Übertragung in heutige Sprache

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Sachsen-Anhalt fördert die Wiederaufführung des Zerbster Prozessionsspiels

Genau 40 000 Euro umfasst der Zuwendungsbescheid, den der sachsen-anhaltische Kultusminister Stephan Dorgerloh am 12. Februar dem Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann (beide SPD) überreichte. Das Geld ist für die geplante Wiederaufführung des spätmittelalterlichen Zerbster Prozessionsspiels gedacht. Es sei ein historischer Moment, wenn man solch alte Tradition wiederbegründe, sagte der Minister bei der Übergabe in Zerbst. Nach allem was zurzeit bekannt sei, handele es sich bei dem Prozessionsspiel um das älteste im deutschsprachigen Raum, so Dorgerloh. 1480 findet sich die erste Erwähnung, 1521 wurde es zuletzt gezeigt.

Archivarin Juliane Bruder zeigt die Originaltexte des Zerbster Prozessionsspiels. Foto: Sebastian Siebert

Archivarin Juliane Bruder zeigt die Originaltexte des Zerbster Prozessionsspiels. Foto: Sebastian Siebert

Die Wiederentdeckung des Textes in den Zerbster Archiven im Jahr 2012 nannte er einen Glücksfall. Denn vor dem Reformationsjubiläum 2017 sei für Zerbst noch nach einer Möglichkeit gesucht worden, die Rolle, die die Stadt damals hatte, heute wieder sichtbar zu machen. Was ihn besonders im Antrag beeindruckt habe, den Dittmann in seinem Amt eingereicht hatte, sei die Argumentation, dass Zerbst das Prozessionsspiel damals geschenkt bekommen habe, weil die Zeiten unsicher seien und die Menschen etwas brauchten, das ihnen Sicherheit gebe. »Möglicherweise leben wir wieder in so einer Zeit, in der wir noch nicht wissen, was kommt«, sagte er. Vielleicht sei es deswegen gut, so ein Spiel aufzuführen. Zudem trage es auch dazu bei, das Wertefundament der Bibel, auf das sich viele zurzeit berufen, wieder genauer kennenzulernen. Möglicherweise sei es ein Prozessionsspiel, das sich weiterentwickelt.

Soweit denke der Bürgermeister noch nicht, gestand dieser. Zunächst wolle man sehen, dass die erste Wiederaufführung gelinge. Der erste Schritt, die Übertragung des Textes in die heutige Sprache, sei erfolgreich verlaufen. Jeder, der sich dafür interessiere, könne den Text nun leicht verständlich lesen. »Wir wollen das auch nicht eins zu eins übertragen«, sagte Dittmann, sondern an die heutige Zeit anpassen. Der Zeitplan sei ehrgeizig.

Das Spiel soll am Wochenende des Denkmaltages 2017 (8. bis 10. September) aufgeführt werden. Entgegen dem Brauch aus dem Spätmittelalter, bei dem die Zerbster Bürger an verschiedenen Orten die biblischen Szenen zeigten, soll das Spiel 2017 an einem Ort aufgeführt werden: in der Ruine der Nicolaikirche. Dort sollen Bürger aus der Einheitsgemeinde das Spiel zum Leben erwecken. Rund 82 000 Euro, so die Kalkulation, sollen für das Spiel verwendet werden. Hauptsächlich werden diese für die Bühne und Aufführungstechnik sowie für Werbung benötigt.

»Wir wollen beim Kirchentag in Wittenberg großformatig für das Spiel werben«, so Bürgermeister Dittmann. Denn nirgendwo sonst würden so viele Menschen aus der Zielgruppe an den Plakaten vorbeilaufen. Für Kostüme sei auch etwas Geld eingeplant, »aber da wir das Spiel ja in die heutige Zeit transponieren wollen, werden wir dafür vielleicht gar nicht viel Geld brauchen«. Die noch benötigte Summe soll über weitere Fördermittel, die beantragt sind, und über Spenden eingeworben werden.

Sebastian Siebert

Luther war hier. Und hier. Und hier.

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Tourismus: Eine digitale Route verknüpft mehr als 60 Lebensstationen des Reformators

Mehr als 60 Lebensstationen des Reformators verknüpft das Landesamt für Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt zu einer digitalen Tourismus-Route

Man könnte sich auch empören. Ein Plakat im Stile moderner Street-Art pappt an der ehrwürdigen Eislebener St.-Andreaskirche (Fotos rechts). Jener Kirche, in der Martin Luther nur drei Tage vor seinem Tod im Februar 1546 seine letzte Predigt hielt. Das Poster zeigt seine Silhouette, angelehnt an seine Handschrift umrahmt mit dem Schriftzug »Luther war hier«. Was auf den ersten Blick wie eine illegale Kunstaktion wirkt, ist ein hochoffizielles Projekt des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie und der Marketinggesellschaft Sachsen-
Anhalt.

