Passionsgeschichte mit Lego

27. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Pfarrer Michael Weber aus Egeln erzählt Ostern gern auf unkonventionelle Art und Weise

Es bedurfte nicht erst des sensationellen Erfolges eines inzwischen 400 000-mal verkauften Playmobil-Reformators, um zu konstatieren, dass sich religiöse und biblische Themen durchaus mittels Kinderspielzeug vermitteln lassen.

Ein Tisch, zwölf Männer, ein freier Platz: Das letzte Abendmahl einmal anders interpretiert. Fotos: Thorsten Keßler

Ein Tisch, zwölf Männer, ein freier Platz: Das letzte Abendmahl einmal anders interpretiert. Fotos: Thorsten Keßler

Schon lange wird in der kirchlichen Bildungsarbeit auch mit Lego gearbeitet. Durchschnittlich einmal im Monat setzt zum Beispiel der evangelische Pfarrer Michael Weber aus Egeln das zeitlose Spielzeug in seiner Arbeit ein. »Ob mit Kindern oder mit Erwachsenen: Lego ist eine schöne Möglichkeit, um ins Gespräch zu kommen«, sagt Weber. Er macht Kirchenführungen und baut im Anschluss mit den Teilnehmern das Gebäude nach. Oder er erzählt biblische Geschichten mithilfe der Kunststoff-Steine.

So wie jüngst in der Kneipp-Kita »Rappelkiste« in Etgersleben. Auf farbigen Samttüchern hat Michael Weber sieben Stationen der Ostergeschichte aufgebaut. Zehn Kinder und zwei Erzieherinnen scharen sich um die erste Station: Jesu Einzug nach Jerusalem. Während Pfarrer Weber die Geschichte erzählt, rupft der fünfjährige Henry die Plastikpalmen und legt die Blätter auf den Weg. Auf seinem Esel zieht der Lego-Jesus in Jerusalem ein und begleitet die Gruppe zur nächsten Station.

Hier versammeln sich Figuren um einen Tisch. Frieda zählt: Es sind zwölf Männchen. Dazu gesellt sich jetzt der vom Esel abgestiegene Jesus und feiert das letzte Abendmahl, ehe es nebenan im Garten Gethsemane weitergeht.

Einige Bausteine sind wie geschaffen für die Ostergeschichte. An anderen Stationen muss Michael Weber kreativ sein, seiner Fantasie freien Lauf lassen und Teile aus anderen Welten zweckentfremden. »Für Golgatha habe ich den Hügel aus einer Lego-Weltraumplatte gebaut.« Nahezu alle Elemente der Geschichte lassen sich mit den Steinen darstellen, einzig bei der Dornenkrone musste der Pfarrer mit Draht tricksen.

Die bunten Kunststoff-Steine begleiten den Pfarrer seit der Kindheit. Inzwischen lagern einige Hunderttausend der Mini-Klötzchen fein sortiert im Pfarrhaus. Weber öffnet eine der Boxen mit Kleinteilen. »Hier habe ich günstig 400 Oberkörper ersteigert.« In der nächsten Box sind Arme und Hände. Die passenden Köpfe lagern eine Box weiter. Bevor Michael Weber eine Geschichte erzählt, muss er die Figuren zusammensetzen. »Es gibt Leute mit Bart, mit Brille. Die Jünger Jesu hatten wahrscheinlich oft einen Bart. Der Petrus war Fischer, also bekommt er einen gestreiften Oberkörper.« Zwar lege Lego gelegentlich auch religiöse Figuren auf, die meisten Requisiten für eine biblische Geschichte müsse man aber selbst entwickeln.

Michael Weber ist nicht der einzige »Lego-Pfarrer«. So gibt es einen amerikanischen Künstler, der die wichtigsten Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament nachgestellt hat, und wer eine Internetsuchmaschine mit den richtigen Begriffen füttert, landet schnell auf Seiten mit richtig professionell gestalteten Fotostrecken.

Die Ostergeschichte in Etgersleben dauert rund 30 Minuten. Gebannt und aufmerksam haben nicht nur die Kinder gelauscht. »Spannend und auch für uns Erwachsene Neues«, findet Gabriela Meyer, die stellvertretende Leiterin der »Rappelkiste«. Wiederholung durchaus erwünscht.

Thorsten Keßler

Ostern heißt leben lernen

27. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

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Gedanken zum Fest: Die Erinnerung daran pflegen, dass die Welt eine andere geworden ist


Was geschieht eigentlich, wenn wir Ostern feiern? Geschieht noch anderes, als dass Menschen an eisbefreiten Bächen spazieren, Märzenbecher und duftende Veilchen bewundern?

In den Kirchen wird nach den Wochen der Passion endlich wieder das Gloria gesungen. Geschieht noch mehr, wenn der Jubel in die Liturgie zurückkehrt? Geschieht etwas über das hinaus, was freundliches Brauchtum erkennen lässt? – Offensichtlich nicht. Es geschieht am Ostermorgen nichts anderes als am Morgen zuvor und am Morgen danach. Man möchte daran verzweifeln, weil sich eben nichts ändert. Weil eben nichts neu und erneuert wird, sondern das Alte die todbringende Macht behält, mit der es seit jeher wirkt. Worin besteht das »Dennoch« von Ostern?

