»Der demografische Wandel trifft uns hart«

29. August 2016 von redaktionguh  
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Im Jahr 2025 könnte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland etwa 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler haben. Wie stellt sie sich darauf ein? Sabine Kuschel sprach darüber mit Finanzdezernent Oberkirchenrat Stefan Große.

Herr Oberkirchenrat Große, wie stellt sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) auf den demografischen Wandel ein?
Große:
Die EKM kann sich allein aus ihren Kirchensteuern nicht finanzieren. Lediglich etwa 50 Prozent der Einnahmen sind Kirchensteuern unserer Mitglieder. Etwa 30 Prozent der Einnahmen kommen aus dem Finanzausgleich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und damit von der Gemeinschaft der Geberkirchen. Und etwa 20 Prozent sind Staatsleistungen von den Bundesländern, aufgrund der Staatskirchenverträge aus den frühen 1990er-Jahren.

Stefan Große (57), Leiter des Finanzdezernates im Landeskirchenamt Erfurt. Foto: Harald Krille

Stefan Große (57), Leiter des Finanzdezernates im Landeskirchenamt Erfurt. Foto: Harald Krille

Der demografische Wandel trifft uns hart, aber auch ganz unterschiedlich: Im Norden der EKM wirkt er tendenziell stärker, im Süden aufgrund der höheren Kirchlichkeit weniger. Aber in etlichen Städten nimmt die Gemeindegliederzahl wegen des gesellschaftlichen Trends, in die Städte und Ballungszentren zu ziehen, zu. Mit dem Finanzgesetz ist es uns schon ganz gut gelungen, die unterschiedlichen Situationen in der EKM zu berücksichtigen. Es setzt ganz bewusst nur Rahmenbedingungen für die Arbeit in den Kirchenkreisen und Kirchengemeinden. Dort kann die Arbeit dann auf die unterschiedlichen Voraussetzungen eingestellt werden. Der Schwerpunkt liegt darin, den Verkündigungsdienst finanziell zu gewährleisten. Zuerst kommen also die Inhalte. Dafür geben wir das meiste Geld aus.

Die Formel für die Berechnung der zu finanzierenden Stellen für den Verkündigungsdienst kommt mit wenigen Kriterien aus: Gemeindegliederzahl, Einwohnerzahl, die Zahl der Landgemeinden und der prozentuale Christenanteil. Das sind die Makrokriterien. Aufgabe der Kirchenkreise ist es, ihrer jeweiligen Situation und Einsicht angepasste Mikrokriterien zu entwickeln und auf der Grundlage dieser Mikrokriterien die Stellen, die sie aufgrund der Makrokriterien zur Verfügung haben, im Kirchenkreis aufzuteilen. Lebendig wird das Prinzip durch eine transparente und offene Auseinandersetzung im jeweiligen Kirchenkreis.

Wo soll in den nächsten Jahren gespart werden?
Große:
Wir hatten in den letzten Jahren ein gutes Kirchensteueraufkommen. Nur muss man auch sehen, dass EKD-weit seit 1994 die staatlichen Steuern um 50 Prozent gestiegen sind, die Kirchensteuern um durchschnittlich nur 18 Prozent, die Kosten aber um
40 Prozent. Die Entwicklung der Gemeindeglieder ist weiter rückläufig!

Wir gehen nach derzeitiger Planung davon aus, dass wir im Jahr 2025 mit dem Renteneintritt der Babyboomer-Generation 35 Prozent weniger Kirchensteuerzahler aus dem Bereich der Erwerbstätigen haben werden. Damit werden die Einnahmen sinken und wir müssen die Ausgaben anpassen. Das ist bitter, wird aber nicht weniger bitter, wenn wir die Augen davor verschließen. Wenn wir uns aber heute unaufgeregt darauf einstellen, nicht in Panik verfallen, angemessen langfristig planen und die Chancen aus der vergleichsweise guten Situation heute nutzen, wird auch dies – mit allen Schwierigkeiten – gestaltbar sein.

Wir versuchen zunächst die Einnahmen zu stabilisieren. Neben der Kirchensteuer gibt es noch weitere Einnahmen, wie zum Beispiel die Einnahmen aus Grundstücken. Hier denke ich insbesondere an die Pachteinnahmen aus dem Pfarrland, die den Kirchenkreisen zur Verfügung stehen. Immerhin finanzieren die Kirchenkreise der EKM gegenwärtig rund 140 Pfarrstellen aus den Pfarrlandeinnahmen. Dem Baulastfonds der Kirchenkreise fließen aus den Pachten rund 5 Millionen Euro zu. Deutlich Luft nach oben gibt es beim Gemeindebeitrag, der in voller Höhe in der jeweiligen Kirchengemeinde bleibt. Wie bei allen Spenden kommt es sehr darauf an, ob und wie geworben wird, ob es konkrete Projekte
gibt, die den Beitrag plausibel machen.

Wo muss oder soll denn nun konkret gespart werden?
Große:
Sparen ist übrigens eine Bezeichnung, die nicht zutreffend ist. Wer spart, legt etwas von dem, was er übrighat, auf die hohe Kante. Wir versuchen von dem Geld, das wir heute schon zu wenig haben, weniger auszugeben. Dabei kommen wir an dem Schwerpunkt, dem Verkündigungsdienst, leider nicht vorbei. Ab Januar 2019 müssen die Kirchenkreise ihre bisherigen Stellenpläne aufgrund der veränderten Kriterien anpassen. Das wird zu einer zusätzlichen Einsparung von rund 80 Stellen im Verkündigungsdienst der 37 Kirchenkreise führen.

Das Finanzgesetz legt auch fest, dass die Finanzierung der Ebene der Landeskirche und aller ihrer Aktivitäten an die Entwicklung auf der Ebene der Kirchenkreise und Kirchengemeinden gekoppelt ist.
Große:
Das betrifft alle gesamtkirchlichen Aufgaben vom Zuschuss für die Diakonie über die Finanzierung des Pädagogisch-Theologischen Instituts, der Evangelischen Akademien, der Tagungshäuser, der Sonderseelsorge bis hin zum Landeskirchenamt oder Zuschüssen für die Kirchenzeitung, um ein paar Beispiele zu nennen. Es kann in der EKM nicht auf der Ebene der Kirchenkreise und Kirchengemeinden weniger und auf der Ebene der Landeskirche mehr Geld ausgegeben werden. Daher hat Präsidentin Andrae in ihrem Sommerinterview auf den Betrag von 2,5 bis 3 Millionen Euro hingewiesen, den die Landeskirche bis 2019 einsparen muss. Das wird hart und für das Landeskirchenamt kann ich sagen: Wir sind schon mitten in den Diskussionen.

Wie kann vermieden werden, dass der nächsten Generation Lasten übergeben werden?
Große:
Wir haben in den vergangenen Jahren auf dem Weg der finanziellen Konsolidierung der EKM einiges geschafft. Die guten Kirchensteuer-Jahre waren da hilfreich. Wir konnten gerade bei der Sicherung der Pensionsansprüche Fortschritte erreichen. Gleichzeitig bescheinigt uns ein Versorgungsgutachten eine Lücke bei der Absicherung von immer noch 122 Millionen Euro. Diese wäre durch eine entsprechende Sonderzahlung zu schließen. Daran arbeiten wir. Wäre sie geschlossen, hätten wir im Haushalt Mittel frei. Diese könnten gezielt eingesetzt werden, um langfristig weitere Mittel zu akkumulieren, die die zukünftigen Haushalte derer, die nach uns Verantwortung tragen, entlasten würden.

