»Urlaub für die Seele«

31. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Chorgesang: Freunde der Gregorianik singen im Sommer in Gernrode

In der Stiftskirche zu Gernrode ziehen am 16. Juli Frauen und Männer in langer Reihe zum Altar, während der Vorsänger-Chor, Schola genannt, bei ihrem Einzug singt. Sie stellen sich gegenüber in zwei Chören auf und singen im Wechsel einander zu. Die uralten Melodien des gregorianischen Chorals erfüllen den romanischen Kirchenraum. Bei den Zuhörern erzeugen sie die Vorstellung: Ja, so könnte es gewesen sein, als sich Äbtissin Hathui und ihre Stiftsdamen täglich hier zum Gotteslob versammelten. Doch etwas ist anders als vor über tausend Jahren: Die biblischen und liturgischen Texte erklingen in deutscher Sprache. Die Predigt ist der einzige nicht gesungene Teil des Gottesdienstes.

Einmal im Jahr ist die Kirchliche Arbeit Alpirsbach (KAA) mit ihrer Sommerwoche in Gernrode zu Gast. Frauen und Männer lassen sich für eine Woche auf ein Leben in klösterlicher Abgeschiedenheit und die Einteilung ihrer Zeit in die Stundengebete ein: Morgenlob (mit Predigt), Mittagsgebet, Abendgebet (Vesper) und Nachtgebet (Complet). Hinzu kommen das Studium zu Fragen des Glaubens und am Ende der Woche eine Evangelische Messe.

Barbara Axthelm aus Thüringen ist seit 37 Jahren dabei. »Die Woche in Gernrode gehört für mich zum Kirchenjahr«, sagt die Ärztin. Zum gregorianischen Gesang kam sie auf Empfehlung eines Pfarrers. Damals hat sie im brandenburgischen Ort Lehnin, in Jerichow oder Gernrode sehr viele Jugendliche unter den Teilnehmern erlebt. Heute kommen Menschen unterschiedlichen Alters. Mehr als zwei Drittel sind – wie sie – so begeistert, dass sie jedes Jahr wieder dabei sind. Kirchliche Mitarbeiter sind ebenso unter ihnen wie Pädagogen oder Menschen mit technischen Berufen.

Die Tradition, in der evangelischen Kirche gregorianisch zu singen, geht bis in die 1930er-Jahre zurück. In der ehemaligen Benediktinerabtei Alpirs­bach im Schwarzwald trafen sich Christen, »um ernsthaft nach dem zu fragen, was uns in und mit der Kirche gegeben ist«, heißt es zum Beispiel in der Einladung zur Epiphaniaswoche des Jahres 1935. Die Initiatoren versuchten, mit dem klösterlichen Chorgebet und dem gregorianischen Choral einen für die evangelische Kirche fast verloren gegangenen musikalischen Schatz wiederzugewinnen.
Der aus Dessau stammende Kunsthistoriker Friedrich Buchholz (1902 bis 1967) widmete sein Leben der Gregorianikforschung und begann damit, den Text von Luthers evangelischer Messe in Beziehung zu den alten Noten zu setzen. Gründer der KAA war der württembergische Theologe Richard Gölz (1887–1975). Er war der Ansicht, dass die Konzentration auf die Predigt andere, für den Gottesdienst konstitutive Elemente hatte verkümmern lassen: Lob- und Fürbittamt, den Gebrauch der biblischen Psalmen und das Altarsakrament.

Das von Buchholz erarbeitete Alpirsbacher Antiphonale, das zurzeit revidiert wird, ermöglicht es, Psalmen und andere Texte aus der Bibel sowie Gebet und Hymnen nach originalen Melodien in deutscher Sprache zu singen. Bis heute ist es so, dass neben den Singübungen ein theologisches Studium zu den gregorianischen Wochen gehört. In Gernrode ging es um das Thema »Von Abraham, Mose, Salomo bis Jesus und Maria – wie biblische Gestalten in der heiligen Schrift des Islam dargestellt werden«. Referenten waren der emeritierte Theologieprofessor Ulfrid Kleinert (Dresden) und die aus dem Iran stammende Juristin, islamische Theologin und Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi (Hannover). »Die Referentin hat uns jeden Morgen eine Sure auf Arabisch gesungen«, freut sich Barbara Axthelm über den täglichen musikalischen Exkurs in eine andere Religion.

Jens Tilch aus Nordrhein-Westfalen ist seit 1998 Teilnehmer der gregorianischen Sommerwoche Gernrode. »Das ist Urlaub für die Seele«, sagt der Elektroingenieur. Ihm gefallen die Rückbesinnung auf das, was liturgisch möglich ist, und die Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Hinzu kommt, dass sich der Tagesablauf radikal vom normalen Alltag unterscheidet und man dabei Ruhe findet. Zwar dauere es einige Jahre, bis jemand fehlerfrei die einstimmigen Melodien mitsingen kann. Neulinge könnten sich aber an erfahrenen Mitkonventualen orientieren. »Wichtig«, sagt er, »ist die Herzenseinstellung.«

Angela Stoye

Mehr zu Geschichte und Gegenwart sowie Termine unter www.kaalpirsbach.de

Der Dom von Meiningen

31. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Da müsst ihr am Dom vorbei.« Meine Freundin und ich wunderten uns. Wir waren auf Radtour und am Ende des Tages auf der Suche nach unserer Unterkunft. Der freundliche Herr, den wir im Ort fragten, war sich sicher: Ja, die Pension kannte er. Auf jeden Fall erst am Dom vorbei. Und schon war er weitergefahren. Ein Dom? Hier, im thüringischen Meiningen? Wieso hatten wir davon noch nie etwas gehört? Egal. Wir hatten einen anstrengenden Tag hinter uns. Da braucht Frau drei Dinge: Duschen. Essen. Ratzen. Also los – Dom suchen.

