Wohin gehen meine Gebete?

30. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, Vers 20

Ich bete den Psalm 136. Immer wieder steht hierin: »Denn seine Güte währet ewiglich!« Ganze 26 Mal, jeder Vers endet mit ihm: SEINE Güte währet ewiglich. Ich lese den Psalm noch einmal. Ich ringe mit ihm. Er ist wunderschön, er ist unglaublich grausam. Güte, das ist Schöpfung von Licht und Erde, das ist Bewahrung, Wunderwirkung und Führung, das ist aber auch: Vernichtung und Tod, Triumph über andere, Sieg. Seine Güte währet ewiglich, auch im Verderben des Gegenübers? Ich ringe und ringe mit dem Text. Kann ich diesen Psalm guten Gewissens beten? Ich tue es, und ich meditiere das Ringen mit Gott und mit diesen Versen. Seine Güte währet ewiglich. Er wendet sie nicht von mir. Manchmal sage ich mir das automatisch, als wird der Inhalt erst durch seine stete Wiederholung wahr.

Das Gebet ist ein Ringen. Wann ist dafür Zeit, wo ist sein Ort, was sind seine Worte? Woher weiß ich, dass Gott mein Gebet nicht verwirft? Und wieder lese ich den Psalm 136, stoße mich an seiner abstoßenden Härte. Und an der inneren Verbindung der Verse: SEINE Güte währet ewiglich!

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Ich kenne einen, der geht abends in die leeren Dorfkirchen in seiner Gegend und betet. Er singt und betet allein im Kirchenraum. Wider die Einsamkeit, wider die Stille um ihn, wider die Friedlosigkeit in dieser Welt. Er ist allein und betet für die Gemeinde, die Welt, für sich. Ein schönes Bild, ein berührendes Bild. Es kostet Kraft zu beten, es ist harte Arbeit. Ja, es ist mühsam wider die Vernunft, an einen Gott zu glauben, der unser Gebet nicht verwirft angesichts all des Abstoßenden, an einen Gott zu glauben, der seine Güte nicht von uns wendet.

Gelobt sei Gott, der so vielen Menschen die Kraft gibt zu beten. Ein Zirkelschluss, freilich. Aber einer, der mir Mut macht. Gott schenkt uns die Kraft zu beten, und im Gebet zu ringen. Er beobachtet das genau, er hört genau hin. Auch mein Unverständnis hört er, meine Anklage. Schon allein deswegen kann ich nur immer wieder schließen: Gelobt sei Gott, denn seine Güte währet ewiglich.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Das geistige Erbe der Welt

25. April 2016 von redaktionguh  
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UNESCO-Welterbe: Deutsche Orgeltradition soll in den Kanon des immateriellen Welterbes aufgenommen werden

Das Schönste, was Mensch und Natur uns hinterlassen haben – das möchte die UNESCO in ihren Welterbe-Listen aufführen. Jüngst nominiert: Orgelbau und Orgelmusik.

Kurz nach Ostern war es geschafft. Die fünfte Stufe in einem sechsstufigen und vieljährigen Verfahren. Jetzt fehlen nur noch ein Schritt und wieder zwei Jahre Geduld, dann könnten Orgelbau und Orgelmusik als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt werden. Es wäre der zweite deutsche Eintrag in das internationale Verzeichnis. Oder sogar der erste, falls die »Idee und Praxis der Organisation gemeinsamer Interessen in Genossenschaften« nicht überzeugen sollte. Über diesen ersten deutschen Vorschlag entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe Ende November bei seiner Beratung in Äthiopiens Hauptstadt Addis-Abeba.

Orgelbau und Orgelmusik stehen ein Jahr später zur Debatte. 2014 waren sie in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Dieses zählt derzeit 34 Einträge, darunter auch das Choralsingen, das Sternsingen und die Passionsspiele Oberammergau. Das Choralsingen als eine spezifische Form des Chormusizierens ist seit 2015 Teil des bundesweiten Verzeichnisses. Seit den 1520er Jahren hat es in den protestantischen Kirchengemeinden weite Verbreitung gefunden: Das Singen war nicht länger nur den Priestern vorbehalten, sondern wurde von den Gemeindemitgliedern in der für jeden verständlichen deutschen Muttersprache praktiziert. Die alten musikalischen Formen des Chorals sind dank einer umfangreichen schriftlichen, vor allem aber einer lebendigen mündlichen Tradierung bis heute bekannt und werden weiterhin ausgeübt.

Adäquate Listen führen auch andere Mitgliedsstaaten der UNESCO. So weist beispielsweise Österreich das 1818 komponierte »Stille Nacht, heilige Nacht« als immaterielles Kulturerbe aus. Bei diesen nationalen Listen – die ausdrücklich keine UNESCO-Verzeichnisse sind – handelt es sich um Bestandsaufnahmen der kulturellen Traditionen der Länder. In Deutschland wächst das Verzeichnis seit Dezember 2014, unabhängig davon pflegen Bayern und Nordrhein-Westfalen zusätzliche eigene Verzeichnisse.

