Milch im Überfluss

29. September 2016 von redaktionguh  
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Erntedank: Wir haben Nahrungsmittel im Überfluss. Und das ist auch ein Problem, wie der Besuch bei einem Milchbauern zeigt.

Theodor Aue ist Bauer aus Leidenschaft. Seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet der heute Vierzigjährige als Landwirt. Zunächst gemeinsam mit Eltern und Geschwistern auf einem 1994 neu eingerichteten Hof. 2009 ergab sich die Gelegenheit, eine Hofstatt im altmärkischen Schinne zu erwerben, einem Ortsteil der Gemeinde Bismark im Kirchenkreis Stendal. Gemeinsam mit seiner Frau Carla machte er sich als Milchbauer selbstständig.

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Theodor Aue aus dem altmärkischen Schinne blickt verhalten optimistisch in die Zukunft: Die Milch seiner schwarzen und roten Holsteiner Kühe kann er künftig als zertifizierte Bio-Milch zu deutlich höheren Preisen verkaufen. Foto: Harald Krille

Beim Gang durch seine Stallanlagen auf dem Gelände einer ehemaligen russischen Radarstation weist er auf ein Stück Land: »Hier sollte unser neues Wohnhaus entstehen. Die Baugenehmigung liegt vor, aber das Haus haben wir im vergangenen Jahr praktisch ›vermolken‹.«

Seit der nicht zuletzt vom Deutschen Bauernverband immer wieder geforderten Aufhebung der EU-weiten Milchquote im Frühjahr 2015 fiel der Milchpreis in ungeahnte Tiefen. Weniger als 24 Cent bekam im Juni dieses Jahres der Bauer für einen Liter.

Nun ist Aues Betrieb kein Kleinunternehmen. 450 Milchkühe, 150 Jungrinder sowie eigener Futteranbau auf 320 Hektar machen ihn im Landesmaßstab zu einem der größeren Betriebe. Die technische Ausstattung ist auf hohem Niveau. Dennoch: »2015 und 2016 sind die bisher schwersten Jahre meiner Existenz«, sagt der Landwirt. »Die Erlöse der Milchproduktion decken nicht mehr die Kosten.«

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Theodor und Carla Aue hinter ihrer Kuh in den Nationalfarben, die vor ihrem Wohnhaus im Dorfe für "faire Milch" wirbt. Foto: Harald Krille

Überleben konnte der Betrieb mit seinen sieben Angestellten und derzeit zwei Auszubildenden nur durch Rückgriff auf Reserven. Und weil die Aues, schon immer auf Ressourcennutzung und Nachhaltigkeit bedacht, Energie erzeugen und verkaufen. Mit einer Biogasanlage, in der die eigene Gülle vergoren wird, sowie einer genossenschaftlich betriebenen Solaranlage produzieren sie Strom. Nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern darüber hinaus genug für rund 1 300 Vier-Personen-Haushalte.

Aue ist Mitglied im Landesvorstand Sachsen-Anhalt des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter. Deshalb weiß er um die Dramatik der Entwicklung, nicht nur auf seinem eigenen Hof. In den vergangenen Jahren hätten im Schnitt zwei bis drei Prozent der Milchviehbetriebe aufgegeben. In diesem Jahr rechne der Verband in Sachsen-Anhalt damit, dass 15 bis 20 Prozent das Handtuch werfen.

Doch die Schuld an der Misere schiebt Aue nicht auf die Molkereien, Handelsketten oder Lebensmittelkonzerne. »Wir sind zu gut, wir produzieren einfach zu viel.« Die Lösung sieht er ebenfalls nicht in staatlichen Garantiepreisen für Milch. »Wir müssen durch verbindliche Absprachen und effektive Instrumente die Menge regulieren.« Dafür habe sein Verband konkrete Vorschläge erarbeitet.

Den Ansatz, nicht Milchmenge um jeden Preis zu erzeugen, verfolgt Aue selbst schon längst. Weil er seinen Kühen schon immer weniger Kraftfutter gibt, liefern sie im Jahresdurchschnitt nur 8 000 Liter Milch, statt der üblichen 9 000. Seine Kühe bleiben dafür länger gesund und leistungsfähig. Ihre »Gesamt-Lebensleistung« liegt deshalb weit über dem Durchschnitt.

»Das Wohl der Kuh ist uns wichtig«, lautet Aues Statement. Dazu gehört der unmittelbare Kontakt zu den Tieren. Weshalb es zwar einen modernen Karussell-Melkstand gibt, aber
keine Vollautomatisierung. »Mindestens zweimal am Tag kommt es so beim Melken zum direkten Kontakt zwischen Mensch und Tier.

Theodor und Carla Aue sind verhalten optimistisch. Sie haben ihren Betrieb in den vergangenen Monaten auf Bio-Milch umgestellt. »Das fiel uns nicht allzu schwer, weil wir rund 80 Prozent der Vorgaben bereits vorher eingehalten haben.« Ab 1. Oktober liefern sie zertifizierte Milch und erhalten dafür knapp 44 Cent pro Liter.

Dennoch: »Wir haben allen Grund, dankbar zu sein«, sagt der evangelische Christ Aue. Seit 65 Jahren kenne man in Europa keinen Hunger mehr. Dies gehöre zu den positiven Folgen der modernen Landwirtschaft und sollte – trotz aller Probleme – nicht in Vergessenheit geraten.

Harald Krille

Was lange undenkbar schien

26. September 2016 von redaktionguh  
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Wieder eingeweiht: Baasdorfer Kirche ist frisch saniert

»Fulminant!« Pfarrer Horst Leischner spart nicht mit Lob und Freude. Ein wunderbarer Tag sei es gewesen, als am 18. September nach dreijähriger Bauzeit die Dorfkirche in Baasdorf bei Köthen mit einem Gottesdienst wieder in Dienst genommen wurde. Wo unter widrigsten Bedingungen sonst nur eine Handvoll Gläubige zusammenkam, versammelten sich am Sonntag rund 140 Menschen, die dicht gedrängt auf Klappstühlen und an Biertischgarnituren saßen. Gemeinsam feierten sie, was lange undenkbar schien. Denn die 1895 erbaute neugotische Kirche mit ihrem mehr als 40 Meter hohen Westturm war zu DDR-Zeiten nicht nur dem Verfall preisgegeben, sondern auch Zerstörungen ausgesetzt. »Fenster wurden eingeschlagen, Orgelpfeifen und Inventar gestohlen«, blickt Pfarrer Leischner zurück. Das Dach war kaputt, der Altarraum wurde abgetrennt, in einer kleinen Winterkirche wurde der Gottesdienst gefeiert. Das sie umgebende Gelände verwilderte.