Pfarrerin Iris Hellmich mit Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt beim Anbringen der Plakette an der St.-Andreaskirche in Eisleben. Fotos: Katja Schmidtke

Pfarrerin Iris Hellmich mit Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt beim Anbringen der Plakette an der St.-Andreaskirche in Eisleben. Fotos: Katja Schmidtke

Die Idee von Landesarchäologe Harald Meller: Die Orte im Kernland der Reformation zu vernetzen – für ein breites Publikum und so, dass man in der echten und der Internet-Welt auf Luthers Spuren wandeln kann. »Luther war hier« ist eine digitale Ausstellung, ein virtueller Rundgang durchs Land. Rund 60 Orte in 33 Städten und Gemeinden sind ausgewählt worden und tragen neben den prägnanten Street-Art-Plakaten nicht minder auffällige Metall-Plaketten mit dem Konterfei des Reformators und einem
QR-Code.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

Gescannt mit dem Smartphone öffnet sich eine Internetseite mit Informationen zum Bauwerk und zum Ereignis. Bilder und Zitate vervollständigen die kleine Zeitreise. Sie beginnt natürlich in Eisleben mit dem Geburtshaus des Reformators und endet auch dort. Gleich drei Plaketten sind in diesem Februar angebracht worden: neben der Andreaskirche als Luthers letztem Predigtort auch an den beiden Sterbehäusern. Denn beim Museum Sterbehaus – vis-à-vis zur Kirche – handelt es sich neuen Forschungen zufolge nicht um den authentischen Sterbeort. Jener befindet sich dort, wo heute das Hotel »Graf von Mansfeld« steht. Auch darüber informiert die Homepage, die über die Plakette erreicht werden kann.

Foto: Katja Schmidtke

Foto: Katja Schmidtke

»Eisleben ist natürlich reich an Luther-Orten. Insgesamt sechs Stationen haben wir für ›Luther war hier‹ eingerichtet«, sagt Jan Scheunemann vom Landesdenkmalamt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Kerstin Bullerjahn hat er Material zusammengetragen, ausgewertet und aufgearbeitet. Eisleben, Mansfeld oder Wittenberg sind dabei freilich die bekanntesten Stationen. Spannend, weil oft legendenumwoben, sind aber gerade die kleinen und weniger bekannten Orte: etwa die Doppelkapelle in Landsberg, in der Luther auf seiner letzten Reise von Wittenberg nach Eisleben im Januar 1546 übernachtet haben und sich auf einer Blut schwitzenden Marmorsäule verewigt haben soll. Oder der Lutherstein mitten in der Dübener Heide. Hier soll der Reformator im Juli 1519 gepredigt haben; im Felsblock lässt sich bis heute eine Inschrift erkennen: »D.M.L. Eine feste Burg ist unser Gott«. Im 16. Jahrhundert wohl seine Art zu sagen: Luther war hier. Nun können Handynutzer den Stationen folgen, jenen der Wahrheit und der Dichtung.

Katja Schmidtke

Frauen, die sich nicht verstecken

29. Februar 2016 von redaktionguh  
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Persönlichkeiten: Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt und Superintendentin Beate Marwede machen Mut, beherzt Möglichkeiten auszuloten

Als Kristina Kühnbaum-Schmidt 2013 das Amt der Regionalbischöfin des Propstsprengels Meiningen-Suhl übernimmt, unterschreiben drei Frauen die Einladung zu ihrer Einführung: die Landesbischöfin, die amtierende Präses der Landessynode und die Präsidentin des Landeskirchenamtes. Ihr neuer Arbeitsbereich, der Süden Thüringens, hat aber selbst in der frauenfreundlichen EKM eine Sonderrolle: Kristina Kühnbaum-Schmidt ist die einzige Regionalbischöfin der Landeskirche, zwei von insgesamt nur acht Superintendentinnen der EKM sind in ihrem Propstsprengel tätig. Beate Marwede, die seit 2011 den Kirchenkreis Meiningen leitet, ist eine von ihnen. Warum sie sich trauten in das Amt, erzählen die beiden im Interview.

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Superintendentin Beate Marwede und Pröpstin Kristina Kühnbaum-Schmidt. Foto: Susann Winkel

Ist es in Ihrem Berufsalltag noch ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Kristina Kühnbaum-Schmidt (KKS):
Mit Marita Krüger hatte ich eine Vorgängerin, die eine sehr präsente Pröpstin war. Daher habe ich es von Anfang an als völlig unstrittig erlebt, dass eine Frau dieses Amt wahrnimmt.
Beate Marwede (BM): Im Konvent, im Kirchenkreis und in der Öffentlichkeit wird das als etwas völlig Normales verstanden. Mir begegnet auch nicht, dass ich als Frau in dieser Position infrage gestellt bin. Nur manchmal, wenn ich außerhalb der EKM bin, sind die Menschen dann doch erstaunt.

Sind Frauen in Leitungspositionen auch in der übrigen EKM selbstverständlich?
KKS:
Zu Beginn war ich im Bischofskonvent neben der Landesbischöfin die einzige Frau. Mittlerweile ist durch die Senior des Reformierten Kirchenkreises, Dr. Jutta Noetzel, noch eine Frau hinzugekommen. Das macht schon etwas aus, ohne dass ich genau beschreiben könnte, was das ist. Wir sind eine Kirche, die zeigt, dass sie ein Interesse daran hat, dass Frauen in Leitungspositionen und Repräsentationsämtern sind. Und sie tut auch viel dafür.
BM: Dieser ausdrückliche Wunsch nach Frauen in Leitungsämtern war ein Motiv, warum ich mich in der EKM beworben habe. Für das Superintendentenamt im Kirchenkreis Meiningen standen der Kreissynode drei Frauen und ein Mann zur Wahl.

Warum trauen sich dennoch so wenige Frauen, sich zur Wahl zu stellen? Derzeit gibt es 37 Kirchenkreise in der EKM. Nur acht von ihnen werden von Frauen geleitet.
BM:
Wer sich zur Wahl stellt, trägt auch immer das Risiko zu scheitern. Ich habe diese Enttäuschung erlebt, das ist nicht ganz einfach. Außerdem ist die Aufgabe von Superintendenten sehr fordernd. Frauen achten genau auf die Rahmenbedingungen für eine Aufgabe. Möglicherweise betrachten viele diese Aufgabe als sehr stressbelastet, mit Konfliktmanagement und auch der Einsamkeit dieses Amtes verbunden.
KKS: Frauen schauen manchmal zu sehr darauf, was von ihnen wohl erwartet wird und weniger darauf, in welcher Eigenständigkeit und Freiheit sie es gestalten könnten. Dabei macht Gestaltung den Reiz dieser Ämter aus. Ich würde mir wünschen, dass Frauen noch beherzter auf die Möglichkeiten zugehen, Kirche in einer nicht unwichtigen Rolle mitzugestalten.