»O du fröhliche« wäre ein Aspirant. Foto: Maik Schuck

»O du fröhliche«. Foto: Maik Schuck

Mit der Aufnahme einer Tradition in ein Verzeichnis ist weder eine finanzielle noch eine sonstige Unterstützung verbunden. Gewährt wird lediglich die Verwendung eines einheitlichen Logos für nicht kommerzielle Zwecke. Der Vorteil liegt, wie es die UNESCO treffend formuliert, in der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«. Was damit gemeint ist, lässt sich gut am Beispiel von Friedrich Fröbels Kindergarten-Idee zeigen. Dieser Thüringer Vorschlag für die nationale Liste war im Dezember 2014 von der Kultusministerkonferenz in Berlin abgelehnt worden. Dennoch war Fröbel wie lange nicht Thema der Berichterstattung, mögliche touristische Effekte nicht ausgeschlossen.

Der Antrag der »Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands« (VOD) zu Orgelbau und Orgelmusik war 2014 erfolgreich. Seine überzeugende Argumentation: »Deutschland hat mit etwa 50 000 Orgeln, 400 Orgelbaubetrieben mit 1 800 Mitarbeitern und 180 Lehrlingen sowie 3 500 hauptamtlichen und Zehntausenden ehrenamtlichen Organisten eine auch im europa- und weltweiten Vergleich herausragende Orgelkultur, die sich in der Vielzahl der Ausbildungsmöglichkeiten an Hochschulen und kirchlichen Einrichtungen ebenso widerspiegelt wie im großen Reichtum an Kompositionen und Aufführungspraktiken.«

Susann Winkel

Das sechsstufige Verfahren in Deutschland
1. Ausschreibung auf Bundesländerebene; die Bewerbungsunterlagen müssen nach einem Kriterienkatalog eingereicht werden. Nach einer Sichtung leitet jedes Bundesland vier Vorschläge an die Kultusministerkonferenz weiter.
2. Der Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz berät über die Vorschläge der Bundesländer (maximal 64). Die ausgewählten Vorschläge werden an das Expertenkomitee der Deutschen UNSECO-Kommission weitergeleitet.
3. Das Expertenkomitee bewertet die Vorschläge nach festgelegten Kriterien und schlägt Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis vor.
4. Diese Vorschläge werden wieder an die Kultusministerkonferenz überwiesen; ebenso an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien zur staatlichen Bestätigung.
5. Die deutschen Vorschläge zur Einschreibung in eine der drei Listen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO (»Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit«, die »Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes« und das »Register guter Praxis-Beispiele«) werden immer im März an die UNESCO weitergeleitet.
6. Der Zwischenstaatliche Ausschuss für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO entscheidet immer Ende November über Aufnahmen in die internationalen Listen beziehungsweise das Register.

Vom Glauben singen

25. April 2016 von redaktionguh  
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Die Kirchenchöre in Anhalt sind ein wichtiger Teil der Verkündigung

Hans-Stephan Simon ist nicht nur Kreiskirchenmusikwart in Dessau, sondern auch Vorsitzender des Kirchenchorwerkes der Landeskirche Anhalts. Angela Stoye fragte ihn, wie es um die Chorarbeit in der Landeskirche bestellt ist.

Am Sonntag Kantate wird für das Kirchenchorwerk Anhalts Kollekte gesammelt. Ist das immer so?
Simon:
Ich kann mich nicht erinnern, dass das anders war, seit ich Anhalt kenne. Und ich bin seit 1991 in Dessau und seit 20 Jahren Vorsitzender des Kirchenchorwerkes. Als unselbstständiges Werk der Landeskirche benötigen wir das Geld aus der Kollekte am Sonntag Kantate und eines weiteren Sonntags für unsere Arbeit. Zudem bekommen wir Beiträge aus den Kirchengemeinden.

Welche Aufgaben hat das Kirchenchorwerk?
Simon:
Es soll den Dienst und die Gemeinschaft der Chöre und Instrumentalkreise und ihrer Mitglieder fördern. Dies geschieht zum Beispiel durch fachliche Beratung, Beihilfen zum Noten- oder Instrumentenkauf, zu Chormusiken, Chorfahrten oder auch Beihilfen zur Finanzierung von Singwochen oder Chorleiterschulungen.

Wie ist zurzeit die Situation bei den Chören?
Simon:
Stabil. Es gibt 41 Kirchenchöre und Kantoreien mit fast 800 Sängerinnen und Sängern. Hinzu kommen sieben Kinderchöre mit rund 150 Mädchen und Jungen sowie neun Gospel- und Jugendchöre mit insgesamt knapp 170 Mitgliedern. Allerdings ist der Unterschied zwischen den Regionen erheblich.

