Strahlende Kinderaugen

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Gemeinden im Kirchenkreis Dessau sammelten Adventspäckchen für Kinder

Es ist irgendetwas anders in diesem Jahr. Advent ist immer noch Advent; aber der Kontext hat sich geändert. Wurden schon in der Vergangenheit in den Kirchengemeinden in der Vorweihnachtszeit Päckchen für Bedürftige gepackt, gingen diese oft raus in die Ferne, wo Armut, Flucht und Vertreibung den Alltag prägten. Alles war bei allem Mitgefühl trotzdem weit weg. In den vergangenen Monaten haben Armut, Flucht und Vertreibung ein Gesicht direkt vor der Haustür, in der Nachbarschaft bekommen. »Wir nennen sie Flüchtlinge, aber sie alle sind Menschen wie du und ich mit Hoffnungen und Ängsten«, sagt Annegret Friedrich-Berenbruch, die Dessauer Kreisoberpfarrerin. Ein freundliches Gesicht denen gegenüber zu zeigen, die hierher kommen, ist für sie schon aus dem christlichen Anspruch heraus das Mindeste. Ein Zeichen des Willkommens setzen und Signale für ein gutes Miteinander und Begegnen geben, wollen die Dessauer Gemeinden auch in dieser Vorweihnachtszeit mit der Aktion »Von Hand zu Hand im Advent«. Päckchen wurden gesammelt, die gefüllt sind mit Spielzeug, Süßigkeiten, Kleidung und Schulsachen für Flüchtlingskinder und Jugendliche bis zu 14 Jahren.

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Fotos: Lutz Sebastian

Viele Flüchtlinge kamen am 9. Dezember zum Begegnungsfest ins Georgenzentrum. Foto: Lutz Sebastian

»Schnell hat sich die Aktion verselbstständigt«, blickt die Kreisoberpfarrerin zufrieden zurück. Rund 800 Päckchen wurden vom 1. November bis zum Nikolaustag gepackt und in die Gemeinden gebracht. Kindergärten, Schulen, Firmen und soziale Einrichtungen in Dessau-Roßlau schlossen sich der Aktion an. Am 9. Dezember wurde ein Teil der Päckchen in einem Fest der Begegnung im Dessauer Georgenzentrum übergeben. In einem Rahmenprogramm brachten Gemeindeglieder sowie Pfarrerinnen und Pfarrer verschiedener Dessauer Gemeinden die Tradition von Advent und Weihnachten den Schutzsuchenden aus Syrien, Irak und Afghanistan näher. An reichlich gedeckten Tischen mit Weihnachtsgebäck nahmen viele Menschen Platz. Ehemalige und aktuelle Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie spielten weihnachtliche Musik; der Pfarrer der Dessauer Innenstadtgemeinden Jakobus-Paulus und St. Georg, Martin Günther, erzählte Anekdoten zu Sitten und Bräuchen in der Advents- und Weihnachtszeit auf Deutsch, die ein freiwilliger Helfer ins Arabische übersetzte.

Auch der gute Brauch des Schenkens fand darin Platz. Voller Ungeduld gab es kaum noch ein Halten, als Nikolaus und seine freiwilligen Begleiter die Türen zu dem Raum mit den Geschenken öffneten. Die Augen der Kinder und die ihrer Angehörigen leuchteten angesichts der Hülle und Fülle an weihnachtlich verpackten Spenden und ob der menschlichen Gesten, die dahinter steckten.

»Ihr seid ein großartiges Land mit wundervollen Menschen«, versuchte Malek Alshgal, 25-jähriger Wirtschaftsstudent aus Syrien auch im Namen seiner minderjährigen Cousins die Impressionen des Begegnungsfestes in Worte zu fassen. Weitere Adventspäckchen werden auch in der zentralen Dessauer Ausgabestelle für Flüchtlinge und an die städtischen Tafeln verteilt, die diese an einheimische bedürftige Kinder weitergeben.

Danny Gitter

Eine Zwei-Nationen-WG im Pfarrhaus

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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»Vieles hat sich verändert«: Zehn syrische Flüchtlinge sind bei Pfarrersfamilie Schlauraff in Bad Bibra eingezogen

Der Alltag der Pfarrersfamilie Schlauraff in Bad Bibra (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz) ist nicht mehr so, wie er war. »Es hat etwas von einer WG. Vieles hat sich verändert«, sagt Bettina Schlauraff. Sie und ihr Mann Michael sind nicht mehr nur Pfarrer für die Einwohner der Finnestadt und Umgebung. Beide sind zu Sozialarbeitern geworden, wenn es um Amts-, Arzt- und Schulbesuche geht. Vor allem sind sie Seelsorger auch für jene zehn syrischen Flüchtlinge, die seit Anfang November auf dem Pfarrhof wohnen.

Hier ist Platz für Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind: Seit Anfang November wohnen im Pfarrhaus und im Gemeindezentrum in Bad Bibra zehn syrische Flüchtlinge. »Es hat etwas von einer WG«, so Pfarrerin Bettina Schlauraff. Gemeinsam wird auch Deutsch gelernt und gekocht. Fotos: Torsten Biel

Hier ist Platz für Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind: Seit Anfang November wohnen im Pfarrhaus und im Gemeindezentrum in Bad Bibra zehn syrische Flüchtlinge. »Es hat etwas von einer WG«, so Pfarrerin Bettina Schlauraff. Gemeinsam wird auch Deutsch gelernt und gekocht. Fotos: Torsten Biel

Neben drei Brüdern im Alter von 15 bis 19 Jahren, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind, hat auch die Familie von Aboud Al Abdullah dort ein neues Zuhause gefunden. »Ich bin sehr froh, hier zusammen mit meiner Familie zu sein«, sagt der 56-Jährige aus Al-Mayadin. In seinem früheren Leben hat er als Englisch-Dozent gearbeitet. Er trat zuerst die beschwerliche Reise über das Mittelmeer und den Balkan an, ehe seine Frau und die fünf Kinder im Alter zwischen zehn und 24 Jahren folgten. Zweimal wurde er inhaftiert und gefoltert, einmal durch das Assad-Regime, einmal von IS-Terroristen. »Es ist eine sehr lange, sehr traurige Geschichte«, sagt er, um schließlich auf seinem Handy Fotos zu zeigen – von seinem einstigen Haus mit Garten, den Verletzungen infolge der Folter und vom 17-jährigen Sohn seines Bruders. »Er ist im Oktober bei einem russischen Bombardement ums Leben gekommen«, erzählt der Syrer mit trä­nenerstickter Stimme.