Strahlend hell und schön: Nach Jahrzehnten des Verfalls ist die Baasdorfer Kirche kaum wiederzuerkennen. aFoto: Heiko Rebsch

Strahlend hell und schön: Nach Jahrzehnten des Verfalls ist die Baasdorfer Kirche kaum wiederzuerkennen. aFoto: Heiko Rebsch

Kerstin Mädchen und Anja Sohn aus dem Gemeindekirchenrat wollten sich damit nicht abfinden und kämpften jahrelang um die Rettung der Kirche, die mitten im Ort steht, aber aus dem öffentlichen Bewusstsein entrückt war. Es gelang, Fördergelder zu akquirieren: Die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler, Lotto-Toto Sachsen-Anhalt, die Landeskirche, der Landkreis, die Stadt Köthen und viele private Spender, darunter auch das in Baasdorf ansässige Agrarunternehmen Wimex, gaben, und ermöglichten zunächst die Neueindeckung des Turmdachs und später des Kirchenschiffdachs. Pfarrer Leischner spricht von einem großen Glück, dass die Köthener Beschäftigungsgesellschaft KöBeG und das Jobcenter Komba Anhalt-Bitterfeld sich beteiligten. Durch deren Maßnahme erlernten zum einen Arbeitslose neue Fertigkeiten, zum anderen wurde dadurch die Kirche wieder hergerichtet. Der alte Putz wurde abgeschlagen und erneuert, der Innenraum erhielt eine mit dem Denkmalschutz abgestimmte neue Farbgebung, die Fenster wurden erneuert, Elektroleitungen verlegt.

So wird Stück für Stück auch die Idee der Kircheninsel Realität: So bezeichnen die Baasdorfer Christen ihre Idee einer offenen Kirche mitten im Ort, einer Kirche, die für Gottesdienste genauso genutzt wird wie für Versammlungen der Feuerwehr oder Treffen der Volkssolidarität. »Die Kirche ist der größte Raum im Dorf. Wir sind offen, wollen andere einladen und begeistern«, sagt Pfarrer Leischner. Deshalb wird auch das Gestühl nur zu einem Teil wieder eingebaut, es soll somit genug Raum bleiben, das Kirchenschiff vielfältig zu nutzen. Eine kleine Winterkirche, Teeküche und sanitäre Anlagen machen das Gebäude komplett.

Katja Schmidtke

Liaison von Kunst und Glauben

26. September 2016 von redaktionguh  
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Fast vier Jahrzehnte lang schuf Roland Artus aus Wasungen die Kulissen im Meininger Theater. Im Ruhestand wendet sich der Maler und Grafiker religiösen Themen zu.

Neununddreißig Jahre lang, seit April 1977, war Roland Artus Theatermaler in Meiningen. Seit Juli ist er im Ruhestand, die neue Spielzeit im August hat ohne ihn begonnen. Während im Werkstattgebäude wieder die Arbeit aufgenommen wurde, blieb Roland Artus in Wasungen. Er brauche erst einmal Ruhe zum Denken, sagt der 63-Jährige. Nachdenken über den neuen Lebensabschnitt, in dem er gerade gelandet ist. Ruhestand. Seltsames Wort.

Doch eher Unruhestand. Da sind die Reisen mit seiner Frau in ferne Länder, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, der Garten – und sein Engagement für die Kirchengemeinde. Vor allem jedoch sein Glauben und seine Bilder.

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Umgeben von seinen Bildern denkt Roland Artus über neue künstlerische Herausforderungen nach. Foto: Susann Winkel

Im Wohnzimmer holt er einen kleinen Stapel mit Drucken hervor. Sie zeigen in grobem Schwarz-und-Weiß des Holzschnitts Motive zu den Jahreslosungen; die ältesten stammen aus den frühen 80er-Jahren. Es sind meist die ruhigen Wochen um die Jahreswende, in denen Roland Artus Ruhe für diese Aufgabe findet. Erst skizziert er das Motiv, dann schneidet er es spiegelverkehrt in Lindenholz und fertigt Probedrucke an.

Die Entscheidung für den Holzschnitt lässt sich mit Pragmatismus erklären: Mit wenig Aufwand können viele Abzüge geschaffen werden. Zumindest anfangs war das entscheidend, weil es in der DDR keine Kopierer gab. Es gibt aber auch eine ästhetische Begründung. Holzschnitte von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff waren dem Autodidakten Vorbild; das Arbeiten im Holz, das dem Künstler vieles bereits vorgibt, ist kniffelig und damit reizvoll. Beim Blick auf die Drucke ist Roland Artus kritisch. Nicht immer gefällt ihm heute, wie er die Botschaft der Losungen einst ins Holz brachte, wie er sie plakativ oder symbolisch umsetzte. Auf den Holzschnitt von 1988 zur Jahreslosung »Kehrt um und glaubt an das Evangelium« ist er noch immer stolz.

Zunächst machte er die Holzschnitte nur für sich, dann verschenkte er sie in kleiner Auflage an Freunde, Verwandte, Weggefährten. Um etwas weiterzugeben von seinem Glauben. Irgendwann entstand die Idee, sie auf dem Titelbild des Wasunger Gemeindeblattes abzubilden. Seither hat die Aufgabe eine verbindliche Regelmäßigkeit erhalten.

Wie die Liaison von Kunst und Glauben ihren Anfang nahm, daran kann sich der Wasunger noch gut erinnern. Er zieht ein altes, schweres Buch aus einem Regal: »Halt im Gedächtnis Jesum Christum«. Es erzählt vom Leben Jesu Christi mit Worten und mit den Werken alter und jüngerer Meister. Als Junge hatte er es in der Schlafstube seiner Großeltern entdeckt, der Eindruck der Bilder war stark. »Ich bin ein sehr visueller Typ«, sagt er. Ein Augenmensch, auch wenn er gerne Rockmusik hört. Buchillustrationen, Zigarettenbildchen, Abenteuergeschichten von der Odyssee bis zu Robinson Crusoe – all das habe seine Fantasie als Kind beflügelt.

