Staunen und Zweifeln

23. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Lobpreis ist Geschmackssache. Das Lob Gottes kann auf unterschiedliche Weise geschehen, »mit Herzen, Mund und Händen«. Ad libitum, nach Belieben. Ich gebe zu, wenn der moderne Lobpreis-Kehrreim nicht mehr enden will, dann nervt mich das sehr schnell. Da lobe ich mir die Choräle, die Anfang und Schluss haben. Aber so ist das eben mit den Geschmäckern und der Vielfalt.

2003 stand die evangelikale Veranstaltung »ProChrist« unter dem Motto: Unglaublich – zweifeln und staunen. Hauptredner, wie schon in den Jahren zuvor und danach, Pfarrer Ulrich Parzany. Ich staune. Parzany hat sich jüngst zum Bewahrer des rechten Bibelverständnisses aufgeschwungen. Dabei geht er nicht nur die evangelischen Kirchen an, sondern fährt auch dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener, über den Mund. Der hatte in einem Zeitungsinterview eine selbstkritische Reflexion angemahnt und liberalere Positionen für bedenkenswert erachtet.

Gerade die Gebetswoche steht nach Aussage der Evangelischen Allianz für die Einheit in Vielfalt. Christliche Kirchen unterschiedlicher Prägung beteiligen sich daran. Auch Parzany war einst Teil dieser Bewegung. War, denn jetzt will er Gleichgesinnte im »Netzwerk Bibel und Bekenntnis« vereinen. Ich zweifle. Ist es das, was wir jetzt brauchen? An der Gemeindebasis erlebe ich anderes. Beim Abschlussgottesdienst der Allianzgebetswoche in der Weimarhalle feiern und beten Christen evangelischer und katholischer Kirchengemeinden, der Freikirchen und der russisch-orthodoxen Kirche gemeinsam trotz aller Unterschiede. Das wirkt ansteckend. Und am Ende reißt mich sogar der Lobpreis vom Sitz, passend zum Motto: »Das muss gefeiert werden.«

Willi Wild

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Reaktionen unserer Leser

15 Lesermeinungen zu “Staunen und Zweifeln”
  1. Leser sagt:

    Lieber Herr Wild,
    warum dreschen Sie gleich so “wild” auf Ulrich Parzany ein?
    Ein wenig mehr Sachverstand und Differierung stände Ihnen besser zu Gesicht.
    Ansonsten hätten Sie vielleicht das “Kommentiern” sinnvoller Weise ganz gelassen?

  2. Der alte Pfarrer Leberecht Gottlieb hatte sich mit Mathematik, Astronomie, Philosophie abgemüht – mit Sozialwissenschaften und Anthropologie beschäftigt. Warum? Um trotz allem frommen Lobpreis der Theologie gewachsen zu bleiben! Und die hatte er dann auch sein Leben lang studiert, mit Ausdauer und durchaus heißem Bemühen. Philologie sowieso, um die Gründungsurkunden seiner Kirche verstehen zu können auch das Griechische, Latein und lieblichstes Hebräisch mit einem bisschen Syrisch. Sanskrit und gutes altes Schriftdeutsch dazu, versteht sich. Gottlieb hatte gelesen und gelesen, eine Brille gekauft und weiter gelesen. Eine stärkere Brille anschaffen müssen. Und selber geschrieben, damit all die wertvollen Früchte auch zur Verfügung stünden für diejenigen, welche einen anderen Weg gegangen waren.

    Und nun das. Ein paar Leute waren da gekommen. Verwaltungswissenschaftler von Haus aus. Hanswürste. Berater aus dem westlichsten Abendland im Bunde mit denen, die sich immer schon besonders fromm dünkten, hatten in Hauskreisen, Peergroups und allerlei Netzwerken zusammengehockt und miteinander beschlossen, den schönen Beruf des Pfarrherrn Leberecht Gottliebs zu zerstören. Hatten untereinander geeifert und getagt, hatten einen Plan ersonnen, das Berufsbild des Pfarrherrn erst langsam auszuhöhlen, dann fein säuberlich zu demontieren und abzutragen, um zum Schluss die verbliebene Ruine von selbst einstürzen sehen zu können. Helfershelfer fanden sich schnell unter denen, die, vom Selbsthass zernagt, schon immer einmal andere so richtig belehren wollten. Menschen und Menschinnen, die offenbar kein zu Hause hatten, jener Typ potentieller Missionar auf der Obstkiste, Menschen mit Sendungswahn waren gekommen und nicht wieder gegangen. Und siehe, viele Frauen entdeckte Gottlieb in dieser Schar; dem heimischen Herd und dem langweiligen Ehemann wollten sie entfliehen – und sich dafür einen spirituell vorzeigbaren Grund einreden.