Gut ist auch, dass die EKM selbst keine Kredite zur Finanzierung des laufenden Haushalts benötigt. Die Kreditbelastung der Kirchenkreise und Kirchengemeinden ist ebenfalls rückläufig. Kredite auf diesen Ebenen wurden stets nur für Investitionsvorhaben und im Regelfall auch nur für 10 Jahre aufgenommen.

Der Blick in die Zukunft: Wie wird die EKM im Jahr 2025 aussehen? Wo liegen ihre Schwerpunkte?
Große:
In zehn Jahren sind wir, so Gott will und keine Katastrophen eintreten, finanziell so solide wie heute. Wir werden hoffentlich Chancen noch zu nutzen wissen.

Dazu gehören für mich die Erprobungsräume, die hoffentlich bis dahin Nachahmer gefunden haben. Innovationsfreude sollte uns beflügeln und stärker sein als manche Klage, die bestimmt ihre Berechtigung hat, aber nicht das letzte Wort haben sollte. Schön wäre es auch, wenn dann in der EKM wieder stärker über Inhalte und erst in zweiter Linie über Geld gesprochen würde. Kirche ist zuerst eine lebendige Gemeinschaft, die Christen zusammenführt, die sie gestalten wollen, und das nicht mit dem Taschenrechner, sondern mit dem Bekenntnis zu dem, der da war, der da ist und der da sein wird.

Mitteldeutsch-2-35-2016

Künftig zuständig für drei K

29. August 2016 von redaktionguh  
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Abschied: Der Köthener Kreisoberpfarrer Dietrich Lauter geht Ende August in den Ruhestand

Ein wenig ähnelt der Abschied aus Anhalt für Dietrich Lauter und seine Familie ihrer Ankunft vor 15 Jahren. Seit Mitte August der Möbelwagen vom Pfarrhaus in Preußlitz weg in Richtung neue Heimat in Franken gefahren ist, lebt die Familie provisorisch. 2001, bei ihrer Ankunft aus der Pfalz in Köthen, war das ähnlich. Weil damals die Pfarrwohnung noch nicht fertig war, kampierte man in einem Zimmer. Nur die kleinen Kinder waren enttäuscht, als dieser Zustand endlich endete.

Dietrich Lauter vor der Kirche in Biendorf. Foto: Heiko Rebsch

Dietrich Lauter vor der Kirche in Biendorf. Foto: Heiko Rebsch

Als die Kirchenkreise Zerbst und Köthen vor Jahren einen neuen Kreisoberpfarrer benötigten, suchte der damalige Kirchenpräsident Anhalts, Helge Klassohn, auch in der Partnerkirche der Pfalz. In Dietrich Lauter, Pfarrer in Kaiserslautern, fand er einen Kandidaten. Der war kein Pfälzer, sondern stammte vom Bodensee. Er konnte sich vorstellen, erneut in eine ganz andere Gegend zu ziehen und sah sich mit seiner Frau Köthen an. Die Entwicklung in Ostdeutschland hatte er aufmerksam verfolgt und bei Dienstreisen die damals noch neuen Bundesländer auch punktuell kennengelernt. »Die Kirche im Osten ist eine andere Welt«, sagt er rückblickend. Kirchlichkeit und Glaube sind nicht mehr selbstverständlich, die Gemeinden kleiner, Berührungsängste vorhanden.

Mit dem Elan eines Neuen und dem unbefangenen Blick von außen ist er an seine Aufgabe herangegangen. »Ich gebe zu, manchmal waren es Alleingänge«, sagt er. Um schließlich doch Mitstreiter zu gewinnen. So hat er den Kirchbauverein St. Jakob gegründet, den Lutherweg-Verein und die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Köthen mitgegründet, sich in der Jakobusgesellschaft ebenso engagiert wie lange in der Gewerkschaft, der er seit 40 Jahren angehört. Dass ihm die Begegnung mit allen Menschen am Herzen liegt, wurde bei der Frühjahrstagung der Landessynode im April in Zerbst deutlich. Dort trug Lauter, der seit 2011 im Synoden-Präsidium sitzt, seine Erfahrungen zu Gottesdiensten mit Nichtchristen vor. Zwar würden diese nicht in erster Linie zum Gottesdienst, sondern zu einem Familien­ereignis –Taufe, Trauung oder Beerdigung – und darüber hinaus am Heiligen Abend und zu anderen besonderen Gelegenheiten kommen. Und er sei nicht so naiv, zu meinen, dass sich diese Besucher bekehrten. Aber vielleicht könne es gelingen, bei ihnen so viel Neugier zu wecken, dass sie gern einmal wiederkämen. Die in der jüngsten EKD-Mitgliedsstudie vertretene Meinung, Kirchenferne anzusprechen sei »vergebliche Liebesmüh«, hält er für falsch und dem Auftrag, die Frohe Botschaft aller Welt auszurichten, nicht angemessen. Neu besinnen müsse man sich aber auf die Rolle, die die Christengemeinde in der Kommune und in einer weitgehend konfessionslosen Umgebung zu spielen habe.

Nicht aus dem Blick verlor Dietrich Lauter bei allem Engagement in Köthen die Dörfer. Mit Beginn seiner zweiten Amtszeit im Jahr 2010 übernahm er, der bis dahin die zweite Pfarrstelle der Köthener Jakobsgemeinde innehatte, das Pfarramt Preußlitz: acht Kirchen, fünf Kirchengemeinden mit insgesamt 500 Gemeindemitgliedern, die auf zwölf Orte verteilt leben. Die Gottesdienste waren eine Angelegenheit sehr weniger. »Ich bin nicht der Mensch, der Dinge am Laufen hält, die am Aussterben sind«, sagt Lauter. So wurde im Kirchenkreis Köthen ein (2013 preisgekröntes) Gottesdienstkonzept entwickelt und erprobt, welches auf die hohe Dichte an Kirchengebäuden und die geringe Dichte an Christen zugeschnitten ist. Trotz des erheblichen Rückgangs der Zahl der Gemeindeglieder, weniger Stellen und weniger Gottesdiensten gelang es, die Besucherzahl deutlich zu steigern. »Aber es hat sich gelohnt«, so Pfarrer Lauter. Auch traditionell geprägte Gemeindemitglieder hätten gespürt, dass die Kirche, die sie lieben, wieder mehr Zuspruch erfährt, und seien bereit gewesen, die Veränderungen mitzutragen.

