War Bach Antijudaist?

4. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Ausstellungen des Bachhauses in Berlin, Jerusalem und Eisenach

Das Bachhaus Eisenach präsentiert in diesem Jahr drei Ausstellungen. Unter dem Motto »Bach und die Juden« gerät ein Thema in den Fokus, das lange Zeit wenig Beachtung fand, aber immer wieder Fragen aufwirft (ab 29. April). Das gilt nicht zuletzt für seine »Johannespassion«, in der er die Feindseligkeit der »Jüden« gegen Jesus musikalisch in dramatischer Form dargestellt hat. »Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!«, tönt es da in aggressiver Schärfe, während in den Worten »Sei gegrüßet, lieber Judenkönig« Ironie und Häme anklingen. Für Daniel Barenboim, den großen Versöhner und Verteidiger des Antisemiten Richard Wagner, ist dies ein Grund, die »Johannespassion« nicht zu dirigieren.

Der Berliner Staats- und Domchor hat sich 2012 aus solchen Bedenken heraus um eine »Entschärfung« bemüht. Er ließ neun von zehn Arien umdichten. »Nur: Ausgerechnet die problematischen Passagen der Turbae, der wilden Volkschöre also, blieben unangetastet«, bemerkt hierzu der Münchner »Merkur«.

Aus Bachs privater theologischer Bibliothek: Johannes Müller (1598–1672): Judaismus oder Jüdenthum. Das ist: Ausführlicher Bericht von des Jüdischen Volcks Unglauben, Blindheit und Verstockung. Hamburg: Härtel, 1707. – Foto: Bachhaus Eisenach

Aus Bachs privater theologischer Bibliothek: Johannes Müller (1598–1672): Judaismus oder Jüdenthum. Das ist: Ausführlicher Bericht von des Jüdischen Volcks Unglauben, Blindheit und Verstockung. Hamburg: Härtel, 1707. – Foto: Bachhaus Eisenach

Ob Bach Antijudaist war, lässt sich anhand schriftlicher Zeugnisse nicht belegen. Doch können Rückschlüsse auf sein Denken aus seinen Werken gezogen werden. Zu den Indizien, die in diesem Zusammenhang von den Eisenacher Ausstellungsmachern zu Rate gezogen werden, gehört seine »Theologische Bibliothek«, die von seinem Interesse an jüdischer Geschichte und Religion zeugt. Darüber hinaus widmet sich die Exposition am Beispiel der Mendelssohn-Familie sowie weiterer Persönlichkeiten wie Joseph Joachim, Siegfried Ochs und Wanda Landowska der Bach-Pflege im jüdischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts sowie ihrer Bedeutung für die Wiederentdeckung des Komponisten.

Die resolute Jüdin und Bach-Enkelschülerin Bella Salomon spielt hierbei eine herausragende Rolle: 1823 schenkte sie ihrem 14-jährigen Enkel Felix Mendelssohn Bartholdy eine Abschrift von Bachs Autograph der »Matthäus-Passion«. Aus diesen Noten führte dieser 1829 das Werk zum ersten Mal nach Bachs Tod wieder auf – und läutete damit die »Bach-Renaissance« ein.

Damit sind wir zugleich bei zwei weiteren Ausstellungen. Im Berliner Dom beleuchtet das Bachhaus vom 11. März bis 1. Mai unter dem Motto »Frauen und Bachs Musik« historische Persönlichkeiten, die in besonderer Beziehung zu ihm standen. Die Ausstellung auf dem Bach-Festival Jerusalem titelt »Brought Back by a Jewish Boy« (»Zurückgebracht von einem jüdischen Jungen«) und dokumentiert die bereits erwähnte Wieder­entdeckung der »Matthäuspassion« durch den damals 20-jährigen Komponisten und Dirigenten (17. bis 21. März, Stadttheater).

Michael von Hintzenstern

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