Eine Sache der Berufung

31. Mai 2016 von redaktionguh  
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Nachgefragt: Wie man Diakonisse wird – der Weg von Schwester Annegret Bachmann

Junge Frauen in der Tracht einer Diakonisse haben Seltenheitswert. Annegret Bachmann wurde vor elf Jahren als junge Frau zur Diakonisse eingesegnet. Heute leitet sie das Eisenacher Mutterhaus. Harald Krille sprach mit ihr.

Frau Bachmann – Sie waren Anfang 30, als Sie 2005 Diakonisse wurden. Wie kam es dazu?
Bachmann:
Diakonisse wird man durch eine Berufung. Ich habe im Eisenacher Diakonissenkrankenhaus Anfang der 90er-Jahre meine Ausbildung als Krankenschwester gemacht, wurde dann Diakonische Schwester. Irgendwann kam die Frage: Was wird eigentlich aus deinem Leben, wo hat dich Gott hingestellt, was möchte er, das du tust? Ich habe in der Bibel gelesen und im Gespräch mit anderen und im Gebet versucht herauszufinden, wo Gott mich hinstellt. Am Ende sah ich verschiedene Möglichkeiten, und eine war auch Diakonisse. Und dann habe ich sozusagen innerlich den Ruf von Gott bekommen: Ja, Diakonisse, das ist dein Weg.

Dann haben Sie sich im Eisenacher Mutterhaus gemeldet und los ging’s?
Bachmann:
Nicht sofort. Die anderen Schwestern waren nicht mehr so jung, und da war es für die Gemeinschaft eine sehr große Frage, ob das wirklich dran ist, jemanden neu aufzunehmen? Der letzte Eintritt war 25 Jahre vorher … Aber dann hat die Gemeinschaft sich entschieden: Ja, wir beginnen noch mal von vorn, und ich konnte kommen.

Diakonisse in neuer Form: Annegret Bachmann trägt ein blaues Collarhemd statt der alten Tracht. Foto: privat

Diakonisse in neuer Form: Annegret Bachmann trägt ein blaues Collarhemd statt der alten Tracht. Foto: privat

Und wurden Diakonisse?
Bachmann:
Auch nicht sofort. Es begann eine Probezeit, in der ich hier mitlebte. Diese Zeit dauerte fünf Jahre, und dann wurde ich zur Diakonisse eingesegnet.

Da legt man dann ein Gelübde ab, wie bei Eintritt in ein Kloster?
Bachmann:
Ein Gelübde hat ja so was Endgültiges, Unverrückbares. Bei uns heißt es Versprechen. Wir versprechen, so lange diesen Weg zu gehen, wie Gott uns auf keinen anderen führt.

Es bleibt für Diakonissen also eine »Hintertür« offen?
Bachmann:
Das klingt natürlich nach einer faulen Ausrede. Aber es hat den Hintergrund, dass man ja auch nicht weiß, was aus den Gemeinschaften wird. Wie es weitergeht, nicht nur persönlich, sondern auch mit unserer Gesellschaft.

Eine ganz praktische Frage. Sie haben als Krankenschwester Geld verdient, selbstständig gelebt. Diakonissen bekommen doch nur ein Taschengeld?
Bachmann:
Also ich lebe schon in einer neueren Form. Aber auch früher haben die Diakonissen ein Gehalt bekommen, bloß ging das ans Mutterhaus. Dafür wurden und werden sie bis heute vom Mutterhaus mit allem versorgt. Das Taschengeld ist dann wirklich nur für den ganz privaten Bedarf. Bei mir läuft das schon anders. Ich bekomme mein Gehalt und gebe einen Teil ans Mutterhaus ab. Also ich sorg für mich selbst, zahle Miete, zahl Essen, zahl meine Kleidung, alles was die älteren Schwestern nicht zu zahlen brauchten und brauchen, gebe aber einen Beitrag in die Gemeinschaft.

Stichwort Kleidung: Sie tragen Haube und das einheitliche Schwesternkostüm im »freundlichen Schwarz«?
Bachmann:
Das schwarze Kleid ist nur für sonntags, in der Woche ist es blau gepunktet. Ich hab bis vor acht Jahren diese Tracht, so heißt das bei uns, immer getragen. Seit acht Jahren haben wir als jüngere Gemeinschaft die Tracht für uns anders entwickelt. Ich trage das Collarhemd, wie es die Diakonissen in den skandinavischen Ländern seit den 70er-Jahren tragen. Bei uns in der Farbe der Diakonie, also Blau. Die Frage war für uns, was wollen wir aussagen mit unserer Kleidung? Und die Aussage ist, wir sind für Gott unterwegs, wir sind geistlich ansprechbar.

Ist es vorstellbar, dass so eine Lebensform, zölibatär und eingebunden in eine Lebens- und Dienstgemeinschaft, in unserer hedonistischen Zeit wieder neue Attraktivität gewinnt?
Bachmann:
Ich denke, es wird nicht mehr so sein wie vor 150 Jahren, als es in Deutschland 70 Mutterhäuser mit zum Teil bis zu 2 000 Diakonissen gab. Aber die Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach kommunitärem Leben wird sicher immer ein Stück weit vorhanden sein. Inwieweit das dann noch lebenslang ist oder ob man auf Zeit in einer solchen Gemeinschaft mitlebt, das ist noch mal eine andere Sache.

Seit einigen Monaten sind Sie Oberin des Eisenacher Mutterhauses und stehen vor einem großen Jubiläum. Was wünschen Sie sich?
Bachmann:
Wir feiern vom 30. Juni bis 2. Juli die 125. Wiederkehr der Gründung des Eisenacher Diakonissenmutterhauses. Und ich wünsche mir, dass dadurch noch einmal die Gemeinschaft von Diakonissen und Diakonischer Schwestern- und Bruderschaft neu in den Blick rückt. Dass wir neu erkennen, es geht nicht nur darum, was wir tun, wo wir arbeiten und wie fachlich qualifiziert wir sind. Sondern es geht darum, dass wir untereinander verbunden sind, uns gegenseitig stärken und miteinander nach Gott fragen.