    Der ehrenamtliche Prediger und die ehrenamtliche Predigerin zählten nicht dazu. Die sind ja nichts Schlechtes. Wir sollen alle das Wort der frohen Botschaft zum Thema machen, denkt Leberecht Gottlieb. Aber hier nun ward etwas erfunden, zuerst auf dem Papier entworfen und dann (wie es hieß) mit dem Segen der Amtskirche als Leitbild auf die harmlosen Gemeinden losgelassen worden. Und diese neugebackenen Ehrenamtlichen machten ihre Sache nicht schlecht. Sie hatten den Ballast tiefgehender Bildung nicht im Rucksack und fanden sofort und ohne viel Umstände Sympathie beim Gemeindevolk. Wie konnte der HERR das zulassen?

    Die Neuen vermieden über all das zu reden, was im Laufe der vergangenen Jahrtausende offengeblieben war. Nicht geklärt worden war, seit in den erhabenen Wandelgängen der Akademie ehrfurchtsvoll versucht worden war, von Gott zu sprechen bzw. von dem Rätsel, das mit diesem kleinen Wort markiert wird, qualifiziert zu schweigen. Zum Beispiel waren da die Metaphysik der Tatsachen, die Theorien über Erkenntnisformen, die Gottesfrage überhaupt und die Frage, wie denn die Ethik überhaupt zu begründen sei. Der Neue (und die Neuin) vermieden es aber, darüber zu schwadronieren, weil sie gar nicht wussten, dass es diese Dinge als hoch zu schätzende Betätigungsfelder des Geistes überhaupt gab! Sie hatten davon nie etwas gehört, sondern mussten sich mit ganz anderen Sachen im Leben herumschlagen. Wo denn auch sollten sie davon etwas Erfreuliches vernommen haben? Hörten sie doch einmal davon, meinten die Prediger*innen neuen Typus sogar, es sei und mache einen selbst schlecht, im Blick auf diese schwierigen Dinge Gedanken zu verschwenden, schlichte Gemüter damit zu peinigen und deren Gewissen zu konfusionieren. Die Neuen konnten sich dabei auf ein kirchlich autorisiertes mit frenetischen Farbfotos ausgestattetes Schrifttum berufen, das in Heftchenform an die neuen Ehrenamtler verteilt wurde, so wie früher zu Leberecht Gottliebs Zeiten Heftchen mit depressiven Schwarzweiß-Bildern verteilt worden waren. Die entsprechenden Texte wurden von einer aus dem Kirchenamt outgesourcten supergegenderten Autor*innengruppe verfasst. Die illustre Gruppe war von der Synode zu diesem Zweck berufen, eingesegnet und zugerüstet worden. Hatten sich in der Reformationszeit bereits auch nicht allzu filigran gestrickte Geister immer schon hie und da ins theologische Gespräch eingemischt, so geschah dasselbe jetzt mit noch mehr Abstand zum ruhigen Sachverstand. Berufserfindungen waren bald an der Tagesordnung und man überbot sich damit gegenseitig. Gemeinde wurde jetzt richtig neu gedacht. In der Retorte verzweifelter Visionen wurde der Gemeindebotschafter und die Gemeindebotschafterin gezeugt, und in einem Monat (verteilt auf drei Jahre) waren sie ihren gläsernen Inkubatoren entschlüpft – sie bekamen ihren Vorhalt am Altar zu hören und bestätigten ihn mit „Gottes Hilfe“. Der Familienwalker war das nächste Exotenexemplar. Dann der Problemagent, die Frauenvertrauensfrau und die Genderwartin. Alle diese neuen Mitarbeitenden bekamen ihre Anstellungsverträge auf Zeit und mussten natürlich bezahlt werden. Das geschah über Projektgelder, die aus Fonds freigelenkt wurden. Die Projektgelder wurden durch Foundingspecialcompaigner beantragt und ihre richtige Verwendung durch zusätzlich angestellte Kirchenbeamte evaluiert. Der ganze Unsinn (so nannte das Leberecht Gottlieb bei sich selbst – können wir ihm das verzeihen?) wurde dokumentiert, bewertet und pausenlos in grafisch anspruchsvollen handouts ediert, so dass Papierkörbe und Mailaccounts der versuchsweise noch ernsthaft arbeiten wollenden Pfarrdienstleistenden vom Müll solcher Nachrichten regelmäßig überquollen – und nur durch Sperrung der versendenden Mailadressen war Abhilfe zu schaffen.

