Baustelle Reformation

20. Januar 2016 von redaktionguh  
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Luther 2017: Das kleine Wittenberg ist der zentrale Ort für das nationale Kulturereignis des Jahrzehnts – noch bestimmen Bagger und Kräne die Szenerie


Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt vor 500 Jahren die Reformation. Das Erbe Luthers und der Reformation zu bewahren und zu vermitteln ist Aufgabe der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt. Mit Vorstand Stefan Rhein sprach Willi Wild.

Luther und das Reformationsjahr sind von vielen Zeitungen im Verlauf der Reformationsdekade heruntergeschrieben worden. Haben Sie noch Lust auf 2017 oder sollte das Großereignis abgesagt werden?
Rhein: (lacht) Nein, im Gegenteil, die Betriebstemperatur steigt. Staat und Kirche haben sich geeinigt, dass Wittenberg der zentrale Ort für 2017 ist: Weltausstellung, Kirchentag, große nationale Ausstellung. Wir haben wirklich Lust darauf. Es ist das nationale Kulturereignis dieses Jahrzehnts. Wir haben uns aus den Olympiaden verabschiedet. Wir machen, wenn überhaupt, nur noch Fußball und dann eben Reformationsjubiläum. Die Lutherstädte sind alle kleine Orte und deswegen ist der große Rummel schon eine enorme He­rausforderung. Ich bin erstaunt, was in der Lutherdekade bislang schon geschafft und geschaffen worden ist. Wittenberg ist heute eine andere Stadt als 2008: Augusteum fast fertig, Stadtkirche nahezu fertig, Stadtmuseum fertig. Das macht Freude, aber ich verhehle nicht: Manchmal muss auch ich tief durchatmen angesichts der großen Aufgabe.

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Ein fröhlicher Katholik in Wittenberg, wie einst Martin Luther: Direktor Stefan Rhein, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt – Foto: Willi Wild

Was wird denn eigentlich begangen? Worum geht es: um Luther, die Reformation, den Protestantismus oder den Jahrestag des Thesenanschlags?
Rhein: Das wurde von Anfang an kontro­vers diskutiert, bis man sich dann auf »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« geeinigt hat. Marketing und Touristiker sagen: Bitte nur Luther! Kirchenpolitisch und seitens der Forschung hieß es: Bloß nicht Luther, nur Reformation. Der ökumenische Anspruch ist natürlich ein biblischer. Damit feiern wir dann nicht 500 Jahre Reformation, sondern 2000 Jahre Christentum. Christentum, das durch die Etappe Reformation gegangen ist. Also, Sie merken, es ist schwierig, den präzisen Festanlass zu definieren.

Sie sprachen gerade den Luthertourismus an. Die Erwartungen waren von Anfang an sehr hoch, was die internationale Resonanz anbelangt. Halten Sie die Prognosen für realistisch?
Rhein: Es gibt schon erstaunlich hohe Buchungszahlen an vielen Orten in Mitteldeutschland, die mit der Reformation verknüpft sind. Das kleine Hotel gegenüber der Schlosskirche ist bereits seit langem schon für 2017 ausgebucht. Die Erwartungen erfüllen sich bereits für die Reformationsorte, weil viel investiert worden ist. Das wäre alles ohne das Reformationsjubiläum nicht passiert. Die reformatorische Infrastruktur ist komplett neu. Allein dafür war die Dekade wichtig.

Kommt das Reformationsgedenken überhaupt bei den Menschen in den Stammländern der Reformation an?
Rhein: Ich finde, da ist Erstaunliches passiert. Die Denkwege zu Luther von den Evangelischen Akademien in Thüringen und Sachsen-Anhalt haben viel bewirkt. Ich denke an Geschichtswettbewerbe oder das Dekaden-Thema Musik. Wie viel Schulbands haben sich mit eigenen Kompositionen oder Fassungen zu Luther-Chorälen beworben? Reformation als Bildungsbewegung in die Luther-Dekade einzupflanzen, kulturelles Wissen weiterzugeben, das ist mir ganz wichtig. Da wurden Materialien angeboten, Spiele entwickelt. Sie finden heute im Netz eine Fülle an Internet-Seiten. Für mich stand von Anfang an die Frage im Vordergrund, wie kann ich die Zivilgesellschaft für dieses Jubiläum begeistern? Als ich nach Wittenberg kam, gab es hauptsächlich Stadtbilderklärer. Heute haben wir leidenschaftliche Reformationsbotschafter auch in Eisleben oder in Mansfeld. Ich glaube, dieses Reformationsjubiläum ist eine Graswurzelbewegung geworden. Nicht immer spektakulär. Doch andererseits haben wir wöchentlich einen Pressespiegel mit bis zu 300 Zeitungsartikeln über Reformation, allein in Deutschland.

Worin unterscheidet sich dieses Reformationsjubiläum von vorangegangenen?
Rhein: Es wird viel mehr als früher ein Kulturereignis werden. Das zeichnet sich schon jetzt ab. Und, nicht nur Luther rückt in den Fokus. Diesmal soll ein Blick auf die Reformationsbewegung gerichtet werden. Als wir 2008 begonnen haben, formulierten wir es so: Es soll international sein, es soll ökumenisch sein und es soll nicht nur retrospektiv, sondern prospektiv sein. Wir wollten aber auch den Versuch unternehmen, Luther von den Wurzeln zu begreifen. Wir stellen ihn heute vielfach als den Held des Fortschritts dar und Teil unserer Geschichte. Aber es ist wichtig, ihn auch, wie das der Jenaer Theologieprofessor Volker Leppin tut, aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeit heraus zu verstehen.