Trost am Krankenbett

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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Das Ehepaar Dutschmann half beim Aufbau einer Gruppe Grüner Damen und Herren

Pionier? Nein, Wegbereiter oder Aufbauhelfer trifft es besser. »Das war aber eine Gemeinschaftsleistung«, betont Eberhard Dutschmann, ehemaliger Klinikseelsorger und Pfarrer in Ruhe, im Hinblick auf die Gründung der Grünen Damen und Herren in der Bauhausstadt vor 25 Jahren. Dessau war die erste Stadt in den neuen Bundesländern, in der die Freiwilligen in ihren grünen Kitteln 1991 im Diakonissenkrankenhaus und Marienheim anfingen, ihren Dienst am Menschen zu verrichten – Patienten und Heimbewohnern vorlesen, zuhören, Wege erledigen oder kleine Ausflüge unternehmen. So kennt man landauf, landab die guten ehrenamtlichen Seelen im Klinik- und Heimalltag. Schon vor der Wende waren der damalige Chefarzt Ullrich Plettner und Dutschmanns Frau Annemarie, Oberschwester und Medizinpädagogin, durch Dienstreisen nach Koblenz und in die Niederlande vom Ehrenamtsprojekt begeistert.

Pfarrer Eberhard Dutschmann an seinem Schreibtisch, wo er heute unter anderem Gespräche des christlich-jüdischen Gesprächskreises vorbereitet. Foto: Danny Gitter

Pfarrer Eberhard Dutschmann an seinem Schreibtisch, wo er heute unter anderem Gespräche des christlich-jüdischen Gesprächskreises vorbereitet. Foto: Danny Gitter

Da war es nur folgerichtig, dass sich im Diakonissenkrankenhaus und benachbarten Altenpflegeheim »Marienheim« in der neuen Zeit nach 1989 bald die ersten Freiwilligen fanden. Eigentlich, so erzählt Eberhard Dutschmann, war es der bevorstehende (Un-)Ruhestand von Jutta Meinel, einer befreundeten Geigerin der Anhaltischen Philharmonie, der dem Projekt den nötigen Schub verlieh. Zusammen mit seiner Frau Annemarie, die ebenfalls 1991 in den Ruhestand ging, schaltete Meinel eine Anzeige in der Zeitung, wo nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern für die ehrenamtliche Betreuung von Patienten gesucht wurde. Die Resonanz war groß. 18 Frauen und zwei Männer meldeten sich. Eberhard Dutschmann, damals Klinikseelsorger am Diakonissenkrankenhaus, übernahm die Weiterbildung und Supervision der Ehrenamtlichen. Einmal im Monat tauschten sie sich über die Erlebnisse am Krankenbett oder im Altenheim aus. »Das war für uns alle Neuland«, erzählt Eberhard Dutschmann. Ein Querschnitt der Bevölkerung, unter anderem aus dem Büro und dem sozialen Bereich, kümmerte sich nach Feierabend oder im gerade begonnenen Ruhestand um kranke und alte Menschen.

»Wir sind alle mit unseren Aufgaben gewachsen«, erinnert sich der Theologe. Das Pflegepersonal musste sich erst an die neue Unterstützung gewöhnen. Die Grünen Damen und Herren mussten Möglichkeiten und Grenzen ihres Ehrenamts in einem teils langen Reifeprozess für sich entdecken. Das lief nicht immer ohne Konflikte. Nach 25 Jahren und mit mittlerweile 23 Ehrenamtlichen ist alles professionalisiert. Heute ist das nicht mehr Dutschmanns Welt. »Alles und jeder hat seine Zeit«, sagt der 85-Jährige. Seine Frau und er haben vor 20 Jahren die Grünen Damen und Herren hinter sich gelassen. Weil ihre Aufgabe mit dem Aufbau erfüllt war. Weil andere neue Impulse setzen sollten. Annemarie Dutschmann ist vor acht Jahren gestorben. Eberhard Dutschmann widmet sich heute als Künstler der Malerei und einem christlich-jüdischen Gesprächskreis. Zum Jubiläum der Dessauer Grünen Damen und Herren erinnert er sich wohlwollend zurück, einer der Wegbereiter gewesen zu sein.

Danny Gitter

Sündenfall im Kreuzgang

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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Ballettpremiere zu den Halberstädter Domfestspielen

Dass es zu den diesjährigen Halberstädter Domfestspielen vom 3. bis 6. Juni ziemlich österreichisch wird, ist nicht die einzige Besonderheit. Längst gilt das hochkarätige dreitägige Musik­ereignis als »regionales Produkt«. Dass das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode mit den Musikern des Nordharzer Städtebundtheaters auftritt, war zu den Domfestspielen 2008 vielleicht noch ein Aufreger, in den viel hineininterpretiert wurde. Seither dirigieren die Musikdirektoren Christian Fitzner und Johannes Rieger jedes Jahr abwechselnd das große Domkonzert in Halberstadt. Stand bisher ein Mahler-Zyklus auf dem Programm, wird am 5. Juni, 17 Uhr, im Dom St. Stephanus und Sixtus Christian Fitzner die 7. Sinfonie E-Dur von Anton Bruckner dirigieren.

»Hausherr« Kirchenmusikdirektor Claus-Erhard Heinrich kündigte an, dass nicht nur das Orchesterstück von einem Österreicher stammt, auch das Oratorium am Samstagabend stammt aus dem Nachbarland. Joseph Haydns »Die Jahreszeiten« stellten für Heinrich eine Premiere dar. »Seit ich am Halberstädter Dom bin, singen hier erstmalig die Kantoreien Quedlinburg und Halberstadt gemeinsam«, sagt er. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit meinem Quedlinburger Kantorenkollegen Gottfried Biller«, erklärt Heinrich, der auf die sehr guten Solisten verweist. »Zur Musik des Mitteldeutschen Kammerorchesters erlebt das Publikum die Dresdner Sopranistin Ute Selbig, Robert Macfarlane, Tenor aus Berlin, und Henryk Böhm aus Braunschweig.« Das Oratorium wird in den »Herbst- und Wintermonaten« etwas gekürzt, Frühling und Sommer erklingen komplett (4. Juni, 18 Uhr, Dom).

