Der große Ökumeniker

7. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Begegnungen: Rom – Hauptstadt der Weltkirche und ein wichtiger Ort für die Annäherung der Christen

Bei seiner Rom-Reise machte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow nicht nur beim Papst, sondern auch in der evangelischen Christuskirche Station.

Jens-Martin Kruse ist ganz in seinem Element. Die Ökumene ist sein Thema und Luther sowieso. Schließlich promovierte der Hamburger Theologe über Luther auf der Wartburg. »Tag für Tag leben wir hier die Ökumene«, sagt der Pfarrer der evangelischen Christuskirche in Rom. Er empfing die Thüringer Delegation des linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, »wie es bei uns im Gottesdienst üblich ist«, mit Orgelklang von Klaus Schulten und einem Präludium in D-Dur Dieterich Buxtehudes.

Pfarrer Kruse Foto: Willi Wild

Pfarrer Kruse Foto: Willi Wild

Kruse ist geübt im Umgang mit offiziellen Gruppen sowie politischen und geistlichen Honoratioren. Zwei Päpste hat er schon in seiner Kirche begrüßen können. Zuletzt im November des vergangenen Jahres Papst Franziskus. Der ist für ihn der derzeit größte Ökumeniker und Rom neben Jerusalem die wichtigste Stadt für den Dialog der christlichen Konfessionen.

Kruse betreut ein großes Einzugsgebiet, das weit über Roms Grenzen hinausgeht und auf das sich 500 Gemeindemitglieder verteilen, 90 Prozent davon deutscher Herkunft. Wenn er sich in der Hauptstadt der römisch-katholischen Weltkirche als evangelischer Pfarrer zu erkennen gibt, dann werde das hier so aufgenommen, als würde er in Hamburg erklären, Scientologe zu sein, beschreibt Kruse die Situation in der Diaspora. Evangelische Christen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung der Römer keine Rolle. Daran ändert auch die »Piazza Martin Lutero« in Sichtweite des Kolosseums nichts. Luther kennen hier außer fachkundigen Theologen die wenigsten.

Vor 200 Jahren mussten die ersten evangelischen Christen noch im Verborgenen Gottesdienst feiern. 1911 konnte dann mit dem Bau der Christuskirche begonnen werden. Architekt Franz Heinrich Schwechten, der auch die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geplant hat, orientierte sich an Stilelementen, die man in Italien findet. Die Ausstattung stammt zum Teil aus Mitteldeutschland. Das Taufbecken spendierte Luthers Taufgemeinde in Eisleben, der Altar ist eine Schenkung aus Erfurt, die Kanzel wurde von Magdeburgern gestiftet und die Glocken – in Apolda gegossen – sind dem ursprünglichen Geläut der Schlosskirche Wittenbergs nachempfunden. 2009 ist der Glockenstuhl von Spezialisten aus Kölleda restauriert worden.

Kruse sieht seine kleine Gemeinde als »Laboratorium für Ökumene«. Er hat Sorge, dass der von Papst Franziskus angestoßene Prozess der Annäherung von evangelischer Seite in Deutschland nicht deutlich genug wahrgenommen und entsprechend beantwortet werde. »Der Zug hat Fahrt aufgenommen, und wir stehen am Bahnhof und müssen aufpassen, den Anschluss nicht zu verlieren«, stellt er fest.

Bei der Begegnung in der Christuskirche vor vier Monaten ließ sich der Papst von ganz normalen Gemeindegliedern befragen. Eine spektakuläre Geste, findet Kruse. Dabei ging es auch um die Frage des gemeinsamen Abendmahls. Viele Gemeindeglieder der Christuskirche sind mit einem katholischen Partner verheiratet. Jeder stehe mit seinem Gewissen vor Gott, so Franziskus. Die Christen mögen die Gewissensentscheidung im Herzen prüfen und dann: »andate avanti« (»geht fix weiter«). Als der Papst anschließend sein Gastgeschenk, einen Abendmahlskelch, übergab, habe er Kruse zufolge der Frau, die die Frage nach der Abendmahlsgemeinschaft stellte, aufmunternd zugezwinkert.

Für Kruse ist 2017 ein ökumenisches Gedenkjahr. Das Reformationsgedenken sieht er als Chance auf dem Weg zur Einheit. Die evangelische Kirchengemeinde Roms nimmt teil am Europäischen Stationenweg. Im Januar 2017 wird dort 36 Stunden lang an die Reformation und Martin Luthers Aufenthalt 1510/1511 erinnert. Bereits im Herbst, am Reformationstag, predigt der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, in der Christuskirche zum Auftakt des Reformationsgedenkjahres. Für Kruse eine weitere Sternstunde der Ökumene.

Willi Wild

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