Gefunden haben wir ihn nie. Was uns irgendwann klar wurde: Der Mann hatte nicht »Dom« gemeint, die große Kirche. Sondern den Baumarkt; Teil einer bundesweiten Kette, die sich mit zwei o’s schreibt, und verflixt ähnlich klingt, wenn man den Namen im Dialekt mit weichem t ausspricht.

Dieses Erlebnis erzählen wir gern in geselliger Runde. Kommt immer gut an und sorgt für Gelächter. Meistens folgen dann andere lustige Beispiele für Missverständnisse. Doch nicht immer enden diese Geschichten gut. Wenn einer etwas sagt, der andere aber etwas ganz anderes versteht, kann das zu heftigen Auseinandersetzungen führen. So mancher Streit wäre überflüssig, wenn gleich geklärt würde, was jeder meint.

Missverständnisse können lustig sein. Aber sie können auch Beziehungen zerstören. Freundschaften. Ehen. Familien. Völlig unnötig. Deshalb ein Bibelvers dazu, Epheser 4,26: »Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.« Es mag Überwindung kosten. Aber es ist die Anstrengung wert: Fragt nach. Klärt die Dinge. Redet miteinander. Als Radfahrerin sage ich euch: So kommt man ans Ziel.

Karin Ilgenfritz

Die Autorin ist Redakteurin bei der Kirchenzeitung »Unsere Kirche« in Bielefeld.

Was vergeht und was bleibt

30. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.

Psalm 33, Vers 12

Gott hat uns geholfen« – davon ist Portugals Abwehrspieler Pepe überzeugt. Den Tribut für den 1:0-Sieg im Finale der Europameisterschaften zollt er Gott: »Wir danken Gott dafür.« Da werden sich die Franzosen wohl fragen, wo ihre Gebete gelandet sind. Hat Gott die Gebete aus dem Gastgeberland nicht gehört? Hat sich Gott die Portugiesen als Sieger ausgewählt?

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Der Psalm 33 ist an das Volk Israel adressiert – dem auserwählten Volk Gottes, wie es im Alten Testament bezeugt ist. Man fragt sich, warum gerade Israel. War es besonders weise oder besonders tapfer? Wäre es der Favorit in jedem Fußballturnier? Wohl eher nicht. Nicht weil es sich durch irgendeine Eigenschaft besonders auszeichnet, sondern allein aus Liebe hat sich Gott dieses Volk ausgesucht. Gottes Denkweise scheint nicht unserer menschlichen Logik zu entsprechen. Da gelten nicht die Rechte des Stärkeren. Gott legt andere Maßstäbe an.

Und das gilt nicht nur für das Volk Israel, sondern auch für uns Christen. Wir gehören ja nicht zu Gottes Volk, weil wir so friedliebend oder so besonders sportlich wären. Nein, sondern allein, weil wir durch Jesus Christus eingeladen sind, als »Heiden« zum Gottesvolk hinzuzukommen – Isländer und Engländer, Italiener und Deutsche, Franzosen und Portugiesen. Eine bunte Mischung von Nationalitäten, alle gehören durch Jesus dazu. Sucht sich Gott da eine Mannschaft aus – wegen der besonders guten Spieler, der cleveren Trainer oder weil dem Land ein Sieg besonders guttun würde? Wohl kaum. Der Fußball gehört wohl eher in den Bereich der menschlichen Freiheit, nicht der göttlichen Fügung.

Das europäische Fußballturnier ist nun vorbei. Die Weltmeisterschaft kommt in zwei Jahren. Was aber alle Zeiten überdauert, ist Gottes Zusage an alle Menschen, die zu seinem Gottesvolk gehören: Ich habe euch erwählt, nicht weil ihr so tüchtig seid in der Wirtschaft oder weil ihr so tolle Sportler hervorbringt, sondern weil ich euch liebe.

Katharina Freudenberg, Vikarin in Holzthaleben

Aus dem Blickwinkel der Kinder

26. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kultur vor Ort

Comments Off

Publikation: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«


Ich habe mich auf die Augenhöhe der Kinder begeben. Was sieht denn eine Achtjährige, wenn sie an einer ganz normalen Domführung teilnimmt«, fragt die Harzer Superintendentin Angelika Zädow. Sie geht mal wieder unter die Autoren. »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker« heißt ihre unterdessen fünfte Publikation. Im sachsen-anhaltischen Verlag Janos Stekovics erschien ihr Büchlein.

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

Angelika Zädow mit ihrem neuen Buch. Foto: Uwe Kraus

»Eigentlich bin ich ziemlich überraschend dazu gekommen«, erinnert sich die Superintendentin. »Das Projekt lag im Dom schon einige Zeit auf Halde, unser Kinderdomführer war lange geplant, dann verließ uns unser Gemeindepädagoge.« Weil sie in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin viel mit und für Kinder getan hatte, reizte sie der »Führer durch diese Kathedrale«. So entwarf sie den Text, immer wieder mit dem Blick auf die Sicht von Kindern. »Mit Stefan Deike von der Agentur Ideen­Gut lernte ich einen super begabten Menschen kennen, der alles bestens ins Bild rückte.« Er habe mit seinen Illustrationen quasi durch Kinderaugen geschaut. »Er verbindet moderne comicartige Zeichnungen mit den alten Schätzen.« So läuft nun ein Bischof über alle Seiten dieses besonderen Kunstführers durch den Halberstädter Dom St. Stephanus und St. Sixtus.

