Vergessene Denkmäler der Liebe

2. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Kirchengemeinde Dobraschütz hütet einen seltenen Schatz

Die Kirche von Dobraschütz ist ein besonderes Kleinod. Die in Blautönen gehaltene barocke Innenraumgestaltung mit Bauernmalereien ist einmalig in Ostthüringen. Das Gotteshaus beherbergt zudem eine Rarität: 13 Totenkronen, zwei Gebinde und vier dazugehörige Regale, so genannte Epitaphe, erinnern an einen fast vergessenen Brauch der Trauer- und Bestattungskultur, der bis Ende des 16. Jahrhunderts zurückreicht. Zurzeit befindet sich die Sammlung in der Werkstatt von Uwe Strömsdörfer, Restaurator aus Altenburg.
Die filigranen und reich verzierten Geflechte wurden angefertigt, um unverheiratet Verstorbenen eine besondere letzte Ehre zu erweisen. Sie standen als Attribut für die entgangene Hochzeit und bei Mädchen als Symbol für Jungfräulichkeit. Ursprünglich waren die Totenkronen Grabbeigaben. Später wurden sie als Kopf- oder Sargschmuck zur Trauerfeier verwendet und zum Gedächtnis in den Kirchen aufbewahrt.

Restaurator Uwe Strömsdörfer (l.) erläutert Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von Dobraschütz, die Vorgehensweise beim Säubern und Richten der Totenkronen. Foto: Ilka Jost

Restaurator Uwe Strömsdörfer (l.) erläutert Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von Dobraschütz, die Vorgehensweise beim Säubern und Richten der Totenkronen. Foto: Ilka Jost

Ende des 19. Jahrhunderts verlor sich die Tradition und die Totenkronen wurden größtenteils aus den Kirchen entfernt. Eine so große Anzahl wie in Dobraschütz ist einmalig in Thüringen. »An einer Krone befindet sich ein Fähnchen, auf dem die Jahreszahl 1812 vermerkt ist. Unsere Recherchen haben ergeben, dass sie für einen Jungen gefertigt wurde, der im Dezember des Jahres starb. An der Arbeit sollen sich die Mitschüler beteiligt haben«, berichtet Ralf Neuber, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats.

2015 wurde die Sammlung von Fachleuten begutachtet, die von deren gutem Zustand überrascht waren. In der Werkstatt von Uwe Strömsdörfer sollen die Stücke nun gereinigt, gerichtet, stabilisiert und konserviert werden. Das erste Exemplar und ein Epitaph wurden bereits 2012 bearbeitet, aus Anlass einer Ausstellung zum Deutschen Trachtenfest. Die anderen sollen bis 2018 folgen, mit Unterstützung der Landeskirche und dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Die Kirchengemeinde will sich noch in diesem Jahr mit zirka 800 Euro beteiligen und Spenden sammeln. »Vor drei Jahren haben wir Paten für die 126 goldenen Sterne an unserer Kirchendecke gesucht. Die Resonanz war groß und so etwas können wir uns auch bei den Totenkronen vorstellen«, informiert Ralf Neuber.

Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 9 000 Euro. Pro Krone müsse mit 250 bis 500 Euro gerechnet werden, pro Epitaph zwischen 800 bis 1 100 Euro, schätzt Uwe Strömsdörfer. Der Diplom-Restaurator freut sich auf diese Aufgabe, da sie besonderes Fingerspit­zengefühl erfordert.

»Erstaunlich ist die Vielfalt der verarbeiteten Materialien. Die Totenkronen ruhen auf einem Sockel aus Pappe und farbigem Kleisterpapier und enthalten Schmuckornamente aus Holz, Perlmutt, Glas, Perlen, Seide, zartem Porzellan, getrockneten Blüten sowie menschlichem Haar. Für die feinen Geflechte wurde Metall- oder Messingdraht verwendet«, erläutert der Diplom-Restaurator. Im Vorfeld hat er sich mit der Geschichte der Totenkronen befasst und ist auf eine Publikation von Sylvia Müller gestoßen, in der vieles über die Tradition zu erfahren ist, speziell aus der Mark Brandenburg. Die Autorin bezeichnet die Totenkronen sehr passend als »Denkmäler der Liebe«.

Ilka Jost

Bookmark and Share
Möchten Sie ein Exemplar der gedruckten Zeitung in den Händen halten? Gern senden wir Ihnen ein kostenloses Probeheft. Einfach und unverbindlich hier bestellen. (Link)

Ihre Lesermeinung zu diesem Artikel

Nutzen Sie gravatar, wenn Sie Ihr Bild mit der Meinung veröffentlichen wollen!