Mit dem Eintritt in den Ruhestand wird sich das Leben von Dietrich Lauter und seiner Familie ändern. »Wir haben lange überlegt, ob wir hierbleiben«, sagt er. Doch alle Angehörigen leben im südlichen Deutschland. So rücken Lauters mit ihrem neuen Wohnsitz wenigstens ein Stück näher an sie heran. Auch die Aufgaben sind verteilt. Beate Lauter, von Beruf Sozialarbeiterin, wird arbeiten gehen. Dietrich Lauter wird sich als Hausmann um drei K – Kinder, Küche, konziliarer Prozess – kümmern: Den Töchtern helfen, falls sie Hilfe in der neuen Schule benötigen sollten, sich um die dann angereiste Gastschülerin aus Thailand kümmern, und sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung engagieren. Und als Ruheständler mit unternehmungslustiger Familie all das genießen, was seit 2001 zu kurz kam: Verwandte besuchen, ins Theater gehen, Hobbys pflegen. Nur Nichtstun kann sich der 65-Jährige, dessen Leben immer mit Arbeit verbunden war, nicht vorstellen: »Mich hat die Arbeit noch immer gefunden.«

Angela Stoye

Gottesdienst zur Verabschiedung von Dietrich Lauter aus dem Amt des Kreisoberpfarrers am 28. August, 14 Uhr, in der Jakobskirche in Köthen. Kirchenpräsident Joachim Liebig nimmt die Verabschiedung vor.

Fantasie in Ton gebrannt

29. August 2016 von redaktionguh  
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Projekt der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg: »Kunst kennt keine Behinderung«


Keramik-Engel flankieren den Altar in der Samariterkirche in Magdeburg. Sie halten Kerzen in den ausgestreckten Händen. Geschaffen haben sie Mitglieder der Kreativwerkstatt der Pfeifferschen Stiftungen, die dem Bereich Behindertenhilfe Wohnen angegliedert ist. Seit 14 Jahren betreut der Künstler Paul Gandhi die behinderten Menschen. Nicht ganz so lange gibt es daneben eine Gruppe, die sich der Malerei widmet. Sie alle zeigen bis zum 9. September einige ihrer Arbeiten in der Kirche auf dem Stiftungsgelände. Die Tanzgruppe unter der Leitung von Birgit Heisel, die es erst seit April gibt, stellt sich mit eindrucksvollen Fotos von Dieter Drewitz vor.

Susann Scharp töpfert seit ihrem 13. Lebensjahr. Dieser Engel ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Foto: Renate Wähnelt

Susann Scharp töpfert seit ihrem 13. Lebensjahr. Dieser Engel ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Foto: Renate Wähnelt

»Kunst kennt keine Behinderung« ist die Ausstellung überschrieben. Die Künstler im Atelier bei Pfeiffers beweisen mit ihren Arbeiten, dass Fantasie, Talent und Kreativität in jedem Menschen stecken. Ulrike Mann, die die Malgruppe leitet, hat fasziniert beobachtet, wie bei einem Teilnehmer aus dem Ausmalen allmählich das selbstständige Gestalten wird. »Es geht bei uns um Künstlerisches«, unterstreicht sie den Anspruch. Da malt der eine filigran klein, ein anderer setzt große Farbflächen auf das Papier. Mit viel Geduld zeichnet eine Dritte ganze Märchen und biblische Geschichten.

Für Susann Scharp, die unter anderem einen der Altar-Engel ausstellt, ist das Töpfern vor allem ein Ausgleich zur Arbeit in der Elektrodemontage der Pfeifferschen Stiftungen. Sie hat einfach Freude daran und fragt Paul Gandhi immer seltener um Rat. »Kunst ist ein Prozess, die Spannung liegt im Werden«, beschreibt der seinen Anspruch an die Anleitung der Gruppe. »Wir freuen uns, dass wir so weit gekommen sind, an der Gestaltung von Plätzen und Gebäuden mitzuwirken. Dafür danke ich meinen Mitarbeitern.« Auf Magdeburgs Domplatz steht ein Schachbrett, das die Gruppe gestaltete. Und für das Hospiz der Stiftungen ist eine Wandgestaltung im Werden.
»Ich wünsche Ihnen, dass der Erfolg in der Kunst Ihnen im Leben weiterhilft und Sie andere anstecken können mit Ihrer Lebensfreude«, sagte Axel Gutsche bei der Vernissage. Der Bereichsleiter Wohnen ist dankbar, dass die Pfeifferschen Stiftungen das Kunstatelier ermöglichen. Dort werde Kunst gelebt, gebe es einen Schutzraum, sich zu öffnen und Stimmungen auszudrücken. »Wir haben ja schon mehrere Ausstellungen gesehen und können verfolgen, wie sich die Künstler entwickeln«, stellte er fest.

Renate Wähnelt

Bis 9. September, Samariterkirche Magdeburg, 8 bis 18 Uhr

Pfarrbüro in der Einkaufszone

29. August 2016 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Mühlhausen: Erprobungsraum in einem Ladenlokal in Bad Langensalza eröffnet

Ein Pfarrbüro mit Schaufenster und Schlagzeug: In der Fußgängerzone von Bad Langensalza hat die Evangelische Kirche in Mitteldeutschlands (EKM) ihren ersten Erprobungsraum in einem Ladenlokal eröffnet. Dieses Ladenlokal soll Kirchengeschichte schreiben und testen, wie Kirche noch besser die Menschen erreicht, wünscht sich der Projektverantwortliche, Pfarrer Johannes Beck.

Samen im Angebot: Pfarrer Johannes Beck und Superintendent Andreas Piontek zerschneiden das rote Band vor dem Ladenlokal Erprobungsraum in Bad Langensalzas Innenstadt. Foto: Claudia Götze

Samen im Angebot: Pfarrer Johannes Beck und Superintendent Andreas Piontek zerschneiden das rote Band vor dem Ladenlokal Erprobungsraum in Bad Langensalzas Innenstadt. Foto: Claudia Götze

Beck ist neu im Kirchenkreis Mühlhausen. Für den 33-Jährigen ist es die erste Pfarrstelle. »Eine Pfarrstelle ohne feste Gemeinde und regelmäßige Gottesdienste«, sagt er. Er wird aber trotzdem in einem Bereich mit 26 Gemeinden in den vier Pfarreien Bad Langensalza, Bad Tennstedt, Großvargula und Kirchheiligen unterwegs sein.

Dass er nicht wie seine Pfarrkollegen in die festen Strukturen der Gemeindearbeit eingebunden ist, soll ihm den Freiraum verschaffen für »andere Formen von Gemeindearbeit«. Er wolle gute Ideen für Kirche und Gemeinde ausprobieren, sagt Beck.

Sein Erprobungsraum sind vor allem die Menschen. Mit ihnen will er hier in der Einkaufszone querdenken und herausfinden, was geht und was nicht. »Ein Laden zwischen einem Café und einem Sanitätshaus. Das passt prima«, findet auch der Mühlhäuser Superintendent Andreas Piontek. »Was soll es nun in unserem Laden zu kaufen geben?«, fragt er am vergangenen Sonntag bei der Eröffnung in die Runde und hebt die »Vielfalt im Sortiment« hervor. Und betont die Besonderheit: »Wir verkaufen keine reifen Früchte, wir verkaufen die Samen«. Die Menschen sollten aber das »Komm mal vorbei« nicht allzu wörtlich nehmen, sondern hineinkommen. Dieser Laden solle zu einem Ort der Gemeinschaft werden, wünscht sich der Superintendent.