Ohne Chormusik würde in den Gottesdiensten oder zu anderen Anlässen etwas fehlen. Das Foto entstand im August vorigen Jahres bei der Eröffnung der Köthener Nacht der Kirchen in der Jakobskirche. Foto: Heiko Rebsch

Ohne Chormusik würde in den Gottesdiensten oder zu anderen Anlässen etwas fehlen. Das Foto entstand im August vorigen Jahres bei der Eröffnung der Köthener Nacht der Kirchen in der Jakobskirche. Foto: Heiko Rebsch

Vor kurzem las ich in einer Zeitung einen Artikel, in dem es um das Sterben weltlicher Chöre in Deutschland ging. Das kann ich für Anhalt nicht bestätigen. Die Zahl der Kirchenchöre in Anhalt ist stabil; die Zahl der Sängerinnen und Sänger nur leicht rückläufig. Allerdings zeigt die Altersstruktur, dass die Sängerinnen und Sänger oft schon ein höheres Lebensalter erreicht haben. Das betrifft die großen Chöre in den Städten genauso wie die kleinen Gemeindechöre. Aus meiner Erfahrung kann ich allerdings auch sagen, dass ich manchmal schon Bedenken zur Zukunft eines Chores hatte, dass dann aber wieder jüngere Menschen zum Mitsingen kamen und der jeweilige Chor fortbesteht.

Wie können Sie und Ihre Musikerkollegen gegensteuern?
Simon:
Das ist schwierig. Denn dieses Phänomen existiert in den westdeutschen Landeskirchen genauso. Es hat wohl mit der veränderten Arbeitswelt, den oft unregelmäßigen Arbeitszeiten potenzieller Chormitglieder und anderen Belastungen zu tun. Hinzu kommt der Trend zur Individualisierung und zur Säkularisierung; letztere ist in Mitteldeutschland weltweit am stärksten ausgeprägt. Allerdings bin ich mir sicher, dass sich das eines Tages wieder ändert und Menschen vermehrt Gemeinschaft und Zugang zu den Inhalten des Glaubens über das Singen in Kirchenchören suchen. Ich merke zum Beispiel, dass Schulen sich für gemeinsame musikalische Projekte öffnen. Das war vor zehn Jahren noch nicht so.

Das Reformationsjubiläum steht bevor. Was planen die Chöre?
Simon:
Beim Stationenweg in Bernburg und beim Kirchentag auf dem Weg in Dessau-Roßlau wird 2017 die Kirchenmusik ihren Platz haben. Persönlich freue ich mich darauf, dass in Dessau-Roßlau noch einmal das Trinitatisoratorium aufgeführt wird. Mein Bernburger Kollege Sebastian Saß hat es komponiert; im Mai 2015 wurde es uraufgeführt. Das ist wirklich sehr schöne Musik.

Welche Chöre leiten Sie?
Simon:
Die Kantorei an der Pauluskirche, den Vokalkreis Dessau und den Chor der Evangelischen Grundschule Dessau. Zudem gehe ich in unseren Gemeinde-Kindergarten »Marienschule«, um mit den Kindern zu singen.

Und wo werden Sie am Sonntag Kantate sein?
Simon:
Auf jeden Fall in einem Gottesdienst in Dessau. Eine Premiere gibt es für mich und die Sängerinnen und Sänger der Paulus-Kantorei am 23. April in der Pauluskirche, wenn wir zum ersten Mal zum Evensong, einem gemeinschaftlichen Abendgebet in der Tradition der Anglikanischen Kirche, einladen.

Dessau-Roßlau: Evensong am 23. April, 17 Uhr, in der Pauluskirche

Gut gestimmte Freundschaft

25. April 2016 von redaktionguh  
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Seit 25 Jahren bemühen sich ein Thüringer und ein Schwabe um Orgeln der Region Eisenach

Es ist ein kühler Tag, als Gerhard Schiek aus Stuttgart sich Ende März wieder einmal auf den Weg ins thüringische Thal, einem Ortsteil des Bergstädtchens Ruhla im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen, begibt. Hier wartet bereits sein Freund Al­brecht Hanemann auf ihn. Die beiden Männer verbindet eine Leidenschaft: Das Orgelspiel und die Sorge um den Erhalt der Instrumente.

Seit 25 Jahren nimmt sich der ehemalige Orgelbaumeister aus dem Schwabenland eine Woche frei, um vor allem in den Dorfkirchen im Eisenacher Raum, wo das Geld in den Gemeinden knapp ist, etwas zu tun, damit die Orgeln funktionieren. Sein Freund Albrecht Hanemann begeisterte ihn dafür. Dieser spielt seit 57 Jahren Orgel und unternahm große Anstrengungen, die Klosterkirche zu Thal, eines der ältesten Gotteshäuser in Thüringen, nebst der darin befindlichen Orgel zu erhalten.

