Niemand will ihn haben – wohin mit dem Karton?

20. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Römer 5, Vers 8

Das war meine Schuld und ich habe sie in wenigen Worten aufgeschrieben und in einen kleinen Karton gesteckt. Alle anderen, die auch mit im Kinder- und Jugendgottesdienst waren, taten es ähnlich. Wir haben versucht in Worte zu fassen, wo wir uns schuldig gemacht haben, wo wir meinten, dass wir hinter unseren Erwartungen an uns selbst zurückgeblieben sind. Auch wenn durch uns in unserer Umwelt oder in anderen Menschen etwas kaputt gegangen ist, haben wir es notiert und in diese kleine Kiste gesteckt. Doch wohin mit ihr? Als die kleine Box voll war, wollte sie keiner mehr haben. Ich warf sie in die Menge, irgendeinen wird es schon treffen, der ist dann eben an allem schuld. Doch die Jugendlichen waren geschickt, wichen der Schuld aus oder schoben sie schnell jemandem anders zu. Wer sich nicht so gut wehren konnte, versuchte die Schuld zu verstecken, doch irgendjemand hat sie doch immer wieder entdeckt. Was für ein Heil-loses Durcheinander. Der Gottesdienst und unsere schöne kleine Welt drohte auseinanderzufallen. Es hörte einfach nicht auf, bis ich die Box nahm und nach vorn auf den Altar unter das Kreuz stellte. Plötzlich wurden alle ganz still, sahen auf Jesus, auf das Kreuz und ihre Schuld.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

Ich gebe zu, so eindrucksvoll wie in diesem Moment habe ich unsere Befreiung durch Christi Tod selten vor Augen. Im Alltag wird das Kruzifix schnell zu einem leicht angestaubten Gegenstand, der auf ein geschichtliches Ereignis verweist. Doch Christus ist nicht nur für seine Jünger und die Leute damals gestorben. Er hat die Schuld aller Menschen auf sich genommen und sein Leben gegeben, damit wir frei sind. Als ich im Gottesdienst sagte: »Da können wir die Box hinlegen, Gott wird sie keinem von uns unterschieben, sondern alles auf sich nehmen.« Da fragten die Kinder: »Wieso macht er das?« Ja, vielleicht können wir Menschen das nicht ganz verstehen, aber doch spüren, dass Gott uns liebt. Wir dürfen, auch wenn uns nicht alles gelingt, tatsächlich frei sein, um Gottes Liebe willen.

Thomas Vesterling, Pfarrer in Beendorf

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