Bußruf oder Bus-Ruf

22. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalts ruft in Wittenberg zu Einkehr und Buße auf

Ein kleines, mit rotem Stoff bespanntes Podest steht auf dem Wittenberger Marktplatz. Drum herum gruppiert sich ein gutes Dutzend Menschen. Die meisten Passanten eilen vorbei an diesem kalten, windigen Mittwochnachmittag; Männer mit Einkaufstüten, Frauen mit Kindern an der Hand. Um die Ecke tuckert ein Bus – und Friedrich Kramer ist zum Scherzen zumute. Er habe sich schon oft gefragt, sagt der Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalts, ob die Wartenden an der Haltestelle seinen Bußruf verstehen oder doch einen Bus-Ruf.

Akademie-Direktor Friedrich Kramer auf dem Wittenberger Marktplatz: »Gott ist größer als unsere Enge.« Foto: Alexander Baumbach

Akademie-Direktor Friedrich Kramer auf dem Wittenberger Marktplatz: »Gott ist größer als unsere Enge.« Foto: Alexander Baumbach

Kramer lacht schelmisch und steigt auf das Podest, die berühmten Denkmale von Luther und Melanchthon im Rücken. Seine Stimme hallt über den Markplatz. »Liebe Wittenbergerinnen und Wittenberger, ich rufe euch auf zur Buße und zur Umkehr!«

Politischer Aschermittwoch, Gottesdienste zur Beginn der Fastenzeit – das ist weit verbreitet. Der Wittenberger Bußruf ist aber den Angaben der Evangelischen Akademie zufolge der einzige evangelische seiner Art in Deutschland. Das wundert Friedrich Kramer und seine Mitstreiterin und Kollegin Lydia Schubert. »Die Buße ist doch zentrales Thema der Reformation und Grundlage des Evangeliums«, sagt Kramer. Er möchte die Menschen – Christen wie Nicht-Christen – dazu einladen, die frohe Botschaft neu zu entdecken. Dazu eignet sich das diesjährige Fastenzeit-Motto der EKD in besonderer Weise. Bei »Großes Herz. Sieben Woche ohne Enge« geht es nicht ausschließlich um Verzicht, sondern um Zugewinn. Um Herzsport im besten christlichen Sinne, wie Friedrich Kramer meint.

Trainingsideen liefert die Evangelische Akademie gleich mit: sich selbst aus dem Fokus rücken, anderen zuhören und sich wirklich auf Gespräche einlassen; einen entfernten Bekannten einladen oder den Nachbarn, mit dem man zwar Tür an Tür lebt, der einem aber dennoch fremd ist; teilen, verzeihen, sich mit anderen freuen – ganz ohne Neid und Missgunst; dankbar sein für das große Herz Gottes, der sich hingegeben hat, um uns zu retten. Es gibt viele Übungen, in der siebenwöchigen Fastenzeit ein fröhliches, offenes, gütiges Herz zu trainieren und ohne Enge zu leben.

Ohne Enge, aber nicht ohne Grenzen, wie Akademie-Mitarbeiterin Lydia Schubert in ihrem Teil des Bußrufs vor der Thesentür der Schlosskirche hinzufügt. »Es sind Grenzen, die die Menschlichkeit gebietet. Gute Grenzen.« Sie werden überschritten, wo wir bei unseren Mitmenschen nur Fehler sehen, wo wir nach Geschlecht urteilen oder nach Hautfarbe, wo der Preis das einzige Kriterium für den Konsum ist und Umweltschutz und menschenwürdige Arbeitsbedingungen außer Acht gelassen werden.

Gute Grenzen zu setzen, damit es allen besser gehe, das beginne schon im Kleinen, so Lydia Schubert. Fair gehandelten Kaffee zu trinken oder beim Gemeindefest einmal vegetarisches Essen aufzutischen, sei ein Anfang.

Es sind kleine wie große, schwere wie leichtere Herzübungen, die der Wittenberger Bußruf vereint – bis Ostern ist Zeit dazu, und darüber hinaus.

Katja Schmidtke

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