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Gerhard Schiek (l.) und Albrecht Hanemann (r.) an der Orgel in Thal. Foto: Susanne Reinhardt

Alle 25 bis 30 Jahre sollte so ein Instrument gereinigt werden, heißt es unter den Fachleuten. Nun sei es wieder einmal an der Zeit, sind sich die beiden inzwischen 70 und 75 Jahre alten Herren einig. Ehe es die Gesundheit nicht mehr erlaube, wollten sie diesen Freundschaftsdienst noch einmal leisten und kehrten damit an den Ort zurück, an dem alles begann.

Albrecht Hanemann, gebürtiger Franke und Wahlthüringer, führte es kurz nach dem Mauerfall dienstlich ins Schwabenländle. Es war eine Dienstfahrt zu einer Firma, die Anlasser herstellte. In diesem Unternehmen traf er auf Gerhard Schiek, dessen damalige Ehefrau aus Halle/Saale kam und der sich deshalb für die aktuelle Situation »drüben« interessierte. Hanemann, der sich am Ende aufreibender und langjähriger Sanierungsarbeiten an der heimischen Klosterkirche befand, berichtete ihm, dass in Folge von massiven Wasserschäden auch die Orgel ausgebaut werden musste und es nun Schwierigkeiten gab, »sie wieder gangbar zu machen«.

Heute sehen es die beiden Männer fast schon als göttliche Fügung an, dass der engagierte Organist aus Thüringen ausgerechnet an diesem Tag mit einem gelernten Orgelbaumeister sprach. Gerhard Schiek arbeitete zwar in dieser Anlasser-Firma, hatte aber die Ausbildung eines Orgelbaumeisters genossen. Da viele Orgelbauunternehmen in seiner Gegend geschlossen wurden, musste er sich umorientieren. Aber die Liebe zur Arbeit war geblieben.

Ein Mann, ein Wort – der Stuttgarter reichte kurz darauf Urlaub ein und fuhr nach Thal. Dort wartete bereits Albrecht Hanemann mit zwei ABM-Kräften und Gemeindegliedern, die helfen wollten. Und so begann eine 25-jährige Männerfreundschaft. In den Jahren darauf kamen zehn weitere Orgeln im Altkreis Eisenach in den Genuss einer Reparatur, zuletzt in Deubach und Seebach. Natürlich sei man mit der uneigennützigen Absicht nicht bei jedem auf Sympathie gestoßen, warfen die Freizeit-Restauratoren ein. So mancher inzwischen aufstrebende Handwerksbetrieb fühlte sich übergangen. Aber die Missverständnisse habe man aufklären können. Denn die Kirchengemeinden, die ihre Hilfe in Anspruch nahmen, hätten sich nie eine Fachfirma leisten können und ihre Orgeln wären für immer verstummt.

Und nun habe man wohl auch genug getan.

Die Thaler Knauf–Orgel bekam jetzt noch einmal eine Generalüberholung, ehe sich ihre Pfleger zur Ruhe setzen. Mit einem Industriestaubsauger reinigten sie die Orgelpfeifen. Auch das Pedalwerk wurde neu justiert und die Orgel gestimmt. Schon nach ein paar Anschlägen konnten selbst ungeschulte Ohren den Unterschied vernehmen. Die Thaler Kirche, die – dank des unerschöpflichen Fleißes vieler freiwilliger Helfer – heute wieder ihren klösterlichen Charakter vorweist und verschiedene geschichtliche Epochen wiederspiegelt, ist auch wieder akustisch attraktiv. Ihre Orgel stammt übrigens aus dem Jahre 1884 und wurde von dem Großgesellen der Firma Knauf aus Tabarz mit solider Konstruktion gebaut.

Susanne Reinhardt

Samba für die Seele

24. April 2016 von redaktionguh  
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Wohl nie gab es mehr gedruckte Noten als heute, und gleichzeitig war das Selbersingen nie so aus dem Lebensalltag verdrängt. Lassen Sie doch einen Moment die Zeitung sinken, schließen Sie die Augen und beginnen leise ein Lied zu summen, zu singen, und horchen Sie, was es in Ihnen und Ihrem Umfeld anstößt!

Viele gute Gründe sprechen dafür, die musikalischen Schätze der Kirche aus Tradition und Gegenwart singend zu pflegen und zu bewahren. Mir scheint, wir schreiben und reden darüber umso mehr, je mehr es uns abhandenkommt. Außerdem könnte es sogar sein, dass der »Musikmarkt« der ökonomisierten Wohlstandsgesellschaft gar nicht mehr das trifft, was wir gern als Gottesgeschenk preisen. Wenn Musik über Kopfhörer nicht mehr Kommunikation, sondern Isolation fördert; wenn sie derartig pusht, dass sie als eine Spielart von Gewalt erfahrbar wird; wenn sie als süßer Zuckerguss die Sinne verkleistert, anstatt Wahrnehmung zu schärfen, zu vertiefen; wenn die Klangberieselung in Kaufhäusern bis in den Fahrstuhl und die Toiletten reicht und Musik als Stimulanz missbraucht und letztlich verachtet wird. So werden wir unfähig zur Stille.