Foto: Wikipedia

Foto: Wikipedia

Alles hat mit Erinnerung zu tun. Mit einer Erinnerung, die nicht die eigene und nur teilweise die unsere ist. Überkommene Erinnerung, zur Sprache geronnen in seltsamen Geschichten. In der Überlieferung bleiben sie dieselben und erklingen doch immer wieder neu. Und indem sie erzählt werden, wecken sie etwas in uns auf oder halten etwas in uns wach. Aber das, was da in uns wach ist oder wird, liegt nicht offen zutage. Es ist vielmehr nicht offensichtlich, sondern verborgen, verschüttet, zugedeckt, versteckt.

Die Ostergeschichten bringen es in uns zum Klingen. Sie erzählen von den Frauen und auch von den Männern am Grab. Vom Stein, der nicht da war, wo er hingehörte. Von den in Gesicht und Geist blinden Freunden. Und von denen, denen die Angst zum Begleiter geworden war.

Bei alledem erzählt die Bibel wenig, fast gar nichts, von der Auferstehung. Man kann vermuten, dass jeder Versuch, hier etwas abbilden zu wollen, zum Scheitern verurteilt wäre. Davon, wie Gott diesen Jesus von den Toten auferweckte, gibt es offensichtlich nichts zu erzählen. Zu erzählen gibt es nur davon, wie Menschen mit dieser neuen Situation zu leben versuchten.
Denn das ist ja nicht einfach. Wie lebt man denn in der Erinnerung an den Lebenssieg Gottes angesichts der Todeswirklichkeit? Und ist das überhaupt eine Erinnerung, nicht doch vielmehr nur eine Behauptung? Wenn Menschen sich dem tatsächlich aussetzen wollen, kommen sie um eine Spannung nicht herum. Weil da etwas als nicht zusammenpassend erfahren wird. Dass die Abfolge von Leben und Tod zusammengehört und nicht getrennt werden kann, ist schon schwer genug zu ertragen. Aber dass auch umgekehrt Tod und Leben in Zusammenhang stehen, das sprengt die Vorstellungskraft. Das verstört, es stiftet Unordnung und bringt durcheinander. Seltsamerweise läuft die Erinnerung von Ostern trotz dieser manchmal fast nicht auszuhaltenden Spannung nicht aus. Sie ist immer noch da, obwohl sie doch längst tot sein müsste. Wie das andere auch, was mit diesem Mann am Kreuz zu tun hat. Doch auch zu Ostern 2016 geschieht nichts Besonderes, nur neue Gräber kommen. Die Welt verändert sich nicht, und es bleibt zu befürchten, dass sich auch die Kirchen nicht verändern. Es bleibt alles, wie es ist.

Doch die Erinnerung an Jesus, den Gott nicht bei den Toten gelassen hat, ist immer noch da. Wie lebendig Erinnerungen sind, wie verbreitet und intensiv sie sind, das entzieht sich unserer Kenntnis und Einflussnahme. Aber deshalb ist der Ort wichtig, an dem die Ostererinnerung ihren Platz hat: im Gottesdienst, in dem Gott mit uns das Geschenk des Lebens feiert.

Ostern hängt nicht von uns ab. Weder von unserer Wachheit noch von unserem Eifer. Wir können aber die Erinnerung pflegen, treu und mit langem Atem und auch dem nötigen Mut. Das ist nicht wenig. Es ist die Erinnerung daran, dass die Welt eine andere geworden ist. Wie in den Ostergeschichten müssen wir aber wohl erst noch lernen, damit zu leben.

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch.

Mathias Imbusch

Jesus war kein strahlender Superheld

26. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, Vers 18

Alles in einen Raum, Tür zu, Schlüssel umdrehen und fertig. Alles, was ich nicht mehr sehen will, da einsperren, es aussperren aus meiner Welt. Ich habe damit nichts mehr zu tun. Und den Schlüssel, den behalte ich ganz fest in der Hand.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Mir fällt genug ein, was ich in diesen Raum sperren möchte. Die vielen schlechten Nachrichten jeden Tag. Das Leid der Flüchtlinge und den Streit bei uns darüber, wie man ihnen helfen kann. Den Krieg und die Not in ihren Heimatländern. Und ich sehe, dass es genug Menschen in unserem Land gibt, die sich genau das Gleiche wünschen: Dass einer kommt und aufräumt und die Welt wieder schön übersichtlich wird. Wer einfache Lösungen verspricht, hatte großen Erfolg bei den letzten Wahlen. Ich kann diesen Wunsch verstehen. Aber es wird sich noch zeigen, ob die, die behauptet haben, sie hätten Schlüssel zu den Problemen, sie tatsächlich haben. Ich glaube es nicht.

Im Buch der Offenbarung, aus dem der Spruch für die Osterwoche stammt, geht es auch um Macht. Der Seher Johannes sieht den auferstandenen Christus vor sich. Und der sieht in dieser Vision tatsächlich aus wie ein Superheld, der alle bösen Mächte besiegt und für immer eingesperrt hat. Für die unterdrückten und verfolgten christlichen Gemeinden im römischen Staat in dieser Zeit war dieses Bild eine Hilfe. Je machtloser sie sich selbst fühlten, umso strahlender malten sie sich Jesus Christus als Sieger aus.

Doch Jesus ist ein anderer Sieger. Er war kein strahlender Superheld. Leid, Tränen, Geschrei, Schmerzen, den Tod – er hat das am eigenen Leib erlebt. Er hat sich nichts erspart. »Hinabgestiegen in das Reich des Todes« sagen wir im Glaubensbekenntnis. Jesus war dort, ganz unten, und Gott hat ihn von dort wieder ins Leben geholt. Deswegen können wir ihn zu Ostern als Sieger über den Tod feiern. Deswegen hat er die Schlüssel bekommen. Seine Macht kommt aus seiner Ohnmacht. Und er ist an der Seite aller Menschen, die leiden.

