Große Freude, große Bürde

16. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Offene Kirchen: Erfahrungen aus Laucha bei Naumburg, Halberstadt und Eisleben

Als rund um Laucha an der Unstrut die Dorfkirchen erstmals außerhalb der Gottesdienste geöffnet wurden, da war die Unsicherheit groß. Ist das offene Kirchenportal eine Einladung für Diebe, wird dem Vandalismus Tür und Tor geöffnet? Fragen gab es viele – rund 15 Jahre später fallen die Antworten gut aus. »Wir haben eher weniger Einbrüche als vorher«, bilanziert Anne-Christina Wegner. Sie ist Pfarrerin in Laucha und betreut 14 Kirchen. Acht davon sind verlässlich geöffnet, die meisten auch im tiefsten Winter, eine sogar nachts. An zwei weiteren Kirchen informieren Aushänge, wo Neugierige einen Schlüssel bekommen können. Und nirgendwo gibt es eine permanente Aufsicht.

Rund 50 000 Menschen besuchen jährlich den Halberstädter Dom. Doch die Kirchengemeinde leidet unter der großen finanziellen Belastung, die die Öffnung des Gebäudes mit sich bringt. Foto: Jürgen Meusel

Rund 50 000 Menschen besuchen jährlich den Halberstädter Dom. Doch die Kirchengemeinde leidet unter der großen finanziellen Belastung, die die Öffnung des Gebäudes mit sich bringt. Foto: Jürgen Meusel

Gleichwohl, die wertvollsten Gegenstände sind weggeschlossen, betont die Pfarrerin. Zwei Vorkommnisse in 15 Jahren zählt sie auf: Einmal wurde der Kollektenkasten eingerissen, ein anderes Mal wurden alle Gesangbücher gestohlen. Dass ihre Beute keine reiche war, bemerkten die Diebe schnell und entsorgten die Bücher am nächsten Mülleimer, von wo ehrenamtliche Helfer sie wieder einsammelten und zurück in die Kirche brachten.

Viele helfende Hände packen im Pfarrbereich mit an, freut sich die Pfarrerin über jene, die etwa morgens die Kirche auf- und abends wieder zuschließen. »Darunter auch viele, die nicht in der Kirche sind«, meint Pfarrerin Wegner anerkennend. Ihre Beobachtung: Durch die Öffnung des Gebäudes jenseits des sonntäglichen Gottesdienstes, entdecken die Dorfbewohner ihre Kirche neu. So wird etwa Dorndorf als Radfahrerkirche stark frequentiert; hier stehen Getränke zur Erfrischung bereit. In Krawinkel, einem Sackgassendorf mitten im Naturschutzgebiet des Bibraer Forsts, stellen Laienkünstler und Fotografen aus. In Laucha ist die Kirche so etwas wie ein Bücherantiquariat samt Lesestube. Gegen eine Spende kann man sich die ebenfalls gespendeten Bücher mitnehmen und von dem Geld wird dann zum Beispiel ein Kindernachmittag organisiert.

Pfarrerin Anne-Christina Wegner betont, dass die Hauptamtlichen nur Impulse geben, in eine Richtung lenken können – bewegen muss sich der Gemeindekirchenrat selbst. Auch wenn in ihrem Pfarrbereich die Erfahrungen gut sind, kann die Pfarrerin Ängste und Sorgen andernorts nachvollziehen. Nötig sei es daher, dass die EKM auch die Verantwortlichkeit im Schadensfall klärt. Allein könne diese Last ein Gemeindekirchenrat nicht schultern.

Dass eine offene Kirche mit großem kunsthistorischem Schatz auch eine Bürde sein kann, erlebt der Gemeindekirchenrat von Halberstadt. »Die Kosten für Sicherheits- und Aufsichtskräfte, Strom und Klimageräte drücken uns ungemein, dadurch haben sich im Laufe der Zeit Schulden von 200 000 Euro angesammelt«, sagt Kirchenältester Dietmar Großmann. So brachte der Gemeindekirchenrat im vergangenen Oktober ins Spiel, neben dem Domschatz auch für den Dom ein Eintrittsgeld zu erheben. Nur allein entscheiden kann das Gremium darüber nicht. Denn Besitzerin des Domgebäudes, das jährlich von 50 000 Menschen kostenlos besichtigt wird, ist die Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt. »Wir sind zuversichtlich, gemeinsam eine Lösung zu finden«, meint Dieter Großmann. Bis Ende Juni wolle man sich geeinigt haben.

Eine bei Touristen beliebte Kirche leitet auch Simone Carstens-Kant. Sie ist Pfarrerin in der Petrikirche zu Eisleben; 1483 wurde hier Martin Luther getauft. Tagein, tagaus, Sommer wie Winter ist die Kirche geöffnet. »Unsere Ehrenamtlichen sind immer da. Sonst hätte ich Bedenken«, sagt die Pfarrerin. Zum einen geht es um den Schutz vor Diebstahl und Zerstörung, zum anderen um ein echtes Erleben der Kirche. Denn bei den Ehrenamtlichen können Besucher ihre Fragen loswerden. Nicht nur zu Luther und der Architektur; gerade durch den großen Taufbrunnen ergeben sich immer wieder Gespräche über die Taufe. »Und damit wirkt unsere Kirche viel weniger als ein Ort des Sightseeings oder als Museum und viel stärker als ein spiritueller, geistiger Ort«, sagt Pfarrerin Carstens-Kant.

Katja Schmidtke

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