Abouds Familie wird bald eine Wohnung nicht weit vom Pfarrhaus entfernt erhalten. Der jüngste der drei syrischen Brüder indes zieht in ein künftiges Kinderheim, das für ein halbes Jahr im Ortsteil Thalwinkel, später in Bad Bibra eingerichtet werden soll. »Wir werden sicherlich wieder Flüchtlinge aufnehmen«, sagt Bettina Schlauraff. Unterstützung erfährt die Pfarrersfamilie von den Einwohnern der Kleinstadt. Manch einer bringt Spenden, manch einer kommt, um einfach da zu sein, Gespräche zu führen. »Obwohl die Einwohnerversammlung, auf der die Pläne zur Unterbringung der Flüchtlinge vorgestellt wurden, recht turbulent war, habe ich bisher noch kein einziges negatives Wort gehört«, so die Pfarrerin, die über ihre Erfahrungen und Erlebnisse regelmäßig auf Facebook berichtet.

Trotz der neuen Bewohner finden die Angebote der Kirchengemeinde statt, es gibt kaum Einschränkungen. »Es braucht jetzt einfach nur mehr Rücksicht aufeinander«, erzählt die Pfarrerin. Im Obergeschoss des Gemeindezentrums unterrichtet der Naumburger Bernd Schremmer dreimal in der Woche für jeweils fünf Stunden Deutsch. Schremmer hat vor seinem Ruhestand am Bundessprachenamt in Naumburg Englisch gelehrt. »Es ist eine sehr dankbare Aufgabe«, so der 68-Jährige.

Die Kinder der Schlauraffs – das jüngste ist fünf Jahre alt – sind Teil der Zwei-Nationen-WG. »Sie spielen mit den anderen Kindern und essen auch schon mal dort mit«, erzählt Bettina Schlauraff. Die Sprache ist kein Problem. Einige deutsche und englische Wörter sowie Hände und Füße reichen aus. »Einige würden ihre Angst und ihre Beklemmung verlieren, wenn sie bei Begegnungen mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen«, ist Bettina Schlauraff überzeugt.

Constanze Matthes

Männermordende Jungfrau Maria?

21. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Theologie: Maria als Symbol für die Gleichwertigkeit der Geschlechter – ein Plädoyer für die Beibehaltung der Lehre von der Jungfrauengeburt

»Geboren von der Jungfrau Maria« ist wohl der umstrittenste und am meisten lächerlich gemachte Satz des Glaubensbekenntnisses. Ein evangelischer Theologe hält dagegen.

Wie stellen Sie sich Maria vor? Wie kommt Sie Ihnen ins Bild? Vor dem inneren Auge? Auf den allermeisten Bildern wird sie dargestellt als junge, gleichwohl gereifte Frau, die um ihre Verantwortung weiß. Mein Vater sagte immer, wenn er mit Respekt von einer Frauenpersönlichkeit sprach – zum Beispiel von der Mutter eines meiner besten Freunde, die neben diesem Freund noch zehn andere Kinder geboren hatte: »Frau N. N. kann für Mutter Maria Bild stehen!« Das hat meine Vorstellung von Maria geprägt. Aber genau darin haben Vater und Sohn geirrt.

Und wie: Denn wenn man der Weihnachtsgeschichte folgt, dann ist durch die Bezeichnung, die Maria bekommt und die Luther mit der Wendung »mit Maria seinem vertrauten Weibe« (Lukas 2,5) übersetzt, eins klar: »Vertraut« heißt »rechtsverbindlich verlobt«. Aber noch nicht »heimgeholt« ins Haus des Bräutigams. Maria war »verlobt« mit Josef. Das bedeutet: Er lebte mit ihr noch nicht in ehelicher Gemeinschaft von Tisch und Bett. Aber seine Verehelichung stand verbindlich an.

Nun war in der damaligen Zeit das Verlobungsalter, in dem Eltern die jeweilige Verlobung anzettelten und justiziabel machten, zehn bis dreizehn Jahre. Maria also war keine »reife Frau«. Sondern blutjung. Ein just herangewachsener weiblicher Mensch. In der Pubertät. Gerade entwickelt. Dem Alter nach etwas jünger als unsere Mädchen, die zur Konfirmation gehen. Jedenfalls noch am Anfang eines geschlechtsbewussten Lebens. »… und sie war schwanger.« Eine Katastrophe! Das war – so ein syrisches Sprichwort – »wie barfuß über Feuer, Dornen und Steine gehen«.

Und die Weihnachtsgeschichten bei Lukas und Matthäus sind darin geradezu überschwänglich, dass sie Maria als Jungfrau darstellen. Sie war also – sprechen wir es aus – eine sehr junge Frau, die noch nie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auch nicht mit Josef. Aber: »… sie war schwanger.«

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich:  Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem oben abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Jung, zart und gebrechlich, statt reif, erwachsen und mütterlich: Die Darstellung Mariens von Leonardo da Vinci kommt wohl der biblischen Realität sehr nahe. Ausschnitt aus dem unten abgebildeten Gemälde von Leonardo da Vinci. Das Original hängt in den Uffizien von Florenz. Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Repro: wikipedia

Also: Jungfrauengeburt. Und das ist nun ein Glaubenssatz, zu dem in der Theologiegeschichte Reichliches gesagt, gezetert und dogmatisiert worden ist. Darüber liegt ein ganzer Theologenschutt. Lässt sich das »Glaubenssymbol« von der »Jungfrauengeburt« freilegen? Es bringt etwas Elementares zum Ausdruck: Gott selber ist in das Leben Marias eingezogen. Gott hat sie einzigartig einbezogen in die Geschichte seiner Zuwendung zur Welt und seiner Liebe zu den Menschen.