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Das Ballett des Städtebundtheaters Nordharz trat bereits 2011 im Dom auf. Foto: Jürgen Meusel

Seine Dompremiere feiert auch Can Arslan, der Ballettdirektor des Nordharzer Städtebundtheaters. Erstmalig inszeniert er im Gotteshaus sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen« (3. Juni, 19.30 Uhr, Dom). Er lacht: »Eigentlich wäre es mir lieber, wenn wir nicht im Dom tanzen.« Dem fragenden Stirnrunzeln setzt er entgegen: »Wir planen eigentlich, im Kreuzgang zu tanzen und nur bei schlechter Witterung ins Kircheninnere auszuweichen.« Für seine Compagnie wird die Inszenierung ein einmaliger Auftritt sein, ohne Bühnenbild, aber mit auserlesener Musik. »Ich bin ein Freund minimalistischer Musik«, gesteht der Spanier Arslan. »So werden meine Choreografien auf Klängen von Arvo Pärt und Philipp Glass basieren.« Er denkt, das schafft den Zuschauern einen besseren Zugang zum Tanz. Gerade Arvo Pärts Werk habe einen hohen Glaubensbezug.

Adams Sündenfall bietet die Folie für sein Ballett »Sehnsucht nach dem Ungewissen«. Can Arslan ist es wichtig, dass die Menschen sich Zeit für sich nehmen, verweilen und nicht materiellen Dingen hinterherstürzen. »Ob Adams Apfel oder der auf dem Smartphone, es ist die materialistische Falle, in der wir sitzen, welches Gesicht die auch immer hat.«

Uwe Kraus

Religion und Menschenwürde

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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In der Jenaer Lobdeburgschule ist das Fach »Grundgesetz konkret – wie wir miteinander leben wollen« fester Bestandteil des Unterrichts für Kinder von Flüchtlingen und Migranten.

Mitten im Raum liegen Klangschalen, Glöckchen, in Stoff eingeschlagene Bücher, Fahnen und Kopfbedeckungen, drumherum großformatige Fotos von Kirchen, Moscheen, weißen Kühen oder tönernen Schildkröten. Die Jugendlichen der Klassen 8 bis 10, die im Stuhlkreis um diese Dinge sitzen, kommen vor allem aus Syrien, dem Irak und Kurdistan. In dieser Doppelstunde im Wahlpflichtfach »Grundgesetz konkret« geht es um Religionsfreiheit, einem Grundrecht in Deutschland. Zunächst bittet Barbara Wrede, die Leiterin der Schule, die Schüler, alle Gegenstände und Fotos zum Buddhismus herauszusuchen. Somov und Ali sortieren in Windeseile die passenden Bilder. Sie haben auch eine Erklärung, was sie bedeuten. Die jungen Mädchen auf der anderen Seite sind von den Gebetsfahnen fasziniert, die sie immer wieder durch ihre Hände gleiten lassen. Ihre rituelle Funktion ist der Gruppe unbekannt. »Die Gebete, die darauf stehen, gehen in die Luft und werden dadurch gehört«, erläutert die Schulleiterin. Auf einem Foto sind Mönche in roter Kleidung zu sehen, die ihren Schülern gestenreich rhetorische Künste vermitteln. Ein gutes Stichwort. Die Kultur der Debatte ist den Jugendlichen aus arabischen Ländern nicht bekannt. Interessiert hören sie, dass es deutschlandweit den Wettbewerb »Jugend debattiert« gibt.

Unter Anleitung des Künstlers Robert Krainhöfner entwarfen Schüler menschliche Silhouetten, die das Miteinander verschiedener Nationen versinnbildlichen. Foto: Doris Weilandt

Unter Anleitung des Künstlers Robert Krainhöfner entwarfen Schüler menschliche Silhouetten, die das Miteinander verschiedener Nationen versinnbildlichen. Foto: Doris Weilandt

Barbara Wrede ist es ein wichtiges Anliegen, künftigen Staatsbürgern Grundrechte zu vermitteln, die in einer Demokratie unverhandelbar sind. Gemeinsam mit Sozialkundelehrer Michael Raschke entwickelte sie das Konzept für das neue Fach. Mit im Boot ist Vera Omar aus dem palästinensischen Beit Shala. Sie übersetzt komplizierte Sachverhalte und Begriffe. Nur ein kleiner Teil dieses Unterrichts findet in der Lobdeburgschule statt. Die Gruppe war auf einem Gericht und bei der Polizei, um sich vor Ort über die Praxis und gesetzliche Regelungen zu erkundigen. Zum Thema Pressefreiheit wird eine Redaktion besucht, und Buchenwald steht ebenfalls auf dem Programm. Praktische Beispiele von Religionsfreiheit lernen die Jugendlichen in der Erfurter Synagoge und in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Schule, der Peterskirche von Lobeda-Altstadt kennen. Pastorin Maria Krieg kennen einige als Helferin seit ihrer Ankunft in Jena.

Zurück in den Unterricht. Inzwischen sucht die Gruppe Bilder und Gegenstände aus, die zum Judentum gehören: Klagemauer, Kippa, Synagoge und vieles mehr. Nach Hinduismus, Naturreligionen, Voodoo und Ahnenverehrung treten die Jugendlichen vor eine interaktive Weltkarte, die die Verteilung der Religionen zeigt. Nicht überraschend: Christen und Muslime liegen fast gleichauf. Aber dass es so wenig Juden gibt, hat niemand vermutet. Es ist eine große Überraschung. Alkawthar, ein junges Mädchen, interpretiert das Bild »The golden rule« (Die goldene Regel), das bei den Vereinten Nationen in New York hängt: »Alle Menschen sind gleich und sollen friedlich miteinander leben.« Zu sehen sind Menschen aus vielen Ländern, die Zeichen ihrer religiösen Überzeugung tragen und dicht beieinander stehen. »Die goldene Regel«, sagt Barbara Wrede, »gibt es in allen Religionen.« Im Christentum ist sie das Gebot der Nächstenliebe – behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

An der Lobdeburgschule wird die Regel gelebt. Dort lernen Kinder und Jugendliche aus über 20 Nationen miteinander – nicht erst, seit die Flüchtlingsströme im letzten Jahr Deutschland erreicht haben. Der Untertitel des Projektes »wie wir miteinander leben wollen« gehört dabei zum Leitbild.

Doris Weilandt

Es geht weiter, nur anders

30. Mai 2016 von redaktionguh  
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Wandlungsfähig: Wie aus dem Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode die Diakoniegemeinde wird

Haube und Tracht sind aus der Mode. Heute entschließen sich kaum noch junge Frauen, einer Schwesternschaft beizutreten. Da heißt es für die Mutterhäuser: umdenken.

