»Es geht nicht ums Abnehmen«

22. Februar 2016 von redaktionguh  
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Passionszeit: Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen – Fasten ist mehr als der Verzicht auf Genuss

Die Passionszeit gilt im Kirchenjahr als Fastenzeit –eine Bußübung und Besinnung auf das Leiden Christi. Heute stehen Entschlackung und Entschleunigung im Vordergrund.

Gibt man den Begriff »Fastenzeit« in eine der großen Suchmaschinen des Internets ein, so erhält man mehr als 1 150 000 Treffer. »Fastenzeit für Anfänger«, »Tipps und Tricks für die Fastenzeit«, »Anders leben in der Zeit vor Ostern«: so und so ähnlich heißen die angezeigten Seiten. Die Fastenzeit scheint im Bewusstsein der Menschen tief verankert zu sein. Dabei ergab kürzlich eine Umfrage des Nachrichtenmagazins »Focus«, dass nur 22 Prozent der Deutschen während der sieben Wochen vor dem Osterfest ihre Ess- und Trinkgewohnheiten mäßigen. In Ostdeutschland verzichten noch einmal deutlich weniger Menschen auf Alkohol, Fleisch oder andere Genussmittel.

»Wenn man Fasten nur als Verzicht begreift, dann bedeutet das eine Lebensminderung«, erklärt der Augustinerpater Jakob Olschewski. Für Bruder Jakob, der mit seinen Mitbrüdern in der Erfurter Reglergemeinde beheimatet ist, geht es in der Fastenzeit vor allem um das Wecken neuen Lebens. »Es gibt bei jedem Menschen Lebensbereiche, Talente, Interessen, die brach liegen. Ich finde es wichtig, diese zu finden und aufzuwecken, was das eigene Leben und das anderer reicher macht.«

Fotos: piai – fotolia.com

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Das könnte das Musizieren allein und miteinander sein. Das könnte ein Bibelkreis sein, bei dem man sich mit Gottes Wort, aber auch mit den Menschen dort auseinandersetzt. »Momentan sind wir als Christen wieder besonders gefordert, für den Frieden in der Welt einzutreten, für die Gerechtigkeit und für die vielen Hilfesuchenden, die zu uns gekommen sind und noch kommen werden«, so Bruder Jakob. Das, was wir gerade erleben, könnte unsere Gesellschaft und auch die Christen verändern. »Alles, was dem Leben dient und den Beziehungen zwischen Menschen, ist etwas für die Fastenzeit«, betont er. Dabei könne man auch ganz neue Wege gehen.

So wie Tilman Wagenknecht von Bus und Bahn Thüringen. Mit seinem Team und unterstützt durch die EKM hat der gläubige Christ vor sechs Jahren das »Autofasten« in unserer Region ins Leben gerufen. Sich besinnen und das eigene Leben in der Fastenzeit neu auszurichten, hat für Wagenknecht nicht nur etwas mit Genussverzicht zu tun. »Die berufstätige Generation unserer Tage ist aufgewachsen in einem großen Bewusstsein für Fragen des Umweltschutzes. Doch bei den hohen Mobilitätsanforderungen des Berufslebens fehlen oft die Mittel, um umweltverträglich zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen«, so Wagenknecht. Um Job, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen, benutzen viele Menschen das Auto. Die Aktion »Autofasten«, die es auch in Rheinland-Pfalz und den katholischen Bistümern Mainz, Trier und Fulda gibt, will hier zu einem Bewusstseinswechsel verhelfen.

»Unser Autofasten-Mitmach-Kalender kann am Kühlschrank befestigt werden und ich kann immer sehen, wie ich es geschafft habe, umweltfreundlich mobil zu sein«, so Wagenknecht. Dies ist eine Möglichkeit, Schöpfungsverantwortung in der Fastenzeit wahrzunehmen und zu leben. Zusätzlicher Anreiz ist das VMT-Fasten-Ticket, bei dem die Mitmachenden sieben Wochen zum Preis einer vierwöchigen Monatskarte mobil sein können. Das Autofasten zeigt Alternativen auf, verteufelt das Auto aber nicht. Es bleibt eine Möglichkeit, die man nutzen kann.

Regeln und Verbote sind für die meisten Menschen eben nicht attraktiv. Da die Fastenzeit oft als Zeit des Verzichts wahrgenommen wird, ist es bei ihr ebenso. »Nur wenn Menschen die Kirche als eine Gemeinschaft des Lebens und nicht der Regeln, der Ge- und Verbote erleben, werden sie sich ihr zuwenden«, ist sich Bruder Jakob sicher. Darum hält er es für besonders wichtig, dass Christen von der Freude und Lebendigkeit ihres Glaubens Zeugnis abgeben. »Wir gehen auf Ostern zu. Das Leben wird wieder erwachen. Wenn wir das vermitteln, dann werden die Menschen neugierig, auf das was wir glauben und tun«, betont der Augustinerpater.

Er plädiert dafür, das Evangelium ernster zu nehmen. In katholischen, aber auch in manchen lutherischen Aschermittwochsgottesdiensten wird das Aschenkreuz gespendet. Darauf hat Bruder Jakob in diesem Jahr bewusst verzichtet. »Im Matthäusevangelium heißt es: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater (…). Und darum habe ich in diesem Jahr stattdessen eine Salbung der Menschen mit Myrrhe-Öl vorgenommen«, so Pater Jakob. »Gott schenkt uns Versöhnung und ruft uns dazu auf, diese Versöhnung und Freude an unsere Nächsten weiterzugeben. Vor allem in der Fastenzeit.«

Etwas weglassen, um etwas zu gewinnen und das Leben neu ordnen. So könnte man den Sinn der Fastenzeit überschreiben. »Es geht ja nicht, wie viele glauben, ums Abnehmen«, sagt Bruder Jakob. »Alkohol, Süßigkeiten, Autofahren: all das hat ja nichts mit meinem Innersten zu tun. Was macht einen Menschen denn lebendig? Das Zusammensein mit anderen. Und darum sollte dies auch im Vordergrund stehen«, meint er. Wenn jemand beschließe, die sieben Wochen vor dem Osterfest mehr Menschlichkeit – zum Beispiel am Arbeitsplatz – zu leben, dann wirke das im Nächsten und einem selber nach. Fastenzeit ist Zeit der Menschlichkeit, ist sich Bruder Jakob sicher.

Diana Steinbauer

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