In dieser Zeit spürte er erstmals dieses starke Gefühl von Geborgenheit bei Jesus Christus, erzählt er. Er habe ein Vertrauen in ihm gefunden, das ihn nicht mehr verlassen hat. Welches er sich auch nicht nehmen ließ durch einen Staat, der dem Glauben mit Skepsis begegnetet. Lachend erzählt Roland Artus vom Donnerwetter, das es gab, als er an die Wand im alten Werkstattgebäude des Theaters, einer wahren Bruchbude, den Berliner Appell schrieb: »Frieden schaffen ohne Waffen.« Er musste ihn wieder übermalen, aber die schwarze Zeichenkohle schimmerte noch Jahre später durch.

Aus dieser Zeit gibt es noch einen Holzschnitt von einer Friedenstaube, die auf eine Offiziersmütze kackt; gedruckt auf einer umgebauten Waschpresse im Mal-Saal. »Meinen Mund habe ich nie so richtig halten können«, blickt der 63-Jährige zurück. Biblische Themen, Christsein, all das sei immer Gesprächsthema bei der Arbeit gewesen. Als er nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten einsah, erkannte er erst, dass er »manches wohl deutlich unterschätzt« habe. Seine Besuche bei den Friedensdekaden in Meiningen waren ebenso vermerkt wie eine frühe Ausstellung im Gemeindehaus der Stadt.

Susann Winkel

Lesemäuse und Gangster-Oma

26. September 2016 von redaktionguh  
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Geld gibt es nicht viel zu verdienen in der Bad Blankenburger Lese-Insel Harfe. Dafür bietet der Buchladen in der Kleinstadt mehr als nur Druckerzeugnisse. Ein Besuch bei einem Glaubenswerk.

Parkplätze gibt es reichlich an diesem Nachmittag auf dem Marktplatz in Bad Blankenburg. Ein blumenumkränzter Brunnen setzt einen Farbakzent im großen Geviert, und oben am Rathaus springt uns der restaurierte Schriftzug »Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis« ins Auge. Eine Gedenktafel erinnert, dass im Rathaussaal auf Initiative von Friedrich Fröbel am 28. Juni 1840 die Gründung des »allgemeinen deutschen Kindergartens« erfolgte. Gleich um die Ecke sind Fröbel-Museum und Stadtkirche, oben am Berg grüßt das Evangelische Allianzhaus.

Begegnungsstätte mit vollem Service

Hier am Markt hat sich seit fünf Jahren die Lese-Insel Harfe eingemietet, getragen vom Verein »Lesen ist mehr«. So konnte die Tradition der von Ernst Modersohn gegründeten christlichen Harfe-Buchhandlung fortgesetzt und der etwa 7 000 Einwohner zählenden Kurstadt ein Bücherladen erhalten bleiben.

Lesemäuse: Florentina mag es gerade etwas ruhiger, während ihre große Schwester Antonia sich schon auf die nächste Gruselgeschichte freut. Fotos: Thomas Schäfer

Lesemäuse: Florentina mag es gerade etwas ruhiger, während ihre große Schwester Antonia sich schon auf die nächste Gruselgeschichte freut. Fotos: Thomas Schäfer

Dorit Gropp kommt uns freundlich zwischen den prall gefüllten Regalen entgegen. Der besondere Geruch neuer Druckerzeugnisse mischt sich bald mit Kaffeeduft. Die Buchhändlerin aus Leidenschaft und Überzeugung versteht es, eine herzliche Atmosphäre zu schaffen. Wir erzählen ihr von unseren Eindrücken beim Schlendern durch die menschenleere Kurstadt am Rande des Schwarzatals.

Wie kann in diesem Umfeld eine Buchhandlung existieren? »Sagen Sie ruhig, dass es hier tot ist«, konstatiert die Vereinsvorsitzende sachlich, doch es klingt weder bitter noch resigniert. »Wissen Sie, dies ist eine Sache im Glauben und abgerechnet wird auch mal anders. Wir sind eine Begegnungsstätte mit integrierter Buchhandlung und vollem Service«, sagt sie selbstbewusst. Geld zu verdienen gebe es allerdings nicht, alle arbeiten ehrenamtlich.

1962 im Erzgebirge geboren, sei sie ein richtiges DDR-Kind. Nach dem Abi-
tur studierte sie in Berlin Japanologie, inklusive Japanaufenthalt, und arbeitete als Übersetzerin an der Freiberger Bergakademie. Als sie 1991 mit ihrem Mann auf die Saalfelder Höhe zog, kam sie in Kontakt mit einer christlichen Familie. »Da wurde am Tisch gebetet – für mich etwas ganz Neues. Den Weg zum Glauben fanden mein Mann und ich gemeinsam. Er ging durch Höhen und Tiefen. Heute gehören wir zur örtlichen Kirchengemeinde, aber geprägt hat uns eine freikirchliche Gemeinschaft, wo sich jeder mit seinen Gaben einbrachte. Nun ist das eben hier meine Aufgabe, zu der ich ein Ja finden muss, ohne mich ständig selbst in Frage zu stellen.«

Wir unterbrechen das Gespräch. Eine ältere Dame betritt den Laden. Sie sucht ein Buch mit Gute-Nacht-Geschichten zum Vorlesen. Da kann die zweifache Mutter und Großmutter Dorit Gropp natürlich bestens beraten.

Inzwischen ist Margit Exel gekommen. Die ehemalige Lehrerin gehört zum Kreis der aktiven Vereinsmitglieder und verantwortet die »Lesemäuse«, ein Angebot für Schülerinnen und Schüler der 2. bis 5. Klasse. »Ich möchte Kinder zum Lesen bringen und sie dadurch in ihrer Persönlichkeitsbildung unterstützen. Meist sind es acht Lesemäuse, die sich wöchentlich treffen. Wir lesen Geschichten in verteilten Rollen, spielen sie mit selbst gebauten Marionetten nach und gehen damit auch in Grundschulen«, berichtet Margit Exel. Ihr mache es Freude, ihre Kompetenzen nicht brachliegen zu lassen.

Nun haben sich auch einige Kinder in der gemütlichen Lese-, Spiel- und Bastelecke eingefunden. Antonia ist neun Jahre und sucht nach Gruselgeschichten, während ihre kleine Schwester Florentina lieber Märchen hört. Der gleichaltrige Michel liebt es spannend und schmökert gerade »Die Gangster-Oma«. Ein Buch, auf das bereits Margit Exel wartet, schließlich müsse sie angeschlossen bleiben, meint sie lachend.