    Leberecht Gottlieb hatte viele Kuriositäten der Kirchengeschichte kennen gelernt, er kannte die Historie des wandernden Wüstenvolkes in und auswendig. Aber was er in den ihm noch verbliebenen Jahren seines Amtes erfahren musste, ging, seiner Ansicht nach, wider die Natur.

    Deshalb entwarf er einen verzweifelt frohen Gegenplan. Es sollte seiner Meinung nach als feste Ämter in der Kirche nur noch den Pfarrherrn geben, den Diakon, eine Helferin und den Kirchenmusiker. Der Helferin kam dabei eine Schlüsselrolle zu. Leberecht Gottlieb wollte seine Faforiten mit schützenden Avataren umgeben, damit sie eine Chance hatten zu obsiegen. Es würde schon gelingen, das Rad mit Gewalt zurückzudrehen. Aber sicherheitshalber wollte Leberecht seine geistigen Schöpfungen erst einmal erst einmal gegen die Familienwalkerin, Lobpreisagenten und die anderen Chimären virtuell antreten lassen. Er wählte als Kampf-Arena das Sonett. Oder sollte er sich doch lieber wieder auf den Knittelvers verlegen? Der Lesbarkeit halber? Wie dem auch sei. Er wählte eine Zwischenform. Leset hier sein Opus:

    Singe vom Kampf, o Muse,
    der verbliebenen christlicher Schar.
    Stärke sie mit der Fülle des Wohlklangs
    im Streit gegen der Sitten Verfall.
    Es hatte einst der allgütige Gott,
    nachdem er die Erde mitsamt den Himmeln
    erschaffen, und fest gegründet das Leben
    auf allerlei ewigen Weisungen,
    einen besonderen Liebling inmitten der Werke,
    die alle von seiner Hand abstammten,
    oder aus seinem Plan einst entsprossen.
    Und das war die christliche Kirche.
    Am Anfang eigentlich nur gedacht
    für besonders kluge und gütige Menschen
    breiteten diese alsbald ihre Botschaft
    Gehorsam aus auf dem Rund der barbarischen Erde.
    Denn alle sollten hören,
    das Wort von dem freundlichen Gotte,
    „Christus“ genannt seit frühesten Zeiten,
    und „Jesus“ von seinen Eltern gerufen,
    Ein Kind, ein Jüngling, der Lehrer, ein Meister
    und Retter der Menschheit.
    Und siehe, die Kirche blühete auf
    und verkündet die Botschaft bis heute.
    Säuglinge wurden getauft
    und in die Wasser des Heils eingetaucht.
    Jüngling und Jungfrau erhielten
    verständliche Weisung und froh machende Kunde
    über den Sinn in dem Leben
    und, dass das Sein reinem Nichtsein
    bei weitem vorzuziehen doch wäre.
    So wurden Taufe und Konfirmation
    zu ersten Gaben, welche die Kirche,
    die deswegen auch Heilige Kirche man rief,
    den Gläubigen schenkte
    und Nichtgläubigen darreicht -
    als freundliches Angebot gestern und immer.
    Das ärgert den Teufel tief drunten in finsterster Hölle.
    Er sinnet auf Ränke und fädelt mit Tücke
    den verderblichen Faden durch feinste Öre.
    Weil doch die Schrift sagt,
    es würden die Pforten des düsteren Ortes
    zu keinem Äon die Kirche besiegen,
    versucht der Versucher doch tausend Versuche,
    Jesus, den Bringer dieser Verheißung,
    ins Unrecht zu setzen,
    zum Lügner zu machen.
    „Nu, pogadi! Packen wir´s an!
    Let´s go und whats up!“
    In jeder Sprache ruft er Dir zu,
    und ermuntert sich selbst
    das Abenteuer zu wagen,
    um zu vernichten die Christengemeinschaft.
    Jedoch hat der Böse gar nicht gerechnet
    mit Leberecht Gottlieb, Pfarrer in Prätzschwitz,
    ein liebliches Städtchen, gelegen nah der Stadt Oschatz.
    Wein baut man dort an auf grünenden Hügeln,
    trefflich mundet ein fruchtiger Tropfen,
    stolz sind die Gärtner und nachgefragt wird
    der Menschen belebende Trank bei Alten und Jungen.
    Leberecht Gottlieb lässt sich nicht lumpen,
    mit Bibel und einem Gesangbuch aus Vorvätertagen
    tritt er dem listigen Teufel entgegen.
    „Bis hierher komme, o Böser,
    doch dann nicht mehr weiter,
    ich halte dich auf.“
    So lautet sein Wahlspruch.
    Da lacht der schlimme Feind aller Menschen
    und fährt hinauf nach dem Antlitz des Lichts,
    zu sehen, wer ihm die Stirne anbietet.
    „Leberecht Gottlieb, ein alternder Pfarrer
    zu Prätzschwitz im sächsischen Lande?”
    Der Böse, einst selber ein himmlischer Liebling
    und Gottes, den auch die Christen verehren,
    zusammen mit Israels wandernden Kindern,
    (Lucifer lautet sein gleißender Name)
    hohnlacht nun dem wackeren Geistlichen laut.
    Er fliegt noch weiter hinauf
    zu den Höhen des ewig uralten Vaters,
    der niemals von seinem Throne jemand entließ,
    ohne ihn gründlichst anzuhören.
    „Was trägst du vor?” so fragt er den Schwarzen
    “was birgst du im Fell dort beim wedelnden Schwanz?
    Hast du noch immer gar nicht genug?
    Willst du schon wieder verlieren?
    Gedenke doch Hiobs,
    wenn du mir nahst wegen Leberecht Gottliebs.
    Er ist und er bleibt mein getreulichster Knecht.“

    So also dichtete Leberecht Gottlieb und versuchte, auf seine Weise, dem nicht aufzuhaltenden Verfall in seiner Kirche etwas entgegen zu setzen. Er scheiterte elend. Die Neuen waren stärker als er. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf … Die Pforten der Hölle schlugen über Leberecht Gottliebs Zeiten zusammen. Denkt er … Aber eigentlich lachte man ihn nur gründlich aus. Mehr geschah ja gar nicht. Aber für ihn schienen es die triumphierenden Torflügel des finstern Ortes zu sein, die über sein Haupt kamen. Und da kann man ihm nun nicht helfen …

    von Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

  3. Leser sagt:

    Meinten Sie diesen: http://www.deutsche-biographie.de/sfz9022.html
    oder den Chemnitzer?
    Nein, ehrlich, eine schöne Fabel!

  4. @ “Nein, ehrlich, eine schöne Fabel!”
    Ja, – Danke! Das finde ich auch, lieber Leser. Eine Fabel meint im Allgemeinen eigentlich niemanden. Sondern derjenige, der die Fabel liest, merkt, dass er gemeint ist. Gleichzeitig ist genau das auch der Beweis dafür, ob er den Text verstanden hat. So etwa.

  5. Leser sagt:

    Manchmal sind aber Fabeln so allgemein gehalten und “niemand meinend”, daß man den Eindruck hat, daß sie gegen alles und jeden gerichtet ist und daher sehr unklar in ihrer Aussage bleibt!

  6. Matthias Schollmeyer sagt:

    Im Gegenteil. Fabeln sind FÜR alle geschrieben. Und nicht gegen jemanden. Das ist der Sinn des Allgemeinen.

  7. Leser sagt:

    Es ist ja schön, wenn Sie Fabeln für alle schreiben.
    Sollte man aber nicht trotzdem erkennen können, was Ihre Sicht der Dinge ist. Das kann man, meiner Meinung nach sehr schlecht, wenn Sie nach beiden (allen) Seiten “auskeilen”!