Der ewige Gott höchstselbst wird im Leib der Maria Mensch. Der Ewige zieht ein in Marias Körper, um geboren zu werden als Mensch in der Zeit. Als jemand von uns. Als Mitmensch. Und wie am Anfang aller Zeit, wie in der Schöpfung, geschieht hier die Erschaffung des Menschensohns ganz von Gott aus: »… geboren von der Jungfrau Maria.«

Und nun gibt es brisante Schlussfolgerungen aus der Lehre, dass in der Weihnacht, bei dieser Geburt am Anfang eines menschlichen Lebens, nicht der Mensch steht, sondern der ewige Gott: Hier, bei Maria, der Jungfrau, stehen nicht Klugheit, Frömmigkeit, schneidige Tüchtigkeit oder unwiderstehliches Begehren eines Mannes als auslösende Faktoren. Nicht der Mann ist die »Krone der Schöpfung«. Der verführerische Mann – hier spielt er nicht wie sonst bei so vielen gewollten und ungewollten Zeugungen die erste Geige. Er ist ausgeschaltet.
Das eher konservative Wochenmagazin »Focus« bringt es auf den Punkt, wenn es vor einiger Zeit eine Titelgeschichte über Maria so beschließt: »Maria mit dem Ei des Erlösers, das nach christlichem Glauben vom Heiligen Geist befruchtet wurde, birgt eine geradezu männermordende Botschaft: Man braucht die Kerle gar nicht. Das ganze Machogehabe ist aufgeplusterte Wichtigtuerei. Die Menschheit braucht die Männer nicht, um erlöst zu werden. Theologisch gesprochen: Die Kirche braucht nur Gott – und nichts dazwischen. Eine gefährliche These für den Bestand der Machos und ihres Klerus.« Im Ernst: Das Dogma von der Jungfrauengeburt ist wohl nicht gerade »männermordend«. Es ist aber Demütigung: die Demütigung des Mannes und all seiner Mächtigkeiten.

Und es ist Antwort auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter: Am Anfang (nach der alten biblischen Schöpfungsgeschichte) war der Mann das erste Werk des Schöpfers vor der Frau. Nun hat hier in der Zeitenwende, bei der Erschaffung des einen neuen Adam, zur Erlösung der Welt, die Frau das Primat: Vorrang und Vorrecht vor dem Mann. Hier steht sie im Vordergrund. In der Gestalt einer blutjungen Frau, in Maria, der Jungfrau. Also in einer Gestalt, die nicht wenige Männer so aufreizend finden, dass sie Frauen und dabei sich selber in ihrer Würde verletzen, schwer verletzen.

Maria jedoch steht dafür als Zeichen, dass es in der Schöpfung Gottes keine unterjochenden, demütigenden und verletzenden Begehrlichkeiten des Mannes geben darf. In diesem jungen Mädchen würde sich der Mann ja an Gott selber vergreifen. Sie steht aber auch dafür, dass es keine Unterwerfung und Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann geben darf, sondern nur – wirklich: nur! – Partnerschaft!

Der christliche Glaube geht nicht auf in Tatsachenspekulationen. Das Dogma von der jungfräulichen Zeugung ist ein wirkmächtiges Glaubenssymbol. Es hat in erster Linie und vor allem den Sinn, den souveränen Entschluss Gottes und das Einverständnis der einen Jungfrau zu bezeugen.Gott kommt nicht ohne uns zum Heil. In der Menschwerdung seines Sohnes rettet er die Welt und die Menschen aus ihrem Sumpf. Aber er sucht auch die Antwort, das verantwortliche Ja des Menschen, das Einverständnis, für das Maria als Vorbild gelten darf.

Wer sich nunmehr in dieser Sache in biologische Spekulationen über die Beschaffenheit des Unterleibs der Maria verliert, wer eine mögliche Vergewaltigung der Maria konstruiert oder sich in Annahmen hinsichtlich der Zeugungsfähigkeit des heiligen Josef ergeht, ist ein theologischer Einfaltspinsel.Was musste sich der arme Josef in der christlichen Bildergeschichte gefallen lassen! Wurde er doch oft als Greis gepinselt, damit auch niemand auf falsche Gedanken kommt.

Ich plädiere für die Beibehaltung und Ehre des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Im Nizänischen Glaubensbekenntnis – formuliert 325 nach Christi Geburt beim Konzil von Nizäa –
heißt es feierlich: »Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er« – nämlich der wahre Gott in seinem Sohn Jesus Christus – »vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.« Es ist dies die Substanz des hohen Symbols, des Dogmas von der Dreifaltigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, von der Menschwerdung Gottes durch die Kraft des Geistes im Kind von Bethlehem. Weihnachten ist auch die Feier des Dogmas von der Jungfrauengeburt. Es ruft uns, Männern wie Frauen, mit Tiefsinn und Feierlichkeit zu: Wegen dieses einen Menschen bist du Gottes geliebtes Kind; eben um des Kindes willen, das die Jungfrau Maria zu Bethlehem in der Kraft des Geistes geboren hat – »wohl zu der halben Nacht«.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath (67) war Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt an der Universität Bielefeld Dogmatik.

200 Jahre »O du fröhliche«

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Das wohl bekannteste Weihnachtslied ist auch das kürzeste: Es hat nur drei kleine Strophen mit einem wiederkehrenden Refrain. Die einfache Melodie stammt aus Herders Volksliedersammlung, sie gehört zu dem sizilianischen Fischerlied »O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria!«. In der Erstausgabe der Volkslieder von 1778/79 steht der Text noch nicht. Aber in seiner Zeitschrift »Adrastea« zitierte Herder 1803 in einem Aufsatz über Georg Friedrich Händel und Kirchengesänge »das kleine Lied an die heilige Jungfrau Maria, das ein Reisender von sizilianischen Fischern auf offenem Meer singen hörte. Die Melodie ist äußerst sanft und einfach.« Johannes von Müller nahm den Text aus Herders Nachlass 1807 in die Neuausgabe der Volkslieder unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern« mit 23 weiteren Liedern auf, die Herder in seine Sammelmappe gelegt hatte. Sein Tod am 18. Dezember 1803 hatte ihn gehindert, die erweiterte Neuauflage herauszubringen. Das wollte sein ältester Sohn, der Arzt Gottfried Herder, tun, »vertraut mit des Vaters Gedanken«. Da aber der Hofmedikus, der den Vater behandelt hatte, am 11. Mai 1806 plötzlich starb, übernahm Johannes von Müller die erweiterte Neuausgabe. Bei dem Marienlied setzte er in einer Anmerkung hinzu: »Als schönste Probe italienischer Volkslieder steht hier, statt vieler, das sizilianische Fischerlied mit seiner einfachen sanften Melodie im Original und einer hierzu sangbaren Übersetzung.«

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Der Schriftsteller Johann Daniel Falk (1768–1826), der seit 1797 in Weimar lebte und oft im Herderhaus war, gab 1825 selber eine Neuausgabe der Volksliedersammlung heraus. Sein einleitendes Vorwort lässt erkennen, wie vertraut er mit Herders Gedanken war.