Pfarrerin Kathrin Oxen, Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Lutherstadt Wittenberg

Dem Leben trauen

26. März 2016 von redaktionguh  
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Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?« Diese Worte stammen aus einem alten Osterlied. Sie sind über 250 Jahre alt. Aber: veraltet sind sie nicht. Oder doch? So viel Tod ist unter uns. In der Welt. So viele schreckliche Nachrichten.

Foto: EKM

Foto: EKM

Und da mitten hinein kommt die Nachricht vom Ostermorgen: Jesus lebt! Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

O ja, wir brauchen diese Nachricht, dass Jesus lebt. Er hat den Tod hinter sich gelassen. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Auch für mich! Auch für Sie! Jesus zieht auch uns auf seine Seite, auf die Seite des Lebens. Er ist der Anwalt des Lebens.

Und was heißt das? Es heißt: Er sitzt an unserer Seite, wenn wir das Leben verklagen wollen, weil es hart mit uns ist. Er sitzt an der Seite derer, die vom Leben abgeschnitten werden. Durch eine schwere Erkrankung oder an der europäischen Außengrenze oder mitten unter uns. Er leidet mit uns. Er weint mit uns. Er klagt mit uns. Er ruft uns auf die Seite des Lebens.

Er hält unsere Hoffnung wach. Und die Sehnsucht nach einem guten Leben: Friedlich. Menschlich. Freigiebig. Und entschieden gegen Hetze und Gewalt, gegen Neid und Angst. Mitmenschlich.

»Jesus lebt, mit ihm auch ich.« Das können wir öfter singen. Und dem Tod den Schrecken nehmen – auch für andere.

Dass sie dem Leben trauen können, wünscht Ihnen zum Osterfest Ihre Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Der Tod endet

26. März 2016 von redaktionguh  
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Glauben: Das leere Grab zu Ostern birgt eine unüberbietbare Heilsgewissheit in sich


Ostern ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Hier endet das Universum des Verstandes, und es beginnt das Universum des Glaubens.

Die Karwoche mit ihren Fixpunkten am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag bildet das Zentrum unseres christlichen Glaubens. Manches davon ist vielleicht auch für einen Nichtchristen verständlich: die Abendmahlsgemeinschaft des Gründonnerstags ist vordergründig nicht mehr als das gemeinsame Essen einer Gruppe von Menschen, die sich wechselseitig tief vertraut sind. Der Karfreitag mit dem Tod am Kreuz lässt sich politisch deuten.

Kirchenpräsident Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Kirchenpräsident Joachim Liebig. Foto: Landeskirche

Spätestens jedoch mit der Botschaft von der Auferstehung von den Toten enden die rationalen Deutungsmuster. Die zentrale Bedeutung für unseren Glauben lässt sich weder für Gründonnerstag noch Karfreitag rational wahrnehmen. Die Einsetzung des Abendmahls am Tag vor seinem Tod ist für uns Christen mehr als nur eine Gemeinschaftsform. Immer wiederkehrend versichern sich Christenmenschen seit 2 000 Jahren mit tragenden Verbindungen nicht nur untereinander, sondern mit Gott selbst.

Der Tod am Kreuz auf Golgatha ist nicht nur Ergebnis einer politischen Intrige. Sie leitet den Wendepunkt der Menschheit und ihres Verhältnisses zum Sterben ein. Die Verwirrung der Frauen am leeren Grab zu Ostern ist menschlich mehr als verständlich. Sie sind jedoch die ersten, die etwas buchstäblich grundstürzend Neues zur Kenntnis nehmen: der Tod endet.

Wer je Sterbende begleitet hat oder sich selbst existenziell mit dem eigenen Tod befassen musste, weiß um die unüberbietbare Heilsgewissheit, die das österlich-leere Grab in sich trägt. Menschliche Hoffnung lässt sich nicht auf unser von Anfang an gefährdetes menschliches Leben begrenzen. Christenmenschen sind gewiss, bereits in diesem Leben und darüber hinaus eine Geborgenheit bei Gott zu finden, der selbst der Tod nichts anhaben kann. Wer sich dieser Gewissheit öffnen will, muss damit das Universum des Verstandes überschreiten und in das Universum des Glaubens eintreten. Die österliche Glaubensgewissheit setzt die Bereitschaft dazu voraus und die Gebetsbitte an Gott, die buchstäblich unglaubliche Erkenntnis des Ostertages zu der entscheidenden lebensprägenden Einstellung werden zu lassen. Die Gottesdienste in den kommenden Tagen sind seit 2 000 Jahren für Menschen aller Kulturen und Zeiten eine entscheidende Hilfe und Vergewisserung auf diesem Weg österlichen Glaubens. Dazu wünsche ich uns allen Gottes Segen und den Gruß des Ostermorgens: Christus ist von den Toten auferstanden!

Joachim Liebig

Der Autor ist Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Luthers wahrer Kampf

25. März 2016 von redaktionguh  
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Es ist eine alarmierende Zahl: Zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Angststörungen. Dass auch gläubige Menschen davon nicht verschont sind, erfahren Seelsorger jeden Tag.