Wenn Angelika Zädow selbst mit Kindergruppen durch das Gotteshaus unterwegs ist, fasziniert sie immer wieder die Detailliebe der Kleinen. »Ja, wozu sind denn die kleinen Haken über den Verzierungen am Chorgestühl da? – Weil daran an besonderen Festtagen kostbare Teppiche aufgehängt wurden.«

Die Superintendentin wählte verständliche Worte und kurze Sätze, fügt dem augenfreundlich gesetzten Text kleingedruckte Erklärungen als Kür-Teil hinzu. Sie schlägt immer wieder den Bogen zwischen den Zeichnungen und Erklärungen zur Liturgie, verweist bei der Beschreibung der Kopfbedeckung des Comic-Bischofs auf den Domschatz, in dem die wertvolle Mitra ausgestellt ist. Ihre Zeilen regen aber auch zum Selberdenken an. Die neuen Fenster mit modernen Formen und Farben erzählten keine biblische Geschichte. »Ich möchte den Kindern Raum geben, sich eigene Gedanken zu machen.« Ob sie selbst ein Lieblingsbild habe? »Klar, auf der Seite der Marienkapelle die Geburtsszene. Maria im Priester-Gestus, das gefällt mir als Frau und Pfarrerin.«

Uwe Kraus

Angelika Zädow: »Der Halberstädter Dom für kleine und große Entdecker«, Verlag Janos Stekovics, 20 S., ISBN 978-3-89923-334-6, 4,50 Euro

»Sie stellen sich nie vor«

25. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Die Telefonseelsorge in Deutschland wird 60. Am 6. Oktober 1956 wurde die erste Anlaufstelle in Berlin von dem Arzt und Theologen Klaus Thomas gegründet. Mittlerweile gibt es 105 örtliche Stellen und rund 7 500 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Wenn das Telefon klingelt und er den Hörer abnimmt, dann legen die Anrufer immer gleich los. »Sie stellen sich nie vor«, sagt Jochem H. von der Telefonseelsorge in Köln. »Ich lasse sie dann erst mal reden, bis ich schließlich gezielt nachfrage: ›Was hat Sie denn nun zum Hörer greifen lassen?‹« Die Nachfrage ist groß. Kaum hat der 64-Jährige ein Gespräch beendet, da ist bereits das nächste in der Leitung. Er und seine Kölner Teamkollegen führen um die 20 000 Gespräche im Jahr. »Ängste, seelische und körperliche Einschränkungen und Beziehungsfragen sind die häufigsten Themen der Gespräche«, sagt Ruth Belzner, die Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge. Einige Anrufer sind akut suizidgefährdet. »Für Menschen in Krisensituationen verliert das Leben seine Orientierungskraft und Bedeutsamkeit«, so beschreibt es Pfarrer Frank Ertel, der die ökumenische Telefonseelsorge in Aachen leitet. Solche Anrufe seien für ihn die schwierigsten, sagt auch Telefonseelsorger Jochem H., der jeden Monat drei Schichten übernimmt, eine davon nachts. »Da muss man dann sehr präsent sein und gleichzeitig aufpassen, dass man nicht zu viel auf sich selbst projiziert.«

»Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an«, lautete der erste Anzeigentext für die Telefonseelsorge vor über 60 Jahren in England. Foto: shotsstudio – Fotolia.com

»Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an«, lautete der erste Anzeigentext für die Telefonseelsorge vor über 60 Jahren in England. Foto: shotsstudio – Fotolia.com

Die erste organisierte Telefonseelsorge entstand 1953 in einem anglikanischen Pfarrhaus in London: Der junge Pfarrer Chad Varah hatte gerade eine Vierzehnjährige beerdigt, die Suizid begangen hatte, weil sie ihre einsetzende Periode für eine Geschlechtskrankheit gehalten hatte. Später sagte Varah dazu: »Kleines Mädchen, ich kannte dich nicht, aber du hast mein Leben für immer verändert.« Er begann, Annoncen mit der Telefonnummer seiner Kirche in Londoner Zeitungen aufzugeben: »Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an.« Schon bald konnte Varah den Ansturm von Anrufern nicht mehr allein bewältigen, sodass er freiwillige Helfer dazuholte. Seine Organisation »The Samaritans« hat heute mehr als 200 Niederlassungen in Großbritannien und Irland mit rund 20 000 Ehrenamtlichen.

Die Telefonseelsorge Deutschland ist Mitglied im europäischen Dachverband, der sich »International Federation of Telephone Emergency Services« (IFOTES) nennt und 1967 gegründet wurde. »Mehr als 420 Telefonseelsorge-Stellen mit rund 25 000 Freiwilligen sind innerhalb von IFOTES engagiert«, sagt Präsident Stefan Schumacher. Zusammen nehmen sie fast fünf Millionen Anrufe im Jahr entgegen. Im Abstand von drei Jahren werden internationale Kongresse veranstaltet.

In Deutschland wird die überwiegende Mehrheit der Einrichtungen von den beiden großen Kirchen geführt und finanziert. »Dabei arbeiten wir heute mit völlig anderen Voraussetzungen als früher«, sagt Michael Hillenkamp, der Sprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge. Beratungen gibt es mittlerweile auch per Mail und im Online-Chat. Bevor Ehrenamtliche ihre Arbeit am Telefon aufnehmen, absolvieren sie eine einjährige Ausbildung. In etwa 150 Unterrichtsstunden werden sie in Bereichen wie Selbsterfahrung, Gesprächsführung und Zuhörstrategien geschult. »Etwa 80 Prozent von ihnen sind Frauen«, sagt Hillenkamp. »Viele haben selbst irgendwann eine Krise überwunden. Das ist für ihre Arbeit eine sehr nützliche Erfahrung – sie verstehen etwas vom Leben.«

Auch Jochem H. hat diese Ausbildung durchlaufen. »Während der praktischen Phase haben wir uns zunächst neben einen erfahrenen Kollegen gesetzt und zugehört, wie er das macht«, erzählt er. »Dann haben wir die Gespräche geführt, und der Kollege saß dabei und hat uns anschließend Feedback gegeben.« Jochem H. war vor seiner Pensionierung als Personalchef in einem Unternehmen tätig und hatte bereits viel Erfahrung als Gesprächscoach. »Nun mache ich das natürlich in einem ganz anderen Kontext, und das finde ich persönlich sehr bereichernd.« Mit der Telefonseelsorge habe er etwas gefunden, »was mir Sinn gibt und den Anrufern auch«.