Den Text zu dem bekannten Weihnachtslied schrieb Falk, als er sich in der Adventszeit 1815 überlegte, wie er mit den vielen Kriegswaisen, die er bei den Handwerkern durch die »Gesellschaft der Freunde in der Not« seit 1813 ausbilden ließ, Weihnachten feiern könnte. Bei dem Aufruf zur Freude nahm der Verehrer Goethes Worte aus dessen Singspiel »Claudine von Villa Bella« (1776) auf, die der Chor mehrfach wiederholt: »Fröhlicher, seliger, herrlicher Tag!« 1816 gehörte das »Dreifeiertagslied« zu den Pflichtliedern, welche die Besucher der Sonntagsschule, die Falk mit dem Stiftsprediger Horn und jungen Pädagogen aus Herders Lehrerseminar hielt, auswendig können mussten. Bei den »Singakademien«, die Falk als Werbekonzerte für sein Jugendhilfswerk durchführte, wurde der erste Vers des Liedes gesungen, wenn die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorgetragen war: »Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich, o Christenheit!«

Nach der Rezitierung der Auferstehungsgeschichte wurde in der 2. Strophe die fröhliche, gnadenbringende Osterzeit gepriesen: »Welt lag in Banden, Christ ist erstanden!« Und nach dem Vortrag der Pfingstgeschichte wurde die Freude über Gottes Tat besungen: »Christ, unser Meister, heiligt die Geister!« Die bei uns gesungenen 2. und 3. Verse stammen von Falks Schüler Heinrich Holzschuher, der 1829 nach Falks Weimarer Vorbild in Bayreuth ein Waisenhaus mit Ausbildung für die Jugendlichen einrichtete.

Das Beispiel Falks nahm in Hamburg Johann Hinrich Wichern auf, als er 1833 das »Rauhe Haus« einrichtete: Die dort ausgebildeten Diakone verbreiten auch Falks Lied von der fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit an allen Orten, wo sie wirkten. Falk beherzigte in seinem »Lutherhof« durch sein sozialpädagogisches Werk, was Herder in seiner Schrift »Vom Geist des Christentums« 1798 gefordert hatte: Des Teils der Menschheit muss man sich annehmen, dessen sich niemand annimmt: das Verwahrloste zurechtbringen, das Irrende aufsuchen, das Kranke heilen.«

Herbert von Hintzenstern

(Aus: »Palmbaum«, 1994, Seite 71–73)

Urfassung des »Allerdreifeiertagsliedes«
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:
Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ, unser Meister, heiligt die Geister:
Freue, freue dich, Christenheit!

Wenn die heilige Nacht kommt

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Seelsorge am Hörertelefon von MDR Thüringen am 24. Dezember – Ein Erlebnisbericht

Die Stimme am Hörer klingt unendlich traurig und schwer. »Ich wollte einfach mal mit jemandem reden«, sagt der Mann. Das Weihnachtsgedudel im Fernsehen kann er nicht ertragen. Die Frau ist gestorben, der Sohn weit weg. Sonst ist da keiner. Heiligabend sitzt er allein in seinem Wohnzimmer und hört Radio. Und jetzt wollte er doch mal anrufen. Und er ist fast ein bisschen überrascht, dass ich »Guten Abend« zu ihm sage. Und: »Gesegnete Weihnachten«. Er lacht bitter. Mit dem Segen ist es scheinbar nicht so weit her. Nur die Hunde sind da. Die trösten ihn.

Oft suchen die Anrufer nur jemanden, der einfach zuhört. Ulrike Greim hat ein offenes Ohr für einsame Herzen und spendet Trost. Foto: Maik Schuck

Oft suchen die Anrufer nur jemanden, der einfach zuhört. Ulrike Greim hat ein offenes Ohr für einsame Herzen und spendet Trost. Foto: Maik Schuck

Wir reden. Ganz schön lange. Ruhig, tastend. Ist da wirklich niemand? Nachbarn? Freunde? Eine Kirchengemeinde? Er seufzt. Nein, mit der hat er abgeschlossen. Als er dann doch ein wenig erzählt, merke ich, dass er vielseitig interessiert ist. Dass nur die Bitterkeit gerade Oberhand hat. Ich höre zu. Das an sich scheint schon zu helfen. Ein paar Male atmet er tief durch. Am Ende bedankt er sich. Und es klingt ehrlich und tief. Ich sehe förmlich, wie er sich ein wenig beruhigt in seinen Sessel zurückfallen lässt und nachdenkt.

Ich denke auch nach. Aber da klingelt schon wieder das Telefon. Ich melde mich und ab geht’s ins nächste einsame Wohnzimmer. Wieder viel Trauer, viel Bitterkeit, viel Sehnsucht.

Mein Herz ist ganz warm, wenn ich da in dem Büro des Hörerservice sitze. Oben in der dritten Etage des MDR-Landesfunkhauses. Das Headset auf den Ohren. Einen Tee in der Tasse vor mir. Lebkuchen auf dem Teller. Fünf Stunden intensive Gespräche liegen vor mir. Fast keine Pause. Puh, ja, das ist anstrengend.
Eben war ich im Studio und habe mit der Moderatorin geplaudert und Hörer eingeladen, anzurufen. Niemand soll Heiligabend allein sein. Jeder darf hören, dass Gott auch meine und deine Dunkelheit nicht scheut. Dass er in unseren Stall kommt, egal, wie es da riecht. Dass er das Licht ist.

Unglaublich, welche Wucht diese Worte haben. Ich bin jedes Mal wieder tief gerührt. Und immer denke ich: So soll es sein. Das ist Weihnachten. Weihnachten ist Kontakt. Weihnachten ist: angesehen zu werden. Und gehört. Die Moderatorin wundert sich, dass ich das freiwillig mache. Familie? War eben. Und kommt morgen wieder, sage ich. Nein, wir kommen nicht zu kurz. Das hier ist kein Opfer für mich. Sondern ein Herzensanliegen. Heiligabend sind Menschen berührt. Jetzt bitte keinen Kitsch. Jetzt darf alles sein: Trauer und Schmerz, brüllende Wut und großes Elend. Gott will im Dunkel wohnen.