Wer an Martin Luther denkt, sieht den glaubensstarken Reformator, den mutigen Bekenner. Doch auch Luther hatte Angst, schwere Zweifel und wohl auch Depressionen.Wenn sich die evangelische Kirche nun auf »500 Jahre Reformation 2017« vorbereitet, sollte sie diese Seite des Reformators nicht vergessen. Denn im Zentrum der Reformation stand nicht die Auseinandersetzung mit Rom, sondern eine seelsorgerliche Frage: die Tröstung des geängstigten Gewissens. Und hier war Luther ein wahrer Kämpfer. Er wehrte sich gegen die nutzlose Furcht, gegen die kirchliche Angstmacherei vor Tod und Hölle. Die Idee einer für den Glauben nützlichen Furcht verwarf er. Davon befreit, konnte sich Luther den inneren Ängsten zuwenden – zweifellos der schwierigere Part. Er praktizierte das, was die Angstforschung als Grundwahrheit erkannt hat: Angst kann nur überwunden werden, wenn man ihr ins Gesicht sieht. Er erkannte, dass sein seelischer Zustand nicht durch menschliche Anstrengung stabilisierbar ist, weder durch moralische Taten noch durch intellektuelle Denkleistungen. Erst dann konnte er sagen: »Christus ist mein Heil und Retter.«

Die Kirche ist keine Agentur für Angstbeseitigung. Der Glaube ist ein Lebensweg, auf dem Ängste der Endlichkeit, der Verlassenheit und Verlorenheit ausgedrückt, angenommen und bewältigt werden können. Luthers Kampf und die Reformation erinnern daran, dass Gott uns auf diesem Weg weit entgegenkommt.

Helmut Frank

Der Autor ist Chefredakteur des Sonntagsblattes (Evangelische Wochenzeitung für Bayern).

Brauchen wir einen Gott?

21. März 2016 von redaktionguh  
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Gottesdienst in Gera verbindet Theaterstück über den Islam mit Aussagen der Bibel


Was macht der Islam in einem evangelischen Gottesdienst? »Das zweischneidige Schwert«, eine internationale Produktion von Theater und Philharmonie Thüringen (TPT) Gera-Altenburg, steht am Palmsonntag im Fokus eines Gottesdienstes.

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Gemeinde­pfarrer in Gera, verbindet in seinen Theatergottesdiensten stets Liturgie und Aussagen der Stücke miteinander. »Ich finde, dass man sich an einem Tag wie Palmarum durchaus mit einer anderen Religion auseinandersetzen kann. Im Predigttext, dem Christuslied aus Philipper 2, heißt es: ›(Jesus) entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.‹ Daher sollte man gerade in der Passionszeit Gott von Herzen neu suchen und finden«, meint der promovierte Theologe.

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe.  Foto:  Wolfgang Hesse

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe. Foto: Wolfgang Hesse

Die Autoren Petra Paschinger und Bernhard Stengele begeben sich in ihrem polit-poetischen Gesang »Das zweischneidige Schwert« auf die Spuren des islamischen Mystikers und Dschelaleddin Rumi (1207–1273). »Die Idee kam uns während der Arbeit zum Flüchtlingsdrama ›Die Schutzlosen‹. Damals wurde gerade ›Pegida‹ gegründet und das Wort Islamisierung geisterte durch die Republik. Wie kann es sein, dass bei einem Prozent Muslime alle im Land durchdrehen? Grund genug zu fragen: Woher kommt die Angst? Was ist eigentlich der Islam? Unsere Antworten bringen wir jetzt auf die Theaterbühne«, beschreibt Bernhard Stengele, Schauspieldirektor am Theater Gera-Altenburg, das Anliegen.

Mitwirkende aus Burkina Faso, Griechenland, Deutschland und der Türkei haben sich mehrere Tage in ein Sufi-Kloster zurückgezogen, den entrückenden Drehtanz (Tanz der Derwische) erlernt und sind in die spirituelle Welt des Islam eingedrungen. Riten, Zeremonien und Zitate beschreiben szenisch die Geschichte des Islam von der Entstehung bis zur Gegenwart. Umstrittene Themen wie Verschleierung, Selbstbestimmung der Frau und die Einmischung des Westens in die inneren Angelegenheiten der arabischen Welt werden kritisch beleuchtet.

Dem Besucher wird schnell klar, dass es aus dem Zusammenhang gerissene Verse des Korans sind, die der Terrororganisation IS (Islamischer Staat) als Alibifunktion für ihr Töten dienen. »Eine Religion kann man niemals losgelöst von der Gesellschaft betrachten, in der sie gerade stattfindet. Jede Religion hat ein großes Friedenspotenzial, sobald sie jedoch zu eng mit der Politik verquickt ist, wird es schwierig«, bemerkt dazu Bernhard Stengele.

Ganz selbstverständlich geht der Schauspieldirektor mit diesem Stück in die Kirche und setzt damit die langjährige Tradition der Theatergottesdienste in Gera fort. Zu Palmsonntag werden Szenen aus »Das zweischneidige Schwert« speziell für den Kirchenraum der Salvatorkirche Gera neu inszeniert. »Wir haben festgestellt, dass Leute, die ohne Religion groß geworden sind, sich sehr schwer damit tun. Ich denke aber, Christen können aus eigener Erfahrung verstehen, wie verletzlich der Glaube ist, so auch der der Muslime. Dieser Respekt anderen Religionen gegenüber kann helfen, versöhnend auf die Spaltung der Gesellschaft einzuwirken.«

Wolfgang Hesse

Theatergottesdienst »Wie wankelmütig ist doch die fromme Seele«: 20. 3., 17 Uhr, Salvatorkirche Gera
»Das zweischneidige Schwert« – Politpoetischer Gesang: 22. 3, 24. 3., 2. 4. und 5. 4. jeweils 19.30 Uhr, 6. 4. 10 Uhr, Gera, Bühne am Park (TPT), ab 14. 5. in Altenburg

Der Reformationsfürst

20. März 2016 von redaktionguh  
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Anhaltgeschichte(n): Landeskirche und Kooperationspartner erinnern zum 450. Todestag an Wolfgang von Anhalt

Die Evangelische Landeskirche Anhalts erinnert 2016 und 2017 mit Kooperationspartnern an den bedeutenden Reformationsfürsten Wolfgang von Anhalt. Er starb vor 450 Jahren am 23. März 1566 in Zerbst.