Beck selbst möchte für den Erprobungsraum recht schnell ein Netz von Ehrenamtlichen spinnen. Deshalb wird es an diesem Sonntag, 28. August, einen Informationsabend geben. »Da­raus soll eine Gruppe von Ehrenamtlichen wachsen«, hofft Beck. Bis dahin hängen auf jeden Fall die Bilder von Ralf Klement vom Verein Kunstwestthüringer im Kirchenladen: Eine erste »malerische Erprobung«, wie der Pfarrer es nennt. Beck wird die Erprobung auch »theoretisch« begleiten. »Wir wollen im Gespräch bleiben, Wege reflektieren und Impulse geben.« Er will wissen: »Lässt sich Kirche anders denken? Was ist dran in der Region? Was hilft in der Zukunft?«

Das Zahnrad auf der Schaufensterscheibe soll Programm sein: Beck möchte mit dem Laden und Erprobungsraum in der Region Bad Langensalza wie ein Zahnrad funktionieren – als Antrieb für eine Maschine, die letztlich ein ganzes Feld bestellt.

Claudia Götze

www.erprobungsraum-lsz.de

»An Bach lernen, was gut ist«

28. August 2016 von redaktionguh  
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Für unser vorletztes Sommer­interview traf Michael von Hintzenstern den führenden Bachkenner unserer Zeit, Professor Helmuth Rilling, am Rande der 3. Weimarer Bachkantaten-Akademie.

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Intensivkurs für Musiker und Publikum gleichermaßen: Helmuth Rilling bei einem seiner Gesprächskonzerte in der Weimarer Herderkirche. Fotos: Maik Schuck

Herr Professor Rilling, Sie haben einmal in einem Interview gesagt: »Müssen wir nur über Bach sprechen? Ich habe noch so viel anderes gemacht.« Wir wollen heute beides versuchen, aber dennoch mit dem Thomaskantor beginnen, da Sie gerade zur 3. Bachkantaten-Akademie in Weimar weilen und mit 72 Musikern aus 18 Nationen sieben Gesprächskonzerte an authentischen Bach-Orten durchführen. Es geht also einerseits um die Weiterbildung hochbegabter Interpreten und andererseits um die Vermittlung theologisch-musikalischer Inhalte seines Kantaten-Schaffens. Was bedeutet es, in solcher Mission im Lande Bachs unterwegs zu sein?
Rilling:
In einer Stadt wie Weimar ist man in vielfältiger Weise von Kultur geprägt. Und vielleicht ist Bach derjenige unter den geistigen Häuptern dieses Ortes, der in der Vergangenheit am wenigsten dazu gezählt wurde. Ich finde, es ist schön, bewusst zu machen, dass wir in einer Stadt sind, in der Bach fast zehn Jahre gearbeitet hat und in der er viele seiner schönsten Kantaten geschrieben hat. Insofern ist es mir eine Freude, hier zu sein.

Bei der 1. Bachkantaten-Akademie 2014 standen Werke im Fokus, die in Weimar komponiert worden sind, in diesem Jahr sind es Kantaten zum Michaelisfest, aber auch lutherische Messen. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?
Rilling:
Natürlich braucht man bei Bach nicht nach Qualität zu fragen. Das sind alles wunderbare Stücke. Ich dachte, dass es interessant sein müsste, den Zyklus der Michaeliskantaten ins Zentrum zu rücken. Das sind Kantaten, die man eigentlich normalerweise wenig hört, obwohl es sich um großartige Kompositionen handelt. Dasselbe gilt für die Kurz-Messen. Das sind ja nun auch Werke, in denen Bach nach dem Parodieverfahren gearbeitet hat. Wo er also Stücke, die er früher für Kantaten geschrieben hat, erneut für eine Messe benutzte. Dabei suchte er sicherlich Stücke aus, die ihm besonders gut erschienen.

Sie sagten einmal: »Wer Bachs Musik verstehen will, muss seine Kantaten kennen!« Zwischen 1970 und 1985 haben Sie alle eingespielt. Wollen Sie mit der von Ihnen entwickelten Form der »Gesprächskonzerte« den Hörern einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis seiner Musik in die Hand geben?
Rilling:
Nun, ich finde es sehr wichtig, dass man Bachs Musik genau kennt. Und bei den vielen Kantaten, die wir nun mal haben, ist das gar nicht so einfach. In den Gesprächskonzerten versuche ich darauf hinzuweisen, wo die geistliche Idee Bachs liegt, was er betont, was er wie interpretiert. Und auf der anderen Seite möchte ich die besondere Qualität dieser Stücke bewusst machen. Das kann man in diesen Gesprächskonzerten, die es schon seit langer Zeit gibt, wunderbar tun.

In den 1980er-Jahren waren Sie öfters in Japan unterwegs, zwischen 1986 und 2000 auch in Osteuropa. Wie waren dort Ihre Erfahrungen?
Rilling:
Zum Problem des Verstehens der Partituren kam hier noch das Problem der Verständlichkeit der Sprache hinzu. Natürlich ist das für einen deutschen Zuhörer, auch einen deutschen Interpreten, einfacher. Im Ausland muss man deshalb versuchen, genau darauf hinzuweisen, wie stark Bachs Musik von ihren Texten bestimmt ist.

Sommerlogo GuHIn Ihren Akademien begegnen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen. 1986 haben Sie als erster Deutscher nach dem Holocaust das Israel Philharmonic Orchestra dirigiert. Inzwischen nehmen auch Muslime an Ihren Akademien teil. Glauben Sie, dass der Musik Bachs so etwas wie eine einigende, harmonierende Kraft innewohnt?
Rilling:
Das könnte ich mir schon vorstellen. Das Interesse ganz verschiedener Menschen an der Musik Bachs und ihrem Verstehen ist unglaublich groß. Ich empfinde es als etwas Herrliches, dass hier junge Musiker aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und durch die Liebe zur Musik Bachs miteinander verbunden sind. Und über die Probenarbeit hinaus eine großartige Gemeinschaft bilden.

Wie erfolgt denn die Auswahl?
Rilling:
Die Teilnehmer werden aus einer großen Zahl an Bewerbern ausgewählt, die auch Tonaufnahmen eingereicht haben. Von 200 sind am Ende etwa 70 eingeladen worden. Wir erwarten natürlich ein hohes Niveau, denn die Arbeit hier muss sehr schnell gehen. Chor und Orchester müssen die Sachen mühelos in kurzer Zeit einstudieren können. Und ich bin sehr froh, dass das wirklich wieder gelungen ist.

Zurück zu Ihren Anfängen – Sie haben 1954 als junger Chorleiter in Gächingen im Osten von Reutlingen eine Kantorei gegründet, die a cappella Werke von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel, aber auch moderne Kompositionen gesungen hat. Bach spielte da noch keine dominierende Rolle. Wann hat sich das geändert, gab es da vielleicht ein Initial-Erlebnis?
Rilling:
Ach, das kann man eigentlich nicht sagen. Wir haben damals sehr vieles musiziert, vor allem auch zeitgenössische Musik. Das war mir sehr wichtig. Aber Bach ist ja immer ein wunderbares Korrektiv. Man kann an ihm vor allem lernen, was gut ist. Für die Komponisten vergangener Zeiten oder auch heutzutage ist Bach ein ganz wichtiger Lehrer gewesen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in der Betonung des Wesentlichen, was durch die Musik ausgesagt werden soll.