Warum haben Sie sich getraut, den Schritt auf der Karriereleiter zu gehen?
BM:
Mich hat dieses Leitungsamt auf der mittleren Ebene mit all seinen Möglichkeiten herausgefordert – die Gestaltung der Arbeit auf Kirchenkreisebene, die Zusammenarbeit mit anderen. Eine ausgesprochen spannende und he­rausfordernde Tätigkeit.
KKS: Mich hat das Arbeiten in der EKM gereizt, die ich in der Außenwahrnehmung als große, lebendige und vielfältige Kirche erlebt habe. Zum anderen wollte ich meine Kompetenzen in eine Leitungsverantwortung einbringen, die einen seelsorgerlichen und geistlichen Schwerpunkt hat. Und ich fand die Zwischenposition zwischen Propstsprengel
und Landeskirche ungemein reizvoll.

Muss die EKM etwas ändern, damit sich noch mehr Frauen trauen?
KKS:
Wir sollten uns selbstkritisch fragen, wie attraktiv Leitungsämter sind. Regionalbischöfe sind wirklich viel unterwegs, sowohl im Propstsprengel als auch auf der landeskirchlichen Ebene. Das ist auch gut, das macht das Amt aus. Mit kleinen Kindern würde das schwer fallen.
BM: Superintendenten sind sehr viel im Kirchenkreis unterwegs und das oft auch abends, da wir viel mit Ehrenamtlichen arbeiten. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind und dass allein mein Mann auf meine Anwesenheit oftmals verzichten muss.

Braucht es einen starken Mann hinter der erfolgreichen Frau?
BM:
Ich schätze es sehr, dass ich einen Ehemann habe, der sich vor allem ehrenamtlich engagiert und für ganz vieles im Hintergrund sorgt.
KKS: Es braucht einen starken Mann, der mit einer selbstbewussten, kompetenten Frau zusammenlebt. Eine Frau im Leitungsamt ist sicher keine, die sich versteckt, sondern eine Frau, die ein klares Gegenüber ist – auch in der Ehe.

Interview: Susann Winkel

Demokratie in Gefahr?

28. Februar 2016 von redaktionguh  
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Ratlosigkeit herrscht derzeit über die Vorgänge in unserem Land. Vor welchen Herausforderungen stehen wir als Christen und Demokraten? Eine Einordnung.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass demokratisch verfasste Gesellschaften grundsätzlich anderen Herrschaftsformen gegenüber so überlegen sind, dass sie aus sich selbst heraus auf Dauer gestellt sind und etwaige Opponenten in Schach halten können. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Demokratie ist nur Demokratie, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern des Staates gewollt, getragen, entwickelt und verteidigt wird. Sie lebt von der verständigungsbereiten Verschiedenheit der Einzelnen, die im Wunsch, eine für möglichst viele gerechte, friedfertige und sozial stabile Gemeinschaftsform zu garantieren, geeint sind. Schwierig wird es jedoch immer dann, wenn Gruppen aus dem demokratischen Grundkonsens ausscheiden und eine fundamentale Ablehnung des herrschenden Systems ausprägen, dessen Organe unter den Verdacht, gestellt werden, die Wahrheit in Lüge zu verkehren. Getroffene staatliche Entscheidungen verlieren in dieser Logik das Recht auf Akzeptanz, Garanten öffentlicher Ordnung den Anspruch auf Respekt. An die Stelle der Herrschaft des Rechts droht situativ gesteuerte Rebellion zu treten.

Foto: kebox-Fotolia

Foto: kebox-Fotolia

Offen zur Schau gestellter Ablehnung demokratischer Strukturen gehen in der Regel lange Entfremdungsprozesse voraus. Zur entscheidenden Frage wird, ob das angegriffene System seinerseits über so viel Substanz und Rückhalt breiter Bevölkerungsgruppen verfügt, dass auf Kritik und Ablehnung mit relativer Gelassenheit reagiert werden kann. Je eingeübter demokratische Verfahrensweisen sind und je intensiver sie durch Bildung, Erziehung, Kultur und Einsicht zum elementaren Bestandteil eigener Identität geworden sind, als desto belastbarer erweisen sie sich auch. Wenn jedoch der existenziell ganz unterschiedlich begründete Eindruck entsteht, im eigenen Staat marginalisiert, ungerecht behandelt, den persönlichen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten beraubt zu sein – dann droht Gefahr, weil Akzeptanz schwindet und Verlässlichkeit in anderen starken Verheißungen gesucht wird.

