Im Angesicht des Gekreuzigten wird mein Chaos erträglich

19. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Johannes 3, Verse 14.15

Ich laufe los in den nächsten Laden. Mein Zuhause befindet sich nach dem letzten Umzug immer noch in einem Zustand von latentem Chaos. Dies und das fehlt noch, da muss ich mich ranhalten, irgendwann muss ja mal wieder Normalität einziehen. Ich suche die Sachen zusammen und bezahle. Irgendwo wird gehämmert, und der Klang zieht durch die Einkaufsstraße. Ich flüchte in den nächsten Laden. Dort verweile ich etwas länger, denn ich brauche ein Geschenk für einen Freund, der in zwei Tagen Geburtstag hat. Brettspiel, Buch oder Film? Ich lasse mir Zeit und ignoriere das lauter werdende Klopfen vor der Tür und das Pochen in meinem Hinterkopf.

So geht es die nächsten Tage: Ich finde immer eine Tür, eine Beschäftigung, einen Grund, mich vor dem Pochen und Hämmern zu verstecken oder es auszublenden. Zuviel habe ich um die Ohren. Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh darüber.

Martin Weber, Vikar in Jena

Martin Weber, Vikar in Jena

Aber das Pochen des Hammers auf den Nagel verstummt nicht. Als ich abends auf meinem Sofa sitze und einen Film schauen will, ist klar, dass ich mich des Pochens nicht mehr erwehren kann. Ich hebe meine Augen und schaue hin. Sehe das Kreuz und die Gestalt, die sich an ihm windet. Sehe, was es für diese Gestalt heißt, »erhöht« zu sein. Der Weg in den Abgrund. Von »Hosianna!« über »Kreuzige ihn!« bis zur Stille des Grabes. Das Erniedrigte wird »erhöht«. So hoch, dass ich es nicht übersehen kann, selbst wenn ich will. Die Tiefe des Abgrundes am Ende der Karwoche wird zum Höhepunkt der Geschichte des Mannes aus Nazareth. Meine persönlichen Höhepunkte werden niedrig, und ich schaue auf die Tiefen meines bisherigen Lebens.

Zu lange kann ich mich der Tiefe nicht stellen. Also wende ich mich ab. Schaue auf das, was ich lieber sehe. Das Pochen verschwindet nicht. Es ist immer noch da, aber nicht mehr ganz so gefährlich und bedrohlich wie zuvor. Es scheint mit jedem Schlag zu sagen: »Ich war schon dort in der Tiefe. Ich bin schon da, wenn du dich wieder in der Tiefe vorfindest.«

Martin Weber, Vikar in Jena

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