter Theresa auf der einen, Adolf Hitler auf der anderen Seite, das mag vielleicht noch gehen. Aber selbst die Ordensfrau beichtet dem Tagebuch ihre dunkle Seite: »Sollte ich jemals eine Heilige werden, dann eine der Dunkelheit.« Auch bei unserer Umfrage zum Thema fällt den unbescholtenen Befragten eher etwas zum Bösen als zum Guten ein. Ist das Gute vielleicht langweilig, fehlt die Faszination? »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott« (Micha 6,8). Schon Paulus wusste, dass es uns leichter fällt, das Böse zu tun, obwohl wir eigentlich das Gute wollen. Blaulicht und Martinshorn erregen eher unsere Aufmerksamkeit als Marterl (Wegekreuze) und Glockengeläut. »Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse«, stellte Jesus fest. Aber warum ist das so? Ein Fehler im System? Hat der Schöpfer da etwas falsch gemacht?

Unserer christlich-jüdischen Tradition nach entspringt das Böse dem Ungehorsam gegen Gott. Selbst im Garten Eden war das oder der Böse schon präsent. Ebenso aber auch das Gute. »Alles ist gut, was aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen«, so der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Beispiele dieser menschlichen Abgründe gibt es viele auf der ganzen Welt und bei uns. Eine Krankenschwester, die auf der geschlossenen Abteilung einer Nervenklinik arbeitet, sagte mir auf die Frage, wie sie die Belastung aushalte: »Ich weiß, dass Menschen zu allem fähig sind, und ich weiß, dass ich zu allem fähig bin. Ich kenne aber auch die Gnade, dass Jesus mich sieht und mir beisteht.«

Haben wir überhaupt die Wahl, uns für das eine oder das andere zu entscheiden? Nein, der Mensch ist nicht per se gut oder böse. Wir sind Gott nahe, weil er uns nahe ist. Wir sehen, dass Gott mit der Welt nichts Schlechtes geschaffen hat. »Und siehe, es war gut«, heißt es am Ende der Schöpfungsgeschichte. Es wird immer wieder Rückschläge geben. Aber warum sollte man an die Liebe glauben, wenn eh alles den Bach runtergeht?

Für Nietzsche ist das Böse eine Erfindung der christlich-jüdischen Religion, um den Menschen zu knechten. Ohne das Böse braucht es keinen Erlöser. Ohne den Gegenspieler hätte Gott kein Gegenüber, um seine Allmacht zu zeigen. Bei Hiob darf der Satan nur soweit gehen, wie Gott ihm das erlaubt. Instrumentalisiert der Schöpfer das Böse? Halten deshalb viele die Sache mit der Sünde für ein Geschäftsmodell der Kirche?

In seinem Buch »Das sogenannte Böse« sucht Tierforscher Konrad Lorenz nach dem Ursprung der Aggression. Er zeigt in seinem Streifzug durch die Naturgeschichte der Aggression eine Vielzahl von Verhaltensmustern aus dem Tierreich. Er stellte fest, dass das menschliche Lachen als eine aggressionshemmende Signalfunktion aus der Drohgebärde des Zähnefletschens entstanden ist. Lachen ist gesund, aber hilft es auch, das Böse zu vertreiben?

Wir können als Christen dem Bösen etwas entgegensetzen, die Botschaft der Liebe, des Friedens und der Versöhnung. Seit Ostern haben wir sogar über das Böse gut lachen. Luther formuliert das so: »Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt … ein Wörtlein kann ihn fällen.«

Willi Wild

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