Und wenn jemand anruft, der sich das Leben nehmen will? »Du kannst nicht hinfahren und ihm den Strick durchschneiden«, hatte mir die Leiterin des Seelsorgeseminars in ihrer unnachahmlichen Art gesagt. Und in der Tat: Ich erlebe meine Grenzen. Eine Frau sagt es. Sie will nur noch jemanden finden, der sich um ihre Katzen kümmert. Ich kann keine nehmen. Aber ihr sagen, dass ich sie Gott ans Herz lege. Und eine Kerze für sie anzünde, wenn ich nach Hause komme. Eine dicke und große. Da rollen die Tränen. Und ich bete für sie. Als ich weit nach Mitternacht nach Hause komme, zünde ich die Kerze an. Und fühle mich verbunden.

Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der EKM

Foto: Landeskirche

Foto: Landeskirche

Weihnachtsgrüße aus Anhalt

Die Landeskirche Anhalts thematisiert in ihrem jährlichen Weihnachtsgruß das Thema Flucht. Die Idee für das Motiv stammt von Carsten Damm, Jugendbildungsreferent im Kinder- und Jugendpfarramt. Bildliche Grundlage ist das Gemälde »Die Flucht nach Ägypten« von Rembrandt Harmenszoon van Rijn. Der niederländische Künstler malte es 1625. Das Original hängt im Musée des Beaux Arts in Tours.

Die Frage »Sind Sie Weihnachten auch auf der Flucht?« erinnert vor dem Hintergrund der aktuellen Situation einerseits daran, dass auch die Weihnachtsgeschichte die Geschichte einer Flucht ist. Andererseits spielt der Text auf den adventlichen Alltag hierzulande an, der nicht selten von fluchtartiger Hektik geprägt ist.

Die Karte ist an die anhaltischen Kirchen verteilt worden. Sie kann auch bestellt werden: Evangelische Landeskirche Anhalts, Pressestelle, Friedrichstraße 22/24, 06844 Dessau-Roßlau, Telefon (03 40) 25 26-101 oder E-Mail <presse@kircheanhalt.de>

Vorfreude, schönste Freude

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Philipper 4, Verse 4 und 5

Erwartungsvolle Blicke aus dem Fenster, zur Uhr und wieder aus dem Fenster. Bald müsste er kommen – der Besuch. Es kann nicht mehr lange dauern. Wie wird er jetzt aussehen? Wie wird es sein, wenn sie sich wieder sehen? Nochmal ein Blick auf die Uhr, ein Seufzen. Warten ist unerträglich, die Zeit unendlich.

Und doch setzt das Warten außerordentlich positive Energie frei: Die Wohnung ist blitzsauber, der Kuchen frisch gebacken. Der duftende Kaffee steht schon auf dem Tisch. Die Tür steht offen. Es ist ein Gefühl zwischen Spannung und Bauchkribbeln – so wie in Kindertagen am Heiligen Abend, kurz bevor ein Glöckchen zum Betreten des Weihnachtszimmers einlädt.

Die Freude, von der Paulus spricht, lässt sich für mich in etwa mit diesen Bildern vergleichen. Sie geht aber noch ein ganzes Stück tiefer. Diese Freude kann man nicht befehlen, auch wenn die Worte des Apostels sehr vehement klingen. Ich kann sie nicht erzwingen. Freude passiert einfach, wird geschenkt. Es ist kein Lächeln auf Knopfdruck, sondern eine Freude, die mich im Ganzen einnimmt. Sie bewegt mich im Innersten und bestimmt meine Haltung zum Leben. Dem kann ich mich versperren. Oder ich lasse es zu und vertraue auf sein Versprechen.

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Er hat versprochen, nahe zu sein. Das macht mich froh und gibt mir Mut für den Augenblick. Er hat versprochen wieder zu kommen. Das hilft mir, das Leben und meine Zukunft fröhlich anzunehmen, genau so wie es ist und wie es einmal sein wird. Es liegt in seiner Hand.

Und was ist meine Aufgabe dabei? Ich bereite mich vor und summe das Lied: »Vorfreude, schönste Freude«. Ich halte ihm die Tür auf, damit er Raum in meinem Leben bekommt. Damit aus Vorfreude Freude wird, die tiefer geht und die mich ausfüllt. Mal steht die Tür ganz weit offen, mal wage ich es nur, sie einen Spalt aufzumachen. Aber ich kann mir sicher sein, dass er geduldig wartet – auch vor verschlossener Tür.

Annemarie Sommer, Vikarin in Elxleben an der Gera

Ein Licht kommt in die Nacht

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Grubenlampe, Steigerlied und die heilige Barbara. Im Bergbau finden sich anschauliche Beispiele für das Adventsgeschehen. Der vierte Teil unserer Adventsserie »Ankunft«.

Der Bergbau in Zielitz, im Norden von Magdeburg, hat eine junge Tradition. Seit 1973 wird hier Kalisalz in 1 000 Meter Tiefe gefördert. Weithin sichtbar ist der »Kalimandscharo«, wie die weiße Abraumhalde liebevoll genannt wird. Die Menschen in dieser Region sind dem Kalibergbau in Zielitz eng verbunden. Der Bergbautradition entsprechend erlebe ich den Beginn der Adventszeit nicht nur mit den lichtergeschmückten Straßen und Häusern, sondern auch mit der Barbarafeier zu Ehren der Schutzpatronin der Bergleute in der Wolmirstedter Katharinenkirche, nahe dem Bergbaudorf Zielitz.

