Beten kann man lernen

25. Januar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Glaubenspraxis: Das Gebet ist Bestandteil vieler Religionen und die schnellste »drahtlose« Verbindung zu Gott


Einer Umfrage zufolge betet jeder sechste Bundesbürger regelmäßig. 31 Prozent beten gelegentlich und sechs Prozent tun es immerhin noch im Notfall.

Die Frage hat mich irritiert: »Musst du da immer beten?« Wir waren umgezogen. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich die Tochter des Pfarrers bin. Die Frage stand für mich nicht. Das war bei uns einfach so, Normalität. Vor dem Essen haben wir dem Herrgott gedankt und abends im Bett gebetet und ein Lied gesungen. Das mussten wir nicht. Es war selbstverständliches Ritual, das unsere Eltern mit uns lebten. Ich habe es beibehalten. Manchmal ist mir vorgeworfen worden, es sei doch nur Gewohnheit. Es ist aber eine gute Gewohnheit. Andere Rituale des Alltags stellen wir ja auch nicht infrage. Oder möchte jemand allen Ernstes täglich neu überlegen, wie er das jetzt macht morgens mit dem Aufstehen, Zähneputzen, Kaffeekochen? Es geht seinen Gang.

Heute bete ich öfter und anders. Aber die Gebetsrituale waren der Einstieg dazu, dass es eine Selbstverständlichkeit wurde. Von Jesus wissen wir, dass er sich immer wieder zurückzog, um mit Gott im Gespräch zu sein. Das haben seine Jünger erlebt und von ihm eine Gebetsschule erbeten. Er gibt ihnen zweierlei: den Hinweis, dass ihr Gebet nicht für die Leute ist, um gesehen zu werden. Sie sollen ganz für sich mit ihrem Gott und Schöpfer Kontakt aufnehmen. Zum anderen schenkt er ihnen das Vaterunser als ein Grundgebet, in dem die wichtigsten Lebensfragen zusammengefasst sind.

Fotos: robyelo357; Andrey Tovstyzhenko; Kailash Kumar; elmirex2009; sutichak – alle Fotolia.com

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Und wie können wir heute beten lernen, wenn wir mehr wollen als das Vaterunser und ein Tischgebet? Es gibt viele kluge Bücher darüber. Ich schlage aber ein Praktikum vor. Gehört haben wir schon viel über das Beten. Wir lernen es im Selbstversuch. Menschen beten äußerst unterschiedlich. Und jede Form kann uns einen wichtigen Hinweis geben. Ich versuche es mit einigen Tipps, an denen ich mich auch immer wieder abarbeite.

Für den Anfang sind das Vaterunser und das Tischgebet schon viel. Es bedeutet, regelmäßig mit Gott ins Gespräch zu kommen. Ich kann mit Gott reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wenn mir das aber schwer fällt, gibt es formulierte Gebete in Fülle. Ich finde sie im Evangelischen Gesangbuch und an vielen anderen Stellen. Die Psalmen der Bibel können Hilfe sein. Ich muss ja nicht gerade einen Klagepsalm beten, wenn ich fröhlich bin.

Ich muss in den ersten Praktikumstagen nicht gleich riesige Vorhaben bewältigen. Es ist gut, mit kleinen Schritten und kurzen Gebeten anzufangen. Die Regelmäßigkeit ist viel wichtiger. Die muss geübt werden. »Gebetshelden«, die täglich eine Stunde damit zubringen, dürfen uns nicht entmutigen. Beten ist ein Reden ins Schweigen. Ich bekomme von Gott selten eine unmittelbare, hörbare Antwort. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen und denke, ich schweife mit meinen Gedanken immer wieder ab. Auch da ist es nicht sinnvoll, sich Zwang anzutun. Hauptsache, ich bin andächtig vor Gott und begebe mich in seine Gegenwart. Den Rest kann ich getrost ihm überlassen. Er weiß sowieso, wie es um meine Seele bestellt ist.

Die Erfahrung lehrt, dass Gebet auch mühsam ist. Manchmal erleben wir es schön und erfüllend, manchmal ist es trocken und langweilig. Ein fester Ort und eine feste Zeit sind sehr hilfreich. Mit der Zeit kann das persönliche Gebet auch eine gewisse Geläufigkeit bekommen. Auch das muss ich nicht jeden Tag neu erfinden. Und wenn ich trotz guter Vorhaben scheitere? Dann ist es so. Ich kann jederzeit neu und anders beginnen. Gebet verändert. Wenn ich Arbeitsaufgaben bedenke, wenn ich Gott Menschen ans Herz lege, die mir Schwierigkeiten machen, dann hinterlässt das Spuren auch in mir.

Das Beste, was wir füreinander tun können, ist, dass wir einander Gott ans Herz legen. Und wenn wir den Dank nicht vergessen, tut es uns doppelt gut.

Christine Reizig

Die Autorin ist Landespfarrerin für Gemeindeaufbau in der Landeskirche Anhalts.

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