Prämierte Angebote für alle Altersgruppen

Auch an die Kleinsten ist gedacht. Alle zwei Wochen treffen sich hier vormittags Muttis mit Kleinkindern, ein Angebot, das Daniela Wagner in Kooperation mit der Kirchengemeinde initiiert hat. Dann wird der Spieltisch, über dem die Zehn Gebote mit Bildern prangen, eben rasch zum Wickeltisch umfunktioniert. Und immer wieder lockt die Spielküche so manches Kind herein, Oma oder Mama im Schlepptau.

Auf Erwachsene zielt der monatliche Lesetreff ab, auf Wunsch werden thematische Büchertische für Einrichtungen und Kirchengemeinden zusammengestellt. Beim Frühstückstreffen der Frauen, bei Marktfesten oder der Evangelischen Allianzkonferenz ist der Verein dabei, es gibt Autorenlesungen und Vorlesestunden im Advent.

Und wie ist das alles zu schaffen? »Wir schauen nicht auf die Zeit, können uns aufeinander verlassen und wollen das Angebot hier erhalten. Wer mitmacht, muss nicht Christ sein, aber wer möchte, kommt Donnerstagmittag zum gemeinsamen Gebet. Das ist uns eine Quelle der Kraft«, so Dorit Gropp.

Die Stadt Blankenburg schätzt diese Insel der Kreativität und würdigte das segensreiche Engagement des Vereins »Lesen ist mehr« mit dem Bürgerpreis für Kunst und Kultur 2016. Und bereits zum zweiten Mal verlieh der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dem eifrigen Team das »Gütesiegel Leseförderung«. Er sieht darin ein Modellprojekt für andere Kleinstädte.

Uta Schäfer

Lese-Insel Harfe, Markt 10, 07422 Bad Blankenburg, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 13 Uhr sowie Januar bis März
14 bis 17 Uhr, April bis Dezember 14.30 bis 18 Uhr.

www.leseinselharfe.de

Zensur von höchster Stelle

26. September 2016 von redaktionguh  
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Rückblick: Vor 40 Jahren durfte die Kirchenzeitung nicht erscheinen

Die Selbstverbrennung des Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren setzte ein Signal nach zwei Seiten. Altbischof Axel Noack schrieb am 14. August in dieser Zeitung: »Die Kritik von Oskar Brüsewitz galt nicht nur dem SED-gelenkten Staat. Er sorgte sich ebenso darum, ob unsere Kirche in ihrem Reden und Handeln entschlossen genug sei. Mit seinem Tod entflammte dazu eine kontroverse Debatte.«

In diese Debatte waren auch die Kirchenzeitungen in der DDR einbezogen. Wie konnte es auch anders sein! Als Teil der ganzen Kirche gehörten auch sie zu denen, die das Geschehen von Zeitz als Mahnung verstanden, über ihre Arbeit im Auftrag des Evangeliums und im Dienst an der Gemeinde tiefer nachzudenken, und wenn es nötig wurde, entschlossen zu handeln.
Als Frucht solchen Nachdenkens hatte auch die Konferenz der im DDR-Kirchenbund vereinten Kirchenleitungen am 11. September 1976 einstimmig einen »Brief an die Gemeinden« beschlossen. Er sollte am 19. September in den Gottesdiensten verlesen werden und eine Woche später in den Kirchenblättern erscheinen.

Ausschnitt aus dem Originalmanuskript des Artikels der G+H-Redaktion über den offenen Brief des Kirchenbundes. Quelle: G+H-Archiv

Ausschnitt aus dem Originalmanuskript des Artikels der G+H-Redaktion über den offenen Brief des Kirchenbundes. Quelle: G+H-Archiv

»Glaube + Heimat« sah sich wie auch die anderen Kirchenzeitungen in der DDR in der selbstverständlichen Pflicht, den Brief des Kirchenbundes zu veröffentlichen. Doch bereits die markante Eingangspassage des Schreibens ließ Konflikte mit den staatlichen Aufsichtsorganen erwarten. Wörtlich hatten die Autoren geschrieben: »Wir alle sind betroffen. Aus dieser Betroffenheit werden Anfragen laut: an unsere Kirchen, ob in ihnen das Zeugnis von Jesus Christus nicht unentschlossen und ängstlich ausgerichtet wird; an die Kirchleitungen, ob sie die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Gemeinden, Pfarrer und Mitarbeiter entschieden genug aufnehmen und vertreten; an Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeinden, ob sie einander tragende Gemeinschaft gewähren; an staatliche Organe, ob Glaubens- und Gewissensfreiheit, besonders für junge Menschen, wirklich Raum bekommt; an die Behandlung des Vorganges in der Öffentlichkeit, wie sie zusammenstimmt mit Wahrhaftigkeit und der Würde des Menschen.«

Solche Fragen auch an den Staat zu stellen, wollte die SED nicht zulassen. Noch weniger Verständnis brachte sie für die entsprechenden Antworten auf. Und so trat ein, was von Anfang an zu befürchten war: Der Brief durfte nicht erscheinen. Doch das für solche Eingriffe zuständige DDR-Presseamt scheute sich, im Umfeld der Brüsewitz-Tragödie selbst die Verantwortung für das Verbot zu übernehmen.

So kam es zur Aufführung einer Zensurposse: Der Leiter der Geraer Volkswachtdruckerei, die für die Endherstellung von »Glaube + Heimat« zuständig war, stoppte auf Anweisung »von oben« die Produktion und teilte der Redaktion mit, die klassenbewussten Arbeiter hätten sich geweigert, den staatsfeindlichen Brief der Kirche zu drucken. Er rate, ihn durch einen unverfänglichen Artikel zu ersetzen. Er werde dann dafür sorgen, dass »Glaube + Heimat« trotz Druckverzugs noch rechtzeitig ausgeliefert werde.

Die Redaktion war jedoch der Meinung, dass der Zensureingriff in Anbetracht der offenen Krise in den Beziehungen zwischen Staat und Kirche für jedermann bemerkbar bleiben sollte und lehnte das Angebot der SED-Druckerei ab. Dem angeblichen »Streik« der Betriebsbelegschaft widersprechend nahm sie es hin, dass die »Glaube + Heimat«-Ausgabe Nr. 39 vom 26. September 1976 ersatzlos wegfiel und auch später nicht nachgeliefert wurde. Sie vertraute einer Diktaturerfahrung: Wenn Worte verboten werden, vermag auch ihr Fehlen eine deutliche Sprache zu sprechen.