  8. Mein fabelhafter Beitrag bezog sich ja auf jene Parzany-Diener-Debatte, welche durch Willi Wild in G&H thematisiert worden, und von Ihnen, lieber Leser, kommentiert worden ist. In dem Text von Willi Wild kommen u.a. seine ambivalenten Gefühle zum Thema Lobpreis-Frömmigkeit zum Ausdruck. Willi Wild findet dann am Ende aber eine Art versöhnlichen Ausgang. Es hat ihn bei einem dieser Prayer-Songs dann doch vom Hocker gerissen. Musik vermag bekanntlich viel – wohingegen theologische Debatten am Ende oft nicht immer in einen harmonisch formulierten Lehrentscheid münden können, sondern (zumal bei uns „Evangelikalen Protestanten“) dazu führen, dass man die nicht deckungsgleichen Positionen genau benennt – und (wenn es denn geht) sich gegenseitig irgendwie zu achten versucht. Nun, lieber Leser, Sie schreiben, ich würde nach beiden Seiten „auskeilen“. Dabei hatte ich mir viel Mühe gegeben, mich nach beiden Seiten zu verbeugen! Es geht ja nicht um Keile, sondern darum, dass man die Mühen der anderen erkennt – und irgendwie auch anerkennt.

    Schauen Sie, der alte sächsische Pfarrer Leberecht Gottlieb. Das ist tatsächlich so eine Art „Parzany-Typ“. Der müht sich im Weinberg des Herrn seit Kindesbeinen an. Und – ist am Ziel doch enttäuscht, weil es nicht so gelaufen ist, wie er dachte, dass es hätte laufen müssen. Der Genderquatsch, die vielen neuen künstlich anmutenden Berufserfindungen, das geht ihm alles mächtig auf den Senkel. Wir können ihn verstehen. Da hat er Bücher geschrieben, nachdem er qualifiziert studiert hat, hat sein ganzes Leben missioniert – und nun fallen ihm die eigenen Leute in den Rücken. Das Kirchenamt (wir haben ein sehr, sehr gutes in der EKM!) fördert seine vermeintlichen Gegner, finanziert sie sogar – und man lässt seinen pastörlichen Lebensbereich austrocknen. Das ist natürlich tatsächlich mit einer gewissen bitterbös-satirischen Attitüde geschrieben. Wie soll man das anders denn machen? Leberecht Gottlieb soll sich ja wiederfinden, wenn er es liest. Die Wirklichkeit ist natürlich ganz anders. Leberecht kann sie aber nicht mehr wahrnehmen. Das ist ja das Tragische. Am Ende schauen wir meistens nur zu, wie alles anders ist, als wir dachten.

    Schauen Sie weiter. Da sind dann diese Neuen und die Neuinnen. Ihnen soll angeblich die Zukunft gehören. Sie haben von Theologie nie nix was Richtiges gehört und noch weniger verstanden. Sie verkörpern aber diejenigen, von denen eine große Kraft ausgeht. Theologische Debatten werden ja auch dadurch gelöst, dass die ihnen zu Grunde liegenden Probleme eines Tages überhaupt nicht mehr auftauchen, – und das, weil sie nicht mehr verstanden werden (die Zeit ist eine andere geworden). Diese Neu*innen verkörpern einen anderen Mitarbeitertyp. Man hat vor denen keine Angst und keinen Respekt mehr, weil sie den Archetyp des mächtigen, weisen aber auch zürnen könnenden Vaters nicht mehr bedienen. Das sind jetzt völlig andere Leute, die den Karren voranbringen. Ihnen fliegen die Sympathien der Masse zu. Wie lange sie wohl durchhalten? Ulrich Parzany, Pardon! Leberecht Gottlieb meine ich, ahnt, dass der HERR ihm in den Neu*innen große Widersacher hat erstehen lassen wollen. Wa soll er dagegen tun? Nichts. Er wendet sich in einer Art gebildeter Meditation nach Innen und ruft die Musen an, jene Diener Gottes, die den ästhetischen Geist beflügeln helfen. Dann skizziert er mit deren Hilfe ein geistliches Schlachtfeld auf dem Hintergrund der Hiobs-Wette. Nebenbei schreibt er für sich selbst zur Erbauung eine Laudatio auf die Kirche (wie er sie versteht) und deutet an, wie er im Begriff ist, der Meinung sich zuzuneigen, dass der Widersacher es sein muss, der die Neu*innen ins Rennen führen darf. Der HERR selbst scheint ihm auch darin Recht zu geben, denn ER deutet an, dass auch dieses Mal (im Falle Leberechts) Satan scheitern wird, wie seinerzeit schon bei dem Mann aus Uz. Das ist sehr biblisch gedacht, und insofern ProChrist. Die Regenbogenmenschen sind übrigens absichtlich nicht mit in der Fabel erhalten, da sie kein Problem darstellen. Zumal werden die, bei weiterer Ablehnung durch wen auch immer, irgendwann sowieso das Feld räumen, um sich anderen sozialen Gruppierungen anzuschließen, wo sie nicht ständig beleidigt werden. Das wird machen freuen, ob es für die Kirche gut ist, weiß ich nicht!

