Unter der Haube

29. Mai 2016 von redaktionguh  
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Mutterhaus-Diakonie: Von einer »feministischen Bewegung« zum Auslaufmodell?

Vor 180 Jahren gründete der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner die Diakonissen­anstalt Kaiserswerth. Früher prägten sie das Bild der Diakonie, heute sind sie fast verschwunden.

Die letzte Einsegnung liegt fast 40 Jahre zurück. Mittlerweile gibt es nur noch 19 Diakonissen im Diakoniewerk Halle. Die Jüngste ist 75, die Älteste 96 Jahre. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es mal 400, erklärt Oberin Schwester Elisabeth Koch. »Die Zeit ist vorbei«, sagt die 80-jährige Diakonisse. Die Aussage klingt nicht verbittert; es ist eine nüchterne Feststellung. Ehelosigkeit, Güter- und Lebensgemeinschaft, Taschengeld oder eine einheitliche Tracht mit Haube, dafür lässt sich niemand mehr begeistern.

Von Abgesang keine Spur: Alljährlich gibt es bei der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg (Foto aus dem Jahr 2014) den stimmgewaltigen Chor von Schwestern aus vielen Mutterhäusern. Foto: Harald Krille

Von Abgesang keine Spur: Alljährlich gibt es bei der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg (Foto aus dem Jahr 2014) den stimmgewaltigen Chor von Schwestern aus vielen Mutterhäusern. Foto: Harald Krille

Das war vor 180 Jahren anders. Als Theodor Fliedner 1836 in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus gründete, besaß die Tracht für die Diakonissen eine Schutzfunktion. Zur damaligen Zeit war es jungen, unverheirateten Frauen nicht erlaubt, ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit zu gehen. Die Haube war das Zeichen der verheirateten Bürgersfrau. Fliedner brachte die Diakonissen, die als Kranken- oder Gemeindeschwestern arbeiteten, gewissermaßen »unter die Haube«. Nur selten wird heute noch daran erinnert, dass Diakonissen und diakonische Schwesternschaften die Diakonie begründet und entwickelt haben. Schwester Elisabeth Koch zitiert eine Pfarrfrau, die ihr sagte: »Wenn es euch Diakonissen nicht gegeben hätte, wären die Frauen nicht so weit.« Für Rektor Axel Kramme von der Sophien-Schwestern- und Bruderschaft in Weimar war die Mutterhaus-Diakonie einst eine »feministische Bewegung«, die den rechtlosen Frauen eine Perspektive und Absicherung versprach.

»Mit der gesellschaftlichen Sicherheit der Frau hat die Tracht ihre Wichtigkeit verloren. Die Tradition dieser bürgerlichen Schutzfunktion war irgendwann vorbei«, erklärt Schwester Käte Roos von der Diakonischen Gemeinschaft Speyer in einem Interview. Es gibt zwar noch sieben Mutterhäuser im Bereich der Diakonie Mitteldeutschland, aber sie sind ein Auslaufmodell. Viele konnten oder wollten sich nicht den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Zu lange hat man an der Tradition der Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft festgehalten.

In den 1970er- und 1980er-Jahren haben sich Brüderschaften gegründet und mit Frauen zu gemischten Kommunitäten zusammengeschlossen. Heute will kaum jemand mehr die Verbindlichkeit einer Ordensgemeinschaft. Es habe auch nicht viel gebracht, so Rektor Axel Kramme, dass man in den 1970er-Jahren vielerorts auch Verheirateten den Weg zur Gemeinschaft geebnet oder die Bindung an die Mutterhäuser gelockert habe.

Die Schwestern- und Bruderschaft im Sophienhaus besteht aus 70 Brüdern und Schwestern. Sie sind aus der Rot-Kreuz-Bewegung hervorgegangen und unterscheiden sich von den Diakonissenhäusern in ihrer Struktur, beispielsweise der finanziellen Unabhängigkeit der Schwestern und Brüder. Kramme ist klar: »Wenn es uns nicht gelingt, für unsere Krankenpflegeschülerinnen und -schüler eine attraktive Form der geistlichen Gemeinschaft zu entwickeln, wird es uns gehen wie den Diakonissenhäusern.« Oberin Schwester Rosemarie Grunert pflichtet ihm bei. Die konfessionell gebundenen Auszubildenden seien derzeit automatisch Mitglied in der Schwestern- und Bruderschaft. Allerdings entscheiden sich nach der Ausbildung nur wenige, dabeizubleiben. Oberin Grunert sieht den Anreiz und die Attraktivität nicht nur durch die geistlichen Impulse gegeben. Die Schwestern- und Bruderschaft sei auch eine Art berufsständische Gemeinschaft. Dadurch habe man eine gemeinsame Basis, so die Pädagogin.

Ihre Vorgängerin, Schwester Beate Kaupp, sieht in der Gesellschaft eine Sehnsucht nach geistlicher Gemeinschaft. Geistliches Leben und Gottes Liebe mit anderen zu teilen habe ihrer Meinung nach auch heute Zukunft. In den letzten Jahren haben sich immerhin 15 Männer und Frauen der Gemeinschaft angeschlossen. Und Schwester Rosemarie Grunert ergänzt: »Unsere Schwestern- und Bruderschaft ist klein, aber sie lebt.«

Willi Wild

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