Im Zentrum stehen mit Köthen, Bernburg und Zerbst jene Residenzstädte, in denen der Fürst politisch aktiv war und bis heute Spuren hinterlassen hat. Wolfgang unterzeichnete wichtige Dokumente der Reformation, etwa das Augsburger Bekenntnis 1530, und setzte sich für Luthers Lehre ein.

Kooperationspartner des Gedenkjahres sind die Bernburger Freizeit GmbH, die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, die Kanzler von Pfau’sche Stiftung Bernburg sowie die Köthener Kultur und Marketing GmbH (KKM). Zum Auftakt findet am 23. und 24. März in der Zerbster Kirche St. Bartholomäi eine Tagung zu Wolfgang von Anhalt in der Reihe »Anhalt[er]Kenntnisse« statt. In der Kirche ist Wolfgang gleich auf zwei Gemälden von Lucas Cranach dem Jüngeren zu sehen. Zu Gast ist als Referent unter anderem Professor Dr. Gerhard Robbers, Minister der Justiz und für Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz. Sein Vortrag »Prinzipien, Interessen, Sachzwänge: Wie macht man Politik bei starkem Gegenwind?« beginnt am Mittwoch, 23. März, um 19 Uhr.

Das Gemälde »Gnadenstuhl mit den Fürsten Joachim und Wolfgang von Anhalt« kehrte erst im Dezember 2015 nach über fünf Jahrzehnten der Vergessenheit und des desolaten Zustandes an seinen angestammten Platz, die Kirche St. Bartholomäi in Zerbst, zurück. Foto: Landeskirche Anhalts

Das Gemälde »Gnadenstuhl mit den Fürsten Joachim und Wolfgang von Anhalt« kehrte erst im Dezember 2015 nach über fünf Jahrzehnten der Vergessenheit und des desolaten Zustandes an seinen angestammten Platz, die Kirche St. Bartholomäi in Zerbst, zurück. Foto: Landeskirche Anhalts

Weiterhin geplant ist eine Wanderausstellung »Wolfgang von Anhalt (1492–1566): Fürst und Bekenner« – ab dem 23. März in St. Bartholomäi Zerbst, vom 1. Juni bis 31. August im Schlossmuseum Köthen und ab dem 2. Januar 2017 im Schlossmuseum Bernburg zu sehen. Ein Festgottesdienst an historischer Stätte findet am Ostermontag um 10 Uhr in der Zerbster Bartholomäi­kirche statt. Weitere Aktivitäten sind eine Schulung der Gästeführer beim Anhaltischen Gästeführertreffen, ein Schülerprojekt der KKM mit der Freien Schule Anhalt in Köthen sowie Vortragsabende im Juni und Oktober in der Schlosskapelle Köthen sowie in der Kanzler von Pfau’schen Stiftung Bernburg. Am 19. Juni wird in der Köthener Kirche St. Jakob das Theaterstück »Wolf streitet für das Lamm (Gottes)« von Pfarrer i. R. Armin Assmann und Nicola Hedemann gezeigt.

Zur Bedeutung von Fürst Wolfgang von Anhalt sagt Jan Brademann, Historiker und Mitarbeiter im Archiv der anhaltischen Landeskirche: »Wolfgang war zugleich Fürst und Bekenner, hat als Reichsfürst politische Verantwortung übernommen und ist klar für die Reformation eingetreten. Trotz seiner Schwäche als ›kleiner‹ Fürst und obwohl seine Dessauer Vettern und ›große‹ benachbarte Fürsten die Reformation lange ablehnten, bekannte sich Wolfgang bereits seit 1524 zu Luthers Lehre.« (siehe Biografie unten)

Schließlich gehörte er zu jenen, die auf dem Reichstag zu Speyer 1529 gegen die erneute Ächtung Luthers protestierten und 1530 auf dem Reichstag die Confessio Augustana unterschrieben. Die Gründungsdokumente der evangelischen Kirche weltweit tragen somit Wolfgangs Unterschrift.

Auch für die Staatsbildung in Anhalt leistete Wolfgang Wesentliches. »Die Erinnerung an ihn hilft, die Gegenwart Anhalts als kleine und von der Reformation geprägten Region – und Kirche – zu verstehen und sie im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 selbstbewusst zu positionieren«, betont Jan Brademann.

Johannes Killyen


Biografie

Fürstlicher Aktivist mit Beispielwirkung

Wolfgang von Anhalt war ein früher »Bekenner« und Unterstützer der Neuen Lehre

Fürst Wolfgang wurde am 1. August 1492 in Köthen auf der alten Burg geboren. Zu dieser Zeit war Anhalt unter den Askaniern in mehrere Zweige aufgeteilt. Wolfgang entstammte der Linie des Fürsten Sigmund, die über Georg I. zu Waldemar VI. führte, der ab 1474 den damaligen Köthener Teil Anhalts regierte. Wolfgang war der Erbprinz und hatte zwei Schwestern. Seine ältere Schwester Barbara wurde zunächst mit Heinrich III. von Reuß verheiratet und später die Frau von Jan von Kolowrat, der den Ruf eines »Wüstlings« besaß. Seine jüngere Schwester Margarete hingegen heiratete 1513 Johann den Beständigen, den Kurfürsten von Sachsen. Eine Verbindung mit vielgestaltigen Folgen.