Aber jedes Ohr hat einen hohen Anspruch an Klang und kann außergewöhnlich gut differenzieren. Wenn wir hörend singen, sind wir auf einer guten und wichtigen Spur. Dabei kann ein Lied der Trauer natürlich ein Blues sein, kann Wut und Empörung berechtigt Stilmittel des Rock benutzen und ein fröhliches Lied als Samba daherkommen: Es geht nicht um die Stilrichtung, sondern darum, offenohrig zu sein, der Schwerhörigkeit der Seele zu entkommen, offen für Begegnung. Laden Sie mich doch einfach ein: <mathias.gauer@ekmd.de>

Mathias Gauer

Der Autor ist Landessingwart der EKM.

Chorsänger leben länger

24. April 2016 von redaktionguh  
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Kirchenmusik: Warum Singen glücklich macht und Kirchenchöre eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe haben

Wer zu Hause singt, schafft sich eine positive Stimmung, ergaben wissenschaftliche Untersuchungen. Und schon der Kirchenlehrer Augustinus wusste: Wer singt, betet doppelt.

Es ist keine Glaubensfrage: »Jeder Mensch kann singen, man muss es nur tun!« Ulrike Rynkowski-Neuhof lässt Ausreden nicht gelten. Die Professorin für Gesang und Stimmbildung an der Hochschule für Musik in Weimar weiß, viele Erwachsene singen nicht, weil man ihnen in der Grundschule gesagt hat, dass sie es nicht könnten. Beschämende Erfahrungen aus der Kindheit prägten oft ein Leben lang. Zudem förderten perfekt klingende Vorbilder aus der Konserve die übernommenen Annahmen. Dabei gehe es gar nicht um Perfektion und Talent, sondern darum, die eigene Stimme zu entdecken, erklärt Rynkowski-Neuhof. »Jede Stimme ist einzigartig!« Aber diese Einzigartigkeit auszuhalten, müsse man lernen. Anleitung und Training seien so wichtig wie im Sport.

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Einer brummt immer – trotzdem: Erlebnis geht vor Ergebnis, das gilt auch für den gemeinsamen Gesang. Illustration: Nel/Ioan Cozacu

Der Kinderlieder-Hit von Hella Heizmann bringt es auf den Punkt: »Wer nicht singen kann, der summt halt, wer nicht summen kann, der brummt halt, wer nicht brummen kann, der klatscht halt. Hauptsache, du bist dabei!« Gerade kleine Kinder profitieren von Gesangsstunden, ist die Erfahrung von Mathias Gauer, Landessingwart der EKM. Kirche ist seiner Meinung nach gut beraten, in Stimmbildung und gemeinsames Singen in den Kindergärten zu investieren. »Früher war das Singen eine allgemeine Kulturtechnik«, so Gauer. Heute werde leider in den Familien nur noch selten gesungen. Deshalb sei es wichtig, Erzieherinnen und Erziehern in der Ausbildung das kindgerechte Singen zu vermitteln. »Singen ist wie eine ansteckende Gesundheit, wenn jemand anfängt, dann singen andere mit«, ist sich der Landessingwart sicher. Singen ist erwiesenermaßen gesund. Es fördert die soziale, psychische und körperliche Fitness. Abwehrkräfte werden aktiviert, Stress abgebaut und die Sauerstoffversorgung der Organe verbessert. »Singen müsste zum normalen Lebensalltag gehören«, fordert Gauer. Wer allerdings nur aus gesundheitlichen Gründen zum Kirchenchor gehe, täte ihm leid. Singen mache Freude, vor allem in Gemeinschaft. Singen als Balsam für die Seele funktioniere bis ins hohe Alter, erlebt Ulrike Rynkowski-Neuhof, wenn sie sich mit ihrem Senioren-Singkreis zur Stimmbildung trifft. Natürlich lasse im Alter die Stabilität und Tonhöhe nach, aber durch regelmäßiges Training kann ein »reifer Stimmklang« gefestigt werden. Höchstleistungen seien im Alter nicht mehr zu erwarten, trotzdem, da ist sich die Musikprofessorin und EKM-Synodale sicher, bereichert der gemeinsame Gesang ein Leben in jedem Alter.

