Voll im Karnevalsfieber

8. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Der aus Magdeburg stammende Pfarrer Stefan Kunze ist in Wasungen dem Virus verfallen

Es war die Gretchenfrage beim Vorstellungsgespräch: Wie er es denn mit dem Karneval hielte, wollte der Gemeindekirchenrat von Wasungen bei Meiningen damals vom Pfarrstellenbewerber gern wissen. Nun ist Magdeburg, die Heimatstadt von Stefan Kunze, nicht gerade als Karnevalshochburg bekannt. Ganz im Gegensatz zu Wasungen, wo mindestens seit 1524 und nur von wenigen kriegsbedingten Ausfällen begleitet die fünfte Jahreszeit zelebriert wird. Er sei ein fröhlicher Mensch, und in den Karneval werde er sich schon einfinden, sagte Kunze damals.

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Pfarrer Stefan Kunze (l.) und Bürgermeister Manfred Koch steigen seit 2008 als »Don Camillo und Peppone« beim Wasunger Karneval in die »Bütt«. In diesem Jahr sinnierten sie über mögliche Nachfolger Kochs. Foto: Harald Krille

Als er dann den Dienst im Dezember 2006 antrat, war klar: Wo Fasching gefeiert wird, muss es auch einen Aschermittwochsgottesdienst geben. Viele waren skeptisch. Kunze machte sich auf den Weg zu den rund 90 Gruppen des traditionellen Faschingssonnabend-Umzuges in der gerade mal rund 3 400 Einwohner zählenden Stadt. Er stellte sich als neuer Pfarrer vor und lud zum Gottesdienst ein. »Dann standen plötzlich der Präsident des ›Wasunger Carneval Clubs‹ (WCC) und sein Stellvertreter vor der Tür, versprachen mir Ehrenkarten für die närrische Sitzung, und dass man natürlich zum Gottesdienst käme«, erinnert er sich.

Damit begann wohl die Infektion mit dem »Karnevalsfieber«. Schon bald kam es am Rande einer Veranstaltung im »Bürgerhaus Paradies« zu einer folgenschweren Anfrage. Kunze saß mit Bürgermeister Manfred Koch, mit dem er schon lange gut zusammenarbeitete, gemeinsam am Tisch. Ein Mitglied des WCC fragte die beiden, ob sie nicht auch einmal gemeinsam auf die Bühne gehen würden. »In einer Bierlaune sagten wir zu und standen nun im Wort«, sagt Kunze, inzwischen Vater von vier Töchtern. 2008 waren sie erstmals gemeinsam als »Don Camillo und Peppone« in der »Bütt« und gehören seither zum festen Programm der jährlichen »Närrischen Galaveranstaltungen«. Lokale Ereignisse und Personen, die große Politik aber auch sie selbst – nichts ist vor ihrer spitzen Zunge sicher. Wie die Texte entstehen? »Da sitzen wir mit unseren Frauen bei einem Glas Wein und dann sprudeln die Ideen«, verrät Bürgermeister Koch.

In diesem Jahr freilich traten sie letztmalig in dieser Konstellation auf. Koch gibt sein Amt aus Altersgründen auf. Doch Pfarrer Kunze wird wohl irgendwie weitermachen. Das Fieber ist nicht so schnell zu heilen. Wenn an diesem Sonnabend um 13.10 Uhr der große historische Festumzug des 481. Wasunger Karnevals startet, wird Pfarrer Kunze erstmals mit seiner ältesten Tochter auch im Zug mitmarschieren. Und selbstverständlich wird die sonntägliche Predigt in Versform gehalten.

Harald Krille

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Voll im Karnevalsfieber”
  1. Leser sagt:

    Ja, das ist klar, in Wasungen geht ohne Karneval gar nichts! Ich habe zu DDR-Zeiten etliche Jahre in Thüringen gelebt. Wasungen war die Hochburg dort und kaum zu erreichen. Man wurde schon im Zug dorthin intensiv überprüft und fast nie hingelassen. Wir wußten damals, daß die Wasunger sich nicht den Mund verbieten lassen. Aktuell hört man ja, daß es ja bis heute so geblieben ist. Selbst ein offenbar immer noch rotdurchzogener “Staatssender” kann da nur schäumen und trotzdem nichts (keine Zensur) erreichen!

  2. Gert Flessing sagt:

    Ich finde es schön, wenn Pfarrer auch so in der Welt beheimatet sind.
    Gert Flessing

  3. Michael Weiland, Bautzen sagt:

    Anzeigen wegen „Volksverhetzung“ scheinen im Trend zu liegen. Nun auch noch beim Straßenkarneval. Dabei ist es eine wesentliche Eigenschaft des Karnevals, dass alle bestehenden Ordnungen verkehrt und das Leben auf den Kopf gestellt werden. Dazu gehört, dass gesellschaftliche Probleme überspitzt kritisiert werden dürfen. Feudale Fürsten, mächtige Bischöfe und viele demokratische Politiker mussten die Verspottung der Verhältnisse über Jahrhunderte aushalten. Nie käme Frau Merkel auf die Idee, ihre unvorteilhafte Darstellung auf einem Düsseldorfer Wagen mit einer Unterlassungsklage o.ä. zu verbieten. Sie hätte sich erst recht zum Gespött gemacht. Ich mag die Wagen und Kostüme ästhetisch geschmacklos oder unlustig empfinden. Das gilt aber auch für andere Kunst, die bspw. religiöse Gefühle von Christen verletzt. Aber kann man dabei gleich von Volksverhetzung sprechen? Bisher galt eine gesetzlich geschützte Kunstfreiheit. Bisher! Aber seit letztem Sommer wird manches Gesetz gebogen, überdehnt oder widersinnig ausgelegt, so das man –wenn es nicht so ernst wäre- denken kann, wir leben permanent im Karneval. Wenn die Aussage „Die Flüchtlingskrise wird Deutschland verändern“ bedeutet, dass unser Brauchtum und unsere Kultur unter Strafe gestellt und stattdessen auf die Humorlosigkeit des Islams Rücksicht genommen wird, dann sind weder die „Chancen viel größer“ noch der Zuzug vieler fremder Menschen eine „Bereicherung“ für unser Land.

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