Barbara Driessen  (epd)

Rund um die Uhr ein offenes Ohr

25. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Im Verbreitungsgebiet der Kirchenzeitung gibt es in sechs Orten unabhängige und gemeinnützige Vereine der Telefonseelsorge. Die Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig.

Mit der Telefonseelsorge ist es wie mit der Feuerwehr. Meistens wird sie nicht benötigt. Wer aber Sorgen hat, ist froh, dass es sie gibt. Bundesweit gingen 2015 fast 1,8 Millionen Anrufe ein. Das heißt: Alle 18 Sekunden klingelt irgendwo das Telefon bei einer der über 100 Telefonseelsorgestellen in Deutschland.

Erst mal zuhören. Mitarbeiter der Telefonseelsorge, wie hier in Gera, sind ehrenamtlich im Einsatz. Foto: Telefonseelsorge Gera

Erst mal zuhören. Mitarbeiter der Telefonseelsorge, wie hier in Gera, sind ehrenamtlich im Einsatz. Foto: Telefonseelsorge Gera

Bei der Telefonseelsorge in Magdeburg hat Leiterin Anette Carstens im vergangenen Jahr rund 20 000 Anrufe gezählt. Darunter seien auch Scherzanrufe oder Anrufende, die gleich wieder auflegen, »aber ansonsten kommt hier am Telefon die Buntheit des Lebens zusammen«, sagt die Pfarrerin und ergänzt: »Natürlich wird uns mehr Dunkles ausgeschüttet.«

Brigitte* ist seit acht Jahren Telefonseelsorgerin. Sie erfahre auch Dinge, »die nicht schön sind und wo die meisten gar nicht mehr zuhören möchten«, berichtet die Mitte 60-Jährige von ihrer Arbeit. Sie weiß aber auch: »Den Menschen tut es gut, über schwere Dinge zu reden, ohne ihren Namen zu nennen oder ihr Gesicht zeigen zu müssen.«

Konflikte, Krisen, Katastrophen. In diese Kategorien lässt sich der überwiegende Teil der Gespräche einordnen. Viele Anrufende beschäftigen Beziehungsprobleme. Das Thema Einsamkeit steht vor allem an Sonntagen und zu Weihnachten ganz oben auf der Liste. Eher die Ausnahme als die Regel sind Menschen, die ihre Freude oder Dankbarkeit am Telefon-Hörer teilen wollen, aber auch die gibt es.

Tragende Säule der Telefonseelsorge sind die Ehrenamtlichen. In Magdeburg bewältigen zur Zeit 60 Frauen und fünf Männer den (Fast-)24-Stunden-Betrieb. Einzelne Schichten fallen in der Landeshauptstadt dem Personalengpass zum Opfer. »Optimal wären 85 Ehrenamtliche. Wir bemühen uns, aber der 24-Stunden-Dienst ist nicht ganz zu leisten«, bedauert Anette Carstens »Gerade die Nachtstunden sind nicht so gut besetzt.« In sechs Vier-Stunden-Dienste ist ein Telefonseelsorge-Tag aufgeteilt. Dreimal pro Monat sitzen die Ehrenamtlichen für je vier Stunden am Telefon. Ein Jahr dauert zuvor die intensive Ausbildung für den Dienst am Telefonhörer. Eine Zeit, in der man auch die eigene Persönlichkeit viel besser kennenlernt, berichtet die ehrenamtliche Telefonseelsorgerin Sandra*: »Sich auf die Selbstreflexion einzulassen, war für mich sehr einschneidend. Diese Grenzen auszuloten, war für mich ein bewegender Moment.«

Eine Erfahrung wie Sandra machen alle, die sich auf die Ausbildung einlassen, weiß Anette Carstens. »Alle, die hier sind, haben neu über sich nachgedacht«, sagt die Pfarrerin und Supervisorin. Neben dem regelmäßigen Telefondienst gehören Supervisionen für die Mitarbeitenden unbedingt dazu. Anette Carstens ist begeistert von der Motivation der Ehrenamtlichen, die »viel Zeit und Kraft investieren, um Menschen am Telefon zu helfen. Eine wichtige Arbeit, die meist im Verborgenen bleibt«.

Thorsten Keßler

* Name geändert

www.ekmd.de/glaube/seelsorge/telefonseelsorge

»Unser Herz an die Angel hängen«

25. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Blickpunkt

Comments Off

Gespräche über Gott und die Welt mit mitteldeutschen Kirchenvertretern in entspannter Atmosphäre. Harald Krille traf sich zum Auftakt dieser Reihe mit Kirchenpräsident Joachim Liebig (58) in einem Restaurant am Elbufer in Dessau-Roßlau. Sie sprachen über Kirche, Politik und Vorlieben.