Von der gemütsaufhellenden Wirkung ist bereits im Alten Testament die Rede. Mit Gesang und Harfenspiel befreite schon David König Saul von depressiven Stimmungen. Über drei Millionen Menschen in Deutschland singen in Chören. Der Münsteraner Musikpsychologe Karl Adamek hat herausgefunden, dass Choristen lebenszufriedener und ausgeglichener sind. Durch regelmäßiges Singen verbinden sich Synapsen im Gehirn neu und machen die Sängerin, den Sänger klüger. Chorsingen kann wohl sogar lebensverlängernden Einfluss haben, ergab eine Untersuchung schwedischer Forscher. Trotzdem gehe die Singkompetenz gesamtgesellschaftlich gesehen zurück, stellt Landessingwart Gauer fest. Kirchenchöre und gemeindlicher Gesang im Gottesdienst erfüllten deshalb auch eine wichtige Aufgabe. Im Zentrum für Kirchenmusik der EKM sind 850 Chöre mit etwa 15 000 Sängern erfasst. Geleitet werden die Gesangsgruppen von 185 Kirchenmusikern und 400 ehrenamtlichen Chorleitern. Neben Kirchen- und Kinderchören vervollständigen Gospel- und Jugendchöre das Angebot.

Die Bibel ist voll von Gesang. Klagelieder, Danklieder, Lieder der Freude, des Jubels oder aber Liebeslieder. »Singt Gott in eurem Herzen«, heißt es im Kolosserbrief. Von Einschränkungen oder Begabung ist nicht die Rede. Auf geht’s! Das Evangelische Gesangbuch hat viel zu bieten: »Ich singe Dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von Dir bewusst.«

Willi Wild

Handwerk und Kunst

24. April 2016 von redaktionguh  
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Der 16-jährige Raphael Brandstäter komponiert eine Sinfonie für die Paulusgemeinde

Am Anfang, sagt Raphael Brandstäter, habe ihn das Gefühl der Überforderung beherrscht. Er, der 16-Jährige, soll eine Sinfonie für die kirchenmusikalisch stark geprägte Paulusgemeinde in Halle schreiben? Raphael ist überrascht – aber auch dankbar und glücklich, er spricht von einer »riesengroßen Ehre«. Das Musiktalent will jede Chance nutzen und sagt Kirchenmusikdirektor und Pauluskantor Andreas Mücksch zu.

Raphael Brandstäter mit seinen Aufzeichnungen. Foto: Katja Schmidtke

Raphael Brandstäter mit seinen Aufzeichnungen. Foto: Katja Schmidtke

Am 23. Oktober, während eines Literaturgottesdiensts, soll das Auftragswerk uraufgeführt werden. Die Orchestersinfonie bezieht sich auf das Krebstagebuch des Regisseurs, Autoren und Künstlers Christoph Schlingensief »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein«. Ein schweres, bedrückendes Thema für einen jungen Mann. »Ja, aber ich traue es ihm zu. Raphael beschäftigt sich auch mit ernsten Themen. Er ist ein denkender junger Mensch, der sich an einer Sache festbeißen kann«, sagt Kantor Mücksch. Erstmals vergibt die Paulusgemeinde ein Auftragswerk an einen so jungen Musiker, und Andreas Mücksch ist überzeugt, »wir gehen kein Risiko ein«.

Raphael Brandstäter stammt aus einer musikalischen Familie. Im Alter von fünf Jahren begann er, Geige zu spielen und nennt sie auch elf Jahre später noch sein Lieblingsinstrument. Heute besucht der junge Mann die Latina in den Franckeschen Stiftungen; das Landesgymnasium ist für seinen exzellenten Musikzweig bekannt. Zusätzlich zur Schule nimmt er seit drei Jahren Kompositionsunterricht, denn Raphael macht nicht nur Musik, er schreibt sie auch gern. »Die ersten Versuche habe ich im Alter von sieben Jahren gemacht. Das war relativ früh und relativ fürchterlich«, sagt er heute und lächelt.

Kammermusik, die er für Streicher und Bläser geschrieben hat, wurde schon einmal von Mitschülern aufgeführt. Aber eine Sinfonie für ein ganzes Orchester? »Eine Herausforderung«, sagt er. Am Anfang geht es flott von der Hand, doch dann kommt der Punkt, an dem es stockt und »damit beginnt die richtige Arbeit«. Komponieren bezeichnet der junge Musiker als Handwerk, bei dem es Regeln einzuhalten gilt. Aber diese anzuwenden und zu einer eigenen Handschrift zusammenzusetzen, ist Kunst.

Seine Sinfonie, verrät er schon einmal, wird Anklänge romantischer Musik haben, mit viel Dramatik. »Denn die steckt ja auch im Text, Wut und Verzweiflung, aber auch schöne Augenblicke und Momente, die Kraft geben«, erzählt er. Strenge Programmmusik ist sein Werk nicht, er erzählt nicht das Tagebuch nach; ein wiederkehrendes Leitmotiv wird es aber geben. Gerade ist Raphael Brandstäter in der Phase des Orchestrierens, die Stimmen sind vorhanden, nun werden sie auf das Orchester verteilt. Im Sommer soll er fertig sein; Kantor Mücksch ist gespannt.