Die Fragilität demokratischer Staatsformen ist freilich kein neues Phänomen. Dem historisch geschärften Blick stehen manche Systemabstürze vor Augen. Aber in immer neuen Anläufen wurde und wird darum gerungen, das Herrschaftsmodell Demokratie zu organisieren. Auch die Bundesrepu­blik Deutschland hat einen langen und von konsequenten Neujustierungen geprägten Weg hinter sich. Ihre freiheitliche demokratische Grundordnung wird als wehrhaft und streitbar verstanden. Wer es darauf anlegt, die verfassungsgemäße Ordnung abzuschaffen, wird entsprechend reglementiert. Damit dies der Ausnahmefall bleibt, kommen die Bürgerinnen und Bürger nicht darum herum, sich ihrerseits für die Funktionsfähigkeit des Staates einzusetzen. Passivität und Rückzug sind keine Lösung. Stattdessen ist es erforderlich, mit einer gewissen Robustheit das »Wagnis der Öffentlichkeit« (Hannah Arendt) zu erfassen, Verantwortung zu übernehmen. Die EKD-Denkschrift »Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie« erfasste den »Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe«. Konflikte, die entstünden, dürften nicht gescheut werden, dies gelte dem Staat und der Öffentlichkeit gegenüber. Genau dieser Aufgabe ist auch heute zu entsprechen. Dabei ist das Gegenüber stets so zu akzeptieren, dass es nicht von vornherein als Gesprächspartner ausgeschlossen wird. Nächstenliebe hat einen Universalitätsanspruch. Die Kraft des Protestantismus erweist sich gerade in seinem auch innerkirchlichen Widerspruchsgeist und in seiner Fähigkeit, Streit auszutragen. Der Verzicht auf konsensorientierten Dialog zerstört Gemeinschaft, so dass mit Kommunikationsabbrüchen sensibel und zurückhaltend umzugehen ist.

Alf Christophersen

Der Autor ist promovierter Theologe und Studienleiter an der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt.

Politisch ein »Muss«

28. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Als mit Papst Benedikt XVI. 2011 nach 500 Jahren erstmals ein römischer Papst Thüringen besuchte, stand im Mittelpunkt der Gespräche mit der Evangelischen Kir-
che die Frage Martin Luthers: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« Luthers Antwort war 1517 die Initialzündung der Reformation. Den begonnenen Dialog fortzusetzen, ist wichtig. Nur gemeinsam können Christen glaubhaft für Frieden und Versöhnung in unserer Welt, wie auch für Menschenwürde und Bewahrung der Schöpfung in Zeiten der Globalisierung wirken.

Heute wissen wir: Das, was sich vor 500 Jahren im mitteldeutschen Raum mit der Reformation Bahn gebrochen hat, war ein Weltereignis. Darüber sollte der Ministerpräsident eines der Hauptländer der Reformation mit dem obersten Repräsentanten der »Weltkirche« sprechen. Jeder Austausch gewinnt mit dem positiven Beispiel. Von Thüringer Seite mit der zweiten Auflage des neuen »Achava«-Festivals (Brüderlichkeit) im Gepäck sollte das gut gelingen. Und schließlich: Im Jahr 2011 haben laut »Media Tenor« die Berichte über den Besuch des Papstes in Thüringen weltweit 1,5 Milliarden Menschen erreicht. Das ist die höchste Medienresonanz in Thüringen seit 1990.

Wenn Thüringen im Jahr 2017 erneut eine ähnlich große Ausstrahlung sucht, dann ist auf dem Weg zur weltweiten Eröffnung des Reformationsjahres auf der Wartburg eine Audienz bei Papst Franziskus für den Thüringer Ministerpräsidenten nicht nur ein persönlicher Wunsch, sondern ein staatspolitisches »Muss«.

Christine Lieberknecht

Die Autorin ist Abgeordnete des Thüringer Landtags und war bis 2014 Ministerpräsidentin.

Leben im Umbruch: Schau nach vorn!

27. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Lukas 9, Vers 62

Der Boden hinter dir ist gezeichnet. Die Erde liegt offen da. Manchmal hat die Pflugschar schwarze, fruchtbare Erde nach oben gebracht. Manchmal scharfkantige Steine. Das Feld liegt wie verwundet, doch du weißt, dass die Krume aufgebrochen werden muss, damit auf der Brache Wachsen möglich wird. Damit es Leben geben kann, sind Risse, Furchen, Brüche nötig. Das Untere muss nach oben gekehrt, die Härten des Bodens durchbrochen werden. Du weißt: es muss in die Tiefe gehen. Fällt der Samen auf ungepflügtes Land – er wird nicht aufgehen.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

Und du musst weiter. Immer weiter. Die Furche, die gezogen ist, ist gezogen. Der Pflug duldet keine Korrektur. Es geht nicht, einfach umzukehren. Was getan ist, ist getan. Es gab Meter, da warst du ungenau und ungeduldig. Es gab Meter, da warst du lieblos. Und es gab Meter, da hast du mit dem Blick zurück gepflügt. Man sieht es den Furchen an. Vieles sieht nicht so aus, wie es sein sollte. Und es wird doch – möge der Himmel Segen dazu geben – Frucht bringen. Es ist dieses Vertrauen, dass dir so oft fehlt. Wo deine Gedanken an der gebrochenen Krume hängen, an den Steinen oder den schiefen Bahnen deines Pflugs. Die Erinnerung schiebt sich vor deine Augen, dein Blick wird unklar für das, was ist, und das, was kommt. Du trauerst und bedauerst die Unachtsamkeit der vergangenen Meter und wirst dabei unachtsam. Du stimmst ein Lamento an über das Schiefe und eilig durch den Boden Gezogene und ziehst wieder schief und eilig. Du klagst über die Fehler hinter deinem Rücken und fehlst bei jedem neuen Schritt.

Und du musst weiter. Immer weiter. Die Furche, die gezogen ist, ist gezogen. Du wirst es nicht mehr ändern können. Sieh dich nicht um. Vertraue dem, was hinter dir liegt, denn es gibt deinem Pflug die Richtung vor. Dieses Wissen muss reichen. Du weißt, dass du gut bist, wenn du aufrecht in den Zeiten stehst: Dem vertrauend, was hinter dir liegt. Das mutig in den Blick nehmend, was kommt. Und ganz da zu sein, wo du hingehörst – ins Jetzt.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Für Wolfgang war die Sache klar

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Vor 450 Jahren starb in Zerbst ein Protestant der ersten Stunde

Anhalt brachte einen frühen Vorreiter für die Reformation im Reich hervor: Fürst Wolfgang (1492–1566). Eine Erinnerung.