2017 geht es um 500 Jahre Thesenanschlag. Seit Jahren wird die Frage diskutiert: Hat er nun oder hat er nicht.
Rhein: Ich bin sogar sicher, dass es den Thesenanschlag gegeben hat. Das Zitat von Georg Rörer, Privatsekretär zu Lebzeiten Luthers, ist für mich ein starkes Argument. Er schreibt, dass die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Kirchen angeheftet worden sind. Letztlich kommt es natürlich auf den Inhalt der Thesen an. Der Glaube an den Thesenanschlag ist im Übrigen keine Einstellungsvoraussetzung bei uns (lacht). Ein Argument dafür ist die Tatsache, dass er erst sehr viel später inszeniert und monumentalisiert wurde. Ich will jedenfalls dafür werben, 2017 an den Thesenanschlag zu glauben. Egal, ob das Thesenpapier mit einem Nagel oder mit Wachs an der Schlosskirche angebracht worden ist.

Das offizielle Reformationsjahr beginnt in knapp 10 Monaten. Wie weit sind die inhaltlichen und realen Baustellen fortgeschritten?
Rhein: Da hat jeder sein Päckchen zu tragen. Wir als Stiftung Luthergedenkstätten müssen erst mal das Augusteum fertig bauen, den Ort für die nationale Sonderausstellung. Wir werden in diesem Jahr in den USA präsent sein. Mit »Here I stand!« wollen wir in New York, Minneapolis und Atlanta für Luthers Land in Mitteldeutschland werben. Zum ersten Mal werden dabei wertvolle Exponate der Reformationszeit ins Ausland gehen.

Die Vorbereitungen hier müssen natürlich auch weiter gehen. Wir wollen zum einen den jungen Luther darstellen, wie er existenziell um die reformatorische Botschaft gerungen hat. Und wir machen ja noch einen zweiten Teil, in dem wir 95 Menschen vorstellen, die auch in ihrer eigenen Existenz davon angesprochen worden sind. Wir zeigen Menschen, die sich vom 16. bis ins 21. Jahrhundert von Luther inspirieren ließen. Thomas Mann oder Wilhelm der II. und andere. Damit sind wir im Moment befasst.

Darüber hinaus müssen in Wittenberg ganz praktische Fragen geklärt werden: Parkplätze, Ausschilderungen, wie können Mitarbeiter von Gastronomie und Hotellerie geschult werden? Diese kleine Stadt bereitet sich immerhin auf die Welt­ausstellung der Reformation vor. Ich habe gestern einen Anruf aus Südkorea bekommen. Der Bischof will mit allen Pastoren nach Wittenberg kommen. 20 Prozent der Südkoreaner gehören einer protestantischen Kirche an.

Es ist auf jeden Fall ein kirchliches Ereignis. Aber es wird auch ein stark kulturelles Ereignis werden. Darauf kann man sich, glaube ich, auch freuen.

Besucher im Überblick
Insgesamt konnte die Stiftung 154417 Gäste in ihren fünf Museen begrüßen, eine Steigerung zum Vorjahr:
Luthers Geburtshaus, Eisleben 24505; Luthers Sterbehaus, Eisleben 18021; Luthers Elternhaus, Mansfeld 6545; Lutherhaus, Wittenberg 85670; Melanchthonhaus, Wittenberg 19676.
Die Landesausstellung »Cranach der Jüngere 2015« lockte über 150000 Besucher nach Wittenberg, Dessau und Wörlitz.

www.martinluther.de

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Baustelle Reformation”
  1. Matthias Schollmeyer sagt:

    Du aber, Wittenberg, wisse:
    Auf deinem wichtigsten Platz,
    dort, wo das Rathaus nach Süden zeigt,
    stehen zwei bronzene Riesen.

    Martin Luther und Philipp Melanchthon
    Denkmale stifteten einst
    vermögende Götter der Stadt.
    Und, wo Denkmale stehen,
    sammelt das Volk sich gewöhnlich.

    Reisende machen Fotos,
    Heide knipst Jürgen
    Dieter die Silke mit Luthern.
    Auch aus Amerika kommen die Leute,
    Japan entsendet Neugierige her.
    Ohne Worte dulden die beiden
    Geschnatter, Witz und gelehrte Bemerkung.

    Abends aber, wenn milde Kühle
    die leeren Gassen befällt,
    sitzt hier die alles befragende Jugend
    zu Füßen der schwarzen Giganten.
    Bei Luthern die Glatzen mit Runen
    an Wange und Stirnen,
    Melanchthon aber wählen die Linken,
    Buntschopf und Hunde sind ihre Zeichen.

    Die letzten Gebildeten Deutschlands,
    rüstige Rentner auf Reisen,
    bestiegen längst ihre Busse.
    Die gleiten zurück nach der Heimat.
    Stuttgart und München – A9.
    Auf ihren Schädeln erzittern, schau,
    die zierlich gefärbten, spärlichen Locken.
    Vom Schütteln der Köpfe …