Brennglastag: Als sich das Leben für mich entschieden hat

5. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, Vers 24

Bruder, weißt du noch? Dieser Tag, an dem alle Fäden zusammenliefen? Du nennst diesen Tag heute noch den »Brennglastag«. Dir schien es, als liefe dein ganzes bisheriges Leben auf diesen einen Tag hinaus und erschiene wie in einem Brennglas. Du sagtest: »An diesem Tag hat sich das Leben für mich entschieden.«

Du warst lange krank, Bruder. Über Jahre. Du weißt es, deine Seele trägt die Narben immer noch. Narben, die keiner sieht. Auch wenn du seit diesem Tag heiler geworden bist. Wir hatten uns oft unterhalten, über deine Krankheit. Aber auch über Gott. Wie fragwürdig war er dir geworden. Du hast immer wieder, einmal schwach, einmal lautstark, gegen den Gott deiner Kindheit protestiert. Gegen den Mächtigen, den König, den Hellleuchtenden. Du protestiertest gegen die Majestät, gegen den Thron, gegen den Glanz. Dort wo du warst, Bruder, da war es dunkel. Die Bilder von Gott, der alles sieht und alles wendet – sie schienen nicht hinein in dein Dunkel. Oder sie schienen an dir vorbei und du bliebst im Schatten. Einmal sagtest du zu mir: »Einen solchen Gott will ich nicht. Besser, er wäre …« Du erschrakst über deinen Gedanken und unterbrachst dein Reden. »… tot?«, ergänzte ich fragend und zögernd nicktest du.

Stefan Körner, Vikar in Gera

Stefan Körner, Vikar in Gera

An diesem Tag, dem »Brennglastag« – und du weißt nicht mehr, warum – starb dieser Gott, wie du zuerst sagtest. Später hast du dich korrigiert: »Nein, nicht Gott ist gestorben. Sondern die Bilder von ihm, die so stumm waren mir gegenüber.«

Mein Bruder! Ganz tief im Dunkel, unter den dicken Schichten der Angst, hast du Gott gefunden. Tief unten. Leidend und verwundet wie du. Einen vernarbten Gott. Wochen später las ich dir ein Dich­terwort: »Gott wartet anderswo – wartet – ganz am Grund von Allem. Tief. Wo die Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel.« Du nicktest müde, aber zufrieden. Ich sah dich lächeln. »In mir«, sagtest du dann, »ist etwas gestorben.« Und ich dachte lächelnd dabei: »Und jetzt, Bruder, lebe!«

Stefan Körner, Vikar in Gera

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