Darf man dem Herzenswunsche Tausender sein Ohr verschließen? Darf ein Landesherr sein Volk um seiner Seele Heil betrügen? – Doch ist der Kaiser nicht des Landes Vater?«

1892, aus Anlass des 400. Geburtstags des Titelhelden, veröffentlichte der Bernburger Oberpfarrer Karl Windschild ein »geschichtliches Volksschauspiel« unter dem Titel »Fürst Wolfgang von Anhalt«. Die Worte, die Windschild seinem Helden hier in den Mund legte, spiegeln die Situation gut wider, in der dieser sich 1524 befand: Luthers Lehre hatte überall im Reich, vor allem in den Städten, Anhänger gefunden. In Anhalt hatten die Bürger von Zerbst 1522 begonnen, sich eine evangelische Kirche aufzubauen.

Wolfgang erkannte früh, dass er sich dem »Herzenswunsch« der Zerbster nicht verschließen könne. Seine Schwester hatte 1513 Herzog Johann von Sachsen geheiratet. Er selbst stand als Geheimer Rat in kursächsischen Diensten. Diese Beziehung nach Wittenberg war grundlegend für seinen Zugang zu Luthers Lehre. Doch welche Konsequenzen waren daraus zu ziehen? Es mangelte erheblich an Glaubensgenossen unter seinesgleichen, die bereit waren, das Risiko Reformation einzugehen. Das galt auch für seine Dessauer Verwandtschaft: Luthers Lehre war auch ihr bedenkenswert – aber der Kaiser hatte sie doch strengstens verboten! Und zeigte nicht der Bauernkrieg, wohin es führte, die Ordnung infrage zu stellen?

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache bald klar: Den Aufrührern war Einhalt zu gebieten, die evangelischen Bewegungen hingegen brauchten Unterstützung. Während Fürstin Margarethe 1525 mit dem Dessauer Bund ein Verteidigungsbündnis der Altgläubigen gründete, schloss er sich dem Torgauer Bund der Unterstützer Luthers an. Im Alleingang begann er, Kirchen zu visitieren; der Zweifel, ob nicht der Kaiser »des Landes Vater sei«, hielt ihn davon nicht ab. 1527 verlieh Wolfgang der Stadt Köthen die erste evangelische Kirchenordnung Anhalts. Im Gefolge seines Schwagers nahm er am Reichstag 1529 teil. Hier gehörte er zu den Unterzeichnern der Protestation von Speyer. Zwei Jahre später setzte er seine Unterschrift unter die Confessio Augustana, die bis heute Gültigkeit besitzt. Wolfgang hatte damit Teil an wahrhaft historischen Ereignissen. Gegen die Übermacht des Kaisers und der Mehrzahl der Reichsstände wurden damals Grundlagen dafür gelegt, dass die Predigt des reinen Evangeliums keine Episode blieb. Seitdem ging es auch in Anhalt verstärkt um den Aufbau einer evangelischen Kirche. Seit etwa 1534 waren auch Wolfgangs Vettern in Dessau daran beteiligt.

Die Aufmerksamkeit, die Autoren wie Windschild dem Fürsten Wolfgang im 19. Jahrhundert entgegenbrachten, war groß: Staat, Kirche und Gesellschaft betonten ihre evangelischen wie dynastischen Wurzeln. Während man in seinem Vetter Georg (1507–1553) den fürstlichen Theologen verehrte, habe Wolfgang, so Wilhelm Große 1855, als ein »Glaubens=Heldenstreiter« großes geleistet. Heute an ihn zu erinnern, darf nicht bedeuten, dieses Pathos wiederaufleben zu lassen. Das Interesse der Fürsten, mit den damals freigesetzten Ressourcen – etwa aus Klostergut oder bischöflichen Rechten – ihre Macht zu stärken, ist klar zu benennen. Wolfgangs Bemühungen, sich in Bernburg und Zerbst der Nachwelt in Erinnerung zu halten, sind Zeugnisse protestantischen Geistes, aber auch herrschaftlichen Selbstbewusstseins. Wolfgang fiel 1547 der Reichsacht anheim. Er verlor seine Herrschaft und ging ins Exil. Mit hundert Reitern war er dem Kurfürsten von Sachsen in den Schmalkaldischen Krieg gefolgt. Dass er in diesem Kampf für die evangelische Sache auch versucht hatte, sich die alte Grafschaft Aschersleben einzuverleiben – ja, auch dies sollte nicht unterschlagen werden.

Doch zu der möglichst differenzierten Sicht auf die Geschichte gehört stets die Frage, was sie uns heute sagen kann. Trotz erheblicher struktureller Defizite und gewaltiger mentaler Hindernisse stand Wolfgang für seine Überzeugung ein. Persönliche Bindungen waren hierfür zweifellos zentral. Kein geringerer als Martin Luther schrieb 1528 an Wolfgang: »Daß aber im Volke möchte ein Gemurmel werden auß solcher Neuerung, muß man wagen und Gott befehlen.« Zum Glauben gehört Mut – auch heute. Und sein eigentlicher Quell liegt außerhalb menschlichen Willens und Tuns.

