Die Kirche sei »reformiret«

21. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Vor 400 Jahren wurde in Anhalt-Bernburg eine neue Kirchenordnung erlassen


Im Jahr 2017 feiert die Welt 500 Jahre Reformation. Das Ringen um die Rechtmäßigkeit des Glaubens in den darauffolgenden Jahrhunderten trug verschiedene Früchte. Eine davon war Anhalts dritter Weg.

Seit den 1520er Jahren entstanden im Deutschen Reich erste evangelische Gemeinden in den Städten. Alsbald lösten sich eigenständige Kirchen unter Führung der Fürsten von der Bischofskirche ab. Beide, Staat und Kirche, arbeiteten seither Hand in Hand an der Durchdringung der Gesellschaft mit konfessionellen Symbolen, Ritualen und Ideen. Bis heute kann man infolge dieses Prozesses, den Historiker Konfessionalisierung nennen, Deutschland in evangelische und katholische Gebiete unterteilen.

Doch aus der Rückschau erscheint manches simpler, als es war. 1517 bedeutete nicht einfach »Aus eins mach zwei«. In Gang gebracht wurde ein Ringen um die Rechtmäßigkeit des Glaubens, die Auslegung der Bibel und deren Folgen für Kirche und Menschen. Vieles schien möglich, und manche Gruppen, die sich »evangelisch« nannten, vertraten andere Ansichten als Luther. Viele von ihnen wurden in die Unbedeutsamkeit abgedrängt. Die Konfessionalisierung kannte aber neben einer sich auf Luther berufenden und der katholischen immerhin noch eine dritte Konfession.

Das Bernburger Renaissanceschloss wird auch als »Krone Anhalts« bezeichnet. Eine kleine Burg befand sich an dieser Stelle schon im zehnten Jahrhundert. – Foto: Engelbert Pülicher

Das Bernburger Renaissanceschloss wird auch als »Krone Anhalts« bezeichnet. Eine kleine Burg befand sich an dieser Stelle schon im zehnten Jahrhundert. – Foto: Engelbert Pülicher

Diese wurde auch für die anhaltischen Fürstentümer zentral. Von ihr ausgehend entwickelte sich hier eine theologische, liturgische und verfassungsmäßige Eigentradition, auf deren Grundlage sich die Evangelische Landeskirche Anhalts bis heute von ihren Nachbarn unterscheidet.

Zwar gehörten die größeren anhaltischen Städte und die Fürsten seit den 1520/30er Jahren zu Vorreitern der Reformation nach Wittenberger Prinzipien. Doch Mitte des Jahrhunderts dominierten hier Theologen, die sich gerade nicht als »lutherisch« verstanden. Eigenständig und unter Bezug auf Melanchthon näherte man sich hier jenem Lager an, das seine Wurzeln in den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin und seinen politischen Rückhalt in der Kurpfalz hatte. Dort bekannte man sich 1563 durch die Veröffentlichung des Heidelberger Katechismus offen zu dieser Theologie.

Der Übergang Anhalts zu dieser Konfession vollzog sich in zwei Schritten: Seit 1596 setzten die Fürsten unter Federführung Johann Georgs I. ein »Reformationswerk« in Gang. Hier wurden tiefgreifende Änderungen der Symbole und Rituale vorgenommen. Zum Beispiel wurden die Bilder und Altäre aus den Kirchen entfernt; stattdessen stellte man schlichte Tische in den Chorräumen auf. Künftig war im Gottesdienst auf Chorröcke, Stolen und Messgewänder zu verzichten, ebenso auf Altarlichter. Beim Abendmahl sollte keine Mundkommunion mit Hostien stattfinden. Stattdessen sollte Weißbrot gebrochen und von den Kommunikanten selbst zum Mund geführt werden.

Hier lag das entscheidende Problem: Die Vorstellung der Lutheraner, Christus sei »in, mit und unter« dem Brot in seiner menschlichen Natur materiell präsent, konnte man nicht mittragen. Aus Sicht der Reformer, die eine ›Verzauberung‹ der Abendmahlselemente durch Gesten und Symbole ablehnten, war es ein pseudokatholischer Glaube, zu meinen, im Brot komme der Leib Christi zu einer »wesentlichen leiblichen Gegenwart«.

Der zweite Schritt folgte 1606: In »Continuierung des Reformationswerks« führten die Fürsten Christian, Johann Georg, Ludwig und Rudolf die Pfälzer Kirchenagende ein. Sie sollte die Gleichförmigkeit der Liturgie im Land gewährleisten. Außerdem schrieben sie anstelle des Lutherischen den Heidelberger Katechismus als Lehrbuch vor. Kirchenordnungen 1606 und 1607 bestätigten diesen Schritt.

Im Oktober 1616 wurde in Anhalt-Bernburg dann eine neue Kirchenordnung erlassen. Darin war zu lesen, dass die Kirche des Landes »mit Einführung der churpfälzischen Kirchenagende reformiret ist«. Nach dem Selbstverständnis der Theologen und Kirchenbeamten waren die Veränderungen seit 1596 eine echte »Reformierung« des Lebens auf der Basis der seit 1517 verbreiteten evangelischen Ideen. Doch erst im Westfälischen Frieden von 1648 wurden die Kirchen, die einen solchen Prozess durchliefen, als »Religionspartei« mit dem Begriff »reformiert« auch wirklich anerkannt.

In der Tat war aber die »Reformierung« vor 400 Jahren in Anhalt noch im Gange: Die Untertanen fügten sich nicht ohne weiteres; viele entwickelten in dem Moment, als ihnen die traditionelle evangelische Liturgie genommen wurde, eine eigene, lutherische Identität. Anhalt wurde daher in den kommenden 300 Jahren vor allem vom Mit- und Gegeneinander der Luthe­raner und Reformierten geprägt. Seit 1820/27 gab es eine Union – weswegen sich die Kirche bis heute als uniert versteht – so nahe an Wittenberg, aber doch so anders.

Jan Brademann

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