200 Jahre »O du fröhliche«

20. Dezember 2015 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Das wohl bekannteste Weihnachtslied ist auch das kürzeste: Es hat nur drei kleine Strophen mit einem wiederkehrenden Refrain. Die einfache Melodie stammt aus Herders Volksliedersammlung, sie gehört zu dem sizilianischen Fischerlied »O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria!«. In der Erstausgabe der Volkslieder von 1778/79 steht der Text noch nicht. Aber in seiner Zeitschrift »Adrastea« zitierte Herder 1803 in einem Aufsatz über Georg Friedrich Händel und Kirchengesänge »das kleine Lied an die heilige Jungfrau Maria, das ein Reisender von sizilianischen Fischern auf offenem Meer singen hörte. Die Melodie ist äußerst sanft und einfach.« Johannes von Müller nahm den Text aus Herders Nachlass 1807 in die Neuausgabe der Volkslieder unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern« mit 23 weiteren Liedern auf, die Herder in seine Sammelmappe gelegt hatte. Sein Tod am 18. Dezember 1803 hatte ihn gehindert, die erweiterte Neuauflage herauszubringen. Das wollte sein ältester Sohn, der Arzt Gottfried Herder, tun, »vertraut mit des Vaters Gedanken«. Da aber der Hofmedikus, der den Vater behandelt hatte, am 11. Mai 1806 plötzlich starb, übernahm Johannes von Müller die erweiterte Neuausgabe. Bei dem Marienlied setzte er in einer Anmerkung hinzu: »Als schönste Probe italienischer Volkslieder steht hier, statt vieler, das sizilianische Fischerlied mit seiner einfachen sanften Melodie im Original und einer hierzu sangbaren Übersetzung.«

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Die Figurengruppe des Theaterplastikers Rainer Zöllner zeigt den Puppenspieler und Satiriker Johannes Falk im Kreis seiner Zöglinge. Foto: Maik Schuck

Der Schriftsteller Johann Daniel Falk (1768–1826), der seit 1797 in Weimar lebte und oft im Herderhaus war, gab 1825 selber eine Neuausgabe der Volksliedersammlung heraus. Sein einleitendes Vorwort lässt erkennen, wie vertraut er mit Herders Gedanken war.

Den Text zu dem bekannten Weihnachtslied schrieb Falk, als er sich in der Adventszeit 1815 überlegte, wie er mit den vielen Kriegswaisen, die er bei den Handwerkern durch die »Gesellschaft der Freunde in der Not« seit 1813 ausbilden ließ, Weihnachten feiern könnte. Bei dem Aufruf zur Freude nahm der Verehrer Goethes Worte aus dessen Singspiel »Claudine von Villa Bella« (1776) auf, die der Chor mehrfach wiederholt: »Fröhlicher, seliger, herrlicher Tag!« 1816 gehörte das »Dreifeiertagslied« zu den Pflichtliedern, welche die Besucher der Sonntagsschule, die Falk mit dem Stiftsprediger Horn und jungen Pädagogen aus Herders Lehrerseminar hielt, auswendig können mussten. Bei den »Singakademien«, die Falk als Werbekonzerte für sein Jugendhilfswerk durchführte, wurde der erste Vers des Liedes gesungen, wenn die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium vorgetragen war: »Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich, o Christenheit!«

Nach der Rezitierung der Auferstehungsgeschichte wurde in der 2. Strophe die fröhliche, gnadenbringende Osterzeit gepriesen: »Welt lag in Banden, Christ ist erstanden!« Und nach dem Vortrag der Pfingstgeschichte wurde die Freude über Gottes Tat besungen: »Christ, unser Meister, heiligt die Geister!« Die bei uns gesungenen 2. und 3. Verse stammen von Falks Schüler Heinrich Holzschuher, der 1829 nach Falks Weimarer Vorbild in Bayreuth ein Waisenhaus mit Ausbildung für die Jugendlichen einrichtete.

Das Beispiel Falks nahm in Hamburg Johann Hinrich Wichern auf, als er 1833 das »Rauhe Haus« einrichtete: Die dort ausgebildeten Diakone verbreiten auch Falks Lied von der fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit an allen Orten, wo sie wirkten. Falk beherzigte in seinem »Lutherhof« durch sein sozialpädagogisches Werk, was Herder in seiner Schrift »Vom Geist des Christentums« 1798 gefordert hatte: Des Teils der Menschheit muss man sich annehmen, dessen sich niemand annimmt: das Verwahrloste zurechtbringen, das Irrende aufsuchen, das Kranke heilen.«

Herbert von Hintzenstern

(Aus: »Palmbaum«, 1994, Seite 71–73)

Urfassung des »Allerdreifeiertagsliedes«
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:
Freue, freue dich, Christenheit!
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Pfingstenzeit!
Christ, unser Meister, heiligt die Geister:
Freue, freue dich, Christenheit!

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