Schwester Luise Kunze und Alt-Oberin Anita Rost gehören zu den 170 Diakonissen, die oberhalb des Harzstädtchens Elbingerode im Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« leben. »Wer hätte zu DDR-Zeiten gedacht, dass wir mal in Moskau Gottes Wort verkünden«, erzählt Schwester Anita bewegt. Bereits 1993 konnte Schwester Luise Kunze nach Moskau ausgesandt werden. Den Anfang beschrieb sie damals als ziemlich abenteuerlich, denn pflegerische, medizinisch-diakonische Arbeit war der dortigen Gemeinde völlig neu. Vor Kurzem las Schwester Luise, dass in Sibirien Hilfe benötigt wird. Ihr Russisch sitzt wie ihre Haube. So ging es Anfang des Jahres für 90 Tage zum Gemeindedienst tief nach Sibirien. Schwester Maren Martens, ihre Nachfolgerin in Moskau ist heute in einer lutherischen Gemeinde in Saratow an der Wolga tätig. Sie stehen exemplarisch für den politischen Wandel, den die am 20. Januar 1920 gegründete Schwesternschaft Neuvandsburg seither durchlebte.

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

170 Diakonissen gehören zur Schwesternschaft in Elbingerode, allerdings sind nur noch 20 Schwestern unter 65 Jahre alt. Fotos: Uwe Kraus

»Doch die Schwesternschaft befindet sich im Umbruch. Die klassische Form des kommunitären Lebens schwindet wie die Zahl derer, die sich für diese Lebensweise entscheiden«, sagt der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses von Elbingerode, Pastor Reinhard Holmer. »Wir diskutieren intensiv die Frage, was man tun soll. Sollen wir resigniert aufgeben und sagen, alles hat eben seine Zeit. Wenn es keine Hauben mehr gibt, wird es dann die Arbeit nicht mehr geben, der sich die Schwesternschaft verschrieben hat?« Holmer, der mit Oberin Kerstin Malych das Elbingeröder »Führungs-Duo« bildet, weiß, so geht es nicht weiter. »Vielleicht befinden wir uns schon in einer Phase des Übergangs, die Arbeit geht weiter, nur die Form hat sich geändert.«

Das könnte eine spannende Herausforderung werden. Mag sein, es gibt hier eines Tages keine Schwesternschaft mehr: Aber Menschen kümmern sich um Kranke, Ziellose, Migranten oder Bedürftige. Pastor Holmer sieht darin eine gute Lösung. Schwester Anita, die aus Halle stammt, erzählt, wie schrittweise Leitungspositionen, die Schwestern ausführten, an Mitarbeiter übergehen. 50 sind allein im Mutterhaus angestellt. »Die Küchen-Chefin ist noch eine Schwester. Die Aufgaben in unserer Berufsfachschule haben wir Diakonissen vor sieben Jahren abgegeben. Und siehe da, die Arbeit läuft prima weiter. Unser Gästehaus in Binz leitet jetzt auch keine Schwester mehr.« Sie weiß, in jeder Krise steckt die Chance eines Neuanfangs. Nicht umsonst steht unter dem Fenster des Oberinnen-Dienstzimmers seit 1934 der Spruch »Jesus lebt! Jesus siegt«. Die Alt-Oberin weiß um das Vertrauen, das Menschen gerade den Schwestern entgegenbringen. »Patienten oder jetzt Flüchtlinge erzählen uns Lebensgeschichten, da ist ein ganz tiefes Vertrauen.«

Pastor Holmer sieht dieses Vertrauen der Gesellschaft in die Diakonissen, die zunehmend aus dem öffentlichen Bild verschwinden, ebenso. »Aber da gibt es eine Ambivalenz. Gerade im Berufsleben wirkt die Tracht hinderlich. Dass fromme Frauen auch mit einer hohen fachlichen Bildung gesegnet sind, das wird in Teilen der Gesellschaft nicht so klar gesehen.« Schwester Sonja, hoch in den Achtzigern, arbeitete seit 1960 für 34 Jahre als Missionsschwester in Taiwan, wo sie ein Heim für behinderte Mädchen leitete. Sie erzählte einmal, dass sich vor ihrer Schwesterntracht in Asien die Menschen respektvoll verbeugten, wie sie es auch vor buddhistischen Mönchen taten.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Elbingeröder Schwesternschaft halbiert. Oberin Kerstin feierte gerade ihren 50., Direktor Holmer seinen 60. und Alt-Oberin Rost ihren 70. Geburtstag. »Da zählen wir noch zu den Jüngsten«, meint Anita Rost, die knapp zwei Jahrzehnte an der Spitze der Schwesternschaft stand. »Gerade mal 20 Schwestern sind unter 65 Jahren. Wir haben hier sogar schon ein 82-jähriges Diakonissenjubiläum gefeiert!« So wirkte es im Vorjahr wie ein Segen, dass Janina Meier (29) aus Bad Harzburg begann, auf Probe unter den Schwestern zu leben. Die ausgebildete Altenpflegerin mit dem silbernen Kreuz um den Hals ändert ihr Leben: Arbeit und Gebet, alles in der Gemeinschaft der Schwestern, dafür ein Taschengeld. Doch die Jungdiakonisse Janina lebt seit ein paar Monaten nicht mehr in Elbingerode. Persönliche Gründe gaben den Ausschlag.

Alt-Oberin Anita, die 1975 in die Schwesternschaft eintrat, stimmt Pastor Reinhard Holmer zu. »Wir leben in einer sich zunehmend individualisierenden Gesellschaft, wer will sich da noch in eine Gemeinschaft einordnen? Den jungen Leuten steht die Welt offen, aber sie wollen keine langfristigen Bindungen mehr eingehen.« So erlebte sie mit, wie das Krankenhaus der Diakonissen mit der Wende auf der Kippe stand, es an einen Träger übergeben wurde, das Gästehaus in Rathen, die Behinderteneinrichtung in Oranienburg oder das Erholungsheim unter neuen Bedingungen nicht mehr so weiterbestehen konnten wie in der DDR. Das Mutterhaus zog sich aus der Fläche zurück und konzentrierte sich auf Elbingerode. Hier entstand ein modernes Pflegezentrum, vom Mutterhaus finanziert und gebaut, das vom Diakoniekrankenhaus auf der anderen Straßenseite betrieben wird. Holmer spricht von einer engen Zusammenarbeit und einer Investition in die Zukunft. »Wir haben keine Angst, dass auch nur eins der Zimmer leer steht.« Es werde die komplette Palette geboten: ambulante, Kurzzeit- und Tagespflege, betreutes Wohnen, bis hin zur Sterbebegleitung. Ein offenes Angebot für alle Menschen sei so entstanden.

