»Mein Gott, wie lang, ach lange«

17. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Vor genau 300 Jahren: Bach-Kantate erklang erstmals am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 in Weimar

Obwohl Johann Sebastian Bach in seinem Entlassungsgesuch an den Rat der Stadt Mühlhausen vom 25. Juni 1708 argumentierte, er habe »den Endzweck [seines Schaffens], nemlich eine regulirte kirchen music zu Gottes Ehren, und Ihren Willen nach« an seiner bisherigen Wirkungsstätte, der Mühlhäuser Kirche Divi Blasii, nicht verwirklichen können, blieb dieses Ziel auch in seiner neuen Stellung am Weimarer Hof zunächst unerfüllt: als Hoforganist und Violinist der fürstlichen Kapelle war er in den ersten Jahren (1708–1714) nicht mit der Komposition von Kirchenkantaten beauftragt. Erst mit seiner Ernennung zum Konzertmeister der Hofkapelle im März 1714 gehörte es zu seinen Verpflichtungen, »monatlich neue Stücke« zu komponieren und aufzuführen.

Mit besonderem Engagement hat sich Bach sogleich der neuen Aufgabe gewidmet und eine Reihe aufwendig besetzter Kirchenwerke bis zum Osterfest 1715 komponiert. Die unmittelbar darauf folgenden Kirchenwerke sind in ihreren Dimensionen überraschenderweise jedoch reduziert und erwecken den Eindruck, als habe Bach von seinem bisherigen Aufführungskonzept aus irgendeinem Grund Abstand nehmen müssen.

Der Chor, dem Bach bis Ostern 1715 noch anspruchsvolle Aufgaben zugewiesen hatte, tritt fortan in den Hintergrund. Zumeist wird er nur noch zur Ausführung eines vierstimmigen Choralsatzes am Schluss der Kantate herangezogen. Die Kantaten sind überwiegend kammermusikalisch dis­poniert. Ob der stets auf Sparsamkeit bedachte regierende Herzog Wilhelm Ernst etwa Vorbehalte gegenüber opulent besetzten Kirchenstücken hatte verlauten lassen?

Zudem veränderte ein Trauerfall das Leben am Weimarer Hof schlagartig: Am 1. August 1715 starb Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar, weshalb am 11. August die »gänzliche Landestrauer« für das gesamte weimarische Fürstentum verordnet wurde. Nirgendwo durfte musiziert werden und auch die Kantatenaufführungen in der Schlosskirche konnten mit sofortiger Wirkung nicht mehr stattfinden.

Allerdings begann man bereits nach 13 Wochen, die Landestrauer schrittweise zu lockern: Am 10. November 1715 wurde in allen Kirchen des Herzogtums erstmals wieder musiziert und Bach hatte in der Folgezeit (seinem schon genannten Auftrag gemäß) Kirchenstücke zu komponieren und aufzuführen – darunter auch die Kantate »Mein Gott, wie lang, ach lange« (BWV 155), die erstmalig am zweiten Sonntag nach Epiphanias 1716 – also vor genau 300 Jahren – im Frühgottesdienst der Weimarer Schlosskirche unter seiner Leitung erklang.

Das Libretto hatte der Weimarer Oberkonsistorialsekretär Salomon Franck beigesteuert. Es basiert auf dem 2. Kapitel des Johannes-Evangeliums, wo von der Hochzeit zu Kana berichtet wird: Jesus bleibt im Verborgenen, bis seine Stunde zum Handeln gekommen ist. Das Werk gehört zu den wenigen Weimarer Kantaten, die uns aus den Jahren 1716/1717 überliefert sind – vielleicht deshalb, weil Bach einen Teil seiner am Weimarer Hofe komponierten Kirchenwerke zurücklassen musste, als er im Dezember 1717 nach vierwöchiger Haft aus den Diensten des Herzogs in Ungnaden entlassen wurde. Über die näheren Hintergründe der Arrestierung wird in der Bach-Forschung noch immer gerätselt.

Andreas Glöckner

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