Ostern heißt leben lernen

27. März 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Gedanken zum Fest: Die Erinnerung daran pflegen, dass die Welt eine andere geworden ist


Was geschieht eigentlich, wenn wir Ostern feiern? Geschieht noch anderes, als dass Menschen an eisbefreiten Bächen spazieren, Märzenbecher und duftende Veilchen bewundern?

In den Kirchen wird nach den Wochen der Passion endlich wieder das Gloria gesungen. Geschieht noch mehr, wenn der Jubel in die Liturgie zurückkehrt? Geschieht etwas über das hinaus, was freundliches Brauchtum erkennen lässt? – Offensichtlich nicht. Es geschieht am Ostermorgen nichts anderes als am Morgen zuvor und am Morgen danach. Man möchte daran verzweifeln, weil sich eben nichts ändert. Weil eben nichts neu und erneuert wird, sondern das Alte die todbringende Macht behält, mit der es seit jeher wirkt. Worin besteht das »Dennoch« von Ostern?

Foto: Wikipedia

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Alles hat mit Erinnerung zu tun. Mit einer Erinnerung, die nicht die eigene und nur teilweise die unsere ist. Überkommene Erinnerung, zur Sprache geronnen in seltsamen Geschichten. In der Überlieferung bleiben sie dieselben und erklingen doch immer wieder neu. Und indem sie erzählt werden, wecken sie etwas in uns auf oder halten etwas in uns wach. Aber das, was da in uns wach ist oder wird, liegt nicht offen zutage. Es ist vielmehr nicht offensichtlich, sondern verborgen, verschüttet, zugedeckt, versteckt.

Die Ostergeschichten bringen es in uns zum Klingen. Sie erzählen von den Frauen und auch von den Männern am Grab. Vom Stein, der nicht da war, wo er hingehörte. Von den in Gesicht und Geist blinden Freunden. Und von denen, denen die Angst zum Begleiter geworden war.

Bei alledem erzählt die Bibel wenig, fast gar nichts, von der Auferstehung. Man kann vermuten, dass jeder Versuch, hier etwas abbilden zu wollen, zum Scheitern verurteilt wäre. Davon, wie Gott diesen Jesus von den Toten auferweckte, gibt es offensichtlich nichts zu erzählen. Zu erzählen gibt es nur davon, wie Menschen mit dieser neuen Situation zu leben versuchten.
Denn das ist ja nicht einfach. Wie lebt man denn in der Erinnerung an den Lebenssieg Gottes angesichts der Todeswirklichkeit? Und ist das überhaupt eine Erinnerung, nicht doch vielmehr nur eine Behauptung? Wenn Menschen sich dem tatsächlich aussetzen wollen, kommen sie um eine Spannung nicht herum. Weil da etwas als nicht zusammenpassend erfahren wird. Dass die Abfolge von Leben und Tod zusammengehört und nicht getrennt werden kann, ist schon schwer genug zu ertragen. Aber dass auch umgekehrt Tod und Leben in Zusammenhang stehen, das sprengt die Vorstellungskraft. Das verstört, es stiftet Unordnung und bringt durcheinander. Seltsamerweise läuft die Erinnerung von Ostern trotz dieser manchmal fast nicht auszuhaltenden Spannung nicht aus. Sie ist immer noch da, obwohl sie doch längst tot sein müsste. Wie das andere auch, was mit diesem Mann am Kreuz zu tun hat. Doch auch zu Ostern 2016 geschieht nichts Besonderes, nur neue Gräber kommen. Die Welt verändert sich nicht, und es bleibt zu befürchten, dass sich auch die Kirchen nicht verändern. Es bleibt alles, wie es ist.

Doch die Erinnerung an Jesus, den Gott nicht bei den Toten gelassen hat, ist immer noch da. Wie lebendig Erinnerungen sind, wie verbreitet und intensiv sie sind, das entzieht sich unserer Kenntnis und Einflussnahme. Aber deshalb ist der Ort wichtig, an dem die Ostererinnerung ihren Platz hat: im Gottesdienst, in dem Gott mit uns das Geschenk des Lebens feiert.

Ostern hängt nicht von uns ab. Weder von unserer Wachheit noch von unserem Eifer. Wir können aber die Erinnerung pflegen, treu und mit langem Atem und auch dem nötigen Mut. Das ist nicht wenig. Es ist die Erinnerung daran, dass die Welt eine andere geworden ist. Wie in den Ostergeschichten müssen wir aber wohl erst noch lernen, damit zu leben.

Der Autor ist Superintendent des Kirchenkreises Torgau-Delitzsch.

Mathias Imbusch

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