Herr Kirchenpräsident, Ihre Begeisterung für Bärentatzen der Bäckerei Rose in Weimar hat sich in der Redaktion herumgesprochen. Wie begann Ihre Liebe zu diesem Gebäck?
Liebig:
In meiner früheren Gemeinde in Schaumburg-Lippe gab es einen selbstständigen Bäcker und Konditor. Der stellte wunderbare Schweinsohren und Bärentatzen her. Ich war der Meinung, es gäbe keine Bärentatzen vergleichbarer Qualität. Doch bei einem Besuch in der Redaktion von »Glaube und Heimat« in Weimar bin ich eines Besseren belehrt worden. Seitdem bin ich ein großer Fan der Bärentatzen des gegenüberliegenden Cafés.

Sie wurden 1958 in Hildesheim geboren, haben in Bethel und Hamburg studiert, aber schon vor der Wende ein Praktikum im Erzgebirge gemacht. Wie kam es dazu?
Liebig:
Die Verbindung nach Sachsen ist zunächst schon durch die Familiengeschichte bestimmt. Die Familie meines Vaters flüchtete zum Kriegsende, mein Großvater erfror unterwegs in Thüringen und wurde dort beigesetzt. Ein Teil der Familie ist dann auf dunklen Wegen bis Niedersachsen geraten, aber eine Reihe von Verwandten lebt bis heute in Zittau und Umgebung. Da gab es schon in meiner Kindheit Besuchsreisen in den Osten.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, am Elbufer, einem seiner Lieblingsplätze. Foto: Harald Krille

Im Vikariat war ich ein Jahr in Paris und bemühte mich anschließend, in den Partnerkirchenkreis nach Dippoldiswalde zu einem Praktikum zu kommen. Zur großen Überraschung war das auch möglich und so verbrachte ich einen langen Herbst und kurzen Winter in der Gemeinde Reinhardtsgrimma. Daraus sind Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten.

Stehen bei Ihnen zu Hause in der Weihnachtszeit auch Pyramide und Räuchermann?
Liebig:
Natürlich, das volle erzgebirgische Programm. Auch der Schwibbogen darf nicht fehlen.

Die kirchliche Situation in Ihrem Ost-Praktikum war sicher eine ganz andere als in Schaumburg-Lippe?
Liebig:
Ja, aber nicht im Sinne von frustrierend. Im Gegenteil, ich fand das wirklich hochinteressant, es hat mich richtig elektrisiert. Weil ich schon damals das Gefühl hatte, hier auf eine kirchliche Situation zu stoßen, die im Grunde auch im Westen bevorsteht.

Finden Sie die kirchliche Situation in Mitteldeutschland immer noch elektrisierend?
Liebig:
Sie ist nicht elektrisierend im Sinne von hocherfreulich. Das ist sie meines Erachtens im Augenblick nirgendwo in Westeuropa. Aber wir sind hier bei uns in Mitteldeutschland in besonderer Weise jeden Tag herausgefordert zu fragen: Wo wollen wir eigentlich hin, was wollen wir machen und wie muss Kirche in Zukunft aussehen? Was sind unsere Aufgaben als Kirche in unserer Gesellschaft? Diese existenziellen Anfragen finde ich in der Tat immer noch elektrisierend.

Haben Sie den Eindruck, dass es zumindest ansatzweise Antworten gibt?
Liebig:
Ja, die gibt es. Aber sie sind in mancherlei Hinsicht völlig anders als die Antworten, die im Augenblick im deutschen Protestantismus gegeben werden. Drei Beispiele: Die Neuorganisation von Kirche bei uns findet nicht durch missionarische Programme statt. Wie inzwischen missionstheologisch weithin bekannt, lassen sich Menschen nur für eine Sache interessieren, wenn man Auge in Auge, persönlich, eins zu eins mit ihnen spricht. Wenn wir Menschen erreichen wollen, müssen wir, salopp gesagt, unser Herz an die Angel hängen.
Zweitens müssen wir uns bei allen gewünschten Veränderungen auf sehr lange Zeiträume einrichten. Alle Programme, die sagen, wir wollen jetzt innerhalb von einer benennbaren Zahl von Jahren um so und so viel wachsen, sind völlig abwegig. Es geht hier um Generationen.
Sonne-web

Und das Dritte und vielleicht Entscheidende: Welche Art von Struktur und Organisationsform muss Kirche in diesem Zusammenhang gewinnen? Das ist im Moment noch offen. Dietrich Bonhoeffers Anspruch, dass Kirche immer Kirche für andere sein muss, werden wir nicht aufgeben. Aber ob es uns gelingen wird, tatsächlich in absehbarer Zeit volkskirchliche Strukturen in der Gesamtfläche zu behalten, da bin ich mehr im Zweifel denn je. Da brauchen wir neue Antworten, auch wie die Rollen des Ehrenamtes und der Hauptberufler im Verkündigungsdienst sowie der Verwaltungsmitarbeiter künftig aussehen sollen.

Theologen lernen im Studium, eine Sequenz von 30 Worten aus dem Alten Testament vier verschiedenen Quellen zuzuordnen. Aber lernen sie auch, das Herz an die Angel zu hängen?
Liebig:
Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Wenn jemand ins Pfarramt geht, muss er in der Lage sein, auf jeder Ebene auskunftsfähig zu sein. Und dazu gehört eine akademische Ausbildung. Aber es kann und darf nicht dabei bleiben. Als Hirte oder Hirtin der Gemeinde kommt die Frage: Welche Rolle spiele ich dabei? Und da galt leider über lange Zeit in der praktischen Theologie eher der Gedanke: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie die Botschaft in den Mittelpunkt treten. Nur: Die Botschaft braucht immer Menschen, die damit identifizierbar sind. Und das hat dann Konsequenzen für das Berufsbild, bis hin zu der Frage der Arbeitszeit eines Pastors.