Gottfried Müller

Der Autor ist promovierter Theologe und war von 1981 bis 1990 Chefredakteur von »Glaube+Heimat«. Nach dem Mauerfall war er sieben Monate DDR-Medienminister.

Fluchtgeschichten: Ereignisse, die verbinden können

26. September 2016 von redaktionguh  
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Flucht und Vertreibung – ein Thema so alt wie die Menschheit. Das Erlebte zu verarbeiten ist schwer. Um Begegnung und Austausch geht es bei einem kirchlichen Projekt im Harz. Flüchtlinge von einst und jetzt erzählen ihre Geschichte.

Was bedeutet es, wenn man vertrieben wird? Viele Menschen können davon erzählen. Das hat Vikarin Ann-Sophie Schäfer in Benneckenstein (Kirchenkreis Halberstadt) erfahren. »Wer sich für die alten und neuen, die schmerzhaften und hoffnungsvollen Erzählungen von Flüchtlingen interessiert, der hat die Chance auf echte Begegnung. Der kann den anderen mit seiner Geschichte begreifen und vielleicht auch ein Stück der eigenen Geschichte neu verstehen.«

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Mitglieder der Familien, die im alten Pfarrhaus in Benneckenstein leben, Syrer aus Wernigerode und Mitglieder einer syrischen Musikgruppe. Hintere Reihe (von links): Aseel und Jawaher, Vikarin Ann-Sophie Schäfer, Khaled, Alaa. Vordere Reihe (von links): Khitam mit Firas, Samir, Farkhozad und Übersetzerin Amel Kühne. Fotos: Diana Steinbauer

Die Vikarin hat zusammen mit 15 Freiwilligen einen Abend zum Thema »Fluchtgeschichten« organisiert. Der Interkulturelle Abend im April 2015 war ein voller Erfolg. Sechs Fluchtgeschichten wurden auf Arabisch und Deutsch vorgestellt. Eine syrische Band spielte, die Harzer Heimatgruppe trat auf und beim interkulturellen Buffet konnte man sich begegnen.

»Wir waren eine kleine Gruppe von vier jungen Männern, die sich schon länger mit Fluchtplänen befasst hatte …« Diese Geschichte, die hier ihren Anfang nimmt, spielt nicht heute, sondern vor über 40 Jahren mitten in Deutschland, an der deutsch-deutschen Grenze.

Einer von uns hatte sich bei einem Westbesuch die Grenze von der Westseite aus ansehen können und eine Landkarte vom Westharzland mitgebracht. Dort waren noch alle Vorkriegswege eingezeichnet, und wir konnten sie mit unserer Ostkarte abgleichen und so einen für uns günstigen Weg aussuchen. Wie wir leider feststellen mussten, war einer von uns ein Verräter, er wurde als Spitzel von uns enttarnt. So kam es, dass wir früher fliehen mussten als geplant. Wir packten unsere Sachen und es ging um 20 Uhr zu Fuß Richtung »Drei Annen« los. Wir wählten dann den nach unserer Vorstellung sichersten Weg über die »Steinerne Renne«, dann Richtung Ilsenburg und Brockenmoor, und schließlich Richtung Eckertalsperre-Torfhaus. Wir waren vorsichtig und leise.

Anonym

Flucht ist oft lebensgefährlich. Davon berichtet die 1944 in Elbingerode geborene Person, die nicht namentlich genannt werden will. Anonym wurde der Text an Ann-Sophie Schäfer weitergeleitet. Flucht ist nicht gleich Flucht und gesellschaftspolitische Hintergründe lassen sich nicht vergleichen. Aber einander Erlebtes zu erzählen, das bringt Menschen näher zueinander. Erzählen schafft Begegnung.

Mein Name ist Khaled, ich bin 1978 geboren – in der Stadt Abu Kamal. Sie liegt an der syrisch-irakischen Grenze und ist bis heute schwersten Bombardierungen ausgesetzt. In der letzten Zeit sind die Bombardierungen durch die Luftwaffe des Regimes und auch durch die russische Luftwaffe sogar noch heftiger geworden. Viele Menschen sind ums Leben gekommen oder durch den »Islamischen Staat« vertrieben worden. Ich und meine Frau haben uns schließlich entschlossen, Syrien zu verlassen, vor allem, weil es keine Schulen und keine Krankenhäuser mehr gab.

Wir haben uns mit dem Fahrer eines Kleinbusses geeinigt und sind eines Nachts aus Abu Kamal nach Al-Mayadin geflohen. Von dort haben wir die Wüstenstraße Richtung Aleppo genommen, wo die Menschen in die Türkei geschleust werden. Die Reise war immer wieder sehr riskant: Auf der einen Seite die Straßensperren des »Islamischen Staates« und auf der anderen Seite die Flieger, deren Brummen man nachts hörte. Unsere erste Reise dauerte neun Stunden, dann kamen wir endlich im syrisch-türkischen Grenzgebiet an. Wir fanden jemanden, der uns in die Türkei schleusen konnte. Zwischen Olivenbäumen liefen wir zehn Kilometer zu Fuß. Ab und zu gab es Bombardierungen in den nahegelegenen Gebieten. Wir hörten scharfe Schüsse und Artillerie. Unsere Kinder und wir hatten große Angst.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled A.

Khaled und Farkhozad leben mit ihren Familien seit dem vergangenen Jahr im Oberharz. »Das erlebte Leid ist anders als das erzählte«, erklärt Khaled. Dennoch hat es beiden viel bedeutet, den Menschen im Oberharz von ihrem vorherigen Leben und den Umständen ihrer Flucht zu berichten. Sie möchten, dass die Menschen verstehen, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Und sie wollen zeigen, dass sie sich wünschen, in Deutschland ganz anzukommen. Sie wollen nicht nur so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen, sondern die Menschen kennenlernen, die hier leben. Ihre Hoffnung ist es, besonders für ihre Kinder, ein Leben in Frieden zu führen.

Der Weg fort aus Syrien war furchtbar. Wir waren gezwungen, endlose Wege zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, jemals das rettende Ufer zu erreichen. Uns erging es genauso wie vielen anderen Menschen auch. Wir sind schwer zugängliche Wege gegangen, überquerten Gewässer und Gebirge. Meine kleinen Kinder haben mir furchtbar leidgetan, vor allem wenn sie nicht mehr laufen konnten.