Jedes Jahr am 4. Dezember, dem Barbaratag, ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich bestaune die traditionellen Bergmannsuniformen. Ich werde gegrüßt: »Glück auf!« Ich grüße zurück: »Glück auf!«

Foto: Axel Bueckert –fotolia.com

Foto: Axel Bueckert –fotolia.com

Und dann beginnt die Barbarafeier. Die ersten Töne des »Steigerlieds« erklingen. Ich hatte das Lied vor Jahren zuletzt gehört. Wenn SPD-Parteitage oder Heimpiele von Schalke 04 im Fernsehen übertragen wurden. Nun höre ich diese Hymne der Bergleute wieder. In meiner Kirche. Alle erheben sich von den Stühlen. Jeder singt so gut und so kräftig er kann. Ich singe mit: »Glück auf, Glück auf! Der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt, schon angezündt.« Ich bin berührt vom Gesang und denke bei mir: In die Nacht kommt das Licht. Das Grubenlicht der Bergleute. Im Schein dieses Lichts verrichten die Männer bei Tag und bei Nacht ihre auch heute noch oft schwere und immer gefährliche Arbeit. Das Grubenlicht gibt Sicherheit in der Tiefe und nährt die Hoffnung, nach getaner Arbeit das Tageslicht wiederzusehen. Die Symbolik des Lichtes in tiefer Nacht spricht mich an: Leben in der Tiefe, in der Not, in der Verzweiflung. Ich denke an Zeiten, in denen alles finster ist. Kein Ausweg in Sicht und keine Hoffnung. Dann ist nichts nötiger als ein Licht. Ein Licht, das zu mir ins Leben kommt. Und wenn es scheint, ist die Finsternis vorüber. Ein noch so kleines Licht ist dann genug.

Ich erinnere mich an meinen Konfirmationsspruch aus Psalm 119: »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.« Das Wort Gottes – ein Licht. Ein Licht, das Hoffnung gibt und mich ins Leben führt. Hoffnung, Orientierung, Leben – das alles soll ein Wort, ein Licht geben? Wie kann ich das hören und verstehen? Und wie kann ich es anderen sagen. Denen, die vielleicht im Dunkeln sind oder der Finsternis gerade entronnen. Verständlich sagen. Glaubhaft machen. Wie kann ich diese Hoffnung weitergeben? Fragen bleiben offen. Wo finde ich Antworten? Auf meinem Adventskranz brennt die vierte Kerze. Die Zeit des Wartens geht ihrem Ende zu. Diese Zeit hat mich mitgenommen. Sie hat mich eingestimmt auf die Ankunft des Kindes im Stall, auf die Ankunft Gottes, auf die Ankunft des Lichtes. Die Adventszeit erinnert mich an die großartige Hoffnung vom nahen Gott. Gott kommt in die Welt und will auch zu mir und in mein Leben kommen.

Ich finde Antworten auf meine Fragen in deutlichen Zeichen seiner Nähe. In den kurzen Tagen mit den frühen Abenden haben mir die vielen Lichter, die überall leuchten, gut getan. Mehr noch die Kerzen, die wir in den Adventstagen anzünden und deren Licht uns auch innerlich wärmt. Ich sehe auf die Kirschzweige, die wir einer alten Tradition folgend am Barbaratag ins Warme geholt und ins Wasser gestellt haben. An den trockenen Zweigen entdecke ich dicke Knospen, in denen sich noch weiße Blüten bergen. Ich weiß, dass das Frühjahr noch nicht da ist. Aber ich weiß, dass es kommt: Das Frühjahr. Das neue Leben. Das Licht Gottes kommt in diese Welt und in mein Leben.

Uwe Jauch

Der Autor ist Superintendent im Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt.

Das große Geschenk

19. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Ein Kind kommt in die Welt – und es ändert sich alles. Was in diesen Tagen nach Weihnachten klingt, ist eine Erfahrung, die so ziemlich alle machen, wenn sie zum ersten Mal Eltern werden. Nicht auszuschließen, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Verletzlichkeit des Lebens auf diese Weise neu begegnet ist. Zur Geburt des ersten Kindes schrieb der stolze Vater einen Brief an Tochter Max, der freilich mehr ein offener Brief an die Weltöffentlichkeit war. 99 Prozent seines derzeit auf 45 Milliarden Dollar taxierten Vermögens will Zuckerberg weltweit wohltätigen Zwecken zuführen. Gesundheit, Bildung und Internetzugang sollen dabei im Mittelpunkt stehen.

In Deutschland erntete Zuckerberg dafür alles andere als positive Reaktionen. Und es stimmt: Philanthropie kann keine Alternative zum Sozialstaat sein. Wenn sich das Vermögen ihrer Eltern irgendwann nur noch auf 400 Millionen Dollar beläuft, wird die kleine Max trotzdem materiell sorgenfrei aufwachsen.

Deutschland tut sich schwer mit der philanthropischen Tradition der USA – könnte hier aber durchaus etwas lernen. Vorbild ist der Stahl-Tycoon Andrew Carnegie, der in seinem Essay »Das Wohlstands-Evangelium« 1889 schrieb, wer superreich sterbe, sterbe in Schande.

SAP-Mitgründer Hasso Plattner beteiligte sich 2013 als erster deutscher Milliardär bei »The Giving Pledge«, einen Teil seines Vermögens zu stiften. Er blieb bisher allein. »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« So heißt es im Grundgesetz. In Vermögen steckt das Vermögen, etwas zu verändern. Und das bedeutet Verantwortung. Darüber sollten wir auch in Deutschland sprechen.

Markus Springer

Drei Murmeln für den Bischof

14. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Neuwahl: Die einzigen Kinderbischöfe in Mitteldeutschland

Im festlich dekorierten Raum des Pfarramts in Magdala flackert unruhig eine Kerze. Ganz offenbar wollte sie es den anwesenden Kindern, allesamt ehemalige und derzeit amtierende Kinderbischöfe, gleichtun. Altbischof Roland Hoffmann hatte sich angekündigt, in Amtstracht und mit der auffälligen goldenen Amtskette. Das Kreuz glänzte im Lichtschein. »Das ist cool, ein richtiger Bischof«, meinten die Kinder.

Der Bann war rasch gebrochen, denn in gemütlich-aufgeschlossener Runde dankte der Altbischof den Kindern, die mit dem tollen Ehrenamt und den großartigen, vorzeigbaren Ergebnissen besondere Anerkennung verdienen.