Unabhängig von den kirchlichen Problemen zeigen die Auseinandersetzungen um AfD und Pegida sowie die letzten Wahlen hier in Mitteldeutschland, welch tiefer Riss durch die Bevölkerung geht.
Liebig:
Ich muss mir selbst vorwerfen, dass ich seit Jahren diesen nun zutage tretenden Riss, wahrscheinlich sind es sogar mehrere Risse, unterschätzt habe. Ich muss konstatieren, dass eine gesellschaftliche Entwicklung stattgefunden hat, in der die Eliten, und dazu würde ich jetzt auch Kirche zählen, nicht wahrgenommen haben, dass eine signifikante Zahl von Menschen sich abgekoppelt hat von gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Flüchtlingsfrage war dann nur der Auslöser, nicht die Ursache.

Was bedeutet dies für die Kirchen?
Liebig:
Ganz prinzipiell sind wir Christenmenschen gerufen, die Versöhnung zu predigen. Nicht nur die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, sondern auch die Versöhnung zwischen den Menschen. Praktisch heißt das: Wo immer es geht, müssen wir ins Gespräch kommen, gerade auch mit denen, die sich abgekoppelt haben oder dabei sind, es zu tun. Ihnen müssen wir ein Gegenbild zeigen.

Bisher ist aber auch kirchlicherseits vor allem viel von Abgrenzung geredet worden.
Liebig:
Es muss sehr deutlich sein: Wir stehen für ein anderes Bild vom Menschen, für ein anderes Bild von Gesellschaft, als es von Pegida und der AfD vertreten wird. Wir stehen aber auch für eine Gesprächskultur, die sich eben nicht in Verweigerung äußert. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen solche Gesprächsforen in ihren Gemeinden anbieten. Das erfordert einen gewissen Mut, denn die Äußerungen, die auch ich immer wieder höre, sind ja oftmals nicht diskussionsfähig. Da gibt es eine immense Welle von Hass und eine auf keinen Fall kirchenspezifische Artikulationsweise. Aber wir müssen lernen, das auszuhalten und dem Vorgebrachten dann in ruhiger Freundlichkeit etwas entgegenzuhalten. Auch ich muss das erst lernen. Aber das geht. Es gibt natürlich Grenzen. Etwa, wenn jemand sich überhaupt nicht davon abbringen lässt, sich rassistisch oder menschenfeindlich zu äußern. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir sagen, wir reden einfach nicht mit denen.

Sommerlogo GuHWas heißt das konkret – kann in der anhaltischen Kirche auch ein AfD-Mitglied im Gemeindekirchenrat sein?
Liebig:
Die AfD ist hier im Augenblick eine demokratisch gewählte Partei. Und deswegen ist die Mitgliedschaft in der AfD noch kein Grund zu sagen: Der auf jeden Fall nicht. Aber jemand, der sich offensiv zur AfD hält, ist dann auch bei bestimmten Positionen begründungspflichtig. Da muss man schon sehr genau hinschauen, ob bestimmte Haltungen noch kompatibel zum Evangelium sind.

Gilt das Gleiche nicht auch bei Mitgliedern der Linkspartei?
Liebig:
Da gilt dasselbe Verfahren. Auch die Linkspartei ist eine demokratisch gewählte Partei, die jetzt ganz gewiss nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, besonders kirchenfreundlich zu sein. Aber auch da würde ich sagen: Am Einzelfall ist zu entscheiden. Denn ich glaube, gerade Pauschalierungen sind eine falsche Reaktion, weil sie eine Sicherheit der Entscheidung suggerieren, die letztlich nicht besteht.

Sie werden in der Öffentlichkeit als ruhig und ausgleichend wahrgenommen. Was kann den Kirchenpräsident Anhalts richtig auf die Palme bringen?
Liebig:
Privat habe ich mich, seit unsere Kinder erwachsen sind, kaum mehr richtig aufgeregt. Vorher – nun, jeder der Kinder hat, weiß, was da alles so passieren kann.

Dienstlich ärgert mich zunehmend eine Verrechtlichung kirchlichen Dienstes. Und zwar nicht so sehr von den Juristen, sondern eine Berufshaltung, die sich darin erfreut zu sagen: Ich habe meine freien Tage und meinen geregelten Dienst und da passiert dann auch nichts. Ich bleib noch mal bei diesem Begriff, »das Herz an die Angel hängen«: Das kennt keinen Urlaub. Natürlich weiß ich um Überforderungsdiskussionen und Burnout-Situationen. Aber die Lösung für solche Fragen besteht nicht darin, den eigenen, im Grunde sehr freien Berufsalltag in dieser Weise zu strukturieren.

Was mich auch aufregt, ist eine immer wiederkehrende Selbstminimierung unserer Region. Ja, wir haben keine Dax-Konzerne in Sachsen-Anhalt. Aber daraus abzuleiten, dass wir irgendwie die abgehängte Region sind – das erzeugt bei mir wirklich richtigen Ärger. Da steigt mein Blutdruck, das nehme ich nicht hin. Ich kenne andere Regionen, die bei weitem nicht dieses historische Potenzial haben. Ich sehe in Sachsen-Anhalt vor allem die vielen Möglichkeiten.

Stimmt das Gerücht, dass Sie inzwischen Grundbesitzer in Anhalt geworden sind?
Liebig:
Ja das stimmt. Meine Frau und ich haben einen Bauplatz gekauft und werden im nächsten Jahr dann zu Bauherren mutieren. Jeder Pfarrer baut ja gerne. Ich hab jetzt schon eine klare Vorstellung, was alles schiefgehen kann, bin aber dennoch zuversichtlich, dass wir da weitestgehend verschont bleiben. Mal sehen.

Gegen die Angst

24. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Die EM vorbei und dann dieser gnadenlose Terrorakt in Frankreich – entsetzlich. Im vergangenen Jahr waren wir noch Charlie. Bagdad waren wir nicht. Man kann nicht allen Terror dieser Welt aushalten. Gewalt lähmt.

