Ohne das Lied wäre alles anders

23. April 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Psalm 98,1

Es war ein langer und weiter gemeinsamer Weg. Ich weiß noch, wie wir uns kennenlernten, ein Haufen zusammengewürfelter Vikare. Der Weg noch vor uns, die Aufbruchfreude und Unsicherheit in uns. Ein verlegener erster Moment. Dann greift einer zur Gitarre, Bücher werden geholt. Wir singen noch einmal das eine alberne Lied aus dem Seminar gerade, danach noch das Schöne, was einer letztens gehört hat, wir lachen und können gar nicht aufhören.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

Einer singt brummelnd und leise, einer selbstbewusst schief, ein dritter hält die Stimmlage. Einer setzt sich ans Klavier. Später suchen wir absurde Gegenstände zusammen, wir machen Musik. Und wir wachsen zusammen. Über den Liederbüchern begegnen sich die Blicke. Wir verstehen. Wir loben Gott und wundern uns über diese Gemeinschaft so verschiedener Menschen wie wir es sind.

Jetzt – zweieinhalb Jahre später: Wir sitzen wieder zusammen, eine vertraute und doch ganz andere Runde, wir sind jetzt Pfarrer. Einige von uns fehlen. Da stimmt einer das Lied an, unser Lied, das schöne, und wir singen es auswendig. Jeder singt die Strophe, die ihm gerade einfällt, total egal, ob es passt: wir singen. Der Stress der letzten Tage ist für einen kurzen Moment weggefegt im Chor der Stimmen; das Unsichere der kommenden Zeit vergessen, und ihr, die ihr uns gerade fehlt, ihr seid über das Lied für einen Moment mit im Raum.

Einer hat die Augen geschlossen, ein anderer blickt in die Runde. Wir verstehen einander. Wir loben Gott und wundern uns über die Wege, die wir gegangen sind und gehen. Die der Anwesenden und der Abwesenden.

Ein Kreis in der Gemeinde. Wir beginnen mit einem Lied. Jemand hat Geburtstag, er darf es sich wünschen. Und wir anderen, wir singen für ihn, wir singen miteinander. Wir teilen das Lied wie später den Kaffee und unsere Gedanken. Ohne das Lied wäre es anders, wären wir eine andere Gemeinschaft. Über den zugeklappten Büchern lächeln wir uns später zu: schön ist es, dieses Lied, seit damals … Wir verstehen einander im Lob Gottes.

Pfarrerin Sophie Kersten, Langula-Kammerforst

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