Das gibt es auch für das geistliche Leben. Feierte früher die »Mutterhausgemeinde« ihren Gottesdienst, gründete man zu Pfingsten 2014 die Diakoniegemeinde. Eine Vision, wie es die Elbingeröder nennen. Dass die Früchte trägt, beweist der Besuch des Gottesdienstes in der Mutterhauskapelle, zu Trinitatis waren es wieder über 200, die den Gottesdienst feierten. »Wir spüren, hier finden Menschen ihre geistliche Heimat, Suchtkranke suchen ein Stück Zuhause, weil man hier ihre Situation kennt, hierher kommen Wernigeröder und Leute aus Halle und Nordhausen. Es ist alles etwas anders, da spielt der Chefarzt Klavier und ein Therapeut predigt«, so Holmer, der die Gemeindeleitung innehat.

Und wenn er mit fester Stimme sagt: »Wir können nicht alles so weitermachen wie früher«, meint er wohl mehr als das Mutterhaus und die Gemeindearbeit.

Uwe Kraus

Das Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg« in Elbingerode
Vandsburg in Westpreußen, wo sich die Schwesternschaft gegründet hatte, fiel mit den Versailler Verträgen an Polen. 300 Schwestern packten ihre Koffer und gingen auf die Reise in ein ungewisses Land. Sie waren auf der Suche nach ihrem »neuen Vandsburg«. Der Gründer der Gemeinschaft im Mutterhaus Vandsburg, Pfarrer Theophil Krawielitzki, gab ihnen das Wort mit auf den Weg: »Im Herzen Gottes liegt es schon eingezeichnet. Es muss nur noch auf die Landkarte kommen.«

Über Berlin und Rathen (Sachsen) fand die stark angewachsene Schwesternschaft der Neu-Vandsburger ihre Heimat im Wald bei Elbingerode, wo das christliche Erholungsheim Bad Waldheim lag. Die Schwesternschaft, die ab 1922 zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehörte, wuchs nicht nur zahlenmäßig. Auch durch die Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Bibelarbeit in rund 60 Orten machten sich die Diakonissen einen Namen. Im Juli 1945 ging ein Riss durch die Schwesternschaft. Elbingerode kam unter russische Besatzung, von den rund 1 200 Diakonissen gingen rund die Hälfte in den Westen, wo in Velbert Neuvandsburg-West entstand.

Neuvandsburg-Ost in Elbingerode galt schnell als eine der gefragtesten medizinischen Einrichtungen. 1976 entstand die Neuropsychiatrische Ambulanz, aus der sich unter großem Engagement von Dr. Klaus-Herbert Richter, der sich besonders für Alkoholabhängige engagierte, ein anerkanntes Zentrum der Suchtarbeit entwickelte. 1997 wurde die Rehaklinik für Suchtkranke gegenüber dem Mutterhaus errichtet, Akut-Krankenhaus, Tagesklinik und der Umzug anderer Bereiche folgten. Unterdessen ist das Krankenhaus eine GmbH, die zum Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gehört.

Oberin ohne Haube

29. Mai 2016 von redaktionguh  
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Entwicklungshelferinnen brauchen ein besonders großes Herz und Leidenschaft für Menschen. Sie geben Hilfe zur Selbsthilfe in unserer Welt. Viele Menschen bewundern diese Arbeit, manchen ist sie fremd. Diakonissen sind für mich Entwicklungshelferinnen, und zwar im Glauben. Neben ihrem Dienst als Krankenschwester, Erzieherin oder Gemeindehelferin stellten und stellen sie sich in den Dienst der Kirche.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Lebensumfeld der Diakonissen verändert. Es entstanden diakonische Gemeinschaften, die auch Mitarbeitenden in den Einrichtungen und allgemein Frauen und Männern die Möglichkeit boten, sich in dieser Gemeinschaft zu treffen. Auch Frauen, die keine Haube tragen und verheiratet sind, werden – wie ich zum Beispiel – manchmal Oberinnen.

Ein Leben als Diakonisse ist heute für wenige Frauen vorstellbar. Trotz aller Veränderungen sind dia­konische Gemeinschaften jedoch mehr denn je gefragt, denn Diakonie ist Kirche. Hier ist der Raum, geistliches Leben zu gestalten und nicht nur als Arbeitsgemeinschaft, sondern als Schwestern und Brüder im Glauben Gemeinschaft zu leben. In der diakonischen Gemeinschaft bleibt der Geist der Nächstenliebe lebendig, der Glaube kann wachsen. Ob auch die Gemeinschaft wächst, das wird sich zeigen. Wir arbeiten an dieser »Entwicklungshilfe«.

Am kommenden Wochenende jedenfalls feiert die diakonische Gemeinschaft des Dessauer Mutterhauses das Fest der Gemeinschaft und ehrt ihre Jubilare. Herzlichen Glückwunsch!

Ina Killyen

Die Autorin ist Pfarrerin der Auferstehungsgemeinde Dessau-Siedlung und Kleinkühnau sowie Oberin der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau.

Unter der Haube

29. Mai 2016 von redaktionguh  
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Mutterhaus-Diakonie: Von einer »feministischen Bewegung« zum Auslaufmodell?

Vor 180 Jahren gründete der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner die Diakonissen­anstalt Kaiserswerth. Früher prägten sie das Bild der Diakonie, heute sind sie fast verschwunden.

Die letzte Einsegnung liegt fast 40 Jahre zurück. Mittlerweile gibt es nur noch 19 Diakonissen im Diakoniewerk Halle. Die Jüngste ist 75, die Älteste 96 Jahre. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es mal 400, erklärt Oberin Schwester Elisabeth Koch. »Die Zeit ist vorbei«, sagt die 80-jährige Diakonisse. Die Aussage klingt nicht verbittert; es ist eine nüchterne Feststellung. Ehelosigkeit, Güter- und Lebensgemeinschaft, Taschengeld oder eine einheitliche Tracht mit Haube, dafür lässt sich niemand mehr begeistern.