Pfarrerin Jeannette Lorenz-Büttner, die seit einem halben Jahr in Magdala aktiv ist, moderierte die Runde und konnte eine wunderbare Brücke von der Geschichte in die Gegenwart schlagen. Gut vorbereitet hatte sie den Kindern Gelegenheit gegeben, Fragen an Roland Hoffmann auf einen Zettel zu schreiben. Es war aber schon so »familiär«, dass die Fragen nur so sprudelten. Wie kam der Bischof zum Glauben und was würde er heute Gott fragen. Was hat ein Bischof zu tun und wie kann der Bischof in den Kirchgemeinden eine Gemeinschaft formen. Bevor der Altbischof zu den ehrenamtlichen Amtsbrüdern und -schwestern redete, durften die Kinder erst einmal über die eigene Arbeit sprechen.

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Sechs Bischöfinnen, zwei Bischöfe und eine Pfarrerin gehörten zur ersten Konferenz der Kinderbischöfe in Magdala. Foto: Hartwig Mähler

Emma und Matthea aus Magdala waren nämlich im Jahre 2014 Kinderbischöfe und berichteten über die Spendensammlung für krebskranke Kinder, wie sie vordem Spendendosen gebastelt und den Verkauf von Popcorn organisiert haben. Lina, gerade 8 Jahre, auch aus Magdala, ist eine der drei amtierenden Kinderbischöfe und ist noch immer stolz, das Band für den neuen Kinderspielplatz der Kirchengemeinde im Pfarrgarten durchschnitten zu haben. Die jungen Würdenträger finden Gehör, werden vom Stadtrat eingeladen und einbezogen in aller Öffentlichkeit.

Die 13-jährige Lara aus Ottstedt war bereits zwei Mal im Amt und plauderte frisch über die gesammelte Spende für Afrika. Arne, schon 14, war wiederholt im »Amt«, hörte aufmerksam zu, was Clara, 8 Jahre, aus der Kinderbischofszeit 2014 zu berichten hatte. Überhaupt zeigten sie alle mit Stolz, wie sie dabei sind, auch den Martinstag gestalteten und weiter sich für die kleinen und großen Sorgen einsetzen wollen – etwa dass in Magdala an einer gefährlichen Stelle eine Begrenzung der Geschwindigkeit gut wäre.

Dann war Altbischof Hoffmann an der Reihe, über sein langes und nicht einfaches Leben zu berichten. Behinderungen beim Studium, keine NVA, als Feind eingestuft und dennoch kein Revoluzzer, wie Hoffmann bekannte. Theologiestudium, Pfarrer, Oberkirchenrat und schließlich 10 Jahre Bischof in Thüringen bis 2001. Jetzt befindet er sich im Unruhezustand, predigt da und dort, hilft, ist bei Kirchenweihen unterwegs und kommt, wenn gewünscht, auch nach Magdala. Er musste auch über seinen Herzinfarkt sprechen und wollte damit sagen, dass im fortwährenden Dienst am Menschen auch an die eigene Gesundheit gedacht werden muss.

Die kurzweilige Lebensdarstellung beeindruckte die Kinder, die schon wieder Fragen hatten – nach der Amtskleidung, dem Hirtenstab, der Lutherweste und eben dem beeindruckenden goldenen Kreuz.

Noch immer flackerte die Kerze auf dem Adventskranz und es wurde Zeit, die Kinderschar mit dem Ehrengast ins rechte Bild zurücken. Die amtierenden Kinderbischöfe kleiden sich rasch an. Umhang und Mitra machen aus den Mädchen kleine Bischöfinnen. Für Lina wird es wohl nicht das letzte Mal sein, denn sie stellt sich wieder der Wahl – eine kleine Lektion in Demokratie.

Getreu der Jahreslosung »Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob« wünschte Roland Hoffmann ein gutes Miteinander und empfahl, einen Baum nach der Wahl zu pflanzen. Die fand dann passend am Nikolaustag in der Ottstedter St. Nikolauskirche statt. Vor jedem Kandidaten stand ein Glas; mittels drei Murmeln konnten die Stimmen verteilt werden. Für ein Jahr haben nun Anna-Paulina Zorn, Clara Boroniec und Lena Zahl den Bischofshut auf. Am 10. Januar werden die neuen Kinderbischöfe im Gottesdienst eingesegnet.

Nicht nur die erste Kinderbischofskonferenz in Magdala ist einmalig, in Deutschland gibt es insgesamt nur drei Kirchengemeinden, die überhaupt Kinderbischöfe wählen. Die Wahl des Kinderbischofs geht auf eine alte Tradition in den mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen sowie Kirchen mit dem Patrozinium des Heiligen Nikolaus zurück. Im 16. Jahrhundert geriet die Tradition mit der Reformation in Vergessenheit, da die Heiligenverehrung in den Hintergrund trat. Die letzten Spuren finden sich 1634 in Jena.

Hartwig Mähler

Advent to go?

14. Dezember 2015 von redaktionguh  
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Brauchtum: Rituale in der Advents- und Weihnachtszeit einst und jetzt

Den Tannenbaum, die Geschenke und Zeit mit der Familie, das verbinden die meisten Menschen mit der Advents- und Weihnachtszeit. Der Kirchgang ist dabei nur halb so wichtig wie die heimische Gemütlichkeit.

Den »echten« Nikolaus, jetzt versandkostenfrei bestellen, empfiehlt ein kirchlicher Anbieter. Und weiter heißt es: »Unser Nikolaus ist der kirchliche Heilige im Bischofsgewand, mit Mitra und Bischofsstab.« Der Schokoladenmann wirbt für die Aktion »Weihnachtsmannfreie Zone« zugunsten des chBlick-50-2015ristlichen Kinderhospizdienstes in Halle – und wird dem Heer der Spaß- und Phantasie-Nikoläuse entgegengestellt. Es ist ein einsamer, zahlenmäßig verlorener Kampf. Den Trend konnte ich als Anwohnerin am Jenaer Weihnachtsmarkt seit 1998 beobachten: Stände mit Advents- und Weihnachtswaren, einst im Zentrum um Tannenbaum und Krippe, sind verdrängt von Glühwein und Partystimmung. Man trifft sich am Bistrotisch, im Hintergrund stimmungsvolle Musik. Traditionell Weihnachtliches findet in der Mitte kaum mehr Platz. Angeheiterte Nikoläuse überall. Und immer wieder die Frage von Studierenden: ob es denn stimme, dass CocaCola den Weihnachtsmann erfunden habe.

