Loben und danken, weil wir beschenkt werden

27. August 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Psalm 103, Vers 2

Nicht geschimpft ist genug gelobt – für manche Menschen bildet dies die einzige Maxime, das Tun ihrer Mitmenschen zu beurteilen und zu behandeln. Und zu viel des Lobes kann mitunter sicherlich problematisch sein. Aber die Anerkennung dessen, was andere geschafft oder geschaffen haben, dürfte doch auch nicht unwichtig sein. Dabei ist es keinesfalls so, dass solches Lob immer nur aus päda­gogischem Kalkül ausgesprochen würde. Es kann auch aus einem Bedürfnis des Lobenden selbst hervorgehen. Man lobt dann nicht, weil man muss, sondern weil man will. Vielleicht geht es auch mit einem Gefühl der Dankbarkeit einher. So loben wir beispielsweise einen guten Gastgeber für ein gelungenes Fest und danken damit zugleich für den erfüllten Lebensmoment, den er uns bereitet hat.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

Bietet nicht auch unser Leben als Ganzes Aspekte, die uns erfüllen und die in uns ein Bedürfnis hervorrufen, lobenden Dank auszusprechen? Mir selbst geht es etwa so im Blick auf die guten Zufälle meines Lebens: Welche Kette von Unwahrscheinlichkeiten hat eigentlich dazu geführt, dass es mich überhaupt gibt. Was musste nicht alles zusammenstimmen, damit mir die Menschen begegnen konnten, die mir im Leben so wichtig sind. Wie unvorstellbar für mich, dass sich nur ein Rädchen im Universum anders gedreht hätte – und meine Kinder wären heute nicht auf der Welt. Wo angesichts solcher oder auch anderer Dinge dankendes Loben in uns anhebt, wo sollten wir damit hin und an wen könnten wir es adressieren?

»Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.« So beginnt Joachim Neanders bekannte Lieddichtung. Er bringt damit wunderbar auf den Punkt, warum wir Gott loben: Nicht, weil es uns eine religiöse Pflicht wäre oder ein gesetzliches Gebot, das wir erfüllen müssten. Es ist umgekehrt: Gotteslob hebt dort an, wo uns bewusst wird, was – trotz aller Schwierigkeiten und Krisen – gut ist in unserem Leben und wie viel uns davon geschenkt worden ist.

Constantin Plaul, Vikar der Evangelisch-reformierten Domgemeinde Halle

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