Sonne-webIhnen ist gelegentlich zum Vorwurf gemacht worden, dass Sie sich nicht der historischen Aufführungspraxis eines Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder René Jacobs angeschlossen haben. In welcher Tradition sehen Sie sich und welche Kriterien sind für Sie heute entscheidend?
Rilling:
Man muss natürlich Bescheid wissen – wie die von Ihnen genannten Kollegen – über die Aufführungspraxis zur Zeit der Komposition. Das halte ich für sehr wichtig und unabdingbar. Aber man sollte nicht in die Richtung gehen wollen, dass man denkt: Damit ist eigentlich alles getan. Das Wichtigste scheint mir, dass der Inhalt, der vom Komponisten der Musik gegeben wird, der Ausdruck, dass der nun in einer persönlichen Weise hörbar wird.

Die Musikwelt verdankt Ihnen mehr als nur Bach: Uraufführungen von Krysztof Penderecki, Arvo Pärt und Wolfgang Rihm, um nur einige Namen zu nennen. Zu erwähnen ist ebenso das »Requiem der Versöhnung«, das 50 Jahre nach Kriegsende von 14 zeitgenössischen Komponisten gestaltet wurde. Bedürfen biblische Texte immer wieder einer zeitgenössischen Auslegung bzw. Vertonung?
Rilling:
Ich finde es sehr wichtig, dass Komponisten unserer Zeit sich der Aufgabe stellen, geistliche Texte zu vertonen. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich denke, es muss geschehen, sodass wir das Verständnis unserer Zeit in dieser Musik mit ihren alten und wertvollen Texten erkennen.

Wie finden Sie solche Komponisten?
Rilling:
Natürlich kennt man das Musikleben unserer Zeit und weiß, wer heute komponiert und in welcher Weise. Für mich war es wichtig, diese Menschen persönlich kennenzulernen. Ich erinnere mich, dass ich damals in der ganzen Welt herumgereist bin, mit diesen Leuten Gespräche geführt und sie davon überzeugt habe, dass sie diese Texte, die ich brauchte, vertonen sollten. Und die meisten haben mir auch zugesagt.

Das Werk J. S. Bachs nimmt eine zentrale Rolle im Leben von Helmuth Rilling ein. Er hat 1965 das Bach-Collegium Stuttgart gegründet, 1970 das Oregon Bach Festival in Amerika, 1981 die Bach-Akademie Stuttgart und mit der Einspielung von Bachs Gesamtwerk auf 172 CDs Maßstäbe gesetzt.

Hamstern ist angesagt

28. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Eine Meldung verbreitete sich dieser Tage wie ein Lauffeuer: »Die Bevölkerung wird angehalten, einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen vorzuhalten«, heißt es im neuen Konzept der Bundesregierung für die zivile Verteidigung. Ein Aufruf zu Hamsterkäufen? Was wissen »die da oben«, was wir nicht wissen? Kritiker unterstellten bewusste Angstmache, und im Internet ließen die Spötter nicht lange auf sich warten: »Wie viele Hamster muss ich kaufen, und wie bereitet man sie zu?«, fragte ein Witzbold.

Doch Spaß beiseite: Was da gerade diskutiert wird, ist keineswegs neu. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die dringende Empfehlung im Zivilschutzgesetz lediglich in Vergessenheit geraten. Warum also dieser Wirbel um das Thema? Vielleicht, weil wir so daran gewöhnt sind, nahezu rund um die Uhr (und auch am Sonntag!) alles mehr oder weniger Lebensnotwendige erwerben zu können. Einen großen Stromausfall – verursacht beispielsweise durch extreme Wetterlagen – können und wollen wir uns gar nicht vorstellen: Kein Wasser kommt dann aus dem Hahn, Geräte, Internet und Handynetz funktionieren nicht, ebenso wenig Ampeln und Supermarktkassen; die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Es ist also nur ein Gebot der Vernunft, in gewissem Maße Vorsorge zu treffen. Diesem Zweck dient das Notfall-Konzept. Und das tat es auch bisher schon, nicht mehr und nicht weniger.

Lassen wir uns nicht verunsichern, folgen wir einfach unserem gesunden Menschenverstand. Und vielleicht kommt ja der eine oder andere auch auf die Idee, das in den letzten Jahren so oft an den Bäumen verrottende Obst mal wieder einzukochen – nicht nur der vermeintlich bevorstehenden schlechten Zeiten wegen …

Adrienne Uebbing

Loben und danken, weil wir beschenkt werden

27. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Nicht geschimpft ist genug gelobt – für manche Menschen bildet dies die einzige Maxime, das Tun ihrer Mitmenschen zu beurteilen und zu behandeln. Und zu viel des Lobes kann mitunter sicherlich problematisch sein. Aber die Anerkennung dessen, was andere geschafft oder geschaffen haben, dürfte doch auch nicht unwichtig sein. Dabei ist es keinesfalls so, dass solches Lob immer nur aus päda­gogischem Kalkül ausgesprochen würde. Es kann auch aus einem Bedürfnis des Lobenden selbst hervorgehen. Man lobt dann nicht, weil man muss, sondern weil man will. Vielleicht geht es auch mit einem Gefühl der Dankbarkeit einher. So loben wir beispielsweise einen guten Gastgeber für ein gelungenes Fest und danken damit zugleich für den erfüllten Lebensmoment, den er uns bereitet hat.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Bietet nicht auch unser Leben als Ganzes Aspekte, die uns erfüllen und die in uns ein Bedürfnis hervorrufen, lobenden Dank auszusprechen? Mir selbst geht es etwa so im Blick auf die guten Zufälle meines Lebens: Welche Kette von Unwahrscheinlichkeiten hat eigentlich dazu geführt, dass es mich überhaupt gibt. Was musste nicht alles zusammenstimmen, damit mir die Menschen begegnen konnten, die mir im Leben so wichtig sind. Wie unvorstellbar für mich, dass sich nur ein Rädchen im Universum anders gedreht hätte – und meine Kinder wären heute nicht auf der Welt. Wo angesichts solcher oder auch anderer Dinge dankendes Loben in uns anhebt, wo sollten wir damit hin und an wen könnten wir es adressieren?

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.« So beginnt Joachim Neanders bekannte Lieddichtung. Er bringt damit wunderbar auf den Punkt, warum wir Gott loben: Nicht, weil es uns eine religiöse Pflicht wäre oder ein gesetzliches Gebot, das wir erfüllen müssten. Es ist umgekehrt: Gotteslob hebt dort an, wo uns bewusst wird, was – trotz aller Schwierigkeiten und Krisen – gut ist in unserem Leben und wie viel uns davon geschenkt worden ist.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Wirkungsvolle Zahlenspiele

26. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Der Mathematiker Gerd Bosbach sieht die demografische Entwicklung nicht so dramatisch wie sie meistens dargestellt wird.

