Die heilige Kunst

8. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Ausstellung: Religiöse Motive in der Kunst damals und heute treffen im Kunsthaus Apolda Avantgarde aufeinander


Holländischen Barock und zeitgenössische Gemälde zeigt das Kunsthaus Apolda in einer Ausstellung. Das Besondere: Es geht um Gott und christliche Motive.

Sie motiviert zur Auseinandersetzung mit religiösen Motiven und Interpretationen. Eine Kunstausstellung, die dem Besucher ausschließlich religiöse Motive anbietet, halte ich in unserem säkularisierten Umfeld für eine bemerkenswerte Besonderheit – selbst innerhalb der Reformationsdekade.

Schon der Titel löst Irritationen aus. Mit dem Begriff des Allmächtigen verbindet sich für mich Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Beim »Leibhaftigen« denke ich zuerst an den Teufel, der in der Bibel an Jesus als Versucher herantritt. Auch der »leibhaftige Tod« begegnet uns umgangssprachlich, wie auch in der Literatur.

Andererseits: Kurz nach Weihnachten – noch steht die Weihnachtskrippe im Wohnzimmer – ist für mich die Menschwerdung Gottes ganz präsent in Liedern und Texten, wie dem aus dem Johannesevangelium: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.

Martin Schepers »Melancholischer Luzifer«, Öl auf Leinwand, 2007 – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Martin Schepers »Melancholischer Luzifer«, Öl auf Leinwand, 2007 – Repro: Kunsthaus Apolda/Michael Sauer

Mit diesen persönlichen Überlegungen bin ich schon in den Dialog eingetreten, den der Unternehmer, Philosoph und bekennende Katholik Thomas Rusche mit seiner Kunstsammlung den Betrachtern anbietet. Biblische Geschichten, menschliche Erfahrungen und persönliche Fragestellungen nach Gott und Religion werden miteinander ins Gespräch kommen. Den Besucher erwarten dazu Illustrationen von Szenen aus der Bibel (Gerardus Wigmana, Die Heilige Familie, 1735), mehr aber noch Darstellungen von theologisch-philosophischen Fragen zu Allmacht, Leiden oder Religiosität (Paule Hammer, Ein künstlicher Gott für jeden, 2012). Eine weitere Schwerpunktsetzung der Ausstellung ist die Frage nach Gut und Böse, verknüpft mit der Erschaffung des Menschen.

Schon beim Betrachten des Katalogs zur Ausstellung entdeckte ich Kunstwerke, bei denen sich in mir Widerstand regt oder Fragen laut werden. Jedoch weiß ich: Anstoß erregen und Anstoß zum Nachdenken geben, ist eine Eigenschaft der Kunst seit Jahrhunderten. Kein Thema bleibt davon unberührt, auch der Glaube nicht. Christlicher Glaube hatte sich von Beginn an Fragen und Zweifeln von innen und außen zu stellen. Nur durch eine solche Beschäftigung mit der Thematik kann es gelingen, persönlichen Glauben zur Sprache zu bringen und in den Dialog mit den Menschen zu treten, denen Glaubensinhalte fremd sind.

Unter der großen Überschrift »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« lädt das Kunsthaus Apolda vom 10. Januar bis 28. März zur Betrachtung von Kunstwerken aus dem 16. bis 21. Jahrhundert ein. Damit ist dem Kunstverein Apolda Avantgarde mit seinem umtriebigen Geschäftsführer Hans Jürgen Giese gelungen, bemerkenswerte Kunstschätze aus der großen Sammlung Rusche in die kleine Kreisstadt Apolda zu holen. Die Ausstellung schlägt einen Bogen von der Sichtweise niederländischer Maler des 17. Jahrhunderts (Elias van Nijmegen) bis in die Moderne. Ein großer Teil der Ausstellung zeigt gegenwärtige Arbeiten. Beispielsweise die Kunstwerke Katrin Heichels, einer Meisterschülerin von Neo Rauch, die katholischen Mystizismus mit der visuellen Welt des Glaubens illustriert.

Diese Ausstellung kann zu Recht als ein Beitrag zur Reformationsdekade gesehen werden, weil sie die Besucher mit bekannten christlichen Motiven und ungewöhnlichen Interpretationen konfrontiert. Die Frage, was uns als Christen wichtig und heilig ist, wird sich nicht nur an Sophie von Stillfrieds Werk »Heilig« (2012) mit Koffer, Kruzifixen und Rosenkränzen einstellen. Der Kirchenkreis bietet zur Ausstellung ein Begleitprogramm an.

Bärbel Hertel

Die Autorin ist Superintendentin des Kirchenkreises Apolda-Buttstädt.

Ein Gespräch mit den Kuratoren der Ausstellung lesen Sie auf unserer Feuilleton-Seite.

www.kunsthausapolda.de

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