Wolfgang bekam eine standesgemäße ritterliche Ausbildung und studierte dann an der Leipziger Universität. Er erbte nach dem Tod seines Vaters 1508 dessen Landesteil von Anhalt. Dazu gehörten neben Köthen halb Bernburg und halb Zerbst, auch Ballenstedt, Harzgerode sowie die Ämter Sandersleben, Freckleben, Hecklingen, Dornburg und Coswig. Ein insgesamt trotz der Kleinheit auch zerstückeltes Staatsgebilde und vor allem sehr einnahmenschwach.

Fürst Wolfgang war 16 Jahre alt. Er regierte zunächst mit Hilfe seiner Mutter, die ihm mit ihrer Sparsamkeit und ihrem politischen Pragmatismus gut ergänzte und anleitete. Der junge Fürst besuchte 1510 zusammen mit dem Fürsten Adolf, seinem vertrauten Oheim, Rom, das ihn wegen der unchristlichen Prasserei, Huren- und Pfründewirtschaft abstieß. Ihm ging es da ähnlich wie Martin Luther. Beide machten unabhängig voneinander die gleiche Erfahrung und wurden anschließend zu Kritikern der Papstkirche. Damit wurden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Nach der Heirat seiner Schwester Margarete 1513 weilte er oft am kursächsischen Hof, trat in kursächsische Dienste und begrüßte die Unterstützung des Kurfürsten für Martin Luther, zu dem er sich auf dem Reichstag zu Worms 1521 offen bekannte. Er gehörte damit zu den ersten deutschen Reichsfürsten, die die Neue Lehre unterstützten. Mehr noch. Nach der Einführung der Reformation in Preußen mit der Umwandlung in ein weltliches Herzogtum und im Kurfürstentum Sachsen führte Fürst Wolfgang seinerseits die Neue Lehre 1525 in Anhalt-Köthen und 1526 in Anhalt-Bernburg ein. Parallel trat er dem Torgauer Bund der evangelischen Stände bei. In diesen Jahren zählte er zu den fürstlichen Aktivisten des Luthertums mit Beispielwirkung und beförderte gegen altkirchlichen Widerstand die Berufung lutherischer Prediger.

Zudem engagierte er sich für die Aufhebung der Klöster, schützte sie andererseits während des Bauernkrieges und nutzte das Vermögen der Klöster sowie deren Einkünfte für die Volkswohlfahrt. In Zerbst entstand schon 1531 aus dem Brüderkloster eine Schule, die als »Francisceum« bis heute existiert.

Fürst Wolfgang trat dem Schmalkaldischen Bund bei, zählte ab 1531 zu dessen Hauptrepräsentanten bei Verhandlungen sowie Kriegszügen. Mit seinen fürstlichen Vettern nahm er einen Gebietstausch vor. Er überließ ihnen Zerbst und übernahm ganz Bernburg, wo er dann auch residierte, Altstadt und Neustadt vereinte, die Kirche St. Nicolai ausbaute, eine Saale-Schleuse errichtete sowie den Schlosskomplex über der Saale umgestaltete. Es entstand durch den Baumeister Andreas Günther der sogenannte »Wolfgangbau«, der nach dem Tod des Fürsten auf Weisung von Fürst Joachim Ernst fortgesetzt wurde.

Fürst Wolfgang weilte noch am Sterbelager Martin Luthers in Eisleben, eroberte danach mit kursächsischer Hilfe Aschersleben für kurze Zeit zurück und erlebte dann die folgenschwere Niederlage des Schmalkaldischen Bundes bei Mühlberg. Der ernestinische Kurfürst kam in Gefangenschaft, Wolfgang floh in den Harz, stand unter der Reichsacht und verlor ebenfalls sein Fürstentum. Nach Bittgesuchen seiner Verwandtschaft, der Zahlung hoher Summen und der Vermittlung des nunmehrigen albertinischen Kurfürsten von Sachsen bekam Fürst Wolfgang sein Land durch den Passauer Vertrag von 1552 zurück. Fortan hielt er sich von der großen Politik fern, machte ein Fräulein von Schaderitz aus einer Gröbziger Adelsfamilie ohne Heirat zu seiner Partnerin und pflegte entsprechend dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 den Ausbau der Neuen Lehre. 1562 überließ er schließlich sein Land seinem Dessauer Vetter und zog sich für das nahe Ende nach Zerbst zurück, wo er am 23. März 1566 starb und in der Bartholomäikirche seine letzte Ruhe fand. Dazu kam in dem Sakralbau ein Ölgemälde von Lucas Cranach d. J., das den Fürsten darstellt.

Martin Stolzenau

Konzern würde Alarm schlagen

20. März 2016 von redaktionguh  
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Studentenpfarrer Andreas Fincke über Austrittszahlen und Kirchenkritik

»Klein, frech, einflussreich« – so ist der Vortrag überschrieben, den Andreas Fincke am Montag, 21. März, 20 Uhr in der Paulusgemeinde zu Halle halten wird. Seit Jahren beschäftigt sich der promovierte Studentenpfarrer und Beauftragte für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt mit kirchenkritischen Organisationen. Katja Schmidtke sprach mit ihm darüber.