Mein Freund aus dem Irak sagt: »Meine Schwester war nahe bei dem Einkaufszentrum, als es in die Luft flog. Es war entsetzlich.« Er erinnert sich an das, was ihm selbst an Terror widerfahren ist: »Ich konnte solche Gewalt nicht aushalten. Ich bin geflohen.« Was nun, wenn die Franzosen beginnen zu fliehen? Was, wenn Berlin, Jena oder Erfurt Terrorziele werden? Wo sollen wir denn hin? »Am besten, man bleibt zu Hause«, sagt die Friseurin. Vermutlich dachten das die Menschen auf der Straße in Nizza auch.

Können wir den Männern, Frauen und Kindern, die vor genau dem Terror fliehen, wie wir ihn in Frankreich erleben, eine sichere Bleibe bieten? Und wenn wir sie alle dahin zurückschicken, wo sie herkommen – nach Tarsus und Mossul beispielsweise –, bliebe uns dann Nizza erspart? Wäre dann Bagdad erträglicher? Fragen ohne einfache Antwort. Sollen wir uns in den einzelnen Zellen einer Festung Europa verriegeln lassen? Die solche Behauptungen und Parolen verbreiten, bleiben den Beweis schuldig, dass es eine verantwortliche Lösung ist.

Können wir die Betroffenheit anders überwinden? Ja! Wir müssen die Hoffnung nähren. Zur Not mit kleinen Happen. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen. Wir müssen einander Hoffnung sein. So kann die Lähmung überwunden werden. »Nimm deine Trage und geh!« (Markus 2,11) Lassen wir uns das gesagt sein.

Jochen M. Heinecke

Der Autor ist Thüringer Landespolizeipfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Notfallseelsorger in Jena.

Hilfe und Entlastung im Krisenfall

24. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Anhalt

Comments Off

Telefonseelsorge: Seit 21 Jahren als ökumenischer Dienst in Anhalt

Seit 60 Jahren gibt es die Telefonseelsorge (TS) in Deutschland, und seit 21 Jahren in Anhalt. In den Büros in Dessau, der Lutherstadt Wittenberg und in Wernigerode sind rund um die Uhr Frauen und Männer bereit, die Sorgen ihrer Mitmenschen zu hören und Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen – getreu dem Motto »Sorgen kann man teilen«.

Der erste Leiter der TS war Bernd Blömeke. Seit 2007 leitet sie Andreas Krov-Raak, Diplompädagoge mit zusätzlicher Supervisionsausbildung und Wahl-Anhalter. In die Arbeit ist er durch seine ehrenamtliche Arbeit bei der TS seit 1992 hineingewachsen. 2007 wurde sie zu seinem Beruf. »Als ich hier als Leiter anfing«, sagt Andreas Krov-Raak, »habe ich eine gut funktionierende Stelle vorgefunden.«

Das große Einzugsgebiet der ökumenischen TS umfasst ganz Anhalt sowie die Kirchenkreise Egeln, Halberstadt und Wittenberg der mitteldeutschen Landeskirche. Das Bundesland Sachsen-Anhalt, die Landeskirche Anhalts, das Bistum Magdeburg und die Stadt Dessau-Roßlau sind ebenso an der Finanzierung beteiligt wie die drei Kirchenkreise, der Landkreis Anhalt-Bitterfeld und einige Städte. »Ein Kuratorium begleitet unsere Arbeit«, so Andreas Krov-Raak. Die Telekom stelle die Leitungen kostenlos zur Verfügung. Zudem gebe es auch Spenden.

Etwa 80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nötig, um den Telefondienst rund um die Uhr absichern zu können. Einmal im Jahr bietet die TS einen Ausbildungskurs für Neulinge an. »Zwar bleiben die Ehrenamtlichen relativ lange dabei«, sagt Andreas Krov-Raak. Doch weil aus verschiedenen Gründen immer wieder welche ausscheiden, muss Nachwuchs ausgebildet werden. »Und das ist nichts, was man mal eben so macht«, sagt der Leiter. Neun Monate dauert die Ausbildung derjenigen, die sich für diesen besonderen Dienst eignen. Hinzu komme, dass der Pool möglicher Kandidaten begrenzt ist, denn viele engagierten sich mehrfach an anderen Stellen.

Im vergangenen Jahr gingen bei der Telefonseelsorge Dessau genau 21 259 Anrufe ein. Im Vergleich zu 2014 sind das 1 241 mehr und damit eine deutliche Steigerung. Das hat damit zu tun, dass es seit April 2015 möglich ist, in der Zeit von 18 bis 22 Uhr den Dienst fast immer doppelt zu besetzen. In diesen Stunden ist nach der Erfahrung der Mitarbeitenden die Telefonseelsorge besonders stark gefragt. »Die Nachfrage ist höher, als wir sie befriedigen können«, sagt Andreas Krov-Raak. »Auf ein geführtes Gespräch kommen etwa sechs bis sieben Versuche, Kontakt mit uns aufzunehmen.« Seit zwei Jahren ist es bei der TS Dessau möglich, sich per Mail beraten zu lassen, was auch angenommen wird.