Drei Stunden trieben wir auf dem Wasser herum. Wir beteten zu Gott, dass er uns hilft. Einige von uns weinten. Plötzlich war da ein Journalist auf dem Wasser, der Fotos machte. Er hatte uns entdeckt. Wir haben angefangen, mit den Händen zu winken und lauthals zu schreien. Schließlich kam er uns zu Hilfe. Er zog uns bis ans Ufer. Dieser Mann, der uns geholfen hat, ist ein wunderbarer Mensch. Für mich war es ein schmerzlicher Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

Farkhozad K.

»Ich weiß, wie sich das Leben als Flüchtling anfühlt. Wenn ich vom Krieg in Syrien und der Flucht höre, dann weiß ich, dass vor allem auch die Kinder davon nicht unberührt bleiben. Das bleibt. Ich war auch erst neun, Ende Mai 1945 wurde ich zehn Jahre. Das ist wie ein Kaleidoskop, wie ein wahrer Film, der bleibt.« Edith Lippe wurde vor 81 Jahren in Stolp in Pommern geboren. Am 8. März 1945, als die Russen von Osten schon nach Pommern vorgerückt waren, treckte endlich, doch viel zu spät, auch ihr Dorf Richtung Westen.

Es war eisig kalt, die Pferde rutschten bergauf auf der vereisten Straße aus. Vor dem Ort Putzig gerieten wir in die Kampfhandlungen. Ein unübersehbarer Treck von Flüchtlingen fuhr in Richtung Danzig. Alle wollten versuchen, auf ein Schiff zu kommen. Von Osten kamen uns russische Panzer entgegen und trafen auf die deutschen Truppen. Die schoben unsere Treckwagen in den Straßengraben. Die Geschosse flogen aus allen Rohren. Wir versteckten uns hinter aufgestapelten Holzstämmen. Meinem 11-jährigen Bruder flog eine Granate so knapp am Ohr vorbei, dass er wochenlang nichts hören konnte.

Edith Lippe

Edith Lippe

Edith Lippe

Als die kleine Edith 1947 nach der entbehrungsreichen Flucht mit der kranken Mutter und den Geschwistern im Oberharz ankam, spürte sie, dass sie hier nicht willkommen waren. Ein neues Leben anzufangen war nicht leicht in den schweren Jahren der Nachkriegszeit. Heute engagiert sich Edith Lippe mit ihrem Mann Hans-Henning in der Flüchtlingshilfe. Inzwischen sind sie, wie sie erzählen, für eine syrische Familie eine Art Großeltern geworden.

Und so klingen Fluchtgeschichten heute zusammen. Auch wenn die Schicksale so verschieden sind. »Ich finde, das ist jetzt ganz was anderes als damals bei uns. Wenn dort Krieg ist und sie flüchten, weil es um Leben und Tod geht, dann kann ich das gut verstehen, dass sie hierher kommen und dass die Leute auch freundlich sind zu denen. Das kann ich alles verstehen. Aber ich muss sagen: Wir hatten auch nichts und uns hat keiner was gegeben. Wir haben hier gehungert. Wir haben Kräuter gesucht, Brennnesseln, was man essen konnte. Das haben wir gesammelt und die Mutter hat dann Suppe davon gekocht. Es gab keine Kleiderkammer wie heute.« So sieht es Margot Papra.

Margot und Detlef Papra

Margot und Detlef Papra

Die gebürtige Schlesierin Margot Papra hat gemeinsam mit Sohn Detlef ihre ganz persönliche Geschichte der Flucht und Vertreibung aufgeschrieben. Detlef Papra war es auch, der diese beim Interkulturellen Abend in Benneckenstein vorlas. Er kennt die Geschichten aus der alten Heimat der Eltern und Großeltern, ist mit anderen Dialekten und schlesischer Küche aufgewachsen.

»Durch diesen Abend und dadurch, dass ich die Geschichte aufgeschrieben habe, ist mir das noch mal sehr bewusst geworden und hat für mich auch noch mal eine Verbundenheit mit der Heimat meiner Großeltern und Eltern gebracht. Ich habe mich mehr damit beschäftigt und auch ein anderes Verständnis für die Menschen bekommen, die heute auf der Flucht sind«, erklärt Detlef Papra.

Lebensschicksale lassen sich nicht einfach vergleichen. Die Hintergründe von Flucht und Vertreibung sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden müssen. Aber das gegenseitige Erzählen und Anteilnehmen verbindet. So war es jedenfalls in Benneckenstein. »Einander von sich erzählen können, das hilft einfach«, sagt Ann-Sophie Schäfer.

Diana Steinbauer

Aufarbeitung, zweiter Anlauf

26. September 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

Die Messlatte haben die Thüringer Koalitionäre selbst hoch gehängt. Aufarbeitung des DDR-Unrechts und Unterstützung der Opfer waren ein eigener Punkt im Koalitionsvertrag. Dann wurde es ruhig. Die Koalition hatte erst mal mit sich zu tun. Der Offene Brief von Pedro Hertel und Gerhard Sammet aus Ilmenau, die darin die Christenverfolgung thematisieren und die Regierungskoalition an ihr Versprechen erinnerten, fand keinen Widerhall.

Erst als sich die Kirchenzeitung an die Landesregierung wendet, kommt Bewegung in die Sache. Staatssekretärin Babette Winter (SPD), in deren Aufgabenbereich die Aufarbeitung der SED-Diktatur fällt, antwortet »Glaube+Heimat«, Christen seien »keine herausgehobene Opfergruppe«. Eine schallende Ohrfeige für die Betroffenen!

Dem widersprach denn auch postwendend Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke). Staatskanzleichef Benjamin-Immanuel Hoff (Die Linke) legte nach. Die Diskriminierung von Christen unter der SED-Diktatur habe man bislang nicht im Blick gehabt. Es wäre jetzt an der Zeit, laut darüber zu sprechen. Das »Lautsagen« sei wichtig und gelte auch in der Kirche, so Landesbischöfin Ilse Junkermann. Gerade die Kirchen hätten sich bei der Aufarbeitung bislang zurückgehalten, bemerkte Ministerpräsident Ramelow an anderer Stelle.