Von Abgesang keine Spur: Alljährlich gibt es bei der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg (Foto aus dem Jahr 2014) den stimmgewaltigen Chor von Schwestern aus vielen Mutterhäusern. Foto: Harald Krille

Von Abgesang keine Spur: Alljährlich gibt es bei der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg (Foto aus dem Jahr 2014) den stimmgewaltigen Chor von Schwestern aus vielen Mutterhäusern. Foto: Harald Krille

Das war vor 180 Jahren anders. Als Theodor Fliedner 1836 in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus gründete, besaß die Tracht für die Diakonissen eine Schutzfunktion. Zur damaligen Zeit war es jungen, unverheirateten Frauen nicht erlaubt, ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit zu gehen. Die Haube war das Zeichen der verheirateten Bürgersfrau. Fliedner brachte die Diakonissen, die als Kranken- oder Gemeindeschwestern arbeiteten, gewissermaßen »unter die Haube«. Nur selten wird heute noch daran erinnert, dass Diakonissen und diakonische Schwesternschaften die Diakonie begründet und entwickelt haben. Schwester Elisabeth Koch zitiert eine Pfarrfrau, die ihr sagte: »Wenn es euch Diakonissen nicht gegeben hätte, wären die Frauen nicht so weit.« Für Rektor Axel Kramme von der Sophien-Schwestern- und Bruderschaft in Weimar war die Mutterhaus-Diakonie einst eine »feministische Bewegung«, die den rechtlosen Frauen eine Perspektive und Absicherung versprach.

»Mit der gesellschaftlichen Sicherheit der Frau hat die Tracht ihre Wichtigkeit verloren. Die Tradition dieser bürgerlichen Schutzfunktion war irgendwann vorbei«, erklärt Schwester Käte Roos von der Diakonischen Gemeinschaft Speyer in einem Interview. Es gibt zwar noch sieben Mutterhäuser im Bereich der Diakonie Mitteldeutschland, aber sie sind ein Auslaufmodell. Viele konnten oder wollten sich nicht den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Zu lange hat man an der Tradition der Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft festgehalten.

In den 1970er- und 1980er-Jahren haben sich Brüderschaften gegründet und mit Frauen zu gemischten Kommunitäten zusammengeschlossen. Heute will kaum jemand mehr die Verbindlichkeit einer Ordensgemeinschaft. Es habe auch nicht viel gebracht, so Rektor Axel Kramme, dass man in den 1970er-Jahren vielerorts auch Verheirateten den Weg zur Gemeinschaft geebnet oder die Bindung an die Mutterhäuser gelockert habe.

Die Schwestern- und Bruderschaft im Sophienhaus besteht aus 70 Brüdern und Schwestern. Sie sind aus der Rot-Kreuz-Bewegung hervorgegangen und unterscheiden sich von den Diakonissenhäusern in ihrer Struktur, beispielsweise der finanziellen Unabhängigkeit der Schwestern und Brüder. Kramme ist klar: »Wenn es uns nicht gelingt, für unsere Krankenpflegeschülerinnen und -schüler eine attraktive Form der geistlichen Gemeinschaft zu entwickeln, wird es uns gehen wie den Diakonissenhäusern.« Oberin Schwester Rosemarie Grunert pflichtet ihm bei. Die konfessionell gebundenen Auszubildenden seien derzeit automatisch Mitglied in der Schwestern- und Bruderschaft. Allerdings entscheiden sich nach der Ausbildung nur wenige, dabeizubleiben. Oberin Grunert sieht den Anreiz und die Attraktivität nicht nur durch die geistlichen Impulse gegeben. Die Schwestern- und Bruderschaft sei auch eine Art berufsständische Gemeinschaft. Dadurch habe man eine gemeinsame Basis, so die Pädagogin.

Ihre Vorgängerin, Schwester Beate Kaupp, sieht in der Gesellschaft eine Sehnsucht nach geistlicher Gemeinschaft. Geistliches Leben und Gottes Liebe mit anderen zu teilen habe ihrer Meinung nach auch heute Zukunft. In den letzten Jahren haben sich immerhin 15 Männer und Frauen der Gemeinschaft angeschlossen. Und Schwester Rosemarie Grunert ergänzt: »Unsere Schwestern- und Bruderschaft ist klein, aber sie lebt.«

Willi Wild

Klar. Verständlich. Hörbar. – Der stille Übersetzer

28. Mai 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Christus spricht zu seinen Jüngern: »Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.«

Lukas 10, Vers 16

Kennen Sie das Spiel »Stille Post«, bei dem einer dem anderen ein Wort ins Ohr flüstert und das dann in einem Kreis von der einen Person zur nächsten immer weitergegeben wird? Kleine Kinder können herzhaft darüber lachen, wenn aus einem Wort am Ende ein ganz anderes geworden ist.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

Und wir Großen können dabei erkennen, wie schwierig es um das gegenseitige Verstehen bestellt ist. Hören und Verstehen ist eben kein Kinderspiel. Nicht alles, was ich sage, kommt beim anderen auch so an, wie ich es meine. Eine alltägliche Erfahrung.

Was aber heißt das für unsere Rede von Gott? Im Spruch für diese Woche sendet Christus seine Jünger, sendet er uns in die Welt, in alle Welt, wie es am Ende des Matthäusevangeliums heißt: Wer euch hört, der hört mich. Ein Zuspruch, aber auch ein Anspruch. Wie bei der Stillen Post gilt es, seine Botschaft von der Liebe Gottes weiterzugeben. Christus traut uns eine Menge zu.