Echt, unecht, richtig, falsch – gibt es das, eigene, »urtümliche« Traditionen? Hinter solchen Fragen an die Brauchforschung stecken oft »Schiedsgerichts-Wünsche«: dass es die eine, eindeutig klare, wahre Antwort und damit »das Brauchtum« gäbe: möglichst uralt, germanisch-heidnisch, vorchristlich; die Bilder in den Köpfen und Medien sind nicht zu tilgen. Die Brauchgeschichte liefert jedoch solche Zuschreibungen nicht. Denn Wege und Formen der Bräuche sind komplex und verworren, Brauchschichten und -stränge verschlungen und vermengt, oft überlagert und so dicht miteinander »verbacken«, dass Ursprung und Kern sich von »Beimischungen« kaum mehr trennen lassen. Im Bild ausgedrückt: Bräuche sind stets ein Amalgam, Brauchforschung muss wie bei einer Zwiebel die Häute sanft ablösen.

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Der echte Nikolaus mit Mitra und Bischofsstab kann sich heute nur schwer gegen Phantasie-Weihnachtsmänner durchsetzen. Foto: Vivat

Advents- und Weihnachtsbräuche sind dafür bestes Beispiel. Denn die Frage »regionaltypisch – uralt?« ist rasch beantwortet. Definitiv nicht alt sind die »althergebrachten« Brauchelemente Adventskranz und Adventskalender. Erst im 20. Jahrhundert fanden sie – regional, konfessionell, sozial – allgemeine Verbreitung. In den Blick zu nehmen ist freilich immer die »Weihnachtszeit« – das heißt, nach altkirchlichem Kalender, Martini bis Lichtmeß. Die Zeit bis Weihnachten war stille und lärmende Zeit in einem: festlose Fastenzeit, daher an Martini das Schlachten und Feiern; danach die Zeit der vorweihnachtlichen Enthaltsamkeit (»7 Wochen fasten, kein Sex!« stöhnten meine Studierenden). Laut und wild waren hingegen nächtliche Umzüge, jungen Leuten erlaubt an regional unterschiedlichen Terminen: nach Martini oder am Nikolaustag, mit Knecht Ruprecht als wüstem Begleiter des Heiligen; Teufel, Perchten und Kläuse im Alpenraum erinnern heute noch daran. Kinderbräuche, bis in die DDR-Zeit etwa in Jena bekannt, gab es am Andreastag (30. 11.) oder am Thomastag (21. 12.).

Advent und Weihnacht war seit dem 4. Jahrhundert eine kirchliche Festzeit. Erst seit dem 18. Jahrhundert wandelte es sich zum trauten Familienfest der »stillen deutschen Weihnacht«. Das Bild aus dem Jahre 1843 »Luther mit seiner Familie am Christabend 1536 zu Wittenberg« (Luther mit der Laute, Katharina und die Kinder um den Baum gruppiert, Melanchthon als Gast) ist idyllisch, populär und weitverbreitet – aber nicht stimmig. Christbäume gab es in dieser Zeit nur vereinzelt an den Höfen, beim Adel, langsam erst im Bürgertum. Im Volk und auf dem Lande wird berichtet von Bäumchen als »Weihnachtsmaien«, sie hingen von der Decke in engen Stuben, die in Waldgegenden zugleich Heimarbeiterwerkstatt für die ganze Familie waren. Deren Produkte, Holz- und Glaswaren, Krippen, Engel wurden seit dem 19. Jahrhundert – oft als Hilfe aus der Armut, als Beschäftigungsprogramme begonnen – zur »heimischen Volkskunst«, zum Sinnbild kirchlicher, dörflicher und häuslicher Festzeit, die Glanz und Licht in winterlich dunkle und karge Welten brachte.

Foto: eyetronic – Fotolia.com

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»Adventsbaum«, Adventskranz und Lichterkrone haben eine spannend-verschränkte Geschichte, die erst jüngst zutage kam. Die Papierforscherin Sigrid Nagy fand im Berliner Volkskundemuseum »in Weinblattform gestanzte Papieranhänger«, darauf Bibelsprüche mit Prophezeiungen. Die Spuren führten zu Johann Hinrich Wichern ins Rauhe Haus, wo seit 1838 täglich im Advent an Kronleuchtern, mit Tannengrün geschmückt, eine Kerze entzündet und ein Bibeltext gelesen wurde; später waren es vier große Kerzen für die Adventssonntage. 1846 ist erstmals die Rede von einem »Adventsbaum« im Rettungshaus für Knaben in Duisburg, geleitet von Theodor Fliedner. Diakonissenmutterhäuser, Brüderhäuser der Inneren Mission und ihre Netzwerke verbreiteten den neuen Brauch in Mittel- und Norddeutschland, auch in wechselnden Brauchformen: Adventsbrücken, -kronen und -pforten sind belegt. Krippen, Papier- und hinterleuchtete Transparentkrippen finden sich vor 1900 schon auf evangelischen Altären, ein erster Krippenverein ist 1879 im Erzgebirge belegt. Solch neue Blicke auf Brauchwanderungen und auf »Fund und Erfindung« korrigieren alte Thesen wie »Krippe = katholisch, Adventskranz und Christbaum = evangelisch«. Zwischen den Weltkriegen vermittelten »Kunstdienste« der Landeskirchen in Thüringen, Sachsen und Berlin-Brandenburg Künstlerkrippen an die Gemeinden, schufen neue Orte und Rituale.

Heute kommen Innovationen, auch die Brauch-Neuerungen, aus dem Internet. Adventskalender und Losungen sind abrufbar, global, handlich, mobil der Begleitengel für unterwegs, »Weihnachtsbaum für die Hosentasche«, Adventsleuchter im Futteral, »Minikrippe in der Streichholzschachtel«. Mein neuer Adventsbrauch, ein Geschenk, passt gut zum »SMS-Adventskalender«. Er steckt in einem grünen Blechbüchschen und heißt »Advent to go. Der Adventskranz für unterwegs«. Ähnlich das Geschenk, das mir dieselbe Geberin machte: »Bibelpillen. Himmlische Medizin. Gute-Laune-Pillen, täglich 1 bis 2 zu nehmen«. Es sind 50 grüne runde Bibelspruchblättchen. Man könnte sie gut an den vergessenen Adventsbaum hängen.

Christel Köhle-Hezinger

Die Autorin lehrt Volkskunde an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und war EKM-Synodale.

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