An Johannes Raus Leitmotiv »Versöhnen statt spalten« will man sich messen lassen, so Ramelow in seiner Antrittsrede vor zwei Jahren. Beim Thema »Christen in der DDR-Diktatur« wurde die Messlatte allerdings deutlich gerissen.

Wir bleiben dran und werden den zweiten Anlauf aufmerksam verfolgen. Das sind wir als Kirchenzeitung mit DDR-Vergangenheit den Lesern und vor allem den Opfern schuldig.

Willi Wild

Herausforderung: Etwas lieben, was man nicht sieht

24. September 2016 von redaktionguh  
Abgelegt unter Wort zur Woche

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Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, Vers 21

Gott wendet sich der Welt liebend zu. Entsprechend wird von denjenigen, die sich im Glauben auf ihn beziehen, erwartet, dass sie sich auch untereinander lieben sollen. Die Liebe zwischen den Menschen ist möglich aufgrund der allem vorangehenden Liebe Gottes. Wer liebt, ist ein Abbild des Schöpfers. Wenn die Liebe zu Gott aber dem Wesen seiner Botschaft entspricht, dann kann der Mensch nicht eine Doppelstrategie verwirklichen: Gott lieben, den Nächsten hassen. »Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht« (1. Joh. 4,20)?

Alf Christophersen, Studienleiter, Ev. Akademie Wittenberg

Alf Christophersen, Studienleiter, Ev. Akademie Wittenberg

Den Verfassern des Briefes ist also bewusst, dass es eine erhebliche Herausforderung ist, etwas zu lieben, das man nicht sieht, das nur im Glauben erkannt werden kann. Dieses Problem wird von manchen ausgenutzt, die als »falsche Propheten« durch die Lande ziehen und Gehorsam fordern. Das vierte Kapitel des Briefes setzt genau an dieser Stelle ein, und zwar mit dem Aufruf, nicht einem jeden Geist zu glauben, sondern die Geister daraufhin zu prüfen, ob sie tatsächlich von Gott sind.

In ähnlicher Weise reflektiert auch Paulus, wenn er im Zusammenhang mit den verschiedenen Gaben, die den Menschen gegeben sind und mit denen sich, wenn sie zusammenwirken, die Gemeinde aufbauen lässt, davon schreibt, dass es auch die Gabe gibt, »Geister zu unterscheiden« (1. Kor. 12,10). Welche Kriterien sind anzuwenden, um das Falsche vom Wahren zu trennen, das Gute vom Bösen, das Licht von der Finsternis?

Die Aussage des Johannesbriefes (4,2) ist eindeutig: »Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott.« Die Fähigkeit des Menschen zu lieben, zeigt aber, dass es auch jenseits des rationalen Bekenntnisaktes eine emotionale Tiefendimension gibt, die in ganz ursprünglicher Weise dem der Welt liebend zugewandten Sein Gottes entspricht.

Alf Christophersen, Studienleiter, Ev. Akademie Wittenberg

Könnt ihr für uns beten?

23. September 2016 von redaktionguh  
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Syrien: Der Krieg wird immer schlimmer. Von Demokratie redet kaum noch jemand. Der evangelische Pfarrer von Aleppo hat nur noch eine Hoffnung. Und eine Bitte.

Am letzten Donnerstag im August gegen 11.45 Uhr erlebte Pfarrer Haroutune Selimian ein Wunder. Wieder eines. Mit Gas­flaschen gefüllte Raketen schlugen in der Nähe seiner armenisch-evangelischen Bethel-Kirche und ihrer Schule ein. Sechs Einwohner in der Nachbarschaft töteten sie. Aber in der evangelischen Kirche gingen nur farbige Fenster zu Bruch und die Schulbüros wurden verwüstet.

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

Unsagbares Leid. Nach einem Bombenangriff wird ein verletzter Junge aus einem eingestürzten Gebäude in Aleppo geborgen (Foto). In Aleppo sind 275 000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen hängen an der türkisch-syrischen Grenze fest. Foto: picture alliance/abaca

»Gott beschützte sein Haus«, schreibt Pfarrer Selimian danach. »Aber Sie können sich vorstellen, wie sich die Lehrer, Mitarbeiter und Schüler gefühlt haben, als sie die Raketen in ihre Richtung fliegen sahen und nicht wussten, wohin sie rennen sollten.« Es war das sechste Mal in diesem syrischen Bürgerkrieg, dass die in einem von Assad-Truppen gehaltenen Stadtviertel liegende evangelische Schule von Aleppo beschädigt wurde.

Fast jeden Tag Beschuss, viele Monate ohne Strom, Wasser, Telefon, Internet, und dazu ein schier unglaublicher Mangel an Öl, Benzin und Essen – so beschreibt Pfarrer Haroutune Selimian die Situation seiner Gemeinde im umkämpften Aleppo. Er kann jeden verstehen, der flieht. Trotzdem sagt er unablässig: »Die Kirche ist hier, um zu bleiben. Das ist der Ort, wo Gott uns haben will genau in dieser Zeit.«

Der Pfarrer ruft alle syrischen Autoritäten auf, endlich für Sicherheit zu sorgen. Doch es scheint ihm, als würde die schreckliche Lage nur noch immer schlimmer. Syrische Regierungstruppen schließen mit Unterstützung russischer Bomben den Belagerungsring um den Ostteil Aleppos, die zu großen Teilen islamistischen Rebellen schießen von dort zurück. Und die Christen fürchten die Islamisten. Der letzte Rest der demokratischen Bewegung, die am Anfang der syrischen Revolution gestanden hatte, wird zwischen diesen Fronten zermalmt.

Aber es gibt sie noch. Abdallah al-Khateeb (27) zum Beispiel, ein demokratischer Aktivist aus Yarmouk, einem Vorort von Damaskus. Der wird seit dem Frühjahr vom IS besetzt – und seit drei Jahren von Regierungstruppen belagert. »Sowohl das Regime als auch die Islamisten zielen ständig auf uns«, sagt Abdallah al-Khateeb gegenüber der Leipziger Organisation »Adopt a Revolution«, die Demokraten in Syrien unterstützt. Ende Juni traf ihn nachts auf offener Straße eine Kugel von IS-Terroristen. Ein gezielter Mordanschlag, sagt er. Der Grund: Al-Khateeb betreibt mit anderen Aktivisten freie Schulen, sie organisieren zivilen Widerstand und dokumentieren in Medien die Verbrechen beider Seiten.

