Brauchen wir einen Gott?

21. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Gottesdienst in Gera verbindet Theaterstück über den Islam mit Aussagen der Bibel


Was macht der Islam in einem evangelischen Gottesdienst? »Das zweischneidige Schwert«, eine internationale Produktion von Theater und Philharmonie Thüringen (TPT) Gera-Altenburg, steht am Palmsonntag im Fokus eines Gottesdienstes.

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Gemeinde­pfarrer in Gera, verbindet in seinen Theatergottesdiensten stets Liturgie und Aussagen der Stücke miteinander. »Ich finde, dass man sich an einem Tag wie Palmarum durchaus mit einer anderen Religion auseinandersetzen kann. Im Predigttext, dem Christuslied aus Philipper 2, heißt es: ›(Jesus) entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.‹ Daher sollte man gerade in der Passionszeit Gott von Herzen neu suchen und finden«, meint der promovierte Theologe.

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe.  Foto:  Wolfgang Hesse

Der Tanz der Derwische, eine spirituelle Meditationsform der Sufi, während der Hauptprobe. Foto: Wolfgang Hesse

Die Autoren Petra Paschinger und Bernhard Stengele begeben sich in ihrem polit-poetischen Gesang »Das zweischneidige Schwert« auf die Spuren des islamischen Mystikers und Dschelaleddin Rumi (1207–1273). »Die Idee kam uns während der Arbeit zum Flüchtlingsdrama ›Die Schutzlosen‹. Damals wurde gerade ›Pegida‹ gegründet und das Wort Islamisierung geisterte durch die Republik. Wie kann es sein, dass bei einem Prozent Muslime alle im Land durchdrehen? Grund genug zu fragen: Woher kommt die Angst? Was ist eigentlich der Islam? Unsere Antworten bringen wir jetzt auf die Theaterbühne«, beschreibt Bernhard Stengele, Schauspieldirektor am Theater Gera-Altenburg, das Anliegen.

Mitwirkende aus Burkina Faso, Griechenland, Deutschland und der Türkei haben sich mehrere Tage in ein Sufi-Kloster zurückgezogen, den entrückenden Drehtanz (Tanz der Derwische) erlernt und sind in die spirituelle Welt des Islam eingedrungen. Riten, Zeremonien und Zitate beschreiben szenisch die Geschichte des Islam von der Entstehung bis zur Gegenwart. Umstrittene Themen wie Verschleierung, Selbstbestimmung der Frau und die Einmischung des Westens in die inneren Angelegenheiten der arabischen Welt werden kritisch beleuchtet.

Dem Besucher wird schnell klar, dass es aus dem Zusammenhang gerissene Verse des Korans sind, die der Terrororganisation IS (Islamischer Staat) als Alibifunktion für ihr Töten dienen. »Eine Religion kann man niemals losgelöst von der Gesellschaft betrachten, in der sie gerade stattfindet. Jede Religion hat ein großes Friedenspotenzial, sobald sie jedoch zu eng mit der Politik verquickt ist, wird es schwierig«, bemerkt dazu Bernhard Stengele.

Ganz selbstverständlich geht der Schauspieldirektor mit diesem Stück in die Kirche und setzt damit die langjährige Tradition der Theatergottesdienste in Gera fort. Zu Palmsonntag werden Szenen aus »Das zweischneidige Schwert« speziell für den Kirchenraum der Salvatorkirche Gera neu inszeniert. »Wir haben festgestellt, dass Leute, die ohne Religion groß geworden sind, sich sehr schwer damit tun. Ich denke aber, Christen können aus eigener Erfahrung verstehen, wie verletzlich der Glaube ist, so auch der der Muslime. Dieser Respekt anderen Religionen gegenüber kann helfen, versöhnend auf die Spaltung der Gesellschaft einzuwirken.«

Wolfgang Hesse

Theatergottesdienst »Wie wankelmütig ist doch die fromme Seele«: 20. 3., 17 Uhr, Salvatorkirche Gera
»Das zweischneidige Schwert« – Politpoetischer Gesang: 22. 3, 24. 3., 2. 4. und 5. 4. jeweils 19.30 Uhr, 6. 4. 10 Uhr, Gera, Bühne am Park (TPT), ab 14. 5. in Altenburg

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