    Also lieber Leser, – ich hoffe, dass ich in Hinsicht einer Erklärung der Kräfteparallelogramme in der Fabel um Leberecht Gottlieb und die Neu*innen Diener war und verbleibe mit großem Interesse an Ihrem Klarnamen.

    Matthias Schollmeyer (Pfarrer in Zahna)

  9. Leser sagt:

    Ach wissen Sie, Herr Schollmeyer, Sie machen sich sehr viel Mühe, zu verbergen, wie und wo Sie in der Sache stehen!
    Um Ihnen meinen Klarnamen zu verraten, “kennen” wir uns noch zu wenig und außerdem würde ich andere Wege dafür suchen, als diese Öffentlichkeit.
    Dazu habe ich schon zuviele negative Erfahrungen hinter mir, auch in in anderen christlichen Medien!
    Wenn ich Sie mit Joachim Grüße, weiß zumindest einer hier ab und zu Mitschreibender über mich Bescheid!

  10. Noch einmal. Zuerst – ich kenne mich im Milieu selbsterklärter bibeltreuer Kreise nicht aus. Ich habe weder das Idea-Spektrum abonniert, noch ist die ProChrist-Welt und die Alliance mein Herkunftsmilieu, so dass ich dieses Defizit sofort ausgleichen könnte. Deshalb wage ich auch nicht, Vermutungen darüber anzustellen und Standpunkte einzunehmen, wer von beiden, Parzany oder Diener mehr Recht hat. Mich hier zu positionieren, – das könnte nur falsch sein. Ich versuche aber, das Feld der Kämpfe von außen interessiert zu betrachten.

    Und dabei möchte ich gern durchblicken lassen, wie ich sie alle glaube ganz gut verstehen zu können, die da um den rechten Glauben sich streiten, sich deshalb im anderen selbst verletzten – und sind es doch alles Leute, die eine große Gemeinsamkeit haben. Nämlich den Fehler, den sie machen. Dieser Fehler ist m.E. die unerbittliche Aufforderung an andere, innerhalb falscher Alternativen klar Stellung beziehen zu müssen. Da möchte ich eigentlich nicht mitmachen.

    Mein Herz schlägt natürlich für den alten Pfarrer Leberecht Gottlieb. Er ist mein Favorit. Der Pfafforit eben … Aber ich verstehe auch das Kirchenamt, das nicht sang- und klanglos zusehen darf, wie das Alte nicht mehr geht. Und ich bereue es tatsächlich: Ich hätte eben in die Fabel doch noch diese Passage einbauen sollen, die ich jetzt schnell nachschiebe. Die Variante, wo ein junger dynamischer Praktikant beim Kirchenamt ein geniales Kirchensanierungsprojekt vorschlägt. Und Gehör bei den Verantwortungstragenden findet. Oder noch besser: Zwei Praktikantinnen mit Migrationshintergrund aus dem Magreb.

