Mit dem Teufel im Bunde

12. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Hexenverfolgung: Ein abschreckendes Beispiel frühneuzeitlicher »Recht«sprechung


Die Hexenverfolgung der Frühen Neuzeit ist ein bestürzendes Kapitel der europäischen Geschichte. In der Hauptsache klagten weltliche Gerichte Frauen und Männer der Hexerei und verurteilten sie meist zum Tode. Aber auch kirchliche Institutionen beteiligten sich daran.

In Bernburg steht der Name Barbara Meyhe stellvertretend für alle bekannten und unbekannten Opfer der Hexenverfolgung. Seit 2011 wird im gotischen Kellergewölbe des Bernburger Museums eine Ausstellung zur Verfolgung der Hexen in Mitteldeutschland präsentiert. Ausgehend von den überlieferten Prozessverläufen gegen Barbara Meyhe, der Frau eines Bernburger Bürgermeisters, von 1617 bis 1619 und Anna Maria Braune aus Alsleben (1689) wird hier die frühneuzeitliche Rechtsgeschichte thematisiert.

In der Frühen Neuzeit nahm die Folter vor allem in Hexenprozessen unvorstellbare Ausmaße an. Die meisten Opfer der rund 40000 Beschuldigten waren weiblich, etwa 20 Prozent waren Männer. Territorial gab es große Unterschiede: Für Kursachsen sind etwa 900, für das Gebiet Sachsen-Anhalts etwa 300, für Thüringen 1565 und für Mecklenburg-Vorpommern um die 4000 Prozesse bekannt.

Maribele Göldner besucht die Hexenausstellung im Bernburger Museum. Hier schaut sie sich Bußkleider an, welche die der Hexerei angeklagten Menschen tragen mussten. – Foto: Engelbert Pülicher

Maribele Göldner besucht die Hexenausstellung im Bernburger Museum. Hier schaut sie sich Bußkleider an, welche die der Hexerei angeklagten Menschen tragen mussten. – Foto: Engelbert Pülicher

Auch in Bernburg kam es – wie in allen anhaltischen Fürstentümern – zu Verfolgungen von Hexen und Zauberern. Leider sind für die Bernburger Prozesse, zum Beispiel gegen Barbara Banse, Ehefrau des Bürgermeisters Christoph Meyhe, keine Originalakten mehr vorhanden. Pastor Schmidt aus Dessau hat die Vorgänge aber noch vor der kriegsbedingten Vernichtung der Akten zusammengefasst: Der Prozess lief vom 24. April 1617 bis zum 15. Juni 1619, eine ungewöhnlich lange Zeit. Die angesehene Bürgerin Barbara Meyhe wurde 1617 der Schadenszauberei bezichtigt und zwei Jahre unter unwürdigen Bedingungen festgehalten. Sie soll anderen Menschen Krankheiten angehext und sich bereichert haben mit Zauberkräften, dem Pfarrhaus einen Kobold geschickt haben, der alle dort Wohnenden drangsalierte. Sie sei verantwortlich für die Kinderlosigkeit der Ehe ihrer Tochter, überhaupt habe sie nur mit Zauberkräften, die ihr der Teufel verliehen haben könne, so vorteilhafte Ehen für ihre Töchter arrangieren können. Sämtliche absurde Behauptungen zeugen vom Neid auf ihren Wohlstand. Der ihr angelastete Kobold, der sie ins Gefängnis brachte, verschwand übrigens, nachdem die Magd des Pfarrhauses ihre Stellung abrupt verließ. Was jedoch am schwersten unter allen Anschuldigungen wog, war die Tatsache, dass Barbara Meyhe aus einer vorbelasteten Familie stammte. Ihre Großmutter, die »Curth-Köchin«, wurde als hochbetagte Frau im Jahre 1580 zusammen mit zwei weiteren »Hexen« in Bernburg verbrannt, weil sie angeblich, vom Teufel befohlen, einem Kind einen Wasserkopf, an dem das Kind dann starb, angehext haben soll.

Barbara Meyhe gab nach zwei Jahren Haft und unter der »peinlichen Befragung« in großer Angst fast alle Beschuldigungen zu, um sie danach zu widerrufen. Fürst Christian I. empfahl schließlich eine »extraordinaire Strafe« und ließ sie und ihren Ehemann auf ewig des Landes verweisen. Zudem musste das Paar für alle Unkosten – für den Aufenthalt im Gefängnis und sogar die Folter – aufkommen. Am 13. April 1617 nahm Barbara Meyhe, körperlich und geistig zerrüttet, die Gnade des Fürsten an. Die Meyhes verließen Bernburg, finanziell ruiniert, in Richtung Magdeburg.

Der Prozess gegen Barbara Meyhe ist relativ gut dokumentiert. Andere Opfer sind unbekannt geblieben. Sicher scheint, dass von 1555 bis 1664 in Bernburg mindestens 46 Frauen und Männer in Hexenprozessen vor Gericht gestellt wurden. Viele endeten auf dem Scheiterhaufen. Über sie und ihre Familien kam unendliches Leid und öffentliche Schande.

Nie sind diese Opfer rehabilitiert worden. Sie gelten daher bis heute als schuldig im Sinne der Anklage: Sie hätten sich dem Teufel verschrieben, Gott verleugnet und durch Zauberei Schaden über die Menschheit und die Natur bewirkt. In aufgeklärten Zeiten ist jedoch jedem einsichtig, dass ein Mensch nicht durch Zauberei Wetter- und andere Katastrophen oder Krankheiten bewirken kann. Nach 400 Jahren verdienen die Opfer der Hexenprozesse in Bernburg, ihre Würde wieder zu bekommen. Ein Schritt war die Enthüllung einer Gedenktafel Ende vorigen Jahres am ehemaligen Pfarrhaus der Marienkirche. In den Vorgängerbau des Hauses soll Barbara Meyhe den Kobold gehext haben.

Roland Wiermann

Der pensionierte Pfarrer Hartmut Hegeler in Unna betreibt die Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse. Mehr unter: www.anton-praetorius.de

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