Herr Fincke, wer sind eigentlich diese Kirchenkritiker?
Fincke:
Eine bunte Mischung. Erstmals entstand um 1880 mit den Freidenkern in der deutschen Geistesgeschichte eine Gruppe, die das Heil der Menschen darin sah, sich von jeglicher Form von Religiosität zu entfernen. Heute sind die klassischen Freidenker jedoch weitgehend unbedeutend. Es sind andere Gruppen entstanden, die einen gewissen politischen Einfluss haben.

Welche Gruppen sind das?
Fincke:
Zwei nennenswerte. Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung, sie versucht eine Ethik ohne religiöse Maximen zu entwerfen und profiliert sich stark kirchenkritisch. Die zweite wichtige Bewegung ist der Humanistische Verbund Deutschlands. Er will für all die religionslosen Menschen in unserem Land eine ethische und moralische Heimstatt bieten. Für den Humanistischen Verbund ist es Schnee von gestern, die Kirchen zu bekämpfen. Er sagt: sie sind bereits unbedeutend und daher kommt es darauf an, ein Verband für die Konfessionslosen zu sein.

Wie groß ist der politische Einfluss dieser Organisationen?
Fincke:
Einerseits ist der Einfluss gering, weil diese Gruppen relativ wenige Mitglieder haben, deutschlandweit insgesamt rund 20 000 Menschen. Andererseits haben ihre Themen einen starken Einfluss. Viele Menschen haben sich von den Kirchen entfernt und finden zum Beispiel eine weitgehende Liberalisierung der Sterbehilfe gut oder die Abschaffung der Kirchensteuer oder eine Neuausrichtung des Religionsunterrichts. Dieser Rückhalt im Zeitgeist der Bevölkerung ist der entscheidende Punkt und stärkt, zumindest indirekt, die Atheisten und Kirchenkritiker.

Andreas Fincke, Studentenpfarrer und Beauftragter für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt

Andreas Fincke, Studentenpfarrer und Beauftragter für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt

Wie reagieren die Kirchen auf die Kritik?
Fincke:
Bedauerlicherweise viel zu wenig. Möglicherweise nimmt man die Kirchenkritiker aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahlen nicht wichtig. Zum Zweiten ist deren Kritik natürlich unangenehm, zumal es seitens der Kirchen keine schnellen Antworten gibt. Und eine dritte Erklärung könnte sein, dass es in der kirchenkritischen Szene Hardliner gibt, die den Kirchen derart polemisch und unreflektiert vors Schienbein treten, dass es keinen Spaß macht, mit denen zu diskutieren. So kommt es, dass sich beide Kirchen zu wenig mit den Kritikern beschäftigen.

Gibt es in der Kritik an der katholischen und evangelischen Kirche Unterschiede?
Fincke:
Generell eignet sich die katholische Kirche besser als Projektionsfläche von Kritik und Satire. Das liegt an ihrem Amtsverständnis, am Zentralismus, auch an der äußeren Sichtbarkeit. Die evangelische Kirche wird weniger angegriffen, wobei Spötter sagen: Ihr seid ja längst ein Sozialverband und keine Religionsgemeinschaft mehr. Aktuell bereitet sich die Szene übrigens auf das Reformationsjubiläum vor. Man druckt Flugblätter mit Luthers judenfeindlichen Äußerungen, die er ja leider auch gemacht hat …

… und mit denen sich die evangelische Kirche kritisch auseinandersetzt.
Fincke:
Ja, für uns ist Luther kein Heiliger. Aber die Kirchenkritiker wollen aus seinem Antisemitismus eine Polemik machen gegen die Kirche und den Staat, der sich ja am Reformationsjubiläum beteiligt. Natürlich greift man solche Dinge auf, und das ist in einer offenen Gesellschaft auch in Ordnung.

Aber?
Fincke:
Was wir brauchen, ist der Diskurs. Wir müssen uns mit der Kirchenkritik auseinandersetzen, wir können es nicht aussitzen. Mitteldeutschland ist der Kulturraum mit der weltweit höchsten Konfessionslosigkeit. Wir müssen überlegen, wie wir auf diese Menschen zugehen, auf die, die keine aggressiven Kirchenhasser sind, sondern die kühl am Rande stehen. Die Schnittstelle ist zum Beispiel die Jugendweihe.

Dort hat die Kirche doch Angebote gemacht mit Segensfeiern.
Fincke:
Ich finde die Feiern zur Lebenswende gut, da ist einigen Leuten wirklich etwas Gutes eingefallen. Aber wir müssen weitermachen: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass 80 Prozent aller deutschen Jugendlichen nie einen Gottesdienst besucht haben. Wenn das so ist, und unsere kirchliche Jugendarbeit nur noch Kinder von Pastoren, Kantoren und Religionslehrern erreicht, müssen wir uns doch fragen, wie wir das Segment erweitern. Das ist übrigens auch unser Auftrag. In Matthäus 28 heißt es: »Geht hin in alle Welt«. Das heißt eben nicht: Geht hin zu denen, die euch sowieso schon freundlich gesonnen sind.

Wie kann die Kirche es besser machen?
Fincke:
Ich erlebe bei meinen Vorträgen oft, dass die Menschen nachher sagen: »Ist alles gut und schön, aber lieber Herr Fincke, Sie haben auch keine Ideen.« Aber so geht es nicht. Man muss doch rufen dürfen: Es brennt! Was mich umtreibt, ist, dass wir in der EKD im letzten Jahr die höchsten Austrittszahlen seit der Wiedervereinigung hatten. Das ist dramatisch! Jeder Konzern würde Alarm schlagen, wenn die Kunden in Scharen davonlaufen. Die Not ist viel größer als unsere Reaktion darauf.