    Diese beiden jungen Frauen erleben das Christentum in Deutschland als enorme Befreiung ihres persönlich religiösen Lebens. Sie studieren in Jena Sozialwissenschaften und sitzen begeistert zu Füßen des Hamed Abdel Samad , haben alle seiner vier Bücher gelesen und kein Youtubevideo von ihm ausgelassen. Die beiden adaptieren nun in Thüringen das Christliche auf ihre Weise. Das heißt, der islamische Hintergrund wird zwar durch die Botschaft des europäisch verstandenen Juden Jesus inhaltlich total aufgesprengt, bleibt aber als kulturelle Kulisse natürlich immer weiter bestehen. Seidentücher, Düfte, Öllämpchen und orientalische Tonalität. Zum Beispiel. Die zweihunderttausend gebildeten männlichen Migranten, die jährlich bleiben dürfen (OT Seehofer!), nehmen natürlich dieses für sie als Kulturmoslems noch erkennbar reformierte religiöse Milieu ohne Weiteres an, treten in die Kirche ein (vgl. Taufen solcher Leute wie Heinrich Heine im 19. Jahrhundert) und zahlen in Folge nicht schlecht (Kirchen)Steuern, da sie fast alle im IT-Bereich leitend tätig sind. Das Christentum bleibt dabei echtes wirkliches Christentum (Chalcedon, Barmen etc.), aber sein Erscheinungsbild beginnt sich wahrnehmbar sehr zu verändern. Abendmahl nur noch mit Traubensaft, Umbau der Fastenpraxis, um nur Weniges zu nennen. Das Kirchenamt hat zwar am Anfang ein ungutes Gefühl, aber Leberecht Gottliebs Altersbezüge können weiter gezahlt werden. Das missfällt dem Alten natürlich nicht, aber die neuen Antependien am Altar schon. Er bockt, wird störrisch und schlägt aus. Weihnachten darf er als Emeritus in einem kleinen Dorf die Christvesper leiten – aber die meisten Leute gehen doch lieber zu den Neu*innen. Da ist mehr los. Schafe, Ziegen und neuerdings sogar auch Kamele beim Krippenspiel. Verstehen Sie, Joachim? Das ganze eine Art Michel Houellebecq – aber ohne Blut und Waffen. Waffen zu Flugscharen.

    Ich habe großes Mitleid mit Leberecht Gottlieb. Aber ich honoriere die zwei Praktikanntinnen aus dem Kirchenamt genauso wie den Alten, der eigentlich mein rechter spiritus rector ist. Weil, – nicht er (mehr), sondern diese beiden haben die äußerliche Gestalt der Kirche gerettet, wobei es natürlich große Kollateraldeformationen gab. Klar, – ist natürlich alles Quatsch. Weil seine Kirche rettet nur ER allein. Aber bedient ER sich dabei nicht nur der Parzanys und dessen Diener, sondern eben auch seltsamster anderer Personen. Davon ist die Schrift voll. Und da bin ich eben ganz bibeltreu …

  11. Leser sagt:

    Alles klar! Habe kein “Gesprächsbedarf” mehr!
    (P.s. Sehen Sie, wie gut es ist, nicht Jedem gleich zu vertrauen?

  12. … ich (und nicht nur ich) meine, es hat sich als sehr wertvoll herausgestellt, dass die Theologie in Deutschland im Hause der Wissenschaft verbleiben konnte, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Entwicklung des Wissenschaftsbegriffs (wenn auch manchmal mit Zähneknirschen) mitgemacht und sich den dadurch nötigen Veränderungen nicht entzogen hat. Wir sehen ja am Beispiel der historischen Entwicklung (bzw. Nichtentwicklung) z.B. des Islams von Anfang an ziemlich deutlich, was geschieht, wenn ein Bereich, der mit dem Denken zu tun hat, aufhört, auch über sich selbst und seine Voraussetzungen geordnet nachzudenken. Die Universitäten sind in Europa zusammen mit ihren älteren Schwestern, den Klöstern, Mütter unserer Kultur gewesen. Sind es immer noch als Urgroßmütter, die aus dem Himmel auf ihre Enkelchen achtgeben müssen. Deshalb sollte auch keine einzige Kirchengemeinden mehr, zur Brutstätte der Vorwissenschaftlichkeit verkommen. Aufpassen!!!

    Leberecht Gottlieb

  13. Leser sagt:

    Alles klar, keine Fragen mehrr

  14. Bodo Seidel sagt:

    feines Gespräch
    B.Seidel