Der demografische Wandel scheint seit Jahren in Deutschland ein Sorgenkind zu sein. Zu wenig Kinder, zu viele alte Menschen, die der nachwachsenden Generation zur Last fallen. Dieses Horrorbild wird von der Zukunft in Deutschland gezeichnet. Einer, der die Bevölkerungsentwicklung nicht so dramatisch sieht, ist der Mathematiker Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz. »Hier wird eine Notsituation konstruiert, die keiner statistischen Untersuchung standhält.« Den großen Fehler sieht der Mathematiker in den 50-Jahres-Prognosen, die nur in die Zukunft schauen, die Vergangenheit jedoch ausblenden. Der Professor lenkt den Blick auf die Entwicklung im 20. Jahrhundert. Die Bevölkerung sei um etwa 30 Jahre gealtert, der Kinderanteil habe sich halbiert, der Rentenanteil verdreifacht. Nach der aktuellen »Logik« von Demografie hätte eigentlich eine wirtschaftlich-soziale Katastrophe eintreten müssen. Dies ist nicht passiert. Stattdessen, so Bosbach, sind sowohl der Sozialstaat als auch der Wohlstand explodiert. 1966 habe kein Mensch gewusst, wie die Welt 2016 aussieht. Ebenso könne niemand vorhersagen, wie sich die Welt in den kommenden 50 Jahren entwickeln wird. All die Warnungen vor einer stetig wachsenden Zahl von pflegebedürftigen alten Menschen oder vor Arbeitskräftemangel beruhten auf Ergebnissen von Modellrechnungen, erläutert der Professor. So gehen Statistiken beispielsweise davon aus, dass sich die Zahl der Erwerbsfähigen um gut ein Drittel verringert. »Das macht Angst«, bemerkt Bosbach, die sei jedoch unbegründet, denn der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials um etwa 34 Prozent sei keine Herausforderung für morgen, sondern eine, für die wir mehr als 50 Jahre Zeit haben. »Fürs Jahr betrachtet, liegt der Rückgang also nur bei 0,8 Prozent. Anders ausgedrückt: Nächstes Jahr müssen 99 das schaffen, was heute 100 schaffen!« Die Produktivitätsentwicklung sei bei diesen Berechnungen ebenso wenig berücksichtigt wie die gesetzlich beschlossene Rente mit 67.

Die Kirche als Spiegel der Gesellschaft: Nicht nur die Gesamtbevölkerung wird immer älter, auch die Kirche steht angesichts der Tatsache, dass ihre Mitglieder älter und immer weniger werden, vor großen Herausforderungen. Grafik: G+H; mit Verwendung von Bildelementen von Wilhelmine Wulff_All Silhouettes /pixelio.de

Die Kirche als Spiegel der Gesellschaft: Nicht nur die Gesamtbevölkerung wird immer älter, auch die Kirche steht angesichts der Tatsache, dass ihre Mitglieder älter und immer weniger werden, vor großen Herausforderungen. Grafik: G+H; mit Verwendung von Bildelementen von Wilhelmine Wulff_All Silhouettes /pixelio.de

Wie konnte die Bevölkerungsstatistik, die vor 20 Jahren ein Schattendasein fristete, derart salonfähig werden? Die Gewinner der Demografie-Debatte macht der Mathematiker unter den Arbeitgebern und der Versicherungsbranche ausfindig. Die Arbeitgeber, sagt Bosbach, konnten aus der paritätisch finanzierten Rente aussteigen, da Arbeitnehmer die Riester-Rente allein finanzieren. Und die Versicherer würden durch Riester- und Rürup-Rente Milliardengewinne einfahren.

Um deutlich zu machen, wie Zahlenspiele wirkungsvoll eingesetzt werden, nennt Bosbach die Klage über den angeblich demografisch bedingten Ärztemangel. Tatsächlich aber hindere ein strenger Numerus clausus für das Medizinstudium viele junge Menschen daran, den Arztberuf zu ergreifen.

Der Professor kommt auf die Kinderzahlen in Deutschland zu sprechen. Es werde versucht, uns »demografisch« weiszumachen, dass die 1,4 Kinder pro Frau ein Riesenproblem seien, Deutschland der Untergang drohe. Seit 1970, also seit etwa zwei Generationen, betont Bosbach, hat Deutschland nach offiziellen Berechnungen 1,4 Kinder pro Frau. »Seitdem hat sich aber die Bevölkerungszahl nicht drastisch dezimiert, sondern ist von 78,1 auf 80,8 Millionen gewachsen.«

Apropos Kinderzahlen. Die demografische Entwicklung werde nicht erst heute verantwortlich gemacht für die wirtschaftliche Situation. Um 1900 ging es den Menschen in Deutschland wesentlich schlechter, so der Mathematiker, damals wurde der niedrige Wohlstand mit dem Kinderreichtum begründet. »Jetzt ist es umgekehrt.« Die niedrige Geburtenrate müsse herhalten, um sinkenden Wohlstand zu prognostizieren.

Bosbachs Erkenntnis, dass der demografische Wandel mit Gelassenheit gesehen werden kann, ist gewiss auch für die Kirche bedenkenswert. Ihre Sorgen um kleiner werdende Gemeinden kann sie allerdings nicht beiseitelegen. Das tut sie auch nicht. Seit Jahren nimmt sie die Zahlen ernst und ist bemüht, sich auf die veränderte Situation einzustellen.

Sabine Kuschel

Musiker mit Vorleserqualitäten

22. August 2016 von redaktionguh  
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In der Reihe der Sommerinterviews sprach Michael von Hintzenstern mit Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Ehrenwerth über private Urlaube, Konzertreisen und die Zukunft der Kirchenmusik.

Herr Ehrenwerth, Sie haben Ihren Urlaub kürzlich beendet. Konnten Sie die Seele baumeln lassen und ein wenig entspannen?
Ehrenwerth:
Wie bei jedem von uns muss der Urlaub was anderes sein als der Alltag. Meine Frau und ich haben dieses Jahr eine weite Reise auf die Insel Madeira gemacht, waren ziemlich oft unterwegs, um viel kennenzulernen, es gab ausgedehnte Wanderungen, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Bananen und Eukalyptusbäume wachsen sehen. Und wir haben uns mehrfach in Funchal, der Hauptstadt mit dem so vielfältigen Flair, umgetan. Es war also eher ein Aktivurlaub. Ein guter Ausgleich zum Sitzen am Schreibtisch im Erfurter Zentrum für Kirchenmusik! Wenn man den Körper bewegt, lüftet man ja Geist und Seele mit. Die Mischung aus Aktivität und Ruhe ist uns diesmal gut gelungen. Zum Entspannen im Urlaub gehört übrigens auch, dass ich meiner Frau an den Abenden Bücher vorlese (während sie strickt), die möglichst irgendetwas mit der Urlaubsgegend zu tun haben, diesmal ein historischer Roman, ein Krimi und ein angefangenes drittes Buch, das noch zu Ende gelesen werden muss! Jetzt folgt noch eine Woche Familienurlaub mit den erwachsenen Töchtern. Das ist eine Tradition seit Jahren.

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Dietrich Ehrenwerth beim Sommerinterview zwischen zwei Urlauben. Foto: Mario Gentzel

Das heißt, Sie waren erst mit Ihrer Frau unterwegs und dann noch mal mit der ganzen Familie.
Ehrenwerth:
Ich habe 14 Tage wieder gearbeitet. Im Zentrum für Kirchenmusik ist es in den Sommermonaten ein bisschen ruhiger. Das Telefon klingelt eher selten. Und man genießt, dass man mal zu Dingen kommt, die sonst eher nicht möglich sind. Obwohl man natürlich dann doch nie das schafft, was man sich eigentlich vorgenommen hat.

