»Bei uns ist alles Gottes-Dienst«

31. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Gemeindeporträt: Im Kirchenkreis Halle-Saalkreis liegt der Anteil der evangelischen Christen nur bei zehn Prozent


Die Silberhöhe gilt als Problembezirk von Halle. Eine junge Pfarrerin versucht mit viel Engagement und Leidenschaft, die Türen zur Kirchengemeinde weit zu öffnen.

»Kommen Sie zu uns in die Bronx!«, sagt Ulrike Treu mit freundlich-jugendlicher Stimme am Telefon und lacht. Dabei meint sie es ernst. Die Bronx, dieser berühmt-berüchtigte Stadtbezirk von New York, den gibt es auch in Halle an der Saale. Hier liegt ganz im Süden, zwischen alten Dörfern, der Saaleaue und dem Chemiewerk Schkopau, die Silberhöhe. Ein Plattenbaugebiet, gebaut für die Arbeiter der Stadt. Heute wohnen hier die, die man sozial benachteiligt nennt. Menschen am Existenzminimum, Asylbewerber, Arbeitslose, Menschen mit Drogen- und Alkoholproblemen, Obdachlose, extrem junge Mütter. Auch die rechtsextreme »Brigade Halle« bekennt sich zur Silberhöhe.

Halle-Silberhöhe: Hier ist die Armut groß und die Sehnsucht auch, doch die praktizierte Religiosität ist klein. Entkirchlicht sei der Stadtteil, sagt selbst die Pfarrerin. – Foto: Katja Schmidtke

Halle-Silberhöhe: Hier ist die Armut groß und die Sehnsucht auch, doch die praktizierte Religiosität ist klein. Entkirchlicht sei der Stadtteil, sagt selbst die Pfarrerin. – Foto: Katja Schmidtke

Ulrike Treu – hinter der freundlich-jugendlichen Stimme am Telefon verbirgt sich eine 30-Jährige mit modischer Brille, lässigem Pullover, im Zopf gebändigten Locken – ist hier Pfarrerin. In Halle sind die Christen in einer Minderheit. Der Kirchenkreis Halle-Saalkreis zählt in seinen Grenzen 30 762 Gläubige, das entspricht zehn Prozent der Einwohner. In der Silberhöhe dürfte der Anteil wesentlich niedriger sein. Ulrike Treu jedenfalls betreut fünf Kirchtürme und 1 200 Kirchenglieder – so wie es die EKM vorsieht für ein Kirchspiel. Jedoch erstreckt sich Treus Gebiet über den gesamten südlichen Rand von Halle, von der Silberhöhe über Beesen und Radewell bis nach Ammendorf. »Eine entkirchlichte Region«, sagt selbst die Pfarrerin. Ist die Silberhöhe von Gott verlassen; gottlos gar? Ulrike Treu schaut jetzt ernst. »Nein, auf keinen Fall. Sicher ist die gelebte Religiosität nicht groß, aber es existieren so viele Sehnsüchte und Wünsche. Die Biografien, die schreien nach Liebe, nach Zuspruch, nach Gott. Ich höre das ganz laut. Und Jesus? Das gebrochene Leben, das Kreuz, das viele mit sich herumtragen – das ist ihm nicht fremd.« Auch Halles Superintendent verneint energisch. »Es gibt keine von Gott verlassenen Orte. Es sind die Menschen, die vergessen haben, dass Gott da ist«, meint Hans-Jürgen Kant. Und so ist die Kirche in Halle nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch der Kultur und des Sozialen, beispielsweise mit der Nacht der Kirchen, dem Medienkunstpreis, der Flüchtlingshilfe.

Natürlich ist Kirche in der Silberhöhe anders als in den zentrumsnahen Gemeinden wie Markt oder Paulus mit ihren bildungsbürgerlichen Milieus. Montagsgespräche, Jazz- und Literaturgottesdienste geben eine starke kirchenmusikalische Prägung. Sechs Kilometer weiter im Süden muss Kirche ihre Türen weit öffnen, ihre Schwellen senken. Ulrike Treu, die seit Mai 2015 in der Silberhöhe ist, hat sich überall vorgestellt. In Jugendclubs, bei Initiativen, Netzwerken und Allianzen, sogar bei Bestattern und der Freiwilligen Feuerwehr ist sie gewesen. »Viele kennen unser Potenzial gar nicht«, lautet ihr Fazit. Auf die neugierige Frage, was die Christen denn so tun außer Gottesdienst zu feiern, entgegnete die junge Frau: »Bei uns ist alles Gottes-Dienst.«

In diesem Sinne versteht sie auch das Jugendprojekt, das am 18. Februar starten und das wöchentlich Flüchtlinge und Deutsche bei Theater und Ju-Jutsu zusammenbringen soll. Was hat das mit Kirche zu tun? Für Ulrike Treu ist es gelebtes Evangelium. Und sie freut sich, dass ihre Idee einer offenen Kirche Früchte trägt. Das Jugendprojekt zum Beispiel haben Menschen aus der Silberhöhe initiiert. Auch ein Gesprächskreis zu Martin Luther bahnt sich an; zwölf Interessenten fanden sich zu einem Glaubenskurs zusammen und im Sommer wollen Gemeinde und Feuerwehr gemeinsam ein Fest ausrichten. Und immer wieder stehen Menschen vor Ulrike Treus Tür, die reden wollen oder Rat brauchen. Die wenigsten sind Gemeindeglieder, doch gerade unter ihnen hat sich herumgesprochen, dass im Gemeindezentrum eine Frau lebt, die zuhören kann. Das offene Tor zum Kirchhof ist im Wortsinne ein Türöffner; wenn Ulrike Treu dann noch mit Zigarette in der Hand vor der Türe steht, ist meist das Eis gebrochen. Und so kommt man ins Gespräch, über das Leben, über Gott.

Ulrike Treu betrübt es nicht, wenn sie an die Zukunft ihrer Kirche denkt. In den neun Monaten hier hat sie getauft, konfirmiert, getraut, beerdigt. »Die Botschaft des Evangeliums ist aktuell, aber sie braucht unsere Kraft und Gestaltungsfreude. Wenn wir dies verantwortlich kommunizieren, mache ich mir keine Sorgen über die Zukunft der Kirche«, sagt sie selbstbewusst.