Jan Brademann

Jubelnder Empfang und böse Vorahnung

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Passionsspiel: Im fränkischen Tettau wird die Leidensgeschichte Jesu auf die Bühne gebracht

Seit November proben über 70 Akteure aus Thüringen und Franken gemeinsam – auch über konfessionelle Grenzen hinweg.
Jesus, in den Augen der Bevölkerung der Messias, Wundertäter und Retter, wird jubelnd in Jerusalem empfangen. Sie rufen ihm die traditionellen Hosanna-Rufe zu, breiten Palmenzweige und Kleidung auf dem Weg aus. Das jüdische Volk hofft, dass er sie von den römischen Besatzern befreien wird. Später werden es die gleichen Menschen sein, die lautstark vom Präfekten Pilatus die Kreuzigung Jesu fordern. Triumphale Freude, Verrat, Leid und Tod liegen in der Passionsgeschichte ganz nah beieinander. Und dies möchten die über 70 Akteure der Tettauer Passionsspiele den Zuschauern ganz nah vor die Augen bringen.

Bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem wird Jesus – gespielt von Jörg Schrepfer – gefeiert wie ein König. Fotos (4): Rosso di Sera

Bei seinem triumphalen Einzug in Jerusalem wird Jesus – gespielt von Jörg Schrepfer – gefeiert wie ein König. Fotos (4): Rosso di Sera

Seit November treffen sie sich in der Regel zweimal wöchentlich in dem kleinen Ort gleich hinter der thüringisch-fränkischen Grenze bei Ludwigsstadt. Die Tettauer Passionsspiele verbinden die Menschen in der fränkischen Rennsteigregion, auch über konfessionelle Grenzen hinweg. Aus allen umliegenden Orten engagieren sich Laiendarsteller, um die Passion Jesu auf die Bühne zu bringen. Sie möchten Spuren des Glaubens bei den Menschen in der Region hinterlassen.

Die noch junge Tradition der Passionsspiele geht auf ein von Laiendarstellern gespieltes Stück zur Fastenzeit zurück. Bereits in den Jahren 2001, 2003 und 2006 waren die Tettauer, damals unter der Regie von Erika Hämel, mit den Aufführungen sehr erfolgreich. Für die Neuauflage nach zehnjähriger Pause im März 2016 hat nun Lydia Müller die Gesamtleitung übernommen. Das Drehbuch, welches für die erste Aufführung 2001 von Erika Hämel und dem damaligen Tettauer Pfarrer Bernhard Nikitka verfasst wurde, wird auch für die Neuauflage der Passionsspiele als Vorlage dienen. Veranstalter ist die evangelische Kirchengemeinde, als Schirmherrin konnte Regionalbischöfin Dorothea Greiner gewonnen werden.

Doch wie sehen die Aktiven dieses dramatische Schauspiel der Geschichte? Lassen wir sie selbst zu Wort kommen.

Lydia Müller,
Regie und Gesamtleitung

»Dreimal haben wir bereits die Passionsspiele zur Aufführung gebracht. Nur, die letzte Aufführung ist zehn Jahre her. In den vergangenen Vorstellungen durfte ich die Rolle der Maria spielen. Eine Rolle, die mein Leben sehr geprägt hat. Jetzt habe ich die Leitung übernommen. Ich bin stolz, dass wir ein so tolles Team aus Darstellern, Sängern und Helfern sind. Sie sind kreativ, packen alle mit zu. Das Besondere, in der hiesigen Festhalle sind wir vom Wetter unabhängig. Wir können die Passion zur richtigen Zeit aufführen. Und wenn man das Stück emotional betrachtet: Die Zeit ist wieder reif für eine Aufführung. Alle Punkte von damals – Hohn, Spott, Verrat, Trauer und Erlösung – treffen auch auf die heutige Gesellschaft zu.«

Jörg Schrepfer,
Jesus

»Ich spiele schon seit vielen Jahren im Amateurtheater. Doch als ich gefragt wurde, ob ich den Jesus-Part übernehmen würde, habe ich um Bedenkzeit gebeten. Es geht nicht um irgendeine Person in einem Stück. Es ist die Hauptrolle und dazu noch Jesus. Aus meinem christlichen Glauben heraus habe ich dann ›ja‹ gesagt. Als Darsteller möchte ich den Zuschauern nahebringen, was Jesus geleistet hat, dass er, um uns Erlösung zu schenken, am Kreuz gestorben ist. In der letzten Zeit habe ich des Öfteren wieder die Bibel in die Hand genommen, darin gelesen. Ich möchte die Rolle so authentisch spielen wie möglich. Als Mensch mit dem Namen Jörg Schrepfer.«

Christiane Fiedler,
Maria

»Ich war auch schon bei den früheren Aufführungen mit dabei. Und jetzt, das erste Mal, als Maria. Als Mutter von drei Kindern ist man schon so manche Situation gewöhnt. Aber die Rolle der Maria in der Passion übersteigt dies bei weitem. Eine Herausforderung, mit der man stetig wächst. Besonders die Szene unterm Kreuz geht mir sehr nahe. Hier wird der Mann meiner Freundin – Jesusdarsteller Jörg – gekreuzigt. Jesus hing damals schuldlos am Kreuz, für die Fehler der Menschen. Und dies möchte ich den Gästen der Passionsspiele durch meine Rolle verdeutlichen. Und ich sehe auch oft, dass die Besucher zu Tränen gerührt sind. Auch viele der »starken« Männer zeigen dann Gefühle.«

Anja Knabner,
Chorleitung

»Es ist ein gewaltiges Projekt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Chores wurde der Wunsch angeregt, die Passionsspiele wieder zum Leben zu erwecken. Auch eine besondere Herausforderung. Eigens dazu wurden die Lieder überarbeitet, teilweise in dreistimmige Chorsätze transponiert. Die Chormitglieder müssen singen und spielen. Mit der Musik sollen beim Publikum Emotionen geweckt werden. Sie soll ins Herz treffen, berühren. Die Gäste sollen denken, sie sind nicht in der Tettauer Festhalle, sondern live in Jerusalem.«