Zwar gibt es immer wieder Scherzanrufe oder Menschen, die anrufen, eine Weile schweigen und dann wieder auflegen. Zieht man diese ab, bleiben knapp 12 000 Anrufe (56 Prozent) übrig, bei denen ein seelsorgerliches Gespräch zustande kommt. Die durchschnittliche Gesprächszeit liegt bei etwa 23 Minuten. Etwa 53 Prozent der Anrufe kamen von Frauen. Bei den angesprochenen Themen »gibt es nichts, was es nicht gibt«, sagt Andreas Krov-Raak. Als ein Schwerpunkt haben sich in den vergangenen fünf Jahren die Anrufe psychisch kranker Menschen entwickelt. Zum Teil würden ihre Ärzte und Therapeuten, die ja nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen, sie für Krisen in der Nacht oder am Wochenende an die TS verweisen. »Diese Gespräche bedeuten für unsere Mitarbeiter eine Herausforderung, weil die Ehrenamtlichen keine ausgebildeten Therapeuten sind.« Andererseits zeigt es, dass die TS in Fachkreisen ein gutes Ansehen genießt.

»Die Gespräche haben eine entlastende Wirkung auf Menschen, die unter Depressionen oder anderen schweren psychischen Erkrankungen leiden«, so Andreas Krov-Raak. Und verweist auf den Ursprung der Telefonseelsorge, die – mit dem Gedanken »Damit das Leben weitergeht« – einst zur Suizidprophylaxe gegründet worden war.

Angela Stoye

Kostenlose Rufnummern
(08 00) 1 11 01 11 oder (08 00) 1 11 02 22.
Chat- und Mailberatung unter:
www.telefonseelsorge.de

Sorge um Haus und Menschen

24. Juli 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kirche vor Ort

Comments Off

Kirchenkreis Salzwedel: In Vollenschier wird gemeinsam die Kirche gerettet

Etwa 60 Einwohner hat Vollenschier in der südlichen Altmark, ein Drittel davon sind Christen. Regelmäßig feiern sie mit anderen aus dem Kirchspiel Staats in der neugotischen ehemaligen Gutskirche Gottesdienst. Dass sie in dieses atemberaubend schöne Kleinod einladen können, schien vor anderthalb Jahrzehnten unwahrscheinlich. Damals stand die seit 20 Jahren ungenutzte Kirche mit offenem Dach da und drohte zur Ruine zu verkommen. Da fassten sich etwa 20 Mutige aus Vollenschier und benachbarten Orten ein Herz und gründeten einen Förderverein, um die Kirche zu retten. »Wir sind noch nicht da, wohin wir wollen«, fasst Thomas Rehbein, der Vereinsvorsitzende und damalige Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, zusammen. Aber stolz sind alle Mitwirkenden auf das bereits Erreichte.

Alexander Mock (l.) und Paul Winkler gehörten zu den jungen Freiwilligen aus der Jugend-Dombauhütte Quedlinburg, die in diesem Sommer die Kirchhofmauer in Vollenschier im Kirchenkreis Salzwedel sanierten. Foto: Thomas Rehbein

Alexander Mock (l.) und Paul Winkler gehörten zu den jungen Freiwilligen aus der Jugend-Dombauhütte Quedlinburg, die in diesem Sommer die Kirchhofmauer in Vollenschier im Kirchenkreis Salzwedel sanierten. Foto: Thomas Rehbein

Dach, Fassade und Fenster sind gesichert. Dann flossen Fördermittel weniger reichlich, doch Ausmalung und Sanierung der Patronatsloge waren möglich. Im Juni tummelten sich mehr als 20 junge Leute und brachten die Kirchhofmauer in Ordnung. »Die Mauer ist lang und bröckelte vor sich hin. Wir können die Maurer nicht bezahlen und auch nicht die teuren Formsteine«, sagt Thomas Rehbein. Doch es musste etwas passieren. Der Verein stieß auf die Jugendbauhütte Quedlinburg, ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie ermöglicht es Interessenten, innerhalb des Freiwilligen Sozialen Jahrs »Kultur in der Denkmalpflege« unter fachkundiger Aufsicht praktische Erfahrungen an historischen Gebäuden zu sammeln. Und so bargen Alexander Mock, Paul Winkler und die anderen intakte Formsteine von der Rückseite, ersetzten sie durch preiswerte Ziegel im Normalformat und mauerten denkmalgerecht die Vorderseite der Mauer wieder auf.

Der Kirchenkreis Salzwedel, die Kreissparkasse Stendal und die Kommune geben Geld dazu. Eine wichtige Finanzquelle ist die EU-Gemeinschaftsinitiative »Leader+«. »Wir machen aber auch viel, um selbst Spendengeld einzunehmen: Teilnahme am Wettbewerb um die Kirche des Jahres, Malwettbewerbe, Konzerte, Feste zum Tag des offenen Denkmals mit Hüpfburg«, zählt Thomas Rehbein Beispiele auf. Fasziniert beobachtet er, dass mit dem Bauen am Kirchengebäude sich auch die Gemeinde aufbaut und festigt. »Und sogar kirchenferne Menschen schmücken die Kirche für den Gottesdienst. Die Bereitschaft, im Gemeindekirchenrat mitzuarbeiten, wächst.«

Vielleicht auch, weil etliche eher nicht-kirchliche Angebote an den Ortsrand des kleinen Dorfes locken. Lichterfest und Frühjahrsfest mit Staudentausch, Konzerte mit Kaffee und Kuchen. Das Puppenspiel beim Grenzgängerfestival im Herbst ist immer gut besucht.

Dass Kirchenbau nicht automatisch auch Gemeindeaufbau bedeutet, machte eine Fürbitte beim Altmärkischen Ökumenischen Kirchentag im Juni im benachbarten Uchtspringe deutlich: »Hilf, dass wir die Sorge um die Gebäude nicht ernster nehmen als die Sorge um die Menschen.« Ein nachvollziehbarer Wunsch, gehört die Altmark doch zu den kirchenreichsten und einwohnerärmsten Gebieten in Deutschland. Und nicht überall fügt es sich so gut wie in Vollenschier.

Renate Wähnelt

www.kirche-vollenschier.de

nächste Seite »