Katja Schmidtke

Fluchtgeschichten

24. April 2016 von redaktionguh  
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Ein einmaliges Projekt in Benneckenstein vorgestellt


Seit Monaten Fernsehbilder und Zeitungsberichte über Flüchtlinge. Alles weit weg? – Nein, Menschen mit diesem Schicksal leben direkt vor unserer Haustür. Das hat eine Gruppe von rund 20 Ehrenamtlichen erkannt, die am vergangenen Freitag in Benneckenstein einen interkulturellen Abend mit Syrern und Deutschen gestaltete. Seit Februar 2016 wohnen zwei syrische Familien im alten Pfarrhaus. Sie berichteten dem Publikum über ihre Flucht. Andererseits erinnerten sich auch Deutsche an ihre Fluchterlebnisse aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, in dem Fall Schlesien, und eine Fluchtgeschichte der jüngeren Vergangenheit, aus der DDR.

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

150 Besucher kamen ins Schützenhaus nach Benneckenstein. Foto: Heinz Noack

Es herrschte eine angespannte Stille bei den 150 Besuchern im Schützenhaus in Benneckenstein, als Khaled Altramesh von seiner Flucht aus Syrien berichtete. Bis Herbst 2015 lebte der 38-jährige Mann mit seiner Ehefrau Jawha und vier Kindern in Abu Kamal, einer Stadt am Euphrat im Osten Syriens. Als durch den Krieg dort kein normales Leben mehr möglich war, verließ die Familie das Heimatland. Es begann eine Odyssee über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich bis nach Deutschland. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, beendet Khaled Altramesh seine Fluchtgeschichte, die Stück für Stück ins Deutsche übersetzt worden war. Nicht nur seine syrischen Landsleute, die einen ähnlichen Fluchtweg hinter sich haben, blickten verständnisvoll. Auch Margot Papra aus Elbingerode konnte die Angst der Familie nachvollziehen. Sie erlebte vor 70 Jahren die Flucht aus ihrer Heimat Schlesien, wo sie 1938 geboren worden war. Ihre Kindheit verbrachte sie im Dörfchen Kamenz, das heute in Polen liegt. Ihr Sohn Detlef las den Erlebnisbericht seiner Mutter vor, der ins Arabische übersetzt wurde.

Die beiden Erlebnisberichte gehörten zu insgesamt sechs Fluchtgeschichten von einst und heute, die an diesem Abend sprichwörtlich unter die Haut gingen. Organisiert wurde der Abend von den ehrenamtlichen Helfern der evangelischen Kirchengemeinde Elbingerode, unter Federführung von Vikarin Ann-Sophie Schäfer.

»Die Stimmung im Harz ist nicht flächendeckend so«, sagte Ann-Sophie Schäfer. »Diese gut besuchte Veranstaltung ist leider nicht repräsentativ.« Aber ein sehr guter Anfang, über die Gemeinsamkeiten nachzudenken. In Elbingerode kam man über die Seniorenkreise auf das Thema Flucht zu sprechen. »Da gab es so viele Andockmöglichkeiten«, sagte Schäfer. »Das war ein Stein des Anstoßes. Nun erinnert man sich auch in den Familien und bei den Treffen an die Erlebnisse. Die Geschichten wurden aufgeschrieben, eine Publikation ist geplant.«

Eine syrische Band aus Wernigerode und der Harzer Singkreis gestalteten den Abend musikalisch aus. Im Anschluss konnten bei einem deutsch-syrischen Büfett persönliche Gespräche geführt und Kontakte vertieft werden.

Steffi Rohland

Ohne das Lied wäre alles anders

23. April 2016 von redaktionguh  
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Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98,1

Es war ein langer und weiter gemeinsamer Weg. Ich weiß noch, wie wir uns kennenlernten, ein Haufen zusammengewürfelter Vikare. Der Weg noch vor uns, die Aufbruchfreude und Unsicherheit in uns. Ein verlegener erster Moment. Dann greift einer zur Gitarre, Bücher werden geholt. Wir singen noch einmal das eine alberne Lied aus dem Seminar gerade, danach noch das Schöne, was einer letztens gehört hat, wir lachen und können gar nicht aufhören.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Einer singt brummelnd und leise, einer selbstbewusst schief, ein dritter hält die Stimmlage. Einer setzt sich ans Klavier. Später suchen wir absurde Gegenstände zusammen, wir machen Musik. Und wir wachsen zusammen. Über den Liederbüchern begegnen sich die Blicke. Wir verstehen. Wir loben Gott und wundern uns über diese Gemeinschaft so verschiedener Menschen wie wir es sind.