Wie muss mein Reden beschaffen sein, damit mich die Menschen in einem weitgehend säkularisierten Umfeld verstehen können? Worin liegt meine Verantwortung für ihr Hören? Meine Rede von Christus muss hörbar sein. Sie muss verständlich sein und ausgehen von den Fragen und Nöten der Menschen in ihren verschiedenen Lebenslagen. Keine Fremdsprache, keine Antworten auf Fragen, die keiner stellt.In Christus ist Gott in unsere Welt gekommen. Er will hörbar sein. Um unseretwillen. Er hat sich nicht abgegrenzt, sondern ist zu den Zöllnern und Sündern und Ungläubigen gegangen. Hat ihre Sprache gesprochen, um gehört zu werden. Christi Auftrag ist Zuspruch und Anspruch. Als Christ habe ich einen Auftrag in dieser Welt: den Menschen die Liebe Gottes zu verkündigen. Klar. Verständlich. Hörbar. Dafür braucht es als stillen Übersetzer den Heiligen Geist und manchmal auch den Mut, sich nicht mit dem eigenen Reden zu begnügen, sondern auf das Hören und Verstehen des Gegenübers zu achten. Damit, wer uns hört, Christus hört.

Ramón Seliger, Vikar in Weimar

»Messiah« in der Taufkirche

24. Mai 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

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Die Händel-Festspiele in Halle bringen das Werk des Komponisten zu neuer Blüte

Die diesjährigen Händel-Festspiele in Halle stehen vom 27. Mai bis 12. Juni unter dem Motto »Geschichte – Mythos – Aufklärung«. Sie bieten ein überaus vielfältiges Programm, das versucht, alle Generationen zu erreichen. Neben Klassikern stehen Wiederentdeckungen, aber auch neue Formate wie z. B. die Veranstaltung »Händels IPOD«, in der die Capella de la Torre der Frage nachgeht, welche Kompositionen der junge Händel gerne gehört haben mag.

In der Marktkirche zu Halle, in der Georg Friedrich Händel getauft wurde, erklingt jedes Jahr sein Oratorium »Messiah«. Foto: Thomas Ziegler

In der Marktkirche zu Halle, in der Georg Friedrich Händel getauft wurde, erklingt jedes Jahr sein Oratorium »Messiah«. Foto: Thomas Ziegler

Die Händel-Festspiele sind ein Garant für Barockmusik der Spitzenklasse und spannende genreübergreifende Projekte. Den Erfolg macht die Mischung aus. Die große Auswahl der Werke ermöglicht es, an wenigen Tagen einen großen Überblick über das umfangreiche Schaffen des Komponisten zu bekommen. Viele Spielstätten bestechen durch ihre Authentizität und besondere Atmosphäre. Im diesem Jahr kann man das Programm an 20 verschiedenen Aufführungsorten erleben; von authentisch-historisch bis hin zu modern und neu ist für jeden Geschmack etwas dabei. Am Eröffnungstag gibt es eine »Orgelnacht«, die am Dom beginnt und die Besucher im Stundentakt zu weiteren Konzerten in die St. Moritzkirche, die Marktkirche und die Ulrichskirche lockt.

Einige Aufführungen haben sich bereits als Tradition beim Publikum etabliert und sind aus dem Festival nicht mehr wegzudenken. Zu nennen ist hier an erster Stelle die Aufführung des »Messiah« HWV 56. Die Marktkirche Unser Lieben Frauen ist die ideale Aufführungsstätte für das berühmteste Chorwerk des Komponisten: Sie ist Händels Taufkirche und der Ort, an dem er einen wichtigen Teil seiner musikalischen Ausbildung erhielt. Am Freitag, 3. Juni, erklingt das meisterhafte Oratorium durch die aus Italien stammenden Ensembles Coro Costanza Porta und La Risonanza unter der Leitung von Fabio Bonizzoni (Beginn: 18 Uhr).

Ein weiteres bedeutendes Oratorium von Händel wird in der Georg-Friedrich-Händel-Halle aufgeführt: »Belshazzar« HWV 61. International gefeierte Stars, darunter ECHO Klassik-Preisträger Valer Sabadus, Thomas Walker und Rosemary Joshua, werden vom italienischen Ensemble Accademia Bizantina unter der Leitung von Ottavio Dantone und dem RIAS Kammerchor begleitet (4. Juni, 19 Uhr).

Die »Caecilienode« HWV 76 komponierte Händel im Jahr 1739. Der Text beruht auf einem Gedicht des englischen Dramatikers John Dryden und beschreibt die Macht der Musik. Bei den Händel-Festspielen 2016 bringen international gefeierte Solisten, das Kammerorchester Basel und der MDR Rundfunkchor nicht nur die »Caecilienode«, sondern auch die klangprächtige Krönungshymne »Zadok the Priest« HWV 258 zur Aufführung (10. Juni, 19 Uhr, Georg-Friedrich-Händel-Halle).

Dieses Werk ist auch denjenigen bekannt, die Fußball-Fans sind, aber über Händel sonst (noch) nichts wissen. Denn jedes Mal vor einer TV-Übertragung eines Spiels der UEFA Champions League erklingt der Beginn dieses klangprächtigen Krönungs-Anthems.

Auch beim Abschlusskonzert ist große Chormusik zu erleben: Zum 900. Geburtstag des Stadtsingechores zu Halle, dem ältesten Knabenchor Deutschlands, führen die jungen Sänger gemeinsam mit dem Knabenchor Hildesheim und den St. Florianer Sängerknaben aus der Nähe von Linz Händels »Foundling Hospital Anthem« HWV 268 auf. In der einmaligen Naturkulisse in der Galgenbergschlucht erklingt zum Schluss vor über 3 000 Besuchern das berühmte »Hallelujah« aus über hundert Knabenkehlen, bevor die Feuerwerksmusik erschallt und ein spektakuläres Feuerwerk die Händel-Festspiele beschließt. Bei diesem Open-Air-Konzert musiziert die große Staatskapelle Halle unter Leitung von Jan Michael Horstmann (12. Juni, 21 Uhr).

MvH

www.haendelfestspiele-halle.de/de/programm/

Gelebte Toleranz in Anhalt

23. Mai 2016 von redaktionguh  
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Jubiläum: 1816 erhielten Köthener Katholiken die Erlaubnis, Gottesdienst zu halten

Ein 200-jähriges Jubiläum erinnert daran, dass in Anhalt zur Geschichte und Gegenwart der Toleranz auch  das Verhältnis von Katholiken und Protestanten gehört.

