Kleine Kirche, große Chance

14. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Porträt: Die Evangelische Landeskirche Anhalts sucht nach Möglichkeiten, Menschen für den Glauben zu interessieren


Viele Kirchen und immer weniger Mitglieder. Wie die Landeskirche Anhalts mit ihrem Erbe umgeht und was sie daraus macht.

Nachdenklich geht Joachim Liebig durch die Reihen in der Laurentiushalle. Gleich beginnt die Synodentagung der Evangelischen Landeskirche Anhalts in den Räumen der Anhaltischen Diakonissenanstalt in Dessau-Roßlau. An einem Tisch bleibt er stehen. Ein Schild weist den Gästen ihren Platz zu. »Hier saß ich, vor genau sieben Jahren. Ich war sehr aufgeregt. Schließlich wurde über meine und die Zukunft meiner Familie entschieden«, erinnert er sich. Der gebürtige Niedersachse hat in seiner Vita schon einige aufregende und abenteuerliche Stationen vermerken können. Er bekommt sogar die Gelegenheit, in der DDR ein kirchliches Praktikum im Osterzgebirge zu absolvieren. Das wird ihm 20 Jahre später bei der Bewerbung um das Amt des Landesbischofs, der in der Landeskirche Anhalts Kirchenpräsident heißt, nützen. Auf die Frage nämlich, ob er denn schon mal Trabant gefahren sei, konnte Liebig kontern: »Ja, welchen hätten Sie denn gern? Den Trabant 500, 600 oder 601?«

Seit über 400 Jahren in der Region
Die Evangelische Landeskirche ist seit über 400 Jahren für die Menschen in Anhalt da, die sich selber nicht Anhaltiner, sondern Anhalter nennen. »Anhaltiner heißen nämlich die Fürsten von Anhalt und ihre Nachkommen. Moses Mendelssohn, Wilhelm Müller und Kurt Weill nannten sich Anhalter«, klärt der ehemalige Kreisoberpfarrer von Dessau, Alfred Radeloff, auf. Anhalt ist eine der traditionsreichsten Kulturregionen Deutschlands. Viele Zeugnisse erinnern an große Zeiten und Persönlichkeiten. Hugo Junkers, Paul Klee, Lyonel Feininger, Samuel Hahnemann oder Johann Sebastian Bach. Mit gleich zwei Unesco-Welterbestätten kann die Region aufwarten. Das Bauhaus und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich sind hier zu Hause. Anhalt war ein bedeutender Schauplatz der Reformation. Die Nähe Wittenbergs bewirkt, dass Martin Luther und Philipp Melanchthon oftmals in Anhalt sind. Zerbst und Köthen waren nach Wittenberg die ersten Städte in Deutschland, die evangelisch wurden. Lutheraner und Reformierte standen hier lange in Konkurrenz zueinander, bis sie sich arrangierten.

Bundesweit einmalig: Das Bernburger Martinszentrum wird von der Gemeinde der Martinskirche, einer evangelischen Grundschule mit ihrem Hort sowie einem christlichen Kindergarten gemeinsam genutzt. – Foto: Kirchengemeinde

Bundesweit einmalig: Das Bernburger Martinszentrum wird von der Gemeinde der Martinskirche, einer evangelischen Grundschule mit ihrem Hort sowie einem christlichen Kindergarten gemeinsam genutzt. – Foto: Kirchengemeinde

Das Gebiet der Evangelischen Landeskirche Anhalts liegt in den ehemaligen Grenzen des Freistaates Anhalt, zwischen Harz und Fläming, von Elbe, Mulde und Saale durchzogen. Dazu gehören Kirchengemeinden in 154 Dörfern und Städten. Mit 36400 Mitgliedern ist die Evangelische Landeskirche Anhalts die kleinste unter den Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Für die Kirchenleitung kein Problem, sondern Herausforderung. Die Anhalter, die keiner Kirche angehören, sind Arbeitsgebiet: »Ich bin sehr zuversichtlich, dass es uns gelingen kann, aus dieser Majorität der Bevölkerung zukünftig auch zunehmend Menschen für die Kirche zu interessieren«, so der Kirchenpräsident.

Kontaktflächen suchen und nutzen
In den kirchlichen und diakonischen Arbeitsbereichen ergeben sich Kontaktflächen. Allein in der Diakonie arbeiten in Anhalt etwa 3500 Menschen. Die Mehrzahl ist nicht getauft oder Mitglied einer Kirchengemeinde. Diese Menschen näher an die Kirche heranzuführen, ist eine große Aufgabe. Eine weitere Kontaktfläche ist die Kirchenmusik als ein zentraler Teil des kirchlichen Lebens. In den fünf Kirchenkreisen der Landeskirche gestalten haupt- und nebenamtliche Kantorinnen und Kantoren Kirchenmusik in vielen Facetten, vom Oratorium bis zum Kindergartenlied.

Menschen für den christlichen Glauben zu interessieren, ist für die Kirchengemeinden die größte Herausforderung in der von Überalterung und Abwanderung geprägten Region. Hinzu kommt die Aufgabe, allein 214 Kirchen zu erhalten und zu nutzen. Über 95 Prozent sind denkmalgeschützt. Ein Großteil der Gebäude konnte seit 1990 dauerhaft gesichert werden. Dabei soll es aber nicht bleiben. Ferner gelte es, die Kirchen mit Leben zu füllen und in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken. Viele sind längst über die Gottesdienstzeiten hinaus für Besucher geöffnet. Eine bemerkenswerte Initiative ist hierbei die Stiftung »Entschlossene Kirchen« im Kirchenkreis Zerbst, die sich der Erhaltung der Dorfkirchen ebenso wie ihrer Öffnung widmet. Bei den aufwendigen Bauvorhaben werde deutlich, dass sich gerade in den ländlichen Gebieten Christen und Nichtchristen gemeinsam für ihre Kirche einsetzen.