Jörg Zech,
Ortspfarrer

»Jeder Pfarrer darf glücklich darüber sein, dass solch ein Glaubens-Projekt in seiner Kirchengemeinde umgesetzt wird. Es ist gelebter christlicher Glaube. Ich muss ausdrücklich betonen, auch wenn die evangelische Gemeinde der Veranstalter der Passionsspiele ist, so wird seitens der Kirche nichts vorgeschrieben. Wichtig ist auch, dass den Menschen verdeutlicht wird, das Osterfest mit der Auferstehung Jesu ist das wichtigste Fest der
Christenheit.«

Rosso di Sera

Aufführungen in der Tettauer Festhalle sind am 5., 6., 11., 12. und 13. März. Informationen über die Evangelische Kirchengemeinde Tettau, Telefon (09 2 69) 229, E-Mail <pfarramt.tettau@elkb.de>

Kartenbestellungen sind auch im Internet möglich:

www.live-kartenshop.de/kartenshop/

Bußruf oder Bus-Ruf

22. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalts ruft in Wittenberg zu Einkehr und Buße auf

Ein kleines, mit rotem Stoff bespanntes Podest steht auf dem Wittenberger Marktplatz. Drum herum gruppiert sich ein gutes Dutzend Menschen. Die meisten Passanten eilen vorbei an diesem kalten, windigen Mittwochnachmittag; Männer mit Einkaufstüten, Frauen mit Kindern an der Hand. Um die Ecke tuckert ein Bus – und Friedrich Kramer ist zum Scherzen zumute. Er habe sich schon oft gefragt, sagt der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalts, ob die Wartenden an der Haltestelle seinen Bußruf verstehen oder doch einen Bus-Ruf.

Akademie-Direktor Friedrich Kramer auf dem Wittenberger Marktplatz: »Gott ist größer als unsere Enge.« Foto: Alexander Baumbach

Akademie-Direktor Friedrich Kramer auf dem Wittenberger Marktplatz: »Gott ist größer als unsere Enge.« Foto: Alexander Baumbach

Kramer lacht schelmisch und steigt auf das Podest, die berühmten Denkmale von Luther und Melanchthon im Rücken. Seine Stimme hallt über den Markplatz. »Liebe Wittenbergerinnen und Wittenberger, ich rufe euch auf zur Buße und zur Umkehr!«

Politischer Aschermittwoch, Gottesdienste zur Beginn der Fastenzeit – das ist weit verbreitet. Der Wittenberger Bußruf ist aber den Angaben der Evangelischen Akademie zufolge der einzige evangelische seiner Art in Deutschland. Das wundert Friedrich Kramer und seine Mitstreiterin und Kollegin Lydia Schubert. »Die Buße ist doch zentrales Thema der Reformation und Grundlage des Evangeliums«, sagt Kramer. Er möchte die Menschen – Christen wie Nicht-Christen – dazu einladen, die frohe Botschaft neu zu entdecken. Dazu eignet sich das diesjährige Fastenzeit-Motto der EKD in besonderer Weise. Bei »Großes Herz. Sieben Woche ohne Enge« geht es nicht ausschließlich um Verzicht, sondern um Zugewinn. Um Herzsport im besten christlichen Sinne, wie Friedrich Kramer meint.

Trainingsideen liefert die Evangelische Akademie gleich mit: sich selbst aus dem Fokus rücken, anderen zuhören und sich wirklich auf Gespräche einlassen; einen entfernten Bekannten einladen oder den Nachbarn, mit dem man zwar Tür an Tür lebt, der einem aber dennoch fremd ist; teilen, verzeihen, sich mit anderen freuen – ganz ohne Neid und Missgunst; dankbar sein für das große Herz Gottes, der sich hingegeben hat, um uns zu retten. Es gibt viele Übungen, in der siebenwöchigen Fastenzeit ein fröhliches, offenes, gütiges Herz zu trainieren und ohne Enge zu leben.

Ohne Enge, aber nicht ohne Grenzen, wie Akademie-Mitarbeiterin Lydia Schubert in ihrem Teil des Bußrufs vor der Thesentür der Schlosskirche hinzufügt. »Es sind Grenzen, die die Menschlichkeit gebietet. Gute Grenzen.« Sie werden überschritten, wo wir bei unseren Mitmenschen nur Fehler sehen, wo wir nach Geschlecht urteilen oder nach Hautfarbe, wo der Preis das einzige Kriterium für den Konsum ist und Umweltschutz und menschenwürdige Arbeitsbedingungen außer Acht gelassen werden.

Gute Grenzen zu setzen, damit es allen besser gehe, das beginne schon im Kleinen, so Lydia Schubert. Fair gehandelten Kaffee zu trinken oder beim Gemeindefest einmal vegetarisches Essen aufzutischen, sei ein Anfang.

Es sind kleine wie große, schwere wie leichtere Herzübungen, die der Wittenberger Bußruf vereint – bis Ostern ist Zeit dazu, und darüber hinaus.

Katja Schmidtke

»Es geht nicht ums Abnehmen«

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Passionszeit: Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen – Fasten ist mehr als der Verzicht auf Genuss

Die Passionszeit gilt im Kirchenjahr als Fastenzeit –eine Bußübung und Besinnung auf das Leiden Christi. Heute stehen Entschlackung und Entschleunigung im Vordergrund.