Was gehört zu dieser Verantwortung, Frau Treu? Verständlich sein in Inhalt und Sprache, die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit stärken, jungen Menschen ein größeres Mitspracherecht einräumen, vom Gemeindekirchenrat bis zur Synode. Die junge Pfarrerin will dazu ihren Beitrag leisten.

Katja Schmidtke

Die Satzzeichen des Glaubens

30. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.

Hebräer 3, Vers 15

Das reformatorische »sola scriptura« (lat.: »allein durch die Schrift«) beschreibt die Bibel als norma normans (ultimativer Standard). Für evangelische Christen gibt es daher keine höhere Autorität in Glaubensfragen als die Schrift selbst. Sie dient uns zur Erziehung in Gerechtigkeit und stiftet uns zu guten Werken an. Kein kirchliches Lehramt kann oder soll über die Interpretation der Schrift bestimmen, sondern sie will intensiv gelesen und studiert werden. In dieser immer wieder neuen Suche nach Verständnis und Antworten für die aktuelle Situation und Zeit legt sich die Bibel selber aus. Darin wird sie zum Gradmesser und Rahmen für alle weiteren Glaubenssätze und Bestimmungen unserer Lehre.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Diese Entwicklung und Vorrangstellung hat der Heiligen Schrift in unserer Kirche große Bedeutung gegeben und ihr Texte der Tradition eindeutig untergeordnet. Nicht selten ist dadurch gerade bei evangelischen Christen der Eindruck entstanden, dass Gottes Offenbarungen mit der Kanonisierung der Schrift abgeschlossen seien.

In anderen Kirchen, wie etwa bei unseren orthodoxen Schwestern und Brüdern hat die Tradition einen höheren Stellenwert. Die Geschichte Gottes mit seiner Kirche wird weitererzählt und tritt neben die Heilige Schrift als lebendiges und aktuelles Zeugnis von Gottes Wirken in der Welt.

Obwohl das reformatorische »sola scriptura« ganz sicher nicht bestreiten wollte, dass Gottes Wort und Wahrheit sich auch an anderer Stelle und immer wieder neu Bahn bricht, hilft mir der Wochenspruch aus dem Hebräerbrief dabei, Gottes lebendiges Wort wieder neu entdecken zu wollen. Vielleicht begegnet mir Gott heute in der Warnung eines Freundes oder der Frage eines Passanten. »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet« sagt mir, dass Gott reden wird. Von unserer amerikanischen Partnerkirche, der United Church of Christ, hören wir immer wieder: Setze nie einen Punkt, wo Gott nur ein Komma gesetzt hat, denn Gott redet noch immer – auch zu dir!

Thomas Vesterling

Unter einem Dach

30. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Die junge mit­teldeutsche Kirche ist unterschiedlich geprägt. Davon liefert diese Ausgabe unserer Kirchenzeitung ein anschauliches Bild. Während sich die Synode des Kirchenkreises Salzwedel im hohen Norden unserer Landeskirche Sorgen macht, dass es irgendwann weiße Flecken auf der kirchlichen Landkarte geben könnte, scheint offenbar im Süden die Sonne. Im Kirchenkreis Sonneberg fühlen sich viele Menschen nicht nur ihrer Heimat, sondern auch der Kirche verbunden. Kirmesfeiern gehören hier selbstverständlich dazu und auch sonst werden Traditionen hochgehalten. Im Norden hingegen erörtern Arbeitsgruppen, wie es mit ihrer Kirche weitergehen soll.

Das Schönste wäre natürlich, wenn die unterschiedlich geprägten Regionen und Kirchenkreise sich ihrer Verbundenheit in einer Kirche bewusst werden. Aufeinander hören, miteinander diskutieren und gemeinsam nach neuen Chancen Ausschau halten. Diesbezüglich ist in der mitteldeutschen Kirche einiges in Bewegung. Zum Beispiel die »Erprobungsräume«, die die Landeskirche gewährt, um neue Formen des Gemeindelebens und der Frömmigkeit zu finden. Es ist gut, Neues auszuprobieren, eingefahrene Gleise zu verlassen und den Horizont zu weiten. Zugleich kann es nicht falsch sein, Bewährtes beizubehalten, Kontinuität zu wahren. Manchmal ist es nötig, zu neuen Ufern aufzubrechen, dann wieder an der Zeit, sich niederzulassen und zu verweilen. Die unterschiedlich geprägten Kirchenkreise im Norden und Süden unserer Landeskirche scheinen je für das eine wie für das andere Modell Pate zu stehen. Bei aller Verschiedenheit wird es darauf ankommen, im Blick zu behalten, dass wir gemeinsam in einer Kirche leben. Denn der Himmel geht über allen auf!

Sabine Kuschel

Gemeinsam im Gespräch mit Gott

28. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Erfahrungen mit der Aktion »Anhalt betet«, die vor anderthalb Jahren offiziell begann

Im November 2013 beschloss die Landessynode die Aktion »Anhalt betet«. Damit sollten Menschen in der gesamten Landeskirche eingeladen werden, das Gebet als »gemeinsames Gespräch mit Gott« neu zu entdecken. Die Landeskirche gab ein Faltblatt mit einem knappen liturgischen Ablauf heraus und eröffnete die Aktion offiziell im Juli 2014 in der Marienkirche in Harzgerode. Dort trifft sich bis heute an jedem Donnerstag um 10.30 Uhr eine Gruppe zum Gebet. Anderthalb Jahre nach der offiziellen Eröffnung lässt sich ein gemischtes Fazit zu »Anhalt betet« ziehen. Von gar nicht über zeitweilige Angebote bis zu regelmäßigen Treffen ist in den fünf Kirchenkreisen alles drin.