Kirchenleitung: Oberkirchenrat Rainer Rausch, Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius, Kirchenpräsident Joachim Liebig und Präses Andreas Schindler (v.l.n.r.). Zum Präsidium der Synode gehören Ursel Luther-von Bila und Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter. Weitere gewählte Mitglieder der Kirchenleitung sind Ullrich Hahn und Pfarrer Sven Baier. – Foto: Johannes Killyen

Kirchenleitung: Oberkirchenrat Rainer Rausch, Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius, Kirchenpräsident Joachim Liebig und Präses Andreas Schindler (v.l.n.r.). Zum Präsidium der Synode gehören Ursel Luther-von Bila und Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter. Weitere gewählte Mitglieder der Kirchenleitung sind Ullrich Hahn und Pfarrer Sven Baier. – Foto: Johannes Killyen

Die Kirchen sind so Teil regionaler Identität. Dabei möchte man in der Landeskirche Anhalts aber nicht stehen bleiben: »Die öffentliche Wahrnehmung der Kirche kann immer nur so gut sein wie das, was dann tatsächlich an Ort und Stelle passiert«, erläutert der Kirchenpräsident. Deshalb wird im Bildungsdezernat von Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius mit der Vermittlung des Glaubens durch Bildung ein großer Schwerpunkt gesetzt. Neben der Christenlehre und dem Konfirmandenunterricht kann diese Aufgabe vor allem in den vier evangelischen Grundschulen und in den kirchlichen Kindergärten wahrgenommen werden.

Neue Gemeindekonzepte ausprobieren
Um sinkenden Mitgliederzahlen und weiteren Veränderungen zu begegnen, gibt es in der Kirchenleitung eine Arbeitsgruppe, die strukturelle und inhaltliche Überlegungen anstellt. Neue Milieus sollen zukünftig erschlossen, Gemeindekonzepte ausprobiert werden. Die kleine Landeskirche eigne sich als Erprobungsraum für Ideen und Projekte, die neben der traditionellen Gemeindearbeit entwickelt werden können, so die Erfahrung der Kirchenleitung. Ein Beispiel dafür sei die Polizeikirche in Großkühnau im Dessau-Wörlitzer Gartenreich.

Das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Da gibt es das Container-Projekt »Anhalt kompakt«, das bereits beim Kirchentag in Hamburg 2013 für die Landeskirche geworben hat. Der Höhepunkt soll 2017 der »Kirchentag auf dem Weg« in Dessau sein. Neben klassischen Kirchentagselementen werden dabei auch die Unesco-Welterbestätten mit einbezogen. Zudem ist Bernburg am 18. Mai 2017 eine Station des Europäischen Stationenweges hin zur Weltausstellung der Reformation in Wittenberg. Damit das Reformationsjubiläum auch bei der Bevölkerung ankommt, bietet Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau, schon jetzt in der Volkshochschule Dessau-Roßlau eine Reihe unter dem Motto: »Reformation vor 500 Jahren und heute« an. Am 23. März wird die Kirche St. Bartholomäi in Zerbst Tagungsort der »Anhalt (Er) Kenntnisse 2016« sein. Anlass ist der 450. Todestag von Fürst Wolfgang von Anhalt, einem Vorreiter der Reformation.

Reformation und Ökumene
Aber nicht nur Luther und die Reformation, sondern auch die Ökumene spielt eine große Rolle in der kleinen Landeskirche. Wobei man Wert darauf legt, dass es um Verständigung und nicht um die Aufhebung der Unterschiede geht. Daneben gibt es Partnerschaften zu Kirchen im In- und Ausland, sowohl auf landeskirchlicher als auch auf gemeindlicher Ebene.

Glaubenswissen aufzubauen und ein neues, fröhliches Bekennen, darum soll es auch in Zukunft gehen. Dabei hat die Kirchenleitung nicht die Tauf- und Mitgliederstatistik vor Augen, sondern den individuellen Kontakt sowie eine mitten in der Gesellschaft und in der Region verortete Kirche.

Willi Wild

www.landeskirche-anhalts.de

36400 evangelische Gemeindeglieder leben in Anhalt in rund 150 selbstständigen Kirchengemeinden. Sie sind in den fünf Kirchenkreisen Ballenstedt, Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst zusammengefasst. Zurzeit sind in den Gemeinden 54 Pfarrerinnen und Pfarrer sowie 39 hauptamtliche Mitarbeitende im Verkündigungsdienst beschäftigt.
Leitungsorgane der Landeskirche sind die Landessynode, der Landeskirchenrat und die Kirchenleitung. Diakonische Einrichtungen in Anhalt sind neben den Diakonischen Werken der Kirchenkreise zum Beispiel die Kanzler von Pfau’sche Stiftung Bernburg, die Anhaltische Diakonissenanstalt Dessau oder die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Kleine Kirche, große Chance”
  1. Miriam sagt:

    “Kirche des Jahres 2015“
    St. Laurentius in Kirchheim gewinnt den ersten Platz!