Toleranz wird groß geschrieben in Anhalt. Die Privilegien, die Fürst Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) einst den Juden erteilte, das hohe Maß an Integration, über das die jüdische Bevölkerung hier verfügte – sie bilden wichtige Elemente unseres Geschichtsbewusstseins. Dass Toleranz auch unter Protestanten und schon wesentlich früher ein Thema war, dessen wird sich die Kirche immer mehr bewusst: Seit 1596 kamen in Anhalt Lutheraner und Reformierte, die sich zwar auf die Confessio Augustana beriefen, aber unterschiedliche Institutionen und Rituale besaßen, mal mehr, mal weniger friedlich miteinander aus.

Und die Katholiken? Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts zählte man ihrer in Anhalt ganze 20. Die Fürsten hatten eine reformierte (in Anhalt-Zerbst lutherische) Staatskirche aufgebaut, die die anderen Konfessionen benachteiligte. Erst seit dem frühen 18. Jahrhundert förderten sie die Zuwanderung von Katholiken durch Missionsstationen. Diese wurden von Franziskanerpatern betreut.

Blick in die katholische Kirche in Köthen, die hier mit Licht ausgemalt ist. Das Foto entstand bei der »Nacht der Kirchen« im Jahr 2012. Foto: Reiko Rebsch

Blick in die katholische Kirche in Köthen, die hier mit Licht ausgemalt ist. Das Foto entstand bei der »Nacht der Kirchen« im Jahr 2012. Foto: Reiko Rebsch

Zu regulären katholischen Gemeindegründungen kam es jedoch erst im 19. Jahrhundert. Den Beginn markierte damals Köthen: Hier baten die Katholiken den in Vormundschaft regierenden Dessauer Herzog Franz vor nunmehr knapp 200 Jahren darum, in der leer stehenden Schlosskapelle die Messe abhalten zu dürfen. Letzterem wurde stattgegeben; in punkto Örtlichkeit entschied die Regierung jedoch abschlägig. Erst am 1. August 1817 wurde dann in der Schlosskapelle erstmals die Messe gehalten.

Der künftig zuständige Pater Marianus Wencken hatte sich zuvor bei seinem direkten Vorgesetzten auf der Hyusburg über das zu geringe Gehalt von 25 Talern beklagt, das ihm der Landesherr zahle. Um eine Anhebung desselben habe er aber nicht bitten wollen »aus Furcht[,] bei abschlägiger Antwort seine mir unentbehrliche Gnade zu verlieren, die verloren leider nicht wieder zu erlangen ist«.

Gewiss: Auf dem Wiener Kongress 1815 war die bürgerliche Gleichberechtigung der Konfessionen vorgeschrieben worden, doch deutlich wird hier, dass auch noch zu diesem Zeitpunkt die Minderheitskonfessionen auf die Gnade des Landesherrn angewiesen waren. Dass aus dieser Struktur auch ganz andere Entwicklungen folgen konnten, zeigte sich in Köthen zehn Jahre später, nämlich am 17. Mai 1826. Damals wurde mit St. Maria die erste katholische Pfarrei in Anhalt gegründet. Hintergrund bildete die Konversion des Köthener Herzogspaares am 24. Oktober 1825.

Dieser Akt, dem die Gründung eines Klosters, eines Hospitals, einer Schule und eines Friedhofs, die erste Fronleichnamsprozession in Anhalt seit der Reformation (!) sowie der Bau der spätklassizistischen Kirche folgten, sorgte europaweit für Aufsehen. Strukturelle Auswirkungen zeitigte er hingegen kaum: Die Benachteiligung der Katholiken unter protestantischer Kirchenaufsicht wurde nur langsam überwunden, und auch die Vorbehalte der Mehrheitsbevölkerung dürften nur allmählich abgebaut worden sein.

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass in Anhalt Kulturen interkonfessioneller Verständigung entstanden, bildeten Vorgänge, die heute wieder höchste Aktualität beanspruchen. Zu Gemeindegründungen kam es vornehmlich in zwei größeren Einwanderungswellen. Zuerst zu nennen ist die Industrialisierung im 19. Jahrhundert – bis 1868 wuchs die Zahl der Katholiken auf 3 311, bis 1905 auf 12 755 (also rund vier Prozent der Gesamtbevölkerung), wobei der Anteil an verarmten Leinewebern aus dem Eichsfeld unter den Immigranten besonders hoch einzuschätzen ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Vertriebene aus den Ostgebieten hier eine neue Heimat. Bis 1973 erhöhte sich die Zahl der Katholiken auf 40 000. Die Zahlen für die Pfarrei Köthen lauten: 341 im Jahr 1871; 1900: 804; 1931: 2 400, und 7 466 im Jahr 1951.

Nicht alle blieben sie. Es ist ein dringendes Desiderat der Forschung, die Konflikte zu analysieren, zu denen es aufgrund ökonomischer Benachteiligung sowie kultureller und religiöser Fremdheit immer wieder kam. Auch auf den Druck wäre zu schauen, den der SED-Staat auf beide Kirchen ausübte, auf Assimilation und das Aussterben mancher neu gegründeter katholischer Gemeinden.

Und dennoch gilt: Katholische Einwanderer aus dem Eichsfeld, aus Schlesien, Sudetenland und Ostpreußen – längst nicht alles Deutsche – haben Spuren hinterlassen, engagierten und integrierten sich und trugen ihren Teil zum Gelingen des gesellschaftlichen Lebens bei. Wenn Katholiken in vielen Orten in evangelischen Gotteshäusern feiern konnten oder dauerhafte Simultanverträge geschlossen wurden, wenn in »liturgischen Nächten«, ökumenischen Gottesdiensten und Gemeindefesten Institutionen der Gemeinsamkeit entwickelt wurden und wenn man sich in der Wendezeit gemeinsam für politischen Aufbruch engagierte, so verweist dies auf Formen gelebter Toleranz, die weit über bloßes Dulden hinausgehen.

Protestanten und Katholiken haben insofern auch eine besondere Verantwortung in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte. Auch wenn der Weg dorthin lang scheinen mag: Dort, wo Gruppen und Einzelne einander offen begegnen, dort werden Vorurteile weiter abgebaut, dort kann trotz unterschiedlicher, auch abgelehnter Anschauungen der andere respektiert werden, kann das Gemeinsame gesucht und auf seiner Basis die Gesellschaft vorangebracht werden. Und nicht zuletzt für die eigenen Glaubensüberzeugungen bringt Toleranz den positiven Effekt einer verstärkten Selbstvergewisserung.

Jan Brademann

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