Jetzt – zweieinhalb Jahre später: Wir sitzen wieder zusammen, eine vertraute und doch ganz andere Runde, wir sind jetzt Pfarrer. Einige von uns fehlen. Da stimmt einer das Lied an, unser Lied, das schöne, und wir singen es auswendig. Jeder singt die Strophe, die ihm gerade einfällt, total egal, ob es passt: wir singen. Der Stress der letzten Tage ist für einen kurzen Moment weggefegt im Chor der Stimmen; das Unsichere der kommenden Zeit vergessen, und ihr, die ihr uns gerade fehlt, ihr seid über das Lied für einen Moment mit im Raum.

Einer hat die Augen geschlossen, ein anderer blickt in die Runde. Wir verstehen einander. Wir loben Gott und wundern uns über die Wege, die wir gegangen sind und gehen. Die der Anwesenden und der Abwesenden.

Ein Kreis in der Gemeinde. Wir beginnen mit einem Lied. Jemand hat Geburtstag, er darf es sich wünschen. Und wir anderen, wir singen für ihn, wir singen miteinander. Wir teilen das Lied wie später den Kaffee und unsere Gedanken. Ohne das Lied wäre es anders, wären wir eine andere Gemeinschaft. Über den zugeklappten Büchern lächeln wir uns später zu: schön ist es, dieses Lied, seit damals … Wir verstehen einander im Lob Gottes.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Kein Sockelheiliger

19. April 2016 von redaktionguh  
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EKM will ihr Verhältnis zu Luthers Judenhass bis zum Herbst klären

In der neuen Dauerausstellung des Eisenacher Lutherhauses ist ein Kuriosum der Reformationsgeschichte zu bestaunen. In die Figurengruppe eines Altar-Flügels aus Großkromsdorf, der Anfang des 16. Jahrhunderts entstand, aber offensichtlich danach verändert worden ist, reiht sich neben dem Heiligen Nikolaus und dem Heiligen Wolfgang auch ein Gelehrter und Prediger mit unverkennbaren Gesichtszügen ein: Martin Luther. Noch zu dessen Lebzeiten wurde die sehr plastische Figur angefertigt.

Luther-Bild revidieren

Luther als Heiliger? Lange wurde der Mönch und Professor als Kirchenerneuerer ausschließlich verehrt. Dieses Erbe wirkt nach – »Das ist unsere Sozialisation, Luther als Sockelheiliger«, war auch von Synodalen auf der EKM-Frühjahrstagung zu hören. Offenbar hat es lange gedauert, sich von diesem Luther-Bild zu verabschieden; zumindest hat die Synode das Thema erst jetzt auf die Agenda gesetzt; auf Antrag der Synode des Kirchenkreises Erfurt. »Wir pflegen in Erfurt ein gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde und haben uns damit auf unserer Kreissynode im November beschäftigt. Von unseren Synodalen kam der Vorschlag, dass dies auch die Landessynode tun möge«, berichtet Andreas Greim von der Erfurter Predigergemeinde. »Luther ist für uns kein Heiliger. Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen gottgeschenkten Begabungen, ebenso mit seinen Schwächen und seinem fehlerhaften Verhalten«, heißt es in dem Erfurter Papier. Dies sahen auch die EKM-Synodalen so und stimmten dem Antrag zu. Demnach soll sich die EKM öffentlich von Luthers Judenfeindlichkeit distanzieren, das Verhältnis von Christen und Juden umfassend würdigen und dazu Material für die Gemeindearbeit bereitstellen.

Arbeitsgruppen gebildet

Zu einer großen Aussprache im Plenum über Luthers dunkle Seite ist es im Kloster Drübeck nicht gekommen. In acht Arbeitsgruppen debattierten die Synodalen im Anschluss an einen Vortrag von Axel Töllner, Landeskirchlicher Beauftragter für christlich-jüdischen Dialog in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Bayern. Töllner betonte: »Luthers Blick auf die Juden ist kein Nebenthema seiner Theologie. Es ist ebenso wenig ein Nebenthema der anderen Reformatoren.« In dieser Deutlichkeit sei ihm das nicht bewusst gewesen, sagte selbst Antragsteller Andreas Greim. Auf der Synode hieß es nun: Dem Umgang mit diesem judenfeindlichen Erbe komme innerhalb der EKM eine besondere Bedeutung zu, schließlich ist sie die Kirche, auf deren heutigen Gebiet Luther lebte und wirkte.

Bildungsarbeit gefordert

Im Kernland der Reformation sei deshalb Bildungsarbeit wichtig, so einer der Vorschläge. Konkretes Material für die pädagogische Arbeit, vom Konfirmandenunterricht bis zum Seniorenkreis, wurde gefordert.

Die Vorschläge und Ideen der Synode werden nun von einer Arbeitsgruppe aus Synodalen und Mitgliedern des Beirats für den christlich-jüdischen Dialog der EKM ausgewertet. Sie bereiten eine Beschlussfassung vor, die im Herbst auf der Tagesordnung stehen wird. Dann hat das Reformationsjahr bereits begonnen.

Katja Schmidtke

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