Haben Sie bevorzugte Urlaubsziele? Manche fahren immer an den gleichen Ort. Andere wechseln lieber. Wie machen das die Ehrenwerths?
Ehrenwerth:
Unterschiedlich! Wir sind viele Jahre lang Fahrrad gefahren entlang der deutschen Flussradwege. Vor allen Dingen an den Flüssen, die man in unserer Kindheit und Jugendzeit nicht besuchen konnte, also etwa Ems, Rhein, Mosel, Main, Nahe. In den letzten Jahren waren wir öfter in Südtirol. Manchmal finden wir es aber auch angenehm, nicht so weit wegzufahren, Thüringen und das Erzgebirge spielen da schon noch eine Rolle. Man muss, glaube ich, nicht immer die ganz weiten Ziele haben.

Viele Kirchenmusiker sind im Sommer besonders aktiv, um in den nun angenehm temperierten Kirchen zu konzertieren. Wie ist das bei Ihnen?
Ehrenwerth:
Wir haben eine Konzertreihe hier im Augustinerkloster: die Sonntagskonzerte, die jeweils bis zum Ende des Schuljahres laufen. Aber die Orgelkonzerte mittwochs in der Predigerkirche gehen natürlich weiter. Wir im Augustinerkloster gehören ja zur Predigergemeinde. Dass Kirchenmusiker in den Sommermonaten besonders aktiv sind, sieht man am besten auf der Veranstaltungsseite von »Glaube + Heimat«. In diesem Jahr vielfach unter der Überschrift »Max Regers 100. Todestag«, woran dann ein oder mehrere Stücke im Programm erinnern. Es gibt eine Fülle von Angeboten, nicht nur in den Domen und Stadtkirchen, sondern auch in der Kleinstadt und auf dem Dorf.

Wie sieht es mit Konzertreisen aus?
Ehrenwerth:
Unser Andreas-Kammerorchester gastiert Ende August in Bad Salzungen, Friedrichroda und Eschenbergen. Der Augustiner-Vocalkreis gibt Anfang Oktober Konzerte in der Altmark. Und die Augustiner-Kantorei fährt im gleichen Monat für zwölf Tage nach Japan. Das ist ein Projekt, das sehr lange vorbereitet worden ist und nun tatsächlich Wirklichkeit wird. Bis vor kurzem haben alle noch ein bisschen daran gezweifelt. Aber nun ist es sicher. Es wird viele Begegnungen mit japanischen Chören geben. Und auch ungewohnte Stücke. Die Kantorei singt ja sonst eher Oratorien. Dieses Mal werden A-cappella-Kompositionen gesungen, Volkslieder und Lieder mit japanischen Chören zusammen mit japanischem Text, aber auch Stücke für Chor und Orgel, Bach und viel Mendelssohn …

Wir fahren sozusagen als Botschafter des Reformationsjubiläums. Landesbischöfin Ilse Junkermann ist Schirmherrin dieser Reise, aber auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Es geht hauptsächlich um kulturelle Begegnungen.

Das ist logistisch sicher nicht ganz einfach zu stemmen. Wie groß ist die »Delegation«?
Ehrenwerth:
Fast 100 Leute aus der Kantorei werden dabei sein.

Bietet der Sommer Raum, um über Perspektiven und zukünftige, auch langfristige Projekte nachzudenken?
Ehrenwerth:
Na klar. Ich will, kann da jetzt keine konkreten Ergebnisse sagen. Aber natürlich hat man im Sommer eher Gelegenheit, nachzudenken und Gespräche zu führen. Ich war jetzt mit einem Kollegen im Ruhestand vier Tage lang unterwegs. Und wir haben wandernd von morgens bis abends alle Themen rund um die Kirchenmusik behandelt. So etwas ist ganz wichtig, dass man sich mal mit jemandem austauschen kann, der die Dinge inzwischen mit ein bisschen Abstand sieht.

Sie sind ausübender Kirchenmusiker, tragen als Landeskirchenmusikdirektor (LKMD) aber auch Verantwortung für die gesamte EKM. Wo wird die Entwicklung in den nächsten zehn, 20 Jahren hingehen? Weiterer Stellenabbau, hauptamtliche Kirchenmusiker nur noch in Kernregionen? Ehrenwerth: Es ist ganz schwierig, da zu orakeln. Ich bin in diesem Amt seit 16 Jahren. In dieser Zeit hat man immer Stellenabbau befürchtet. Ich muss sagen, dass er aber eigentlich bisher gar nicht so extrem eingetreten ist. Wir haben die Zahl der Kirchenmusikerstellen erstaunlicherweise fast gehalten.

In den großen Städten gab es Abbau, in der Fläche aber auch Zuwachs. Es ist nicht so, dass wir so viel weniger geworden sind. Jetzt in der aktuellen Stellenplandiskussion erscheinen am Horizont natürlich Probleme. Wenn wir uns die Mitgliederentwicklung unserer Kirche angucken, dann wird dies nicht spurlos an der Kirchenmusik vorbeigehen. Aber ich habe doch die große Hoffnung, dass Kirchenmusik insgesamt ihren hohen Stellenwert behält.

Das wird sicher ein bisschen unterschiedlich gesehen, von Kirchenkreis zu Kirchenkreis, dort liegt ja die Verantwortung für die Stellenpläne. Aber die Menschen, die in der Kirchenmusik aktiv sind, von den Chorsängern bis zu den Bläsern, von den Kindern bis zu den Senioren, deren Anzahl in den letzten Jahrzehnten insgesamt übrigens erfreulich konstant geblieben ist, sind doch die Aktiven in der Gemeinde und sitzen oftmals in den Entscheidungsgremien. Und die werden sich hoffentlich zu gegebener Zeit zu Wort melden und sagen: Kirchenmusik ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern ein ganz zentrales Anliegen unserer Kirche!

In »Glaube + Heimat« werden oft goldene Amtsjubiläen von verdienten Organisten oder Chorleitern gewürdigt. Immer mehr engagierte Ehrenamtliche scheiden aus Altersgründen aus. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Ehrenwerth:
Die Situation wird schwieriger. Zumal wir überall in der Gesellschaft feststellen können, dass Menschen sich gerne eine begrenzte Zeit lang für etwas engagieren, aber nicht dauerhaft verpflichten wollen. Und gerade für potenzielle jugendliche Organistinnen oder Organisten beginnen unsere Gottesdienste am Sonntagmorgen ja doch relativ früh am Tag. Also wir können eigentlich nur versuchen, immer wieder Kursangebote zu machen.
Sommerlogo GuHWir experimentieren regional unterschiedlich! Gute Erfahrungen gibt es in letzter Zeit mit Kursangeboten für Chorleiter in zwei Propsteien im Süden, aber auch für Organisten existieren Angebote, gerade wieder in Halberstadt und in Wolmirstedt mit guter Beteiligung. Anfang September wird es in der Propstei Eisenach-Erfurt einen Fortbildungstag für Neben- und Ehrenamtliche geben, da steht z. B. Singen mit Kindern auf dem Programm. Das soll sich zugleich an Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer wenden. Und wir bieten die C-Ausbildung in Halle und Erfurt und Konsultationstage für die D-Prüfung an. Das ist sicher alles noch nicht genug. Der Kontakt zu den Musikschulen wird intensiviert werden müssen. Jede Gemeinde muss Ausschau halten nach Menschen, die bereit sind, so einen Dienst zu übernehmen. Und dass sich der Blick nicht immer nur auf die Orgel richtet, sondern auf andere Möglichkeiten: Warum soll die Gemeinde nicht auch mal von einem Trompeter oder Gitarristen begleitet werden? Ich denke, wir brauchen noch mehr Fantasie für die Zukunft.