Im Kirchenkreis Zerbst zum Beispiel gibt es nach Angaben von Kreisoberpfarrer Jürgen Tobies zurzeit keine Gruppe »Anhalt betet«. Aber es gab sie zeitweilig in zwei Dorfgemeinden, für die Pfarrer Thomas Meyer zuständig ist. »Ich habe in der Passionszeit 2015 zum Gebet nach der Vorlage eingeladen und es kamen einige Teilnehmer«, berichtet er. »Aber als sie sich kritisch äußerten wie ›nicht schlecht, aber immer dasselbe‹, da bin ich nicht dran geblieben und habe gesagt, dass wir mit Änderungen weitermachen könnten.«

In der Dessauer Johanniskirche gibt es andere Erfahrungen. »Zum Beginn der Aktion haben wir einige Andachten im Gemeindekirchenrat, auf Rüstzeiten oder bei Mitarbeitertreffen mit dem Heft gefeiert«, sagt Pfarrerin Geertje Perlberg. »In unserer Kirche, die von Ostern bis zum Reformationstag verlässlich geöffnet ist, haben wir das Heft an unserem Ort der Stille (mit Kreuz, Kerzen, Bibel, Meditationsbild) ausgelegt, wo Menschen im Tageslauf kommen, sich besinnen, beten. Immer wieder nehmen Einzelne das Heft zur Hand.« Die Kirche wird über den Sommer oft von Gruppen besucht, die zu Themen wie Lucas Cranach, Reformation, friedliche Revolution unterwegs sind. Kirchliche Gruppen wünschen sich oft eine Andacht oder möchten diese selber halten. Als schnell griffbereites Material würde oft die Vorlage ›Anhalt betet‹ genutzt. »Sie ist eine gute Begleitung, weil lediglich Lieder ausgesucht und vielleicht ein geistlicher Impuls selbst entworfen werden müssen«, so die Pfarrerin. Ein regelmäßiges Gebet nach der Vorlage gebe es allerdings nicht.

Der Dessauer Posaunenchor hat etwa neun Monate seine wöchentliche Übungsstunde in der Auferstehungsgemeinde mit einer Andacht nach der Vorlage »Anhalt betet« beendet. Inzwischen ist das nicht mehr so. »Wir hatten die Andacht auf 20 Uhr festgelegt und für Gemeindemitglieder geöffnet. Leider wurde das kaum angenommen«, sagt Chorleiter Andreas Köhn. So sind die Bläser wieder dazu übergegangen, die Andacht variabel am Ende der Probe zu halten.

Es ist aber nicht so, dass in Anhalt außerhalb der Gottesdienste das gemeinsame Gespräch mit Gott nicht gesucht würde. Ganz im Gegenteil. In Badeborn geschieht das zum Beispiel beim Gebet für den Kirchenkreis Ballenstedt, das unter der Leitung von Pfarrerin Angela Heimann Trosien einmal im Monat gehalten wird: individuell und bei Bedarf zwei Stunden und mehr. »Wir nehmen alle Anliegen in das Gebet auf. Das kann für die Jugendarbeit sein oder auch für einen schwer kranken Menschen«, so die Pfarrerin.

In der Kanzler von Pfau’schen Stiftung in Bernburg gehört das Gebet zum Stiftungsalltag – und zwar in Form der Mitarbeiterandacht am Morgen eines jeden Werktags. Manchmal kommen Bewohner der Stiftung dazu. Die Vorlage »Anhalt betet« wird hier nicht verwendet, weil die Stiftung mit Eingangsformel, Psalm, Losung, Lehrtext und Auslegung, Gebet und einem Lied ihre eigene Form besitzt. »Aber die Vorlage kann dort helfen, wo noch nicht regelmäßig gebetet wird, eine Struktur zu finden und das Ganze zu verstetigen«, sagt Stiftungsdirektor und Präses der Landessynode, Andreas Schindler.

An der Köthener Jakobskirche gibt es seit zwei Jahren am letzten Sonntag im Monat um 19 Uhr das Gebet zum Monatsabschluss. Manchmal gestalten es die Pfarrer, manchmal Ehrenamtliche, die sich an der Vorlage »Anhalt betet« orientieren und diese auch variieren. »Wir in Köthen haben unsere Form schon vorher gefunden«, sagt Pfarrer Wolfram Hädicke, der dem Ausschuss für Gemeindeaufbau der Landessynode angehört und die Vorlage ausdrücklich für die Kirchengemeinden empfohlen hat, in denen das geistliche Leben schwach geworden ist. »Diese kleine Form der Andacht eignet sich gut für Ehrenamtliche«, findet er, »aber es muss auch von ihnen ausgehen, dran zu bleiben.«

Angela Stoye

Anliegen für jeden Tag

27. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Ein spezieller Kalender der EKM soll Gebet als Kernelement des Glaubens stärken

Es sind ganz konkrete Anliegen wie dieses, die in den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland aufgenommen wurden: »Das Neulandhaus als Kinder- und Jugendbildungsstätte der EKM im Freistaat Thüringen wird saniert und erweitert, so dass künftig auch mehrere Gruppen dort gleichzeitig tagen können. Das Haus soll Kindern und Jugendlichen Bildungs- und Begegnungsmöglichkeiten und als kirchliches Haus Berührungen mit dem christlichen Glauben ermöglichen.«

Um das Gebet als Kernelement des christlichen Glaubens stärker ins Bewusstsein zu bringen, hat die EKM diesen Gebetskalender ins Leben gerufen. Anhand des Kalenders, der im Internet auf der Homepage der EKM abrufbar ist, werden täglich Gebetsanliegen der unterschiedlichen Kirchenkreise, Gemeinschaften und Kommunitäten zum Mitbeten veröffentlicht.

Landesbischöfin: Gebet verbindet uns
Landesbischöfin Ilse Junkermann ist die Einrichtung und Erprobung dieses Kalenders ein besonderes Anliegen. Das Gebet hat für sie seit jeher eine wichtige, ermutigende und stärkende Bedeutung – besonders aber seit ihrer schweren Erkrankung im vergangenen Jahr. »Das Gebet verbindet uns miteinander. Nur so sind wir Kirche: dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt, uns seine Hilfe zusagt und wir uns an ihn wenden können. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten können, festigt das unsere Gemeinschaft«, so die Landesbischöfin.