Woher soll in all dem Grauen des syrischen Krieges noch Hoffnung kommen? »Ja, wir haben oft die Hoffnung auf den Menschen verloren«, gibt Pfarrer Selimian aus Aleppo zu. »Aber unsere Hoffnung auf Gott ist größer denn je. Wir haben gesehen, dass wir niemanden anderes haben.«

Hoffnung macht Haroutune Selimian, dass die Leiden der Syrer nicht vergessen sind. Gerade hat das evangelische Gustav-Adolf-Werk von Leipzig aus Spenden nach Aleppo überwiesen, Schule und Kirche sind wieder repariert. Hoffnung gibt ihm auch ein Blick zurück zu seinen armenischen Vorfahren. Nur wenige Alte und Waisen fanden nach dem Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren Zuflucht in Aleppo – und bauten doch in der Stadt etwas Großes auf. Auch die heutige Tragödie werde eines Tages überwunden sein, hofft der Pfarrer.

»Ich schreibe dies mit Tränen in meinen Augen«, so schickt Haroutune Selimian seine Nachricht von Aleppo auch nach Mitteldeutschland. »Könnt ihr für uns beten? Ohne euch und die Kirche in aller Welt sind wir verloren wie die Armenier, die durch den Völkermord gingen und von denen nur sehr wenige überlebten.«

Andreas Roth

Der Autor ist Redaktionsleiter der Kirchenzeitung »Der Sonntag« in Sachsen.

»Fenster in die Zeit« öffnen den Blick

19. September 2016 von redaktionguh  
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Wanderausstellung: 500 Jahre Frauengeschichte in Anhalt soll 2017 erzählt werden

Anhaltische Frauen tragen die weibliche Seite der Geschichte zusammen – es geht um vermeintliche Hexen, Liederdichterinnen, Fürstinnen und Diakonissen.

Seit zwei Jahren haben die Initiatorinnen überlegt und geplant. Jetzt nimmt das Projekt Gestalt an. Aus Anlass des 500. Reformationsjubiläums im nächsten Jahr wird eine Ausstellung eröffnet, die Frauenleben in Anhalt in den Mittelpunkt rückt. »Frauen(Er)Leben in Anhalt« lautet der Titel, auf den sich die Planerinnen geeinigt haben. Die Zeitspanne umfasst im Kern die 500 Jahre vom Beginn der Reformation bis zur Gegenwart; aber auch Frauen aus der Bibel und aus 2 000 Jahren Christentum sollen eine Rolle spielen.

Die Inhalte haben zusammengetragen: Pfarrerin Claudia Scharschmidt, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung Anhalts, Pfarrerin Caroline Simmering aus dem Kirchenkreis Zerbst; die frühere Köthener Kreisoberpfarrerin Dorothee Wagner, die Leiterin der anhaltischen Frauen- und Familienarbeit, Sieglinde Lewe-Roggan, die Historikerin und Leiterin des Museums der Stadt Zerbst, Agnes-Almuth Griesbach sowie die Diplom-Sprechwissenschaftlerin Christiane Kopischke. Sie informierten Ende August in Zerbst über das Projekt.

Die Eröffnung ist am Sonntag vor dem »Kirchentag auf dem Weg« (21. Mai 2017) in der Dessauer Marienkirche vorgesehen. Zweite Station der als Wanderausstellung mit Aufstellern konzipierten Schau ist im Sommer die Dessauer Johanniskirche, bevor sie von August bis Anfang November 2017 im Zerbster Museum Station macht. »Danach kann sie in unterschiedlichen Formen in die Kirchengemeinden gehen«, so Pfarrerin Scharschmidt.

Bei ihrer Arbeit haben die Frauen gemerkt: »Es wird immer mehr Material.« Für jedes der fünf Jahrhunderte haben sie zwei Aufsteller als »Fenster« in die jeweilige Zeit vorgesehen. Auf ihnen wird in Text und Bild über Frauen und bestimmte Themen, wie etwa die Verfolgung von Frauen als Hexen, christliche Liederdichterinnen oder das Wirken der Diakonissen in Anhalt, informiert. Mithilfe eines dreiteiligen Zeitstrahls – allgemeine Geschichte, Reformationsgeschichte, Frauengeschichte – werden die Inhalte in Beziehung gesetzt. Für die Frauen des 16. Jahrhunderts stehen die Gernröder Äbtissin Elisabeth von Weida und die Fürstin Anna von Anhalt-Bernburg. Für das 17. Jahrhundert sind je eine Tafel für Henriette Catharina von Anhalt-Dessau und für die Hexenverfolgung vorgesehen. Die Fürstinnen Gisela Agnes von Anhalt-Köthen und Luise von Anhalt-Dessau sind die Persönlichkeiten aus dem 18. Jahrhundert; Stiftungsgründerin Jeanette von Pfau aus Bernburg sowie die Geschichte der Anhaltischen Diakonissenanstalt wurden für das 19. Jahrhundert ausgewählt. Über Anneliese Mai, die erste mit vollen Rechten ordinierte Pfarrerin in Anhalt (und auch EKD-weit), und die Gründerin des Cyriakusheimes in Gernrode, Annedörte Saalfeld, informieren die Info-Tafeln für das 20. Jahrhundert. Mit dem letzten Aufsteller sollen die Betrachter(innen) angeregt werden, sich mit der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart zu befassen, um sie zu sensibilisieren für die Herausforderungen unserer Zeit. Dass so viele Fürstinnen in der Ausstellung vorkommen, ist der Überlieferung geschuldet. »Wir wollten mehr Informationen über den Alltag mit hineinnehmen«, sagen die Planerinnen, »aber das geben die Quellen nicht her.«

Die Ausstellung sehen sie als Gemeinschaftsprojekt, das auf vielen Füßen steht und aus verschiedenen Töpfen finanziert wird. Als Schirmherrin konnten sie Oberkirchenrätin Ramona Eva Möbius gewinnen.

Voraussichtlich in Zusammenarbeit mit der Dessauer Grafikerin Sandra Heinze soll das Projekt Gestalt annehmen. Ob es Publikationen wie eine Arbeitshilfe oder einen Kalender geben soll, wird noch überlegt. Auf jeden Fall, so Museumsleiterin Griesbach, wird die Schau im Zerbster Heimatkalender 2017 eine Rolle spielen.

Angela Stoye

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