Für Wolfgang war die Sache klar

22. Februar 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Anhaltgeschichte(n): Vor 450 Jahren starb in Zerbst ein Protestant der ersten Stunde

Anhalt brachte einen frühen Vorreiter für die Reformation im Reich hervor: Fürst Wolfgang (1492–1566). Eine Erinnerung.

Darf man dem Herzenswunsche Tausender sein Ohr verschließen? Darf ein Landesherr sein Volk um seiner Seele Heil betrügen? – Doch ist der Kaiser nicht des Landes Vater?«

1892, aus Anlass des 400. Geburtstags des Titelhelden, veröffentlichte der Bernburger Oberpfarrer Karl Windschild ein »geschichtliches Volksschauspiel« unter dem Titel »Fürst Wolfgang von Anhalt«. Die Worte, die Windschild seinem Helden hier in den Mund legte, spiegeln die Situation gut wider, in der dieser sich 1524 befand: Luthers Lehre hatte überall im Reich, vor allem in den Städten, Anhänger gefunden. In Anhalt hatten die Bürger von Zerbst 1522 begonnen, sich eine evangelische Kirche aufzubauen.

Wolfgang erkannte früh, dass er sich dem »Herzenswunsch« der Zerbster nicht verschließen könne. Seine Schwester hatte 1513 Herzog Johann von Sachsen geheiratet. Er selbst stand als Geheimer Rat in kursächsischen Diensten. Diese Beziehung nach Wittenberg war grundlegend für seinen Zugang zu Luthers Lehre. Doch welche Konsequenzen waren daraus zu ziehen? Es mangelte erheblich an Glaubensgenossen unter seinesgleichen, die bereit waren, das Risiko Reformation einzugehen. Das galt auch für seine Dessauer Verwandtschaft: Luthers Lehre war auch ihr bedenkenswert – aber der Kaiser hatte sie doch strengstens verboten! Und zeigte nicht der Bauernkrieg, wohin es führte, die Ordnung infrage zu stellen?

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Blick auf die über 800-jährige Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi und den freistehenden Kirchturm, auch »Dicker Turm« genannt. In der Gruft der wurde Fürst Wolfgang beigesetzt. Foto: Adrienne Uebbing

Für Wolfgang war die Sache bald klar: Den Aufrührern war Einhalt zu gebieten, die evangelischen Bewegungen hingegen brauchten Unterstützung. Während Fürstin Margarethe 1525 mit dem Dessauer Bund ein Verteidigungsbündnis der Altgläubigen gründete, schloss er sich dem Torgauer Bund der Unterstützer Luthers an. Im Alleingang begann er, Kirchen zu visitieren; der Zweifel, ob nicht der Kaiser »des Landes Vater sei«, hielt ihn davon nicht ab. 1527 verlieh Wolfgang der Stadt Köthen die erste evangelische Kirchenordnung Anhalts. Im Gefolge seines Schwagers nahm er am Reichstag 1529 teil. Hier gehörte er zu den Unterzeichnern der Protestation von Speyer. Zwei Jahre später setzte er seine Unterschrift unter die Confessio Augustana, die bis heute Gültigkeit besitzt. Wolfgang hatte damit Teil an wahrhaft historischen Ereignissen. Gegen die Übermacht des Kaisers und der Mehrzahl der Reichsstände wurden damals Grundlagen dafür gelegt, dass die Predigt des reinen Evangeliums keine Episode blieb. Seitdem ging es auch in Anhalt verstärkt um den Aufbau einer evangelischen Kirche. Seit etwa 1534 waren auch Wolfgangs Vettern in Dessau daran beteiligt.

Die Aufmerksamkeit, die Autoren wie Windschild dem Fürsten Wolfgang im 19. Jahrhundert entgegenbrachten, war groß: Staat, Kirche und Gesellschaft betonten ihre evangelischen wie dynastischen Wurzeln. Während man in seinem Vetter Georg (1507–1553) den fürstlichen Theologen verehrte, habe Wolfgang, so Wilhelm Große 1855, als ein »Glaubens=Heldenstreiter« großes geleistet. Heute an ihn zu erinnern, darf nicht bedeuten, dieses Pathos wiederaufleben zu lassen. Das Interesse der Fürsten, mit den damals freigesetzten Ressourcen – etwa aus Klostergut oder bischöflichen Rechten – ihre Macht zu stärken, ist klar zu benennen. Wolfgangs Bemühungen, sich in Bernburg und Zerbst der Nachwelt in Erinnerung zu halten, sind Zeugnisse protestantischen Geistes, aber auch herrschaftlichen Selbstbewusstseins. Wolfgang fiel 1547 der Reichsacht anheim. Er verlor seine Herrschaft und ging ins Exil. Mit hundert Reitern war er dem Kurfürsten von Sachsen in den Schmalkaldischen Krieg gefolgt. Dass er in diesem Kampf für die evangelische Sache auch versucht hatte, sich die alte Grafschaft Aschersleben einzuverleiben – ja, auch dies sollte nicht unterschlagen werden.

Doch zu der möglichst differenzierten Sicht auf die Geschichte gehört stets die Frage, was sie uns heute sagen kann. Trotz erheblicher struktureller Defizite und gewaltiger mentaler Hindernisse stand Wolfgang für seine Überzeugung ein. Persönliche Bindungen waren hierfür zweifellos zentral. Kein geringerer als Martin Luther schrieb 1528 an Wolfgang: »Daß aber im Volke möchte ein Gemurmel werden auß solcher Neuerung, muß man wagen und Gott befehlen.« Zum Glauben gehört Mut – auch heute. Und sein eigentlicher Quell liegt außerhalb menschlichen Willens und Tuns.

Jan Brademann

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