Konzern würde Alarm schlagen

20. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Studentenpfarrer Andreas Fincke über Austrittszahlen und Kirchenkritik

»Klein, frech, einflussreich« – so ist der Vortrag überschrieben, den Andreas Fincke am Montag, 21. März, 20 Uhr in der Paulusgemeinde zu Halle halten wird. Seit Jahren beschäftigt sich der promovierte Studentenpfarrer und Beauftragte für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt mit kirchenkritischen Organisationen. Katja Schmidtke sprach mit ihm darüber.

Herr Fincke, wer sind eigentlich diese Kirchenkritiker?
Fincke:
Eine bunte Mischung. Erstmals entstand um 1880 mit den Freidenkern in der deutschen Geistesgeschichte eine Gruppe, die das Heil der Menschen darin sah, sich von jeglicher Form von Religiosität zu entfernen. Heute sind die klassischen Freidenker jedoch weitgehend unbedeutend. Es sind andere Gruppen entstanden, die einen gewissen politischen Einfluss haben.

Welche Gruppen sind das?
Fincke:
Zwei nennenswerte. Die Giordano-Bruno-Stiftung versteht sich als Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung, sie versucht eine Ethik ohne religiöse Maximen zu entwerfen und profiliert sich stark kirchenkritisch. Die zweite wichtige Bewegung ist der Humanistische Verbund Deutschlands. Er will für all die religionslosen Menschen in unserem Land eine ethische und moralische Heimstatt bieten. Für den Humanistischen Verbund ist es Schnee von gestern, die Kirchen zu bekämpfen. Er sagt: sie sind bereits unbedeutend und daher kommt es darauf an, ein Verband für die Konfessionslosen zu sein.

Wie groß ist der politische Einfluss dieser Organisationen?
Fincke:
Einerseits ist der Einfluss gering, weil diese Gruppen relativ wenige Mitglieder haben, deutschlandweit insgesamt rund 20 000 Menschen. Andererseits haben ihre Themen einen starken Einfluss. Viele Menschen haben sich von den Kirchen entfernt und finden zum Beispiel eine weitgehende Liberalisierung der Sterbehilfe gut oder die Abschaffung der Kirchensteuer oder eine Neuausrichtung des Religionsunterrichts. Dieser Rückhalt im Zeitgeist der Bevölkerung ist der entscheidende Punkt und stärkt, zumindest indirekt, die Atheisten und Kirchenkritiker.

Andreas Fincke, Studentenpfarrer und Beauftragter für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt

Andreas Fincke, Studentenpfarrer und Beauftragter für die Evangelische Erwachsenenbildung in Erfurt

Wie reagieren die Kirchen auf die Kritik?
Fincke:
Bedauerlicherweise viel zu wenig. Möglicherweise nimmt man die Kirchenkritiker aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahlen nicht wichtig. Zum Zweiten ist deren Kritik natürlich unangenehm, zumal es seitens der Kirchen keine schnellen Antworten gibt. Und eine dritte Erklärung könnte sein, dass es in der kirchenkritischen Szene Hardliner gibt, die den Kirchen derart polemisch und unreflektiert vors Schienbein treten, dass es keinen Spaß macht, mit denen zu diskutieren. So kommt es, dass sich beide Kirchen zu wenig mit den Kritikern beschäftigen.

Gibt es in der Kritik an der katholischen und evangelischen Kirche Unterschiede?
Fincke:
Generell eignet sich die katholische Kirche besser als Projektionsfläche von Kritik und Satire. Das liegt an ihrem Amtsverständnis, am Zentralismus, auch an der äußeren Sichtbarkeit. Die evangelische Kirche wird weniger angegriffen, wobei Spötter sagen: Ihr seid ja längst ein Sozialverband und keine Religionsgemeinschaft mehr. Aktuell bereitet sich die Szene übrigens auf das Reformationsjubiläum vor. Man druckt Flugblätter mit Luthers judenfeindlichen Äußerungen, die er ja leider auch gemacht hat …

… und mit denen sich die evangelische Kirche kritisch auseinandersetzt.
Fincke:
Ja, für uns ist Luther kein Heiliger. Aber die Kirchenkritiker wollen aus seinem Antisemitismus eine Polemik machen gegen die Kirche und den Staat, der sich ja am Reformationsjubiläum beteiligt. Natürlich greift man solche Dinge auf, und das ist in einer offenen Gesellschaft auch in Ordnung.

Aber?
Fincke:
Was wir brauchen, ist der Diskurs. Wir müssen uns mit der Kirchenkritik auseinandersetzen, wir können es nicht aussitzen. Mitteldeutschland ist der Kulturraum mit der weltweit höchsten Konfessionslosigkeit. Wir müssen überlegen, wie wir auf diese Menschen zugehen, auf die, die keine aggressiven Kirchenhasser sind, sondern die kühl am Rande stehen. Die Schnittstelle ist zum Beispiel die Jugendweihe.

Dort hat die Kirche doch Angebote gemacht mit Segensfeiern.
Fincke:
Ich finde die Feiern zur Lebenswende gut, da ist einigen Leuten wirklich etwas Gutes eingefallen. Aber wir müssen weitermachen: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass 80 Prozent aller deutschen Jugendlichen nie einen Gottesdienst besucht haben. Wenn das so ist, und unsere kirchliche Jugendarbeit nur noch Kinder von Pastoren, Kantoren und Religionslehrern erreicht, müssen wir uns doch fragen, wie wir das Segment erweitern. Das ist übrigens auch unser Auftrag. In Matthäus 28 heißt es: »Geht hin in alle Welt«. Das heißt eben nicht: Geht hin zu denen, die euch sowieso schon freundlich gesonnen sind.

Wie kann die Kirche es besser machen?
Fincke:
Ich erlebe bei meinen Vorträgen oft, dass die Menschen nachher sagen: »Ist alles gut und schön, aber lieber Herr Fincke, Sie haben auch keine Ideen.« Aber so geht es nicht. Man muss doch rufen dürfen: Es brennt! Was mich umtreibt, ist, dass wir in der EKD im letzten Jahr die höchsten Austrittszahlen seit der Wiedervereinigung hatten. Das ist dramatisch! Jeder Konzern würde Alarm schlagen, wenn die Kunden in Scharen davonlaufen. Die Not ist viel größer als unsere Reaktion darauf.

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