Was darf Religion im Staat?

16. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Wissenschaftlicher Disput der Konfessionen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Anlässlich des Studientages der Theologischen Fakultät Jena diskutierten kürzlich Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften über »Beschneidung – Kopftuch – Kirchen­asyl. Religion und Recht im Widerstreit« Zufall oder nicht: Die wissenschaftlich geführte Disputation fiel genau auf den Geburtstag der Universität, die 1558 von Protestanten in Jena gegründet wurde. Ein Religionsstreit zwischen Luther-Anhängern und der Katholischen Kirche führte bekanntermaßen zum Verlust des Wittenberger Stammhauses.

Diskussion auf dem Unicampus in Jena: Prof. Heiner Alwart, Hamideh Mohagheghi, Prof. Klaus Dicke (Moderation), Elisa Klapheck und Dr. Alf Christophersen (v. l. n. r.). Foto: Doris Weilandt

Diskussion auf dem Unicampus in Jena: Prof. Heiner Alwart, Hamideh Mohagheghi, Prof. Klaus Dicke (Moderation), Elisa Klapheck und Dr. Alf Christophersen (v. l. n. r.). Foto: Doris Weilandt

458 Jahre später geht es um die Frage, was Religion in einem neutralen Staat darf, um ihrer Überzeugung gerecht zu werden. Wie unterschiedlich die Auffassungen dazu sind, machten drei Beispiele deutlich: Das Kölner Urteil zur Beschneidung, der Kopftuchstreit, der in den einzelnen Bundesländern zu ganz unterschiedlichen Regelungen führte und das Kirchenasyl, das Flüchtlingen gewährt wurde.

»Wenn der Verfassungsstaat Religionsfreiheit ernst nimmt, muss er die Rechtstradition anderer Religionen anerkennen«, verlangte Elisa Klapheck, Rabbinerin des Egalitären Minjan in Frankfurt, des liberalen Zweiges der Jüdischen Gemeinde. Sie erwartet, dass Religion und Recht aus ihrem Antagonismus befreit werden. Beschneidung ist für Juden Gesetz. Eine staatliche Rechtsordnung kann ihrer Meinung nach nicht darüber entscheiden, weil bei diesem Thema andere Quellen, die tief in der Rechtstradition verwurzelt sind, eine Rolle spielen. Die jüdische und die islamische Religion seien Rechtsreligionen, deren Gesetze in der Gemeinschaft akzeptiert werden.

Dem widersprach Heiner Alwart, Strafrechtsprofessor an der Friedrich-Schiller-Universität zutiefst. Zwar habe das Kölner Urteil gezeigt, dass nach dem Tätigwerden des Gerichtes der Streit nicht zu Ende ist. Aber die Gegen-argumente werden mit vergangenheits- und auch sozialpolitischen Begründungen vorgetragen. Es gäbe keinerlei Respekt gegenüber der in Deutschland üblichen kulturellen Praxis, für die Menschenrechte ein hohes Gut darstellen. Jüdische Gesetze können dagegen nicht als Recht bezeichnet werden.

Nicht teilbare Einheit

Die islamische Theologin und Kulturwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi aus Paderborn stimmte ihrer jüdischen Kollegin im Punkt Recht und Religion als nichtteilbare Einheit prinzipiell zu. Der Glaube stiftet für die Menschen Identität und Sinn. Doch nach ihrer Auffassung gibt nicht Gott die Gesetze, sondern Menschen, die darüber entscheiden, was Religion und was Recht ist. Das Recht ist für sie lebendig und immer im Wandel. Allerdings ist die Beschneidung auch für Muslime eine verbindliche Tradition, die hochgehalten wird. Eine Veränderung hält sie nicht für ausgeschlossen.

Der protestantische Vertreter in der Debatte, Alf Christophersen von der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt, war überzeugt, dass es ein verbindliches Recht für alle, die in diesem Land leben, geben muss: »Ich kann nicht allen Nächstenliebe absprechen, weil sie das Gesetz einhalten«. In der Frage des Kirchenasyls waren sich dagegen nahezu alle Diskutanten einig, dass die meisten Fälle in den letzten Jahren zu Asylverfahren geführt haben und die Kirche vor allem vorhandene Gesetzgebung eingefordert hat. Allerdings gab Heiner Alwart zu bedenken, dass die Kirche in den nächsten Monaten auf diesem Gebiet besonders gefordert werden könnte: »Wie wird die Kirche in Zukunft damit umgehen, denn Abschiebungen werden ja bald auf uns zukommen.« Alf Christophersen mahnt, den Bogen nicht zu überspannen: »Es ist die große Kunst, Kirchenasyl nicht zum Regelfall werden zu lassen.«

Die Diskussion, die von über 100 Zuhörern gespannt verfolgt wurde, hat nicht nur die unterschiedlichen Posi­tionen sehr deutlich vor Augen geführt. Sie hat auch gezeigt, dass der religiöse Dialog zum gegenseitigen Verständnis geführt und in die gesamte Gesellschaft getragen werden muss. Ein Streit war kaum der Rede wert und scheint schon beigelegt: das Tragen einer Kopfbedeckung im öffentlichen Dienst.

Doris Weilandt

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