Was glauben Konfis?

20. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Konfirmation: Jugendliche Gott-Sucher – nicht immer werden sie fündig, ergab eine bundesweite Studie im Auftrag der EKD

Am Palmsonntag beginnen die Konfirmationen. Auch wenn die Jugendweihe der kirchlichen Segenshandlung den Rang abgelaufen hat, sind die Zahlen konstant.

Es klingt wie ein schlechter Kalauer und man reibt sich ungläubig die Augen. Jeder sechste Konfirmand glaubt nicht an Gott. Es könnte sein, dass schon immer 10 bis 14 Prozent der Konfis Atheisten waren, allerdings hat das bislang noch niemanden interessiert. Wenn ich mich an meine Zeit als Konfirmand zurückerinnere, an den Kleinen Katechismus, der auswendig zu lernen war, da spielte die Frage nach dem persönlichen Glauben eine untergeordnete Rolle. Über die Lehrgrundlagen des Konfirmandenunterrichts gab es keine Debatten. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich je gefragt worden wäre, was ich glaubte.

Früher war die Konfirmation mit dem Ende der Volksschule verbunden. Im April begann dann mit der Lehrzeit ein neuer Lebensabschnitt. Foto: epd-bild – Jens Schulze (2)/Archiv (2)

Früher war die Konfirmation mit dem Ende der Volksschule verbunden. Im April begann dann mit der Lehrzeit ein neuer Lebensabschnitt. Foto: epd-bild – Jens Schulze (2)/Archiv (2)

Das wird vor 477 Jahren nicht anders gewesen sein. Zur Bekräftigung der Kindertaufe entwickelte der Theologe und Reformator Martin Bucer das Modell der Konfirmation. Durchgesetzt hat sich die feierliche Segenshandlung erst im 18. Jahrhundert. Bis heute sind es noch ein Drittel aller 13-Jährigen in Deutschland, etwa 250 000, die jährlich den evangelischen Konfirmandenunterricht besuchen.

Was die Jugendlichen glauben, hat die EKD in einer Langzeitstudie ergründet, deren zweite Untersuchung im vergangenen Jahr zu Ende gegangen ist. Demnach glauben nur 67 Prozent der Konfirmanden an Gott. Erstaunlich ist, dass die Atheisten und Zweifler unter den Konfirmanden trotzdem den Weg bis zum Abendmahl und zur Einsegnung am Altar gehen.

Für Pfarrer Stefan Weusten, Dozent für die Arbeit mit Konfirmanden am Pädagogisch-Theologischen Institut in Drübeck, hat das viel mit Familientradition zu tun. Die meisten der 4300 Konfirmanden in der EKM und etwa 150 in der Landeskirche Anhalts kommen aus dem kirchlichen Umfeld. Die Konfis in Mitteldeutschland entscheiden sich überdurchschnittlich oft für die Konfirmation, weil es die Familie wollte. 15 Prozent geben gar an, nicht aus freien Stücken die Konfirmation gewählt zu haben, erläutert Weusten.

Die mitteldeutschen Konfis unterscheiden sich ansonsten nur unwesentlich von denen anderer Landstriche. Deutlich über dem Durchschnitt liegt allerdings die Zufriedenheit bei der Bewertung der Erfahrungen mit den Konfi-Angeboten in den Kirchengemeinden. Das bringt Weusten vor allem mit den erlebnisorientierten und gemeinschaftsfördernden Methoden moderner Konfi-Arbeit in Verbindung. Es gehe darum, die Lebenswelt der Konfis wahrzunehmen und ihnen die Deutung ihrer Lebenswelt im Licht der biblischen Botschaft zu ermöglichen.

Für bedenklich hält Weusten, dass 27 Prozent der Konfis offensichtlich keine einzige interessante Predigt gehört haben und 31 Prozent in keinem Gottesdienst Lebensrelevanz entdecken konnten. Und das bei einer sonntäglichen Präsenzpflicht mit bis zu 60 Gottesdiensten während der Konfirmandenzeit. Am Ende glauben 27 Prozent der Jugendlichen nicht, dass Gott die Welt erschaffen habe. »Offensichtlich gelingt es nicht besonders gut zu erläutern, wie sich Schöpfungsgeschichte und Evolution zueinander verhalten«, so Weusten. Für viele Jugendliche gäbe es scheinbar nur ein »Entweder-oder«, und sie hielten sich dann eben eher an die wissenschaftliche Erklärung.

Für Weusten ist die Entscheidung für die Konfirmation vergleichbar mit der für die Jugendweihe. Das habe weniger mit Inhalten als mehr mit Tradition zu tun. »Es gibt auch mal Jugendliche, die sich konfirmieren lassen, weil sie gute Erfahrungen mit einer kirchlichen Kindergruppe oder den Pfadfindern gemacht haben.« Das sei aber nicht die Regel. Diejenigen würden dann oft auch nach der Konfirmation dabei­bleiben. Immerhin zeigen etwa ein Drittel aller Konfirmanden Interesse, am Ende der Konfirmandenzeit an der kirchlichen Jugendarbeit weiter teilzunehmen oder mitzumachen. Allein die entsprechenden Angebote fehlen vielerorts.

Willi Wild

www.konfirmandenarbeit.eu

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