Gibt man den Begriff »Fastenzeit« in eine der großen Suchmaschinen des Internets ein, so erhält man mehr als 1 150 000 Treffer. »Fastenzeit für Anfänger«, »Tipps und Tricks für die Fastenzeit«, »Anders leben in der Zeit vor Ostern«: so und so ähnlich heißen die angezeigten Seiten. Die Fastenzeit scheint im Bewusstsein der Menschen tief verankert zu sein. Dabei ergab kürzlich eine Umfrage des Nachrichtenmagazins »Focus«, dass nur 22 Prozent der Deutschen während der sieben Wochen vor dem Osterfest ihre Ess- und Trinkgewohnheiten mäßigen. In Ostdeutschland verzichten noch einmal deutlich weniger Menschen auf Alkohol, Fleisch oder andere Genussmittel.

»Wenn man Fasten nur als Verzicht begreift, dann bedeutet das eine Lebensminderung«, erklärt der Augustinerpater Jakob Olschewski. Für Bruder Jakob, der mit seinen Mitbrüdern in der Erfurter Reglergemeinde beheimatet ist, geht es in der Fastenzeit vor allem um das Wecken neuen Lebens. »Es gibt bei jedem Menschen Lebensbereiche, Talente, Interessen, die brach liegen. Ich finde es wichtig, diese zu finden und aufzuwecken, was das eigene Leben und das anderer reicher macht.«

Fotos: piai – fotolia.com

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Das könnte das Musizieren allein und miteinander sein. Das könnte ein Bibelkreis sein, bei dem man sich mit Gottes Wort, aber auch mit den Menschen dort auseinandersetzt. »Momentan sind wir als Christen wieder besonders gefordert, für den Frieden in der Welt einzutreten, für die Gerechtigkeit und für die vielen Hilfesuchenden, die zu uns gekommen sind und noch kommen werden«, so Bruder Jakob. Das, was wir gerade erleben, könnte unsere Gesellschaft und auch die Christen verändern. »Alles, was dem Leben dient und den Beziehungen zwischen Menschen, ist etwas für die Fastenzeit«, betont er. Dabei könne man auch ganz neue Wege gehen.

So wie Tilman Wagenknecht von Bus und Bahn Thüringen. Mit seinem Team und unterstützt durch die EKM hat der gläubige Christ vor sechs Jahren das »Autofasten« in unserer Region ins Leben gerufen. Sich besinnen und das eigene Leben in der Fastenzeit neu auszurichten, hat für Wagenknecht nicht nur etwas mit Genussverzicht zu tun. »Die berufstätige Generation unserer Tage ist aufgewachsen in einem großen Bewusstsein für Fragen des Umweltschutzes. Doch bei den hohen Mobilitätsanforderungen des Berufslebens fehlen oft die Mittel, um umweltverträglich zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen«, so Wagenknecht. Um Job, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, benutzen viele Menschen das Auto. Die Aktion »Autofasten«, die es auch in Rheinland-Pfalz und den katholischen Bistümern Mainz, Trier und Fulda gibt, will hier zu einem Bewusstseinswechsel verhelfen.

»Unser Autofasten-Mitmach-Kalender kann am Kühlschrank befestigt werden und ich kann immer sehen, wie ich es geschafft habe, umweltfreundlich mobil zu sein«, so Wagenknecht. Dies ist eine Möglichkeit, Schöpfungsverantwortung in der Fastenzeit wahrzunehmen und zu leben. Zusätzlicher Anreiz ist das VMT-Fasten-Ticket, bei dem die Mitmachenden sieben Wochen zum Preis einer vierwöchigen Monatskarte mobil sein können. Das Autofasten zeigt Alternativen auf, verteufelt das Auto aber nicht. Es bleibt eine Möglichkeit, die man nutzen kann.

Regeln und Verbote sind für die meisten Menschen eben nicht attraktiv. Da die Fastenzeit oft als Zeit des Verzichts wahrgenommen wird, ist es bei ihr ebenso. »Nur wenn Menschen die Kirche als eine Gemeinschaft des Lebens und nicht der Regeln, der Ge- und Verbote erleben, werden sie sich ihr zuwenden«, ist sich Bruder Jakob sicher. Darum hält er es für besonders wichtig, dass Christen von der Freude und Lebendigkeit ihres Glaubens Zeugnis abgeben. »Wir gehen auf Ostern zu. Das Leben wird wieder erwachen. Wenn wir das vermitteln, dann werden die Menschen neugierig, auf das was wir glauben und tun«, betont der Augustinerpater.

Er plädiert dafür, das Evangelium ernster zu nehmen. In katholischen, aber auch in manchen lutherischen Aschermittwochsgottesdiensten wird das Aschenkreuz gespendet. Darauf hat Bruder Jakob in diesem Jahr bewusst verzichtet. »Im Matthäusevangelium heißt es: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater (…). Und darum habe ich in diesem Jahr stattdessen eine Salbung der Menschen mit Myrrhe-Öl vorgenommen«, so Pater Jakob. »Gott schenkt uns Versöhnung und ruft uns dazu auf, diese Versöhnung und Freude an unsere Nächsten weiterzugeben. Vor allem in der Fastenzeit.«

Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen und das Leben neu ordnen. So könnte man den Sinn der Fastenzeit überschreiben. »Es geht ja nicht, wie viele glauben, ums Abnehmen«, sagt Bruder Jakob. »Alkohol, Süßigkeiten, Autofahren: all das hat ja nichts mit meinem Innersten zu tun. Was macht einen Menschen denn lebendig? Das Zusammensein mit anderen. Und darum sollte dies auch im Vordergrund stehen«, meint er. Wenn jemand beschließe, die sieben Wochen vor dem Osterfest mehr Menschlichkeit – zum Beispiel am Arbeitsplatz – zu leben, dann wirke das im Nächsten und einem selber nach. Fastenzeit ist Zeit der Menschlichkeit, ist sich Bruder Jakob sicher.

Diana Steinbauer

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