Stichwort Reformationsjahr 2017. Wie sind Ihre Erwartungen, wird ein Event das nächste jagen? Was geschieht danach?
Ehrenwerth:
Die Kolleginnen und Kollegen in der EKM haben eine Fülle an Aktivitäten im nächsten Jahr geplant. Zu den landeskirchlichen Schwerpunkten gehören der Deutsche Evangelische Kirchentag in Wittenberg und vor allem die »Kirchentage auf dem Weg«. Zu den acht Veranstaltungsorten gehört auch Erfurt. Die Augustiner-Kantorei hat bei dem Magdeburger Komponisten Thomas König ein Werk in Auftrag gegeben, das einzelne Lieder des Erfurter Enchiridions von 1524, eines der ersten Gesangbücher überhaupt, zur Grundlage haben wird. Er wählte dafür eine hochinteressante Besetzung: Chor und Orgel, zwei Gesangssolisten, Violoncello und Saxofon. Das Stück soll dann am Reformationstag noch einmal aufgeführt werden.

Sonne-webWeimar ist nach dem Europäischen Kulturstadtjahr 1999 in ein großes Loch gefallen und auf einmal stand alles still. Könnte das auch nach dem Lutherjahr passieren?
Ehrenwerth:
Also ich merke auch eine gewisse Müdigkeit am Ende der doch langen Lutherdekade. Hinterher mal wieder völlig frei zu sein und vielleicht zunächst mal ein, zwei Jahre zu haben, in denen man sich nicht nach einem Oberthema in der Planung richten muss, werden wir, glaube ich, alle sehr genießen. Die nächsten Landeskirchenmusiktage sind dann vermutlich 2019 dran.

Dann muss man Ende 2017 auch schon wieder anfangen zu planen.
Ehrenwerth:
Genau. Wir sind gerade dabei zu überlegen, wo die nächsten stattfinden können. Und es wird sicher wieder einen Landeskirchenchortag oder Propstei-Chortage geben. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir alle, wenn am 1. November 2017 der Reformationstag vorbei ist, erst mal tief Luft holen.

Architektonische Vielfalt

22. August 2016 von redaktionguh  
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Schau in Wörlitz: Schöne Dorfkirchen in Anhalt

Die Ausstellung über schöne Dorfkirchen in Anhalt hat die Kunsthistorikerin Sonja Hahn zusammengestellt. Foto: Thomas Klitzsch

Die Ausstellung über schöne Dorfkirchen in Anhalt hat die Kunsthistorikerin Sonja Hahn zusammengestellt. Foto: Thomas Klitzsch

Modelle, Fotos und Zeichnungen anhaltischer Dorfkirchen sind vor kurzem in die Wörlitzer Petrikirche eingezogen. Erstmals konnten Besucher sie am 13. August bewundern. Unter dem Motto »Die Schönen vom Lande« gibt die Ausstellung einen Überblick über die architektonische Vielfalt der Kirchengebäude. Die Kunsthistorikerin Sonja Hahn hat Exponate aus dem Dorfkirchenmuseum in Garitz im Kirchenkreis Zerbst für die Wochen bis 11. September nach Wörlitz umgesetzt. Das Motto des diesjährigen Gartenreichtages – »Gut gebaut – Bau.Kunst.Landschaft« – sei Anlass gewesen, den Blick von Besuchern der Petrikirche und des Bibelturms auf die entsprechenden Schätze in Anhalt zu richten, so die Vorsitzende der Stiftung Entschlossene Kirchen.

Der Besucherblick richtet sich zuerst auf ein sehr großes Modell, das alle anderen überragt. Es ist die Nicolaikirche in der Stadt Zerbst, wie sie bis zu ihrer Zerstörung im April 1945 aussah. Daneben zeigt ein Foto den Jetzt-Zustand. Die Dorfkirchenmodelle stehen exemplarisch für die Vielfalt des Kirchenbaus über die Jahrhunderte: zum Beispiel die um 1190 erbaute Feldsteinkirche in Streetz; die Garitzer Feldsteinkirche aus dem 14. Jahrhundert; die 1717 erbaute Fachwerkkirche in Nedlitz; die ab 1742 errichtete Bonifatiuskirche in Hundeluft, ein Zentralbau mit westlich vorgesetztem Turm, oder die Petrikirche in Bonitz von 1882, deren Grundriss ein nahezu gleicharmiges Kreuz ist. Zu jeder Kirche gibt es weiterführende Informationen. Innenräume sind auf Fotos des Architekturfotografen Hans-Joachim Budeit zu sehen. Filigrane Zeichnungen von Dorfkirchen, die die Felder von Paravents ausfüllen, hat Dr. Lutz Meixner aus Dessau geschaffen.

Neue Ideen für das Kirchlein in Kerchau

Ein Beispiel dafür, dass alte Kirchen nicht nur bewahrt werden, sondern auch Neues einziehen kann, ist das von der Landeskirche Anhalts initiierte Kerchau-Projekt. Studierende des Fachbereichs »Bild Raum Objekt Glas« der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle haben im vergangenen Jahr für die kleine, spätmittelalterliche Dorfkirche in Kerchau bei Zerbst Fenster und liturgische Ausstattungselemente entworfen. Die Kerchauer Kirche eignet sich besonders dafür, denn von ihrer barocken Ausstattung sind lediglich die einfache Kanzel, ein hölzernes Taufbecken und Teile des Gestühls erhalten geblieben. Einzige Vorgabe an die Studierenden war, dass der Kirchenraum als Gottesdienstraum erkennbar, die alte Ausstattung erhalten bleiben und die Kirche nicht zum »Kunstraum« verfremdet werden sollte. Drei Ergebnisse empfahl im Januar eine Jury für die mögliche Umsetzung. In Wörlitz wird darüber anhand eines Modells, und zum Mitnehmen mit einer Broschüre informiert.

Wer mehr wissen und sehen will, ist eingeladen, sich selbst auf Entdeckungstour zu den Dorfkirchen in den Kirchenkreis Zerbst zu begeben. Gern organisiert die Stiftung Entschlossene Kirchen auch Kirchentouren für (Gemeinde-)Gruppen.

Angela Stoye

Zu sehen bis zum Tag des offenen Denkmals am 11. September zu den Öffnungszeiten der Petrikirche, Dienstag bis Sonnabend von 11 bis 17 Uhr, Sonntag von 12.30 bis 17 Uhr.
Kontakte für Kirchenbesuche und -touren unter www.kirchenstiftung-zerbst.de

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