Vorbild ist die englische Partnerkirche
So sieht es auch Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof des Sprengels Stendal-Magdeburg, auf den die Initiative dieses Gebetskalenders zurückgeht. »Die EKM ist eine relativ junge Landeskirche. Im Propstsprengel Eisenach-Erfurt weiß man wenig über die Altmark und umgekehrt. Mit dem Gebetskalender, der uns die Anliegen unserer Brüder und Schwestern vor Augen führt, können wir einander im Gebet wahrnehmen und mittragen. Es ist ganz einfach eine schöne Verbindung, wenn zur gleichen Zeit viele für ein Anliegen beten«, erklärt Propst Hackbeil.

Auf seine Initiative geht der Gebetskalender zurück, Propst Christoph Hackbeil: »Im Gebet können wir einander mittragen.« – Foto: Diana Steinbauer

Auf seine Initiative geht der Gebetskalender zurück, Propst Christoph Hackbeil: »Im Gebet können wir einander mittragen.« – Foto: Diana Steinbauer

Die Idee zum Gebetskalender entstand durch die Partnerschaft der EKM mit der Church of England in Worcester. Dort existiert seit langem ein »Prayer-Diary«, das für jeden Tag eine Fürbitte für verschiedene Anliegen der Kirche und ihrer Mitglieder vorsieht.

Hierzulande wurden Gebetsanliegen aus den verschiedenen Kirchenkreisen gesammelt. Drei bis fünf Anliegen sind pro Woche in den Gebetskalender aufgenommen worden. Wer ein Anliegen hat, das in den Gebetskalender aufgenommen werden soll, der kann sich an das Büro des Regionalbischofs oder das der Landesbischöfin wenden.

»In der Vorbereitung dieses Gebetskalenders habe ich erleben können, wie viele verschiedene Gebetsformen und -gruppen es in unserer Landeskirche gibt. Es gibt in Magdeburg ein Mittagsgebete für Touristen, Taizégebete in Wernigerode, Diakonissen in El­bingerode beten mit, um nur einige zu nennen. Es ist einfach bereichernd, das zu erleben«, erklärt Propst Hackbeil. Er wünscht sich, dass sich noch viele Beter zu erkennen geben, ihre Anliegen vorbringen, mitbeten für sich und andere und auch ihre kritische Meinung zum Gebetskalender äußern. »Beten«, so Propst Hackbeil, »ist ein stiller Dienst. Er ist gewollt und für die Kirche wichtig! Mit dem Gebetskalender wollen wir unsere christliche Gebetskultur bewusst machen.«

Gebet gehört zur Kernaufgabe
Das kann, wie auch der Gebetskalender zeigt, auf verschiedene Weise geschehen. Auch Hackbeil selbst betet nicht immer auf die gleiche Art und Weise. »Das Gebet ist für mich Ausdruck der persönlichen Beziehung zu Gott. Und so, wie sich die Beziehung zu Menschen auch verändert oder man verschiedene Themen mit Menschen verschieden bespricht, so ist es auch mit Gott«, erklärt der Theologe Hackbeil. Er hat sich angewöhnt, beim Mittagsgeläut sein Büro am Dom von Stendal zu verlassen und ins Gotteshaus zu gehen. »Dort setze ich mich nieder. Manchmal bete ich ein Gebet, manchmal bin ich ganz still, manchmal auch ganz leer.«

Die Kirche, so Hackbeil, lebe davon, von Gott zu empfangen. »Wir sind eine betende Kirche. Eine geistlig arme Kirche, die sich reich beschenkt fühlt. Gerade auch im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 ist es für uns wichtig, nach dem Kern unserer Kirche zu fragen. Und das ist untrennbar mit dem Gebet verbunden«, sagt Propst Hackbeil. »Wir müssen uns für viele Aufgaben und Herausforderungen bereit machen, aber die Kirche ist nicht in erster Linie eine Organisation, sondern Leib Christi und dessen Glieder sind alle verbunden im Gebet.«

Diana Steinbauer

www.gebetskalender-ekm.de

Entspannung in der Mittagszeit

26. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Reportage: In Volkenroda im Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen bestimmen Gebete den Arbeitstag


Im Kloster Volkenroda werden täglich drei Gebetszeiten angeboten. Sie bieten die Möglichkeit der Einkehr und der Begegnungen mitten im Alltag.

Tatsächlich! Um 11.55 Uhr geht sie los, die Glocke der alten Klosterkirche von Volkenroda. Die Anziehungskraft ihrer Töne ist erstaunlich. Aus allen Richtungen, Winkeln und Ecken strömen schnellen oder etwas langsameren Schrittes junge und alte Menschen in Jacken und Mänteln, Mützen und Schals heran. Die Gebetszeit ist eine von dreien täglich und gehört zum Alltag in dem wiederaufgebauten ehemaligen Zisterzienserkloster. Wo sonst könnte es sein, dass Menschen ihre Schubkarre oder den Schreibtisch stehen lassen, Telefonate oder Gespräche abrupt beenden, die Jacke überstreifen und sich allein oder in Grüppchen auf den Weg machen. Fünf Minuten später haben sich 30 Menschen im Kirchenraum versammelt und auf den Holzstühlen Platz genommen. In der Hand ein gelbes Blättchen mit dem Ablauf des 15-minütigen Innehaltens. »Es ist aufgeteilt: Einer betet und der andere singt«, sagt Klosterpfarrer Albrecht Schödl. Er ist einer der regelmäßigen »Vorbeter«, wie er sagt. Dafür gibt es einen Zeitplan. Dort steht sehr oft Klosterbruder Markus drauf, der bei fast allen Gebetszeiten dabei ist und diese schon über viele Jahre auch gestaltet.

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

In der Klosterkirche kann täglich zu festen Zeiten gebetet werden. – Foto: Claudia Götze

»Wer kann, kommt zur Gebetszeit am Mittag«, erklärt Schödl. Auch Ulrike Köhler, die seit dem Wiederaufbau des Klosters hier lebt und mitgestaltet, kommt so oft sie kann. »Da wird viel gesungen. Das gefällt mir«, sagt Ulrike Köhler.

Regelmäßige Gebetszeiten gibt es hier seit 20 Jahren. Die Selbitzer Brüder, die zuerst das fast vergessene und zerstörte Kloster belebten, haben damit 1995 angefangen. »An einem Ostermontag«, sagt Köhler. Ab 1997 kamen Sonntagsgottesdienste hinzu. Vorher gab es nur Abendgebete, da haben die Dorfkinder die Bälle fallen gelassen und sind von der Schaukel gesprungen. Hausarbeit wurde aus der Hand gelegt und Telefonate abgebrochen. Aus Häusern, vom Spielplatz, aus dem Büro oder von der Baustelle. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad kamen Kindern und Erwachsene. Bruder Michael spielte auf der Gitarre und las eine Geschichte aus der Bibel vor. Er verband diese Erzählungen mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen mit Gott. Ulrike Köhler blickt gern auf die spannenden 90er Jahre zurück. 20 Kinder waren dabei, ab und zu auch deren Eltern. Das ging über Wochen und Monate. Die Dorfkinder sangen die Lieder aus der Kirche auch zu Hause. Deren Eltern wunderten sich über die fremden Melodien. Einzelne Eltern kamen und blieben an der Tür stehen. Entweder sie beobachten nur oder ließen sich mit in den Kreis hineinnehmen.

Der spätere Gebetsrhythmus hat sich am einstigen Mutterkloster im hessischen Gnadenthal orientiert. Also 7.30, 12 und 18 Uhr. Eine vierte Gebetszeit um 21.30 Uhr gab und gibt es nur selten. »Wenn besondere Gäste da sind«, verrät Ulrike Köhler. Das Abendgebet sei wie »Ausruhen. So als Abschluss noch einmal beten und den Tag abgeben«.

Das Morgengebet vereint um 7.30 Uhr viele aus der Klostergemeinschaft, die vor dem Arbeitsbeginn auf Gott treffen wollen. Im Kloster haben die Gebetszeiten natürlich auch etwas mit einem organisierten Miteinander von Beten und Arbeiten zu tun. »Wir sind ein aktives und kein kontemplatives Kloster«, erklärt Ulrike Köhler. Bei den zölibatär lebenden Kommunitätsmitgliedern ist Beten zentraler Bestandteil des gemeinsamen Lebens.

Gebetszeiten haben ihren Platz im Klosteralltag. »Jeder, der ins Kloster auf Zeit kommt, fragt nach den Gebetszeiten«, schildert Ulrike Köhler die gute Resonanz. »Wer verhindert ist, weiß, dass wir für ihn mit beten«, sagt sie. Die »Kloster auf Zeit«-Leute nehmen das Angebot sehr gern an. Christian aus Kassel (42) hat sogar die Glockenschläge gezählt. »200« sagte der gebürtige Thüringer, der im Kloster eine Lebenskrise bewältigen will. »Spätestens nach einer Woche will man das nicht mehr verpassen«, ergänzt der Familienvater. »Arbeiten und Beten hilft«, sagt er. »Du hast was in der Hand, und du tust was für den Geist.« Im Falle von Christian bedeutet das, dass er in der Landwirtschaft hilft und gleichzeitig am geistigen Klosterleben teilnehmen kann. Es sei auch nicht schlimm, wenn man zu spät kommt. »Dafür gibt es eine Hintertür, die nicht so laut ist«, weiß Dominik Pfeiffer (19), der hier ein Freiwilliges soziales Jahr absolviert. »Manchmal höre ich die Glocken nicht«, sagt der Freiburger. »Dann gibt es auch wieder Tage, wo ich öfter auf die Uhr schaue und dann pünktlich hinübergehe.« Von seinem Schreibtisch hat er die Klosterkirche gut im Blick – die Glockenschläge sind laut genug. »Das ist für Entspannung in der Mittagszeit«. Die anderen Gebetszeiten nutze er kaum. »Nur ab und zu gestalten wir Freiwilligen am Donnerstagabend die Gebetszeit mit.«

Da ist dann auch Damaris Bauer aus dem Erzgebirge dabei. Die 18-Jährige, die wie Dominik ein Freiwilligenjahr absolviert, liebt die Gebetszeiten am Mittag. »Das ist eine schöne Auszeit. Das ist Zeit für Gott. Die ist eingeplant«, sagt sie. »Man lässt alles stehen und liegen.« Bei der eher »kleinen Andacht« sehe sie auch die anderen Mitarbeiter und die Gäste auf Zeit. Frühmorgens sei mehr der »innere Kreis« versammelt. Manchmal auch fremde Gesichter. »Jeder, der sich bei uns im Kloster hier aufhält, ist auch zu den Gebetszeiten willkommen«, erklärt Schödl.

»Wenn der Stress mal besonders groß ist, will man am liebsten gleich in der Kirche sitzen bleiben«, verrät die junge Christin Damaris. Doch direkt nach dem Gebet geht es ins neue Refektorium an den Mittagstisch. Das ist auch für den Angestellten Karl-Josef Montag seit vier Jahren die meiste Zeit so. Der Wendehäuser ist auch schon morgens dabei. »Ich finde gut, dass der Tag so losgeht.« Meist erlebt er diesen Tagesauftakt an der Orgel sitzend und begleitet den morgendlichen Abendmahlsgottesdienst musikalisch. »Erst danach beginnt die Arbeitszeit«, betont Montag. Mittags hat er um 11.45 Uhr nichts mehr im Terminplan stehen. Die Gebetszeit soll keine »Belastung sondern Bereicherung« sein. Gemeinsame Pausenzeiten seien auch gut für den Arbeitsalltag. Schon auf dem Fußweg von der Kirche zum Refektorium ließe sich manches klären und eventuell beim Mittagessen und danach vertiefen.

Auch Bruder Helmut Roßkopf ist, so oft er kann, bei den Gebetszeiten dabei.Für den Geschäftsführer einer Firma im nahen Obermehler klappt das zumindest jeden Morgen. »Dann breche ich auf in meine Firma«, sagt der Klosterbruder. Bei den anderen Gebetszeiten ist Bruder Helmut nur selten zugegen.

»Ich bin immer da«, sagt der Heidelberger Theologiestudent Paul Geck. Dass man den Alltag bewusst unterbricht, um in geprägter Form zu beten«, sei das Anliegen. Albrecht Schödl spricht sogar von einem »heilsamen Rhythmus«. Dieser sei im Alltag außerhalb des Klosters kaum durchführbar. »Das gehört aber hierhin«, meint Geck. Der 24-Jährige ist seit November 2015 als Praktikant im Kloster und regelmäßig bei den Gebetszeiten dabei. »Mir ist die Konzentration auf die Fürbitten wichtig«, sagt Geck. Man könne nicht nur bei sich selbst verweilen, sondern muss den Blick auf die Welt und die Einheit der Christen richten. »Das werde ich von hier als Pfarrer mitnehmen.«

Hier im Kloster geht man rücksichtsvoller miteinander um. »Jemand, dem ich am Morgen in der Andacht Frieden gewünscht habe, dem begegne ich viel respektvoller als woanders«, nennt Karl-Josef Montag einen weiteren Effekt.

»Ich fange jeden Tag anders an«, sagt auch Christian, der sich für das »Kloster auf Zeit« entschieden hat. Bei ihm haben die Gebetszeiten schon jetzt Spürbares bewirkt. »Früher habe ich keine Pausen mehr gemacht, einfach immer weiter gearbeitet.« Für die Gebetszeiten werde die Arbeit beiseite gelegt. »Mach die Pause, sortier die Gedanken und konzentrier dich auf Jesus – ein schönes Gefühl«, hat der »Landwirt auf Zeit« dazu gelernt. Auch Damaris weiß, dass sie nach der Rückkehr ins Erzgebirge die Gebetszeiten wieder in den Alltag einplanen muss. »Hier sind sie einfach schon da.«

»Gebetszeiten sind auch für Neulinge einfach«, weiß Albrecht Schödl. »Man versammelt sich und schaut, was die anderen machen.« Für viele sei das eine ganz andere Begegnung mit Gott. Wer die Zeiten verpasst, kann jederzeit eine Kerze in der Gebetsecke der Klosterkirche anzünden und dort beten.

Claudia Götze

Beten kann man lernen

25. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Glaubenspraxis: Das Gebet ist Bestandteil vieler Religionen und die schnellste »drahtlose« Verbindung zu Gott


Einer Umfrage zufolge betet jeder sechste Bundesbürger regelmäßig. 31 Prozent beten gelegentlich und sechs Prozent tun es immerhin noch im Notfall.

Die Frage hat mich irritiert: »Musst du da immer beten?« Wir waren umgezogen. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich die Tochter des Pfarrers bin. Die Frage stand für mich nicht. Das war bei uns einfach so, Normalität. Vor dem Essen haben wir dem Herrgott gedankt und abends im Bett gebetet und ein Lied gesungen. Das mussten wir nicht. Es war selbstverständliches Ritual, das unsere Eltern mit uns lebten. Ich habe es beibehalten. Manchmal ist mir vorgeworfen worden, es sei doch nur Gewohnheit. Es ist aber eine gute Gewohnheit. Andere Rituale des Alltags stellen wir ja auch nicht infrage. Oder möchte jemand allen Ernstes täglich neu überlegen, wie er das jetzt macht morgens mit dem Aufstehen, Zähneputzen, Kaffeekochen? Es geht seinen Gang.

Heute bete ich öfter und anders. Aber die Gebetsrituale waren der Einstieg dazu, dass es eine Selbstverständlichkeit wurde. Von Jesus wissen wir, dass er sich immer wieder zurückzog, um mit Gott im Gespräch zu sein. Das haben seine Jünger erlebt und von ihm eine Gebetsschule erbeten. Er gibt ihnen zweierlei: den Hinweis, dass ihr Gebet nicht für die Leute ist, um gesehen zu werden. Sie sollen ganz für sich mit ihrem Gott und Schöpfer Kontakt aufnehmen. Zum anderen schenkt er ihnen das Vaterunser als ein Grundgebet, in dem die wichtigsten Lebensfragen zusammengefasst sind.

Fotos: robyelo357; Andrey Tovstyzhenko; Kailash Kumar; elmirex2009; sutichak – alle Fotolia.com

Fotos: robyelo357; Andrey Tovstyzhenko; Kailash Kumar; elmirex2009; sutichak – alle Fotolia.com

Und wie können wir heute beten lernen, wenn wir mehr wollen als das Vaterunser und ein Tischgebet? Es gibt viele kluge Bücher darüber. Ich schlage aber ein Praktikum vor. Gehört haben wir schon viel über das Beten. Wir lernen es im Selbstversuch. Menschen beten äußerst unterschiedlich. Und jede Form kann uns einen wichtigen Hinweis geben. Ich versuche es mit einigen Tipps, an denen ich mich auch immer wieder abarbeite.

Für den Anfang sind das Vaterunser und das Tischgebet schon viel. Es bedeutet, regelmäßig mit Gott ins Gespräch zu kommen. Ich kann mit Gott reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wenn mir das aber schwer fällt, gibt es formulierte Gebete in Fülle. Ich finde sie im Evangelischen Gesangbuch und an vielen anderen Stellen. Die Psalmen der Bibel können Hilfe sein. Ich muss ja nicht gerade einen Klagepsalm beten, wenn ich fröhlich bin.

Ich muss in den ersten Praktikumstagen nicht gleich riesige Vorhaben bewältigen. Es ist gut, mit kleinen Schritten und kurzen Gebeten anzufangen. Die Regelmäßigkeit ist viel wichtiger. Die muss geübt werden. »Gebetshelden«, die täglich eine Stunde damit zubringen, dürfen uns nicht entmutigen. Beten ist ein Reden ins Schweigen. Ich bekomme von Gott selten eine unmittelbare, hörbare Antwort. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen und denke, ich schweife mit meinen Gedanken immer wieder ab. Auch da ist es nicht sinnvoll, sich Zwang anzutun. Hauptsache, ich bin andächtig vor Gott und begebe mich in seine Gegenwart. Den Rest kann ich getrost ihm überlassen. Er weiß sowieso, wie es um meine Seele bestellt ist.

Die Erfahrung lehrt, dass Gebet auch mühsam ist. Manchmal erleben wir es schön und erfüllend, manchmal ist es trocken und langweilig. Ein fester Ort und eine feste Zeit sind sehr hilfreich. Mit der Zeit kann das persönliche Gebet auch eine gewisse Geläufigkeit bekommen. Auch das muss ich nicht jeden Tag neu erfinden. Und wenn ich trotz guter Vorhaben scheitere? Dann ist es so. Ich kann jederzeit neu und anders beginnen. Gebet verändert. Wenn ich Arbeitsaufgaben bedenke, wenn ich Gott Menschen ans Herz lege, die mir Schwierigkeiten machen, dann hinterlässt das Spuren auch in mir.

Das Beste, was wir füreinander tun können, ist, dass wir einander Gott ans Herz legen. Und wenn wir den Dank nicht vergessen, tut es uns doppelt gut.

Christine Reizig

Die Autorin ist Landespfarrerin für Gemeindeaufbau in der Landeskirche Anhalts.

Eine Stadt für alle

24. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Aktion: Achte Meile der Demokratie in Magdeburg bringt 10 000 Menschen auf die Straße


So viele junge Leute! Die achte Meile der Demokratie am 16. Januar war ein fröhlicher Beweis, dass »die Jugend« weder politisch desinteressiert noch träge oder gar faul ist.

Mehr als 150 Vereine und Verbände, Parteien, Kirchen und ihre Institutionen, so viele Schulen wie noch nie, Gewerkschaften und Initiativen hatten ihre Stände entlang des Breiten Weges aufgebaut, um unter dem Motto »Eine Stadt für alle« zu zeigen: Magdeburg gehört den friedliebenden Menschen, die Fremde freundlich aufnehmen.

Veit Groll (links) und Wito Boese von der Freien Waldorfschule gehörten zu einer Gruppe Stelzenläufer, die durch ihre bloße Anwesenheit klar machten: Magdeburger mögen es bunt. – Foto: Renate Wähnelt

Veit Groll (links) und Wito Boese von der Freien Waldorfschule gehörten zu einer Gruppe Stelzenläufer, die durch ihre bloße Anwesenheit klar machten: Magdeburger mögen es bunt. – Foto: Renate Wähnelt

Am 16. Januar 1945 war die Elbestadt bei einem Luftangriff zerstört worden; der Krieg schlug auf Deutschland zurück, das ihn entfesselt hatte. Rechtsextreme versuchten über Jahre, das Gedenken an diesem Tag für ihre Zwecke zu missbrauchen. Mit der Meile und Meilensteinen im gesamten Stadtgebiet belegen die Magdeburger jedoch zentrale Orte, so dass es den Neonazis immer schwerer fiel, aufzumarschieren. In diesem Jahr gab es nur einen Zug von etwa 250 Rechtsextremen, die unter der Flagge der Magida am Rand der Innenstadt unterwegs waren.

Derweil flanierten nach offiziellen Angaben etwa 10000 Besucher über die Meile. Sie unterstützten mit Gesprächen und Spenden – animiert durch Kuchenverkauf und andere Essensangebote, durch Buttonherstellung, Malaktionen und vieles mehr – die Aussteller und ihre auf ein friedliches Miteinander und die Stärkung der Demokratie gerichtetes Engagement. Angebote für Flüchtlinge standen dabei im Vordergrund.

Viele Schüler hatten die Meile vorbereitet, indem sie alle in Magdeburg verlegten Stolpersteine putzten und weiße Rosen niederlegten. Die letzten 53 Steine vor den Pfeifferschen Stiftungen, die an Euthanasieopfer erinnern, polierte die Evangelische Sekundarschule, die zuvor schon auf dem Alten Markt aktiv war. »Dadurch haben alle Steine Paten bekommen«, freut sich Lehrerin Katrin Bentz. Die Schüler seien begeistert bei der Sache gewesen, trotz des ungemütlichen Wetters.

Erstmals dabei war aus dem benachbarten Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt das Integrationsbündnis Wolmirstedt, das sich als Verein aus Privatpersonen zusammenfand. »Es gibt eine Gemeinschaftsunterkunft, vor der Rechte Kundgebungen abhalten wollten. So kam das Bündnis zustande. Die Kirchengemeinde unterstützt es«, erzählt Superintendent Uwe Jauch.

Der Zuzug so vieler Menschen sei eine Herausforderung, sagte er auf der Kirchenbühne im Gespräch mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Martina von Witten von den Johannitern, die in der Flüchtlingsbetreuung aktiv sind. Ilse Junkermann stellte mit Respekt fest, dass all die Hilfe für die Flüchtlinge, die die Landeskirche bietet, die konkreten Angebote der Gemeinden sind. Und sie ermunterte, Räume zu öffnen, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Begegnungen würden auch gegen Angst helfen, Angst vor den Fremden. »Es gibt auch die Angst, dass uns etwas abgeht, wenn wir helfen müssen«, sagte sie.

Die Bischöfin warb um Geduld, denn auch Politiker haben nicht sofort Lösungen. Und es müsse zugestanden werden, dass sich ein Weg als Irrweg erweist. »Vor allem aber dürfen wir niemandem den christlichen Glauben absprechen, der Bedenken äußert«, mahnte sie.

Renate Wähnelt

Er liebte evangelische Choräle

23. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

In der Propstei Meiningen-Suhl erklingt gesamtes Orgelwerk von Max Reger

Es war Franz Liszts »legendarischer Kantor« Alexander Wilhelm Gottschalg (1827–1908), der die Bedeutung des jungen Orgelkomponisten erkannte und ihn mit seinen Rezensionen in der Kirchenmusikzeitschrift »Urania« deutschlandweit bekannt machte. Nicht ohne Grund widmete ihm Max Reger (1873–1916) im Jahre 1899 seine 1. Orgelsonate fis-Moll »in Dankbarkeit«. Davon zeugt der Briefwechsel zwischen den Musikern, der sich im Max-Reger-Archiv auf Schloss Elisabethenburg in Meiningen befindet. Mit der Disposition der 1894 von Wilhelm Sauer vollendeten Orgel in der Lutherkirche von Apolda konzipierte der Weimarer Hoforganist und Großherzogliche Orgelrevisor ein Instrument, das ganz dem Klangideal des Komponisten entsprach.

Kantor Andreas Marquardt (Saalfeld) eröffnet am Sonntag den Max-Reger-Zyklus in Rudolstadt. – Foto: privat

Kantor Andreas Marquardt (Saalfeld) eröffnet am Sonntag den Max-Reger-Zyklus in Rudolstadt. – Foto: privat

Anlässlich des 100. Todestages von Max Reger wird in der Propstei Meiningen-Suhl zwischen Januar und Dezember sein gesamtes Orgelwerk in Gottesdiensten und Konzerten von acht Thüringer Kantoren und weiteren namhaften Interpreten aufgeführt. Spielorte sind Kirchen in Arnstadt, Bad Salzungen, Ilmenau, Meiningen, Oberweißbach, Rudolstadt, Saalfeld und Suhl. Eingebunden in das Projekt sind auch Regers Chorwerke sowie Stücke für Orgel mit weiteren Instrumenten. Insgesamt kommen rund 300 Werke zur Aufführung.

Auftakt der umfangreichen Konzertreihe ist am 24. Januar in der Lutherkirche in Rudolstadt (17 Uhr). Kantor Andreas Marquardt (Saalfeld) spielt an der Steinmeyerorgel unter anderem Fantasie und Fuge in c-Moll. Zum Ausklang gibt es ein Orgelkonzert zum Jahresabschluss in der Stadtkirche Bad Salzungen mit Kantor Hartmut Meinhardt. »In unserer Propstei Meiningen-Suhl haben wir für das gemeinsame Projekt ausgesprochen gute Voraussetzungen«, freut sich Kirchenmusikdirektorin Katja Bettenhausen, Propsteikantorin und Koordinatorin des Projekts. »Das Kantorenteam mit exzellenten Organisten trifft hier auf eine Orgellandschaft, die in Europa ihresgleichen sucht.«

Kantor Frank Bettenhausen in Rudolstadt veranstaltet seinen Part der Konzertreihe gleich an zwei Instrumenten: »Die Ladegastorgel in der Stadtkirche sowie die Steinmeyerorgel in der Lutherkirche bieten hervorragende Möglichkeiten zur Umsetzung des Regerschen Orgelwerks«, erläutert die Projektkoordinatorin. Die Kantoren Andreas Marquardt in Saalfeld, Hans-Jürgen Freitag in Ilmenau und Hartmut Meinhardt in Bad Salzungen verfügen mit der Sauerorgel, der Walkerorgel und der Regerorgel über die größten Instrumente. Sebastian Fuhrmann in Meiningen, Jörg Reddin in Arnstadt, Philipp Christ in Suhl und Thomas Brandt in Oberweißbach sind ebenfalls Künstler und Gastgeber der ambitionierten Kooperation.

Neben den Orgelkonzerten wird es auch Angebote für Kinder geben, einen Orgelspaziergang mit Konzerten in verschiedenen Kirchen und eine Predigtreihe zu Choralfantasien von Max Reger.

Der in der Oberpfalz geborene Komponist war Wahl-Thüringer. Er studierte mit 17 Jahren beim Musiktheoretiker Hugo Riemann in Sondershausen und leitete von 1911 bis 1914 die europaweit bekannte Meininger Hofkapelle. Berühmtheit erlangte Reger vor allem durch seine Orgelwerke. Bereits in seiner Studienzeit hatte er, obwohl selbst »katholisch bis in die Fingerspitzen«, eine besondere Affinität für protestantische Choräle entwickelt, die ihn mit seinem großen Vorbild Johann Sebastian Bach verband.

Michael von Hintzenstern

www.ladegastorgel-rudolstadt.de

www.reger2016.de

Das Versprechen gilt: Freunde fürs Leben

23. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, Vers 18

Mein lieber Freund. Es ist lang her, dass wir voneinander gehört haben. Ich hatte viel um die Ohren. Du weißt, Beruf, Familie und Freizeit – das will alles gut unter einen Hut gebracht werden. Mal geht das einfacher, mal schwerer. Da bleibt kaum Zeit für mich – und damit wenig Zeit für uns.

Kathrin Hollax, Vikarin in Großkorbetha

Kathrin Hollax, Vikarin in Großkorbetha

Hin und wieder denke ich an dich, wenn ich morgens durch die stillen Straßen laufe und alles zu schlafen scheint. Ein Hauch von Frieden liegt dann über der Stadt. In diesen Augenblicken bist du mir ganz nah, das erfüllt mich auf unerklärliche Weise. Aber gleichzeitig spüre ich eine gewisse Traurigkeit. Ich bedauere es, dass unser Kontakt etwas eingeschlafen ist. Daran habe ich großen Anteil, da ich oft so sehr mit mir beschäftigt bin, dass ich um mich schnell alles vergesse. Das geht so lang gut, bis ich an einen Punkt komme, da ich nicht weiter weiß, weil ich überfordert bin mit den Gefühlen, die mich bewegen.

Dann, wenn sich die Welt um mich herum so schnell dreht, dass mir schwindelig wird, fällt mir ein, was du mir einmal versprochen hast. Du seist für mich da, immer. Tag und Nacht. Wenn ich Tränen der Freude oder Trauer weine. Egal, was mich bewegt, du würdest es dir anhören. Du würdest meine Tränen auffangen. So groß das Versprechen auch ist, ich scheine es doch oft zu übersehen. Oder traue ich unserer Verbindung einfach zu wenig zu? Ich erinnere mich: Als Kind schien das einfacher. Da spürte ich deine Gegenwart. Da habe ich mit dir gesprochen, ohne über die Worte nachzudenken oder unsere Beziehung zu hinterfragen. Spätestens vor dem Einschlafen habe ich dir von meinem Tag erzählt, voller Vertrauen. Von meinen Erlebnissen, Ängsten und Träumen. Du hast es gehört und ich war nicht mehr allein. Jetzt frage ich mich: Erwarte ich zu viel? Früher war es ein gutes Gefühl, mit dir zu reden. Und auch jetzt spüre ich Erleichterung, meine Gedanken und Zweifel auszusprechen. Denn das Kind in mir weiß, meine Worte kommen an. Und es vertraut darauf: Du bist da, dein Versprechen gilt, immer. Bedingungslos.

Kathrin Hollax

nächste Seite »