Es geht eine Kanzel auf Reisen

8. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Reformationsjubiläum: Luther-Schau in den USA mit mitteldeutschen Ausstellungsstücken

Das Kunstmuseum im amerikanischen Minneapolis stellt Luthers letzten Predigtstuhl aus Eisleben aus und finanziert die Restaurierung.

Es ist ein großes Geschenk – für beide Seiten. Weil die Eislebener St.-Andreas-Gemeinde sich dazu bereit erklärt hat, ihre berühmte Luther-Kanzel für eine Ausstellung in die USA auszuleihen, zeigt sich im Gegenzug das Kunstmuseum »Minneapolis Institute of Arts« großzügig und bezahlt die dringend nötige Sanierung der Kanzel, auf der Martin Luther Mitte Februar 1546, nur wenige Tage vor seinem Tod, seine letzten vier Predigten hielt. 65 000 Euro stellt das amerikanische Museum dafür zur Verfügung.

Die Hallenser Werkstatt Schöne ist mit der Restaurierung beauftragt, erste Kanzelteile sind abgenommen, berichtet Alfred Reichenberger vom Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Das Museum, das in Sachen Reformation zuletzt 2008 mit der Sonderschau »Fundsache Luther« auf sich aufmerksam machte, organisiert gemeinsam mit der Stiftung Luthergedenkstätten, dem Deutschen Historischen Museum Berlin und der Stiftung Schloss Friedensstein in Gotha die große USA-Ausstellung »Here I stand«. Sie wird mit Unterstützung des Auswärtigen Amts von Oktober 2016 bis Januar 2017 in Atlanta, New York und Minneapolis zu sehen sein und vereint Funde archäologischer Ausgrabungen, Exponate aus Luthers Besitz, Handschriften und Drucke sowie Kunst, etwa aus der Cranach-Werkstatt. Viele Werke sind erstmals außerhalb Deutschlands zu sehen, sagt Reichenberger. »Und Minneapolis war sehr daran gelegen, die Kanzel zu zeigen«, fügt er an. Immerhin war Luther ein begnadeter Prediger.

Pfarrerin Iris Hellmich zeigt eine Postkarte der berühmten Lutherkanzel. Das Original hinter ihr leuchtet längst nicht mehr in so prächtigen Farben, soll nun aber aufwendig restauriert werden. Foto Katja Schmidtke

Pfarrerin Iris Hellmich zeigt eine Postkarte der berühmten Lutherkanzel. Das Original hinter ihr leuchtet längst nicht mehr in so prächtigen Farben, soll nun aber aufwendig restauriert werden. Foto Katja Schmidtke

»Seine letzten Predigten hier in Eisleben sind durchdrungen von dem, was ihm wichtig war im Leben«, sagt Iris Hellmich, Pfarrerin der St.-Andreas-Gemeinde. Hier in Eisleben gehe es um Essentielles: Um Geburt und Taufe, um Leben und Sterben, um die Bedeutung der Heimat am Ende des Wegs und um Seligkeit. Und für die Besucher der Kirche manifestiert sich vieles in jener Kanzel. Ihnen wird man das Schmuckstück künftig nur anhand von Postkarten zeigen können. Doch pünktlich im Reformationsjahr und zu Luthers Sterbetag am 18. Februar 2017 soll die Kanzel zurück in Eisleben sein – von Grund auf restauriert.

Entstanden ist sie Anfang des 16. Jahrhunderts, letztmals saniert wurde die Kanzel vor rund 100 Jahren. Die Schäden sind mit bloßem Auge zu erkennen: Die Farbe ist verblasst und verwittert, das Holz splittert. »Tragende Teile halten nur zusammen, weil sich die Holzwürmer die Hände reichen«, meint die Pfarrerin. Der Schalldeckel und die Wandverkleidung sind bereits abgenommen. Der Transport zur Restauratorenwerkstatt und später in die USA wird eine verpackungstechnische Meisterleistung: Spezielle Formen werden geschaffen, in die sich die Kanzel einschmiegt, in Klimaverpackungen geht es über den Ozean.

Die Kanzel ist nicht die einzige Baustelle in der Andreaskirche. Ist das wertvolle Stück erst einmal saniert, wird das Neueindecken des gewaltigen Kirchendachs immer dringender. Kosten von mehr als einer halben Million Euro werden dafür veranschlagt. Bislang sind viele Fördermittel in Aussicht gestellt, etwa von der Städtebauförderung, der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler und der Oetker-Stiftung sowie der EKM. Doch noch reicht das Geld nicht. Die Pfarrerin gibt sich kämpferisch. Man werde darum ringen, dass das Dach zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr erneuert ist. Iris Hellmichs Argument: Sie wisse nicht, ob es einen Luther-Ort vergleichbarer Bedeutung gibt, der in so einem Zustand sei wie die Andreaskirche.

Katja Schmidtke

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