Bach und Bratwurst

4. Januar 2016 von redaktionguh  
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Beseelt von dem Kantatengottesdienst gehen wir essen. Das Buffet ist reichhaltig. Ich genieße dankbar und freue mich über den schönen Sonntag. Als wir das Restaurant verlassen, sehe ich einen alten Mann mit Hund in einem Mülleimer scheinbar nach Essbarem suchen. Er zieht etwas heraus. Das sieht wie ein angebissenes Käsebrötchen aus. Leicht angeekelt wende ich mich ab. Das könnte ich nicht essen. Wenig später sehe ich ihn wieder. Er steht mit seinem Hund in der Schlange an einem Imbiss. Vor ihm ein junger Mann. Der holt zwei Bratwürste, nicht für sich. Er gibt sie dem Alten. Zum Abschied klopft er ihm noch freundschaftlich auf die Schulter und schon war er wieder verschwunden. Der alte Mann wußte gar nicht recht, wie ihm geschah. Ich bin beschämt. Hatte nicht der Pfarrer in der Predigt davon gesprochen, dass der Gottesdienstbesuch ohne Folgen, ohne die Liebestat, wie ein religiös verbrämter Konditoreibesuch sei? Mir kommt der Chor aus der Bachkantate in den Sinn: »Herz und Mund und Tat und Leben / muss von Christo Zeugnis geben / ohne Furcht und Heuchelei, / dass er Gott und Heiland sei.« Der junge Mann hat mir die Konsequenz aus dem Gehörten vor Augen geführt.

Im Inneren der Kirchenzeitung können Sie entdecken, was sich Leser für das neue Jahr vornehmen. Ich habe lange überlegt. Jetzt weiß ich es. Besser als in der Bachschen Aria kann ich es nicht in Worte fassen: »Hilf, Jesu, hilf, dass ich auch dich bekenne / in Wohl und Weh, in Freud und Leid, / dass ich dich meinen Heiland nenne / im Glauben und Gelassenheit, / dass stets mein Herz von deiner Liebe brenne.« Ich bin dankbar für die praktische Lektion. Ein gesegnetes